Pullover

Gestern vor zwei Jahren am Nachmittag verunfallte der Gefährte schwer. Wir waren frisch verheiratet und genauso frisch in froher Erwartung. Wie jeden Nachmittag fuhr der Gefährte mit dem Mofa den Berg hinunter zur Arbeit. Da löste sich der Pullover, welchen er auf den Gepäckträger gewurstelt hatte, verhedderte sich im Rückrad und blockierte dieses schliesslich abrupt. Es kam zum Sturz. Leider blieb es nicht bei einigen Überschlägen, ein mögliches mehr oder weniger sanftes Abrollen wurde durch einen Granitblock am Strassenrand verhindert.

Resultat: eine schwere Gehirnerschütterung und zahlreiche komplizierte Knochenbrüche auf der linken Körperseite: Schulter, Ellbogen, Handgelenk, mehrere Rippen, Knie und Fuss. Die Erleichterung und Dankbarkeit, dass weder Gehirn noch Wirbelsäule Schaden genommen hatten, war unsäglich. Trotzdem merkten wir bald, dass dem Gefährten eine langwierige Heilungszeit bevorstand. Mehrere Monate in Spital und Rehaklinik veränderten unser beider Tagesabläufe und brachten einige schwierige, aber auch schöne Momente mit sich. Am schlimmsten war aber wohl die langanhaltende Ungewissheit, ob der Gefährte je wieder als Musiker (Gitarrist) arbeiten könnte. Während eines ganzen Jahres war es ihm nicht möglich, den Unterarm weit genug auszudrehen, um das Instrument spielen zu können. Diese lange Arbeitsunfähigkeit bescherte uns im Gegenzug dafür einen wunderbaren Start als Familie, da wir so die ersten Monate mit dem Frischling rund um die Uhr zusammen erleben durften.

Mit Ablauf der zwei Jahre gilt der Gefährte jetzt als „austherapiert“, und die wöchentlichen Trainings bei der Physiotherapeutin gehören der Vergangenheit an. Auch arbeitet er seit einem Jahr wieder als Musiker und Musiklehrer. Schlechter ist sein Spiel nicht geworden. Besser leider auch nicht.

Dieser Jahrestag ist schwer zu vergessen, weil genau in dieser Woche bei uns im Dorf jeweils eine grosse Herbstmesse, und bei mir in der Schule zufälligerweise eine Projektwoche stattfindet. Und so musste dieser denkwürdige Tag auch „gefeiert“ werden: Im schönsten sonnigen Herbstlicht haben wir den Unglückspullover verbrannt, welcher damals vor zwei Jahren unser Leben so verändert hat. Am Abend durfte der Frischling die Grosseltern unterhalten, während wir seit langer Zeit wieder einmal gemeinsam auswärts essen gingen und unter anderem die vergangenen zwei Jahre Revue passieren liessen.

Das Alte ist vorbei, aber nicht vergessen. Ich bin von riesiger Dankbarkeit erfüllt, dass wir noch zusammensein dürfen. Dass es uns gut geht, dass wir weiter an unseren Lebensplänen herumbasteln dürfen, und dass wenig Schlechtes und viel Gutes aus dieser schwierigen Zeit noch heute unsere Tage begleitet.

5 Kommentare zu „Pullover“

  1. ich habe beim lesen eine richtige Gänsehaut bekommen…zum Glück war ein Schutzengel deinem Gefährten ganz nah…solche Situationen lenken das Leben dann ganz oft in andere Bahnen, so wie man sich das vorher niemals vorstellen könnte…für euch als Familie hatte es sogar etwas gutes…leider bin ich in Worten nicht sehr gut, aber ich freu mich, dass das ganze für euch doch eine glückliche Wendung genommen hat…

    liebste Grüße schickt dir Uli – die Kramerin

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  2. ich mag deinen blick auf die dinge. und freue mich mit euch über euer glück, um das zu wissen allein schon so viel glück ist. habt es gut, ihr drei, und am besten unaufgeregt — das, was ihr da erlebt hat, ist genug an turbulenzen, für drei leben mindestens.
    alles liebe!

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  3. Oh man, da ist mir beim Lesen schwindlig geworden. Wir haben eine ähnliche Situation dieses Jahr auch erlebt, aber außer einer schweren Gehirnerschütterung gab es keinen Schaden. Ohne den Fahrradhelm (der beim Unfall zerbrochen ist…) wäre die Situation jetzt aber auch vollkommen anders.
    Man kann erst nach solchen Situationen das Leben wirklich schätzen, finde ich.
    Alles Gute!
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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