Stolperstein: Geburtsvorbereitung I

Katsushika Hokusai, Die grosse Woge, Privatsammlung. Bild von hier


Wie immer bei meinen in ganz loser Folge hingeschriebenen Stolpersteinen möchte ich betonen, dass ich andere persönliche Erlebnisse, Meinungen oder Standpunkte nicht abwerten oder kritisieren möchte. Erfahrungen sind unterschiedlich und führen zu unterschiedlichen Haltungen. Und meine eigene entspricht jeweils nur einem momentan aktuellen Gefühl oder einem Gedanken und ist selbst von Veränderungen nicht ausgeschlossen. Dogmen, Polemik, Fundamentalismus etc. liegen mir fern.

Wir alle kennen schreckliche Geburtsberichte und Tragödien, den Segen eines oft lebensrettenden Kaiserschnittes, Vorteile von Vorsorgeuntersuchungen und ähnliches. Bitte nutzt die Kommentarfunktion nicht, mir diese anderen Möglichkeiten und Tatsachen vor Augen zu führen. Sie alle sind wahr, das weiss ich sehr gut. Aber eigentlich immer Ausnahmen. Über sie wird geredet und geschrieben. Während man leider über die komplikationslose Geburt kaum etwas hört. Obwohl sie um ein Vielfaches häufiger ist. Und allen, die noch eine Geburt vor sich haben, Mut machen und mehr dienen würde.

Bald schon werden das kleine Kind und ich, mit dem Gefährten an unserer Seite und in Begleitung einer wunderbaren Hebamme, die Geburt erleben.

Es irritiert mich, was gemeinhin unter dem Namen „Geburtsvorbereitung“ zu erledigen sei. Gemäss Kurzbeschrieb (schon beim Frischling vermied ich eine Teilnahme, ich kann deshalb nicht aus eigener Erfahrung sprechen) geht es in angebotenen Kursen und Informationsanlässen vor allem um das „biologische Verständnis“ einer Geburt und dann weitgehend um die Möglichkeiten der Schmerzlinderung der Mutter (PDA und ähnliches). Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen wird das Kind grosszügig „beschallt“, um mir über weite Strecken unwichtige und sowieso unveränderliche Tatsachen mitzuteilen (zB. dass das Kind lange Oberschenkel hat – ich selber bin überproportional langbeinig…), man rüstet mich ungefragt mit Eisen- und anderen Präparaten aus, untersucht mein Blut und den Urin auf alles mögliche, und das wärs dann von ärztlicher Seite. Im privaten Bereich stehen Gedanken rund um Babygarderobe und Kinderzimmerausstattung hoch im Kurs. Und damit hat es sich dann meistens. Dies alles ist ja auch nicht schlecht, aber doch einigermassen begrenzt.

Was ist mit dem Wunder der Geburt? Diesem riesigen Mysterium? Dieser Grenzerfahrung, an welcher Leben und Tod ganz ganz nahe zusammenrücken? Wer bereitet einen darauf vor? Kann man sich darauf überhaupt vorbereiten?

Ich bin dankbar und überglücklich, dass meine eigenen positiven Gefühle und Gedanken bezügl. Geburten schon vor Geburt meines ersten Kindes von der bereits oben erwähnten Hebamme aufgenommen, gefördert und vertieft werden konnten. Die damalige Geburtsvorbereitung bestand für mich im wesentlichen darin, wie ich mein Vertrauen in die Kraft und Souveränität meines Frauenkörpers erhalten und vor allem während der Geburt abrufen resp. zulassen konnte.

Giovanni Segantini, Die beiden Mütter, Galleria d’arte moderna, Mailand. Bild von hier

Eine „normale“ (so es diese denn überhaupt gibt) Geburt ist wohl anstrengend, intensiv und wahrlich auch eine Grenzerfahrung. Schrecklich muss sie aber nicht unbedingt und in jedem Fall sein. Und dies meine ich nicht im Bezug auf diese lapidare Begründung „…und nachher ist sowieso alles vergessen“. Ich habe mir während der Schwangerschaft mit dem Frischling einige Tierfilme angeschaut und mir vergegenwärtigt, was ich bei Tieren selbst beobachtet habe. Tiermütter ziehen sich zurück und geben dem Ereignis den Raum und die Zeit, welche benötigt wird. Die meisten Tiere können klagen, also unter Schmerzen schreien. Während der Geburt machen sie dies jedoch nicht. Sie sind ganz still (manchmal stöhnen sie), wirken konzentriert, körperlich extrem gefordert, gleichzeitig aber auch sehr gelassen. Sie schicken sich in die Situation, sind ganz Körper, selber ganz Geburt. Etwas anderes existiert nicht mehr. Sie sind bei sich und geben sich den Kräften hin.

Naja, ich habe mir damals gewünscht, mein Kind einfach gebären zu können, wie eine Kuh oder ein Schaf dies im Normalfall tun. Kraftvoll, ruhig, hingebungsvoll. Meinem Körper das Ruder überlassend, den Intellekt vertrauensvoll mehr oder weniger ausschaltend. Und diese innere Haltung war für mich damals die beste Geburtsvorbereitung und hat mir mehr geholfen als das Wissen um PDA, Wehentropf, Saugglocke, Dammschnitt und ähnliches. (Ich war aber nie naiv, uninformiert oder in irgendeiner Form mir oder dem ungeborenen Kind gegenüber fahrlässig. Ich wusste immer, dass nicht alles, resp. gar nichts in meiner Macht liegt und auch alles ganz anders kommen kann, als ich es mir so „schön“ zurechtdenke. Deshalb habe auch ich mich gedanklich mit „Notfall“-Szenarien auseinandergesetzt.)

