Alpha: die Zeichen

zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 

Als ich meinen Hund zum Sanitätshund ausbildete, musste ich vieles lernen. An einem winzig-kleinen Beispiel aus der ganzen Ausbildungspraxis möchte ich zeigen, was mich daran so fasziniert. 

Ausbildungs-Etappenziel: Der Hund soll rund 60m einigermassen gerade in den Wald hineinrennen und danach zum wartenden Hundeführer zurückkehren, damit dieser ihn an einer anderen Stelle erneut schicken kann. So kann ein Waldabschnitt systematisch durchsucht werden. (Hier habe ich das Prozedere bereits einmal etwas ausführlicher beschrieben.) Wie bringt man nun also einen Hund dazu, auf Kommando in den Wald hineinzurennen? Im Anfangsstadium hat der Hund bei jedem „Schlag“ Erfolg. Immer, wenn er geschickt wird, findet er einen Helfer im Wald. Ganz zu Beginn bringen sich Hundeführer und Hund also in Position. Ein Helfer zeigt dem Hund ein Leckerli und rennt dann einige Meter in den Wald hinein. Der HF schickt den Hund, dieser holt sich natürlich das Leckerli, danach ruft der HF ihn zurück. Mit jedem Training wird die Distanz vergrössert. Auch das Zuschauen beim Hinauslaufen lässt man irgendwann weg. Anfangs steht der Helfer offen im Wald, irgendwann beginnt er sich zu verstecken. Wenn der Hund das Spiel begriffen hat, wird er den Helfer freudig und erwartungsvoll suchen, ohne dass er ihn vorher gesehen hat („Da muss doch einer sein!“). Nun ist aber jeder Hund und jedes Team anders. Es gibt Hunde, die brauchen sehr grosse Leckerlis beim Helfer draussen, damit sie sich überhaupt von ihrem Führer lösen. Oder aber damit sie den Helfer interessanter als die Verlockungen des Waldes finden. Andere begeistern sich prinzipiell fürs Laufen und machen sich gerne vorzugsweise auf dem „langweiligeren“ Rückweg selbständig und erkunden noch ein bisschen das Gebiet. Ein grosses Leckerli beim HF ist dann für einige Trainings angesagt. Es gibt Hunde, die werden am liebsten mit einem Stückchen Käse, etwas Katzenfutter oder ihrem Knautschball belohnt. Mein Hund hatte mal eine Phase, wo ihn Jubel und Knuddeln durch die Helfer (sie verhalten sich ansonsten eher passiv) maximal motivieren konnte. Aber wie findet man die richtige Belohnung? Indem man verschiedene Dinge ausprobiert und den Hund genau beobachtet: Galoppiert er beide Wege? Wovon lässt er sich ablenken? Zeigt er feine Gesten von Stress (Blinzeln oder Nase lecken beim Zurückkommen) mit seiner Körperhaltung? Und wenn ja, weshalb? Da das schnelle, freudige Laufen für diese Arbeit elementar ist, wird auch der ausgebildete Hund immer wieder diesbezüglich gefördert. Man überrascht ihn durch sehr nahe stehende Helfer oder spezielle Belohnungen, variiert die Zahl der Schläge,… Und trainiert natürlich immer parallel zum Training im Wald die Kondition des Hundes. Denn es wäre ja sehr unfair, seine Motivation in Frage zu stellen, wenn er einfach körperlich nicht zu Höchstleistungen in der Lage wäre. Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt nicht eine Möglichkeit, den Hund zu einem schnellen, zielstrebigen Läufer zu machen. Und wenn man meint, endlich seine eigene Methode gefunden zu haben, muss man sie auch schon wieder ändern… Man muss immer das Tier und sich selbst sehr genau beobachten und „geschmeidig“ reagieren, wenn sich die Situation verändert. Ein „So macht man das!“ oder „Bei diesem Hund dort funktioniert das aber!“ nützt einem gar nichts. (Besonders spannend wird das Training übrigens dann, wenn sich plötzlich kein Helfer mehr im Wald befindet. Es ist ein grosser Schritt, dass der Hund das „Aufgeben“ der Suche lernt und zum HF zurückkommt, um gleich darauf bei einem erneuten Schicken noch motivierter weiterzuarbeiten, und das viele Male aufeinander. Der Aufbau dieser Frustrationstoleranz benötigt sehr viel Fingerspitzengefühl.)
Mehr als überall sonst in meinem Leben habe ich beim Training mit dem Hund gelernt, kleinste Signale zu erkennen. Und ich lernte, dass auch er mich beobachtet. Denn Hunde sind Meister im Lesen von Körpersprache, da sie als im Rudel jagende Tiere (Wölfe) auf eine differenzierte nonverbalen Kommunikation angewiesen sind. Oft führte der Hund Befehle aus oder bemerkte meine Absichten, bevor ich eine bewusste entsprechende Geste gemacht oder ein Wort ausgesprochen hatte. Und Hunde können mehr als Schwanzwedeln und die Lefzen zurückziehen. Es gibt den weichen und den starrenden Blick, den stelzenden Gang, den zur Seite geneigten Kopf, das Gähnen, das Züngeln, das Hecheln, die Haltung der Ohren, das Aufstellen einzelner Härchen, die Art und Geschwindigkeit des Schwanzwedelns und unzähliges mehr. Hunde sprechen pausenlos und sehr differenziert.
Es fiel mir deshalb nicht besonders schwer, mich auf das kleine Bündel Mensch einzulassen, als ich Mutter wurde. Ja, es war wort-, aber keinesfalls sprachlos. Babys sprechen. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten sind sehr differenziert. Lange bevor sie zu weinen beginnen oder begeistert jauchzen, zeigen sie mit ihrer Körperspannung, ihren Bewegungen, Blicken, Lauten und Gesten, wie es um sie steht und wonach ihnen ist. Es ist für mich selbstverständlich, diesen Bedürfnissen wo immer möglich nachzukommen. Alles andere erscheint mir grausam. So zeigt mein halbjähriges Mädchen beispielsweise sehr deutlich, ob ich es an eine andere Person weiterreichen darf. Indem sie Blickkontakt mit der Person aufnimmt, ihr ihren Körper entgegen neigt und vielleicht sogar die Arme etwas ausstreckt, signalisiert sie Zustimmung. Erkenne ich gegenteilige Tendenzen, lasse ich dem Mädchen möglichst noch etwas Zeit zur Kontaktaufnahme. Das ist nur eines von unzähligen kleinen „Gesprächen“, welche wir täglich miteinander pflegen. Das Kind erzählt und erzählt und erzählt. Und wenn ich einfühlsam, aufmerksam und offen bin, ist fast alles sehr klar und das Verstehen ganz einfach. 
Der Frischling plappert mit seinen fast drei Jahren natürlich pausenlos. Die Sprache wird zum wichtigsten Kommunikationswerkzeug. Was zwar wunderbar, aber eigentlich auch schade ist, denn noch immer gibt sein Körper unmissverständliche Signale, wo Worte wirkungslos, vage oder sogar widersprüchlich sind. Ich versuche deshalb ganz bewusst, ihn mit meinen Körpersignalen zu unterstützen oder zu bremsen und nicht nur durch „Ansagen“. Auch lohnt es sich, nicht nur auf sein drolliges Geschwätz einzugehen, sondern ebenso sensibel wie beim kleinen Mädchen auf die Signale seines Körpers zu achten.
Ja, Kinder haben grundsätzlich „all ihre Tassen im Schrank“, davon bin ich überzeugt. Sie sind für mich manchmal nicht auf den ersten Blick zu verstehen. Ich weiss nicht immer, weshalb sie etwas machen oder was sie bewegt. Aber ich kann sie fragen. Mit Worten. Oft aber auch mit sensibler, geduldiger, empathischer Beobachtung. Ihre Angst, ihre Wut, ihre Freude, ihre Begeisterung,.. all das ist immer durch und durch echt und folglich auch ernstzunehmen, egal wie befremdend das vielleicht durch meine erwachsene „Brille“ aussehen mag.
Und so komme ich jetzt endlich zu meiner ersten Buchempfehlung im Bereich „Erziehungsratgeber“:
„Dein kompetentes Kind“ von Jesper Juul ist mir sehr ans Herz gewachsen. Es ist so einfach und schlicht und gleichzeitig von einer revolutionären Kraft. Kinder müssen nicht zu irgend etwas gemacht werden. Sie sind, wie sie sind, und darin schon ganz komplett. Und wir sollten ihnen, ihrem Gespür, ihrer Auffassung von der Welt, ihren Prioritäten,… den Raum zugestehen, den wir auch für uns beanspruchen. Denn nur weil wir etwas länger und älter sind als sie, sind unsere Bedürfnisse nicht mehr wert als ihre. Bei Juul finden sich eigentlich keine praktischen Tipps. Mir ist das sehr lieb (Siehe ganz oben). Den Weg mit sich und seinem Kind muss man selbst finden. Nicht bei allen zeigen sich die selben Konflikte. Und deren Lösungen sind vielgestaltig. Aber überall sind gleichwertige Menschen zusammen unterwegs. Und alle sollten sich wohl fühlen können, mit sich selbst und miteinander. 
Ich weiss, Juul kennen wohl viele von euch schon. Im nächsten Alpha-Post geht es dann um mein zweites Erziehungs-Lieblingsbuch. Er handelt vom Faulsein, von Partys, Musik und guter Literatur. Und was das alles mit Kindern zu tun hat.

2 Kommentare zu „Alpha: die Zeichen“

  1. Liebe Frau Krähe,

    DANKE!!!
    Für diese vielen wunderbaren Zeilen.
    In zweierlei Hinsicht.
    Denn deine Ausführungen zum Thema Santitätshund haben das ohnehin schon entfachte Feuer nochmal richtig angeheizt und mir gezeigt, dass mich dieser Weg wesentlich brennender interessiert, als der bis vor kurzem angedachte Turniersport mit dem Hundekind.
    Und zum zweiten die Erinnerung an ein großartiges Buch (wie fast alle seine Bücher!). Ich werde es unbedingt mal wieder lesen!

    Danke & liebe Grüße
    von Katja
    (die immer und immer wieder lernen muss, die Kinder loszulassen)

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