lange Zeit

Seit einigen Wochen ist unser Leben ein bisschen anders organisiert. Der Gefährte ist verantwortlich für die Musik eines Theaterstückes. Täglich wird geprobt, und das nicht gerade hier um die Ecke. Mittlerweile finden die Intensivproben statt und das bedeutet, heute jedenfalls, dass der Gefährte schon weg war, als der Frischling und ich erwachten und er erst wieder hier sein wird, wenn wir beide schon längst schlafen.

Ich hätte nicht gedacht, wie anders sich dieses Leben anfühlt. Denn meine beiden „bezahlten Tage“ bin ich ja nach wie vor unterwegs. Es fallen eigentlich nur einige Stunden weg, welche mir während der restlichen Wochentage fürs Vorbereiten des Unterrichts „offiziell zustehen“. Bis jetzt konnte ich mir aber doch immer irgendwie irgendwo das eine und andere Stündchen freischaufeln. Also alles fast wie immer, könnte man denken.

Trotzdem, alles ist jetzt ganz anders. Die fünf Tage am Stück, welche alle ziemlich gleich ablaufen, ziehen sich in die Länge. Wegfahren und Freundinnen besuchen geht nicht, das Auto ist mit dem Gefährten unterwegs. Sogar aufs Einkaufen verzichte ich. Und anstatt dieses Heimchen-Leben einfach mal zu geniessen, diese Zeitlosigkeit, dieses Dümpeln im Jetzt, werde ich antriebslos, melancholisch und träge. Ich fühle mich abends erschöpfter, oder auf eine ganz andere Art erschöpft, als nach einem rappelvollen Tag, wie ich ihn gewohnt bin. Es ist kalt und neblig, meine Gesprächspartner sind ein Kleinkind und eigenartige Tiere, die Tage sind ohne Unterschied. Ich vergesse, welcher Wochentag ist und was wir heute zu Mittag gegessen haben. Pasta? Oder war das gestern?

Manchmal nerven mich die tausend täglichen Absprachen mit dem Gefährten. Katzen schon gefüttert? Wer geht mit dem Hund raus? Geht noch einer von uns einkaufen? Wickelst du den Frischling diesmal? Wer räumt die Küche auf? Hast du gestern staubgesaugt oder soll ich heute?… Aber oh, wie schön das doch ist! Alles kann, nichts muss. Ein bisschen Lust und Unlust liegt drin, immer wieder, jeden Tag. Jetzt nicht. Jetzt mach ich die hier anfallenden Dinge einfach. Weil sonst niemand hier ist. Das ist überschaubar, tatsächlich gemütlicher, aber auch lähmender und irgendwie frustrierender. Wahrscheinlich würde ich mich anders organisieren, wenn dieser Zustand von Dauer wäre. Jetzt bleibt mir aber vor allem die Erkenntnis, dass ich, allem bisweiligen Geschimpfe und Gehetze zum Trotz, unsäglich glücklich bin mit der Organisation unseres Familien- und Berufslebens. Dankbar für die vielen Inputs von „draussen“, dankbar für das gemeinsame Gestalten des Lebens daheim. Bis ich es wieder habe, mein gewohntes Leben, versuche ich jetzt aber einfach mit besten Kräften, diese besonderen Tage zu geniessen.

Und dass der Frischling einen regelrechten Weinkrampf hatte heute Abend beim Vorsingen des Liedes „Schlaf, Kindlein, schlaf“, weil da der Papa drin vorkommt und ihm scheinbar erst in diesem Moment bewusst wurde, dass er ihn heute noch gar nicht gesehen hatte (Ob er das schon einmal erlebt hat? Ich glaube nicht…),… da tat er mir zwar schampar leid, aber ich habe mich auch sehr gefreut. Weil es so wahnsinnig gut tut, die Verantwortung zu teilen und nur einer von zwei ganz wichtigen Menschen sein zu müssen.

6 Kommentare zu „lange Zeit“

  1. so dorthin geschrieben, wo ich weiß: ja, das. so gut, wenns bewusst wird, wie gut es doch ist, was oft in der selbstverständlichkeit zu verblubbern droht, auch wenn man sich immer bemüht, achtsam und dankbar zu sein für das, was ist. leichtigkeit für die paar tage euch, im wissen, dass bald wieder dreisamkeit sein wird.

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  2. nun bin ich sprachlos, wie klein doch die welt ist: bitte bitte lass deinen gefährten Johannes G. und Brigitte W. schön und liebst von mir grüßen!!! wie lange habe ich beide schon nicht mehr gesehen und erlebt! und nun wünsch ich mich dorthin, denn so gern würd ich's sehen und hören…

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  3. ps: und so groß wird dabei die sehnsucht nach theater wieder und das wissen um die beinahe unmöglichkeit mit dem wirbelwind schmerzt, denn, ja, so ist das, er würd mich den ganzen tag nicht sehen…

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  4. oh ja, gerade fliegt sie, die zeit! es ist ja auch alles gut und schön wies ist. vielleicht ists tatsächlich nur der nebel, welcher mich ein bisschen bedüstert. und weil der frischling das kerzenauspusten bestens beherrscht, gibts kaum ein „gegengift“ gegen das grau.
    die grüsse werden natürlich weitergegeben. schöne, kleine welt. schönes virtuelles echtes leben hier im netz.
    und: oh ja, das verzichten begleitet einen ständig mit kleinem kind. manchmal bitter. meistens aber zum glück ein gern bezahlter preis.
    liebste grüsse

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