Stolperstein: Achtsamkeit

Ohne Achtsamkeit beachte ich alles. (Robert Walser)

Achtsamkeit ist ja im Moment in aller Munde. Als ich wieder einmal etwas (zugegebenermassen ganz gescheites) darüber gelesen hatte, startete ich sofort den Selbstversuch. Zwar war gerade kein immer wieder zitiertes Glas Wasser in der Nähe, welches ich bewusst und mit allen Sinnen hätte kredenzen können. Ich hatte mich nämlich ans privateste Örtchen des Hauses zurückgezogen. Ich griff also ganz bewusst zur Papierrolle, wickelte ganz achtsam etwas Papier ab,….und beim Durchreissen entlang der perforierten Linie war ich der ganzen Sache bereits so überdrüssig, dass ich das Achtsamkeits-Prozedere abbrechen musste.

Es ist ganz gut, dass wir Abläufe ohne angestrengtes, bewusstes Nachdenken ausführen können. Achtsamkeit zerstört den Fluss, die Leichtigkeit, die Eleganz unserer Tätigkeiten. Achtsamkeit fokussiert, stattdessen wünsche ich mir einen Blick bis zum Horizont und darüber hinaus. Ich wünsche Euch und mir Präsenz im Alltag, Liebe zum Tun, Schwung und Hingabe für alle anfallenden Verrichtungen. Voraussetzung dafür ist wahrscheinlich genügend Zeit. Um nicht hektisch werden und die Gedanken sieben Schritte vorauseilen lassen zu müssen. Zeit ist vielleicht viel wichtiger resp. die Voraussetzung für das Gute, was daraus folgen kann. Ob man es dann Achtsamkeit, Liebe oder Präsenz nennt, ist eigentlich egal.

2 Kommentare zu „Stolperstein: Achtsamkeit“

  1. ha, das hast du schön gesagt – nicht alles muss minitiös zelebriert werden wie japanischer tee. die zeit und die hingabe, wie immer man es auch benennt, sind es wohl eher. und manch einer/m ist nach vielen routinearbeitsstunden vielleicht auch, als wären sie/er und ihr/sein tun nicht existent, da braucht's dann vielleicht die therapeutische achtsamkeit sogar beim häuselpapierabrollen, um sich wieder bewusst zu werden, was es heißt, innig und ganz mit sich und einer tätigkeit, mit dem leben selbst verbunden zu sein…
    lieben gruß
    dania

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  2. Achtsamkeit hat nichts mit angestrengtem Nachdenken zu tun. Die Dinge, die laut Deiner Aussage durch Achtsamkeit zerstört werden, sind Dinge, die bei mir durch eine langjährige Achtsamkeitspraxis kultiviert wurden.

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