Alpha: Was will ich eigentlich?

Variante 1:
Hm, da vorne liegen Pferdeäpfel auf der Strasse. Da wird sich der Grüsel sicherlich wieder draufstürzen. Das ist einfach zu eklig. Ja, er hat sie auch schon gesehen. Bestimmt läuft ihm schon das Wasser im Mund zusammen. Wäki. „Nein, friss die nicht, du Sauniggel.“ Ach, nützt alles nix. Er steht einfach drauf. Ob ich ihn mal wieder entwurmen sollte?

Variante 2:
Hm, da vorne liegen Pferdeäpfel auf der Strasse. Das gibt gleich ne kleine Übungseinheit für uns. „Hey, guck mal!“ Toll, wie der mich immer anguckt. So lieb. Und verfressen. Blickkontakt gibt schliesslich auch ab und zu ne Belohnung… Jetzt aber flott ausgeschritten, damit er ein bisschen Gas geben muss, weil ich ihn sonst abhänge. „Aus!“ Tja, verfressen wie eh und je, aber das Kommando sitzt immer noch. Und hopp.

„Mache nicht Sitz.“ Ein solches Kommando kann ein Hund nicht korrekt ausführen. Kennt er den Befehl „Sitz“, wird er sich sofort setzen. Aber auch wenn es ohne eindeutige Befehle zu und her geht, wird es schwierig für das Tier. Bei allem „mach das nicht“ konzentrieren sich alle Gedanken auf „das“, was auch den Körper beeinflusst. Bei V1 des oben genannten Beispiels heisst das: Mein Blick richtet sich auf die Pferdeäpfel, meine Schritte werden kürzer und steifer, der Nacken leicht angespannt, der Atem flacher. Die Welt besteht nur noch aus Pferdeäpfeln und der Hund kann gar nicht anders, als sich ihnen zuzuwenden. Auch wenn ich mit ihm schimpfe, wenn er das unerwünschte Verhalten zeigt, ist es für ihn schwierig, davon abzulassen, obwohl er meinen Unmut natürlich mitkriegt. Ihm fehlen jedoch die Ideen, was er stattdessen mit sich anfangen könnte. V2 zeigt eine mögliche Lösung. Ich fokussiere die erwünschte Tätigkeit (zügiges Vorbeigehen), unterstütze den Hund mit einer angenehmen Tätigkeit (guck!) welche nicht mit dem unerwünschten Verhalten vereinbar ist und reagiere notfalls noch mit einem klaren Signal (aus!), welches der Hund schon tausendmal geübt hat. Vorteil von V2 ist, dass sie viel effektiver ist und allen Beteiligten auch noch richtig Spass macht.

(Esoterische Kreise sprechen hier von Tierkommunikation. Die Tiere könnten die Bilder lesen, welche wir denken. Wenn man also denke: „Friss das nicht.“, sei das Bild ein fressender Hund, und deshalb werde dem Hund nicht das gewünschte Verhalten vermittelt. Man müsse vielmehr an einen flott dahintrabenden Hund denken, dann sehe das Tier, was von ihm erwartet werde. Bilder hin oder her, egal ob der Hund in oder an unserm Kopf liest, der Effekt ist der gleiche.)

Alles ganz einfach. Und einleuchtend.

Wem der Hund fürs Ausprobieren fehlt, dem sei die Umformuliererei im Umgang mit dem Kind empfohlen. Verkneift euch also ab sofort:
„Stör mich jetzt bitte nicht.“ (Das „bitte“ ist ja nett gemeint, aber in diesem Zusammenhang nutzlos.)
„Achtung, fall da nicht runter.“
„Ui, schütte das Glas Wasser nicht aus.“
„Trödle nicht so rum.“
„Mach jetzt keinen Terror!“

Achtung: Das Ganze ist ein Zweistufen-Plan: Relativ einfach gelingt das „Halt dich fest!“ statt „Fall nicht runter.“ Bei kniffligeren Situationen, wie sie im Alltag mit Kleinkind ständig auftauchen, braucht es etwas mehr geistige Beweglichkeit. Das „Fass nichts an.“ am Postschalter mit den fiesen Schokoauslagen in Kleindkindhöhe kann man zwar durch ein „Lass das!“ oder „Hör auf damit!“ ersetzen, wenn das frohe Ausräumen losgeht (Beim Hund kommt an dieser Stelle das „Aus“, Leute wie ich verwechseln da bisweilen auch die Klienten…). Vermutlich braucht das Kind hier aber eine präzisere Ansage, was von ihm erwartet wird. Viel eleganter ist es beispielsweise, dem Kind in dieser Situation die überaus wichtige Funktion des Einfaufstaschen- oder Schirmhalters zu übertragen. Oder einen kleine „Wer-kann-länger-auf-einem-Bein-stehen-Challenge“ vom Zaun zu brechen. Oder es zu fragen, ob es den Vers für den Weihnachtsmann eigentlich noch auswendig aufsagen kann. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Meistens sind es allein schon die bewussten Gedanken, welche den Unterschied ausmachen. Wenn man sie aber ausspricht, wirken sie, gerade für Anfänger auf diesem Gebiet, stärker. Und man merkt auch schneller, wenn man mal wieder in die Falle tappt.

Es ist auch spannend, wie schwierig es einem manchmal fällt, rasch sagen zu können, welches Verhalten man denn eigentlich erwartet. Aber wenn man es nicht einmal selber richtig weiss, wie soll es denn das Kind wissen können?

Das Ganze lohnt sich übrigens nicht nur bei Hunden und Kindern, sondern auch bei Partnern und Pferden. Vielleicht auch bei Fischen. Viel Spass euch allen! Ich freue mich auf Kommentare!

P.S.: Ich habe den Wunsch nach Erziehungsratgeber-Empfehlungen zur Kenntnis genommen. Liste folgt. Irgendwann später in dieser Alpha-Reihe.

2 Kommentare zu „Alpha: Was will ich eigentlich?“

  1. Wie toll Du es erklärst!
    Ich kenne es von den Pferden (ich denke: Oh Mist, ein riesengroßer lauter Trecker – das Pferd will auf den Arm [ungünstig], ich denke: Nach vorn, dort ist unsere Lieblingsgaloppstrecke – das Pferd geht zügig vorwärts und freut sich auf die Bewegung.
    Und genau wie Dir, hilft es mir bei den Kindern. Das Gute bei Menschenkind und Tier: Das Feedback kommt sofort und so lernt man unheimlich schnell, gell? Wenn man nur schön aufmerksam ist. Wie gut, dass wir die besten Lehrer immer bei uns haben!
    Lieben Gruß von Lena

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  2. Oh, ich freue mich über das P.S.! Und was Du schreibst, ist so wahr, und manchmal so logisch umzusetzen – bis man im Stress ist und feststellt: Nee, sitzen tut es noch längst nicht. 😉 Aber man kann ja dranbleiben, statt zu warten, dass einem die Äpfel einfach so in den Schoß fallen (oder vom Sauniggel links liegen gelassen werden. Da hab ich bei meinem auch nur eine Chance, wenn ich rechtzeitig reagiere, sonst artet es in Szenen aus, bei dem Unbeteiligte auf die Idee kommen könnten, wir prügeln uns um die Pferdehinterlassenschaften).

    Liebe Grüße
    Maike

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