Die Namen der Dinge

Vor einigen Tagen: Zuerst war es ein ganz gewöhnlicher Dienstag wie alle andern Wochentage. Bis zur Entscheidung des Gefährten, am Abend eine Lammkeule zuzubereiten. Zu einer Lammkeule gehören Gäste (diesmal meine Eltern), ein aufmerksam gedeckter Tisch, Rosmarinkartoffeln, Wein, zum Schluss Kaffee, selbstgebrannte Zwetschge (ein Geschenk eines Freundes) und Zigarren aus Kuba (ebenfalls ein Geschenk desselben Freundes).

Das Fleisch war wunderbar zart. Das Lamm graste noch vor wenigen Wochen auf unserem Land, es lebte ein friedliches Leben. Wie selbst angebaute Kartoffeln, selbst gepflückt Äpfel und selbst eingekochte Konfitüre isst man alle Nahrungsmittel, welche man schon „gekannt“ hat, bevor sie in der Pfanne lagen, mit einer ganz besonderen Dankbarkeit und Aufmerksamkeit. Bei Fleisch gehört für mich auch ein bisschen Trauer dazu, was aber seltsamerweise den Genuss nicht schmälert.

Nun, der Abend war perfekt, das Essen üppig und der Wein gehaltvoll. Gespräche und Gedanken inspirierten mich nachhaltig. Besonders tief war wieder einmal die Erkenntnis, dass es so viel zu entdecken gibt in nächster Nähe. Wir leben seit zwei Jahren auf dem Hof und wissen immer noch nicht, welche Sorten Äpfel auf unseren elf Apfelbäumen wachsen. Wir wissen nicht, wo der Bach entspringt, dessen Gemurmel jede Nacht unseren Schlaf begleitet und wir haben keine Ahnung, wie viele Füchse und Rehe in der Dunkelheit unsern Garten durchqueren. Es gibt noch so viel zu lernen, zu erforschen und kennenzulernen auf diesem kleinen Fleckchen Erde, dass es für ein ganzes Leben reicht.

Die Dinge SIND einfach, die Berge, die Wälder, die Tiere. Sie haben keine Namen, oder nicht die, welche wir ihnen geben. Das Benennen folgt auf das Entdecken, Wahrnehmen, Kennenlernen durch den Menschen, das Benennen zeugt von Nähe. Was man benennt, sieht man, kennt man, was man kennt, wird Heimat.

So will ich also die Worte meiner Welt finden und damit überhaupt erst das Sehen und Erkennen lernen. Hausrotschwanz, Schafgarbe, Sauerampfer, Aue, Rotkehlchen, Puffer, Moderhinke, Leibung und Karpaun… Das ist erst der Anfang.

4 Kommentare zu „Die Namen der Dinge“

  1. wunderbar feinsinnig und poetisch … ein unerwartetes stück sonntagvormittagsliteratur, danke dafür
    liebe grüße °°°u.
    p.s.: und wieder schleicht sich peter bichsel zwischen uns herein, „ein tisch ist ein tisch“.

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  2. Ach!
    Schön, wenn man einen Blog entdeckt (oder durchs entdecken zurückentdeckt).
    Deine Zeichnungen sind richtig richtig gut und als ich jetzt die Hunde sah….
    Hatten wir nicht schon mal das Vergnügen oder kommst du mir nur so bekannt vor?
    Auch das soll es ja geben….
    Jedenfalls ein furioser Blogstart (das kann man wohl noch sagen, oder?), liebe Grüsse!

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  3. Vor mehr als zwei Jahren hab ich mal 500 km im Norden eine hübsche, dunkelgraue, rauhaarige Galga besucht. Was für eine Aktion! War ich damals bei Dir zuhause? Das wär ja unglaublich! Falls nicht, ja, es gibt da einige Parallelen in unserer beiden Leben, da wirkt so oder so vieles vertraut.
    Danke für den lieben Kommentar. „Furios“ ist schon gerade ein etwas grosses Wort, aber natürlich auch entsprechend motivierend! Liebe Grüsse zurück, m.

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