Dona, dona

Nachdem das Lamm Agatha letzte Woche rund 10 Tage vor ihrem Schlachttermin verendet ist, hat unsere Schaffreude einen neuen Tiefstand erreicht.

Fünf Lämmer wurden im Mai geboren, drei davon haben wir verloren, wovon zwei bereits mit Gendefekt (Schiefhals) geboren wurden. Das hübsche Aueli Andrina und das Böckchen Vaclav gedeihen, oben auf dem Bild beäugen sie neugierig die Klauenpflegematte. Der Bock wird in einer Woche geschlachtet, denn bald würde er geschlechtsreif und damit ein Inzucht-Risiko für seine Mutter, seine Tante und seine Halbschwester.

Seit ihren Flitterwochen beim Bock plagen die Schafe Klauenprobleme. Immer wieder hinken die Tiere, ganze Hornpartien an ihren Klauen lösen sich ab und die Ballen nässen und stinken, verfaulen richtiggehend. Moderhinke ist eine gefürchtete Krankheit, da sie für die Tiere sehr schmerzhaft und kaum auszurotten ist, wenn das Bakterium einmal in eine Herde eingeschleppt wurde. Zudem zeigt die Obduktion von Agatha (ihr Schiefhals macht sie nach ihrem Tod wenigstens noch für die Forschung interessant) Anzeichen, dass sie trotz durchgeführter Wurmbehandlung an starkem Wurmbefall gelitten hat. Beides kann man behandeln. Kotproben können eingeschickt, die Parasiten genau bestimmt und entsprechend bekämpft werden. Moderhinke ist mit regelmässiger Klauenpflege und Klauenbädern vielleicht in den Griff zu bekommen. Wir haben es während eines halben Jahres versucht, nicht geschafft und fragen uns langsam, ob es nicht fairer wäre, die Tiere zu schlachten. Es wäre der einfachste und sicherste Weg, die Moderhinke loszuwerden.

Es ist anstrengend, aber auch schön, die Tiere täglich „standardmässig“ zu versorgen. Wasserkessel schleppen, etwas Heu und Kraftfutter verabreichen, ausmisten,… und alles mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau, das geht. Auch das regelmässige Umzäunen der Weideflächen mit unseren Elektrozäunen will gut geplant sein, ist aber machbar. Die Klauenpflege hingegen bringt uns an unsere Grenzen (Verbandwechsel z.B. alle zwei Tage). Es reicht nicht, dass der Gefährte und ich (wir machen das immer zu zweit, andere sind da routinierter) tagsüber gemeinsam eine Stunde zuhause sind (nachts fehlt das nötige Licht), wir brauchen auch jedesmal noch jemanden, der während dieser Zeit auf unser Mädchen achtet. So hetzen wir eigentlich immer in den Stall, sind doch meistens gefühlsmässig zu spät und haben schon lange keine Zeit mehr für die schönen Momente, welche ein Leben mit Tieren mit sich bringt. Es ist extrem frustrierend, ein erneut hinkