"Gwand" und die Freude des Knöpfeannähens

Ich war mächtig enttäuscht, als das bestellte Buch mit japanischen Schnittmustern nur Kleider enthielt. Denn diese trage ich im Moment wegen des Stillens nicht. Zu unpraktisch, schliesslich will man ja nicht meterweise Stoff hochraffen. Und noch weniger anschliessend halb nackig rumsitzen. Irritiert schloss ich das Buch, wieso bloss hatte ich es bestellt? Versonnen betrachtete ich den Umschlag und musste plötzlich schmunzeln.

Der Titel „Kleider im japanischen Stil“ ist ja eigentlich eine klare Ansage, was vom Buch zu erwarten ist. Nun sprechen Schweizer aber von Kleidern, wenn sie Kleidungsstücke meinen. Also Gewand im allgemeinen, Gwand, wie wir es nennen. Kleider (also Nicht-Hosen) hingegen nennen wir Röcke, egal ob es sich um Jupes und ähnliches oder Teile inkl. Oberköperbedeckung (gibts dafür ein treffendes Wort?) handelt. Da steckte ich also beim Bestellvorgang komplett unreflektiert im schweizerischen Spachmodus… Und trotz aller Reflexion finde ich auch jetzt nichts anderes heraus, als dass ich Kleider tatsächlich „ganze Röcke“ zu nennen scheine.

Zum Glück konnte ich mich damals beim Bestellen aber nicht entscheiden, und so fand gleichzeitig noch ein zweites Buch den Weg zu mir. Dieses enthielt die gewünschte Bandbreite von „Gwand“, und so durfte in den letzten Tagen doch noch Schritt für Schritt etwas entstehen unter meinen Händen. Da ich aber nur in seltenen und kurzen Minuten zum Arbeiten komme, fehlen jetzt noch zwei Knöpfe, welche dem guten Stück den letzten Schliff geben.

Dazu fallen mir wunderbare Zitate von Peter Bichsel ein: „So werden wir die Gefangenen von dem, was wir können. Und deshalb nähe ich gern Knöpfe an. Beim Knöpfeannähen bin ich ein freier Mensch, weil ich es nicht kann.“ Und hier: „Nur darf ich es nicht allzu oft tun, sonst laufe ich in Gefahr, es doch noch zu lernen. Knöpfe annähen macht nur so lange Spass, wie man es nicht kann.“ Und zum Schluss: „Nichtkönnen nicht als Mangel, sondern als Freiheit empfinden.“ Er hat ja so recht. (Alle Zitate aus „Das ist schnell gesagt“, Peter Bichsel)

Sobald ich mir also die Freude des Knöpfeannähens gemacht habe, werde ich euch Bilder des Entstandenen zeigen. Vorerst gibt es einen Blick aus dem Kinderzimmer auf den Sonnenuntergang. Der mir jeden Tag sehr lieb ist, beginnen mit ihm doch die ruhigen Abendstunden.

3 Kommentare zu „"Gwand" und die Freude des Knöpfeannähens“

  1. 🙂 Ja, die „Kleider“ könnte ich auch mißverstehen, obwohl ich aus dem Norden komme – je nach Kontext in meinem Kopf würde auch ich an Kleidungsstücke allgemein denken.
    Was für ein wunderbarer Abendhimmel – auch ich freue mich immer über die zwei ruhigen Stunden, wenn die Kinder schon schlafen und wir noch ein wenig herumpusseln und Tee trinken und den Tag ausklingen lassen.
    Liebe Grüße von Lena

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