Obwohl nicht in allen Punkten zustimmend, kann ich auch das Buch „HypnoBirthing“ von Marie F. Mongan empfehlen. Mongan kreist darin im Wesentlichen um die Wahrnehmung des Schmerzes. Sie behauptet, dass er entsteht, weil er erwartet wird und starke Ängste und körperliche Verkrampfungen zur Folge hat, welche ihn erst ermöglichen. Das Buch ist sehr inspirierend, sollte jedoch mit der nötigen Distanz gelesen werden. Auch die ganzen Kursempfehlungen und Übungen nach dem ersten Drittel finde ich überflüssig bis mühsam. Auch finde ich die Begriffe schlecht gewählt resp. irreführend. Selbsthypnose als Bezeichnung für das Beibehalten einer entspannten, positiven Grundhaltung ist marktschreiend und klingt wieder nach viel Arbeit, welche im Vorfeld geleistet/gelernt werden muss. Aber damit lässt sich wohl ein neuer Markt generieren (Kurse etc.). Trotzdem, das Buch verfolgt einen interessanten Ansatz und erfüllt einen mit Vorfreude und Neugierde auf die vor einem liegende Geburt.

Ich finde es wahnsinnig schade, dass mit der gängigen Vorbereitungspraxis nicht einmal der Versuch unternommen wird, Frauen (und natürlich auch die beteiligten Männer) auf die gewaltige Dimension einer Geburt einzustimmen.

Was mich jetzt, rund zwei Monate vor der Geburt meines zweiten Kindes umtreibt, würde die Länge dieses Posts sprengen. Deshalb später mehr.

5 Kommentare zu „Stolperstein: Geburtsvorbereitung I“

  1. Schön und wahr.
    Ich wünsche dir viel Kraft und eine schöne Geburt!
    Ich könnte jetzt gaaaanz viel schreiben….aber das würde den Rahmen sprengen. Nach vier Entbindungen sind meine Erfahrungen genau 50:50 … positiv entspannt wie negativ überfordert. So viele Faktoren spielen zusammen. Ich für meinen Teil bin gerade ganz froh, mich nur dran Erinnern zu dürfen…..
    Liebe Grüsse!

    Gefällt mir

  2. so gut auf den punkt gebracht, dieses buch.
    nach dem glück zwei sehr schönen geburten – die zweite davon im wasser! – sind mir deine gedanken natürlich noch viel näher. und schon vor der füchsleingeburt hat es mich sehr irritiert, dass meine schwägerin (ärztin) mir pda-informationsblätter zukommen hat lassen, begleitet von einer dringenden empfehlung; selbst hat sie im übrigen keine kinder.
    wie dankbar wir sein können, die glückliche geburten erleben dürfen. so intensiv, so gewaltig, so groß.
    dir, euch eine wunderbare!

    Gefällt mir

  3. Liebe Mit-Mutter,
    das war mir nun aus der Seele geschrieben. Eine Geburt ist etwas Grosses, Mystisches.
    Selber habe ich drei Kinder geboren. Das waren eindrückliche, kraftvolle Erlebnisse, die mich durchaus jedes Mal an meine Grenzen gebracht haben. Bei den beiden Kleinen habe ich gesungen – na, also Töne gemacht – während der Geburt. Das war hilfreich, und irgendwie passend und gut.
    Vor drei Wochen haben unsere zwei Kaninchen geboren, zwei Schwestern, und beide zum ersten Mal. Das hat mich auch sehr berührt. Das ging durchaus nicht von selbst, sie waren hochkonzentriert, in sich gekehrt und in sich lauschend. Mein Mann und ich, wir waren beide beeindruckt. Dieses Mutter- Werden, dieses Leben-Geben, das ist etwas vom Zentralsten.
    Und das Kurioseste – ich bin Gynäkologin 😉

    Gefällt mir

  4. Liebe Malena.
    Dein Kommentar freut und berührt mich wahnsinnig. Wie schön, dass es Gynäkologinnen dieser (Deiner) Art gibt. Ein Aufheben dieses „Entweder-Oders“ wäre so schön, und da braucht es genau das. Das Singen/Summen begleitet mich ebenfalls. Ich tue es sehr häufig, mein Kind würde es wohl wiedererkennen während der Geburt. Und es würde mich bestimmt entspannen. Deshalb denke ich im Moment oft daran, es bewusst einzusetzen, wenn es soweit ist. Und zu den Tieren: Kurz nach mir werden meine drei Schafe wohl zum ersten Mal lammen. Das wird mir sicher sehr nahegehen…
    Danke für Deinen schönen Kommentar. Alles Liebe.

    Gefällt mir

  5. Die (spontane) Geburt meiner Tochter liegt gut vier Jahre zurück. Sie ist mir mit all der Macht, Wucht, Kraft noch so präsent… Dafür (auch dafür, dass ich mich immer wieder so gerne daran zurück erinnere) bin ich sehr dankbar. Nirgendwo sonst kommt man so an seine Grenzen, übertritt sie und wird so wunderbar reich beschenkt. Ich höre mich noch sagen (und tief in mir fühlen), dass ich die geburtsbeschleunigende Akupunktur nicht wollte. Aus Sorge, ich hätte dann nicht genug Zeit, die Geburt als Ereignis wirklich zu erleben… Es ist ein Wunder. So groß. Für das Deinige wünsche ich Dir Alles Liebe… Herzlich, Marja

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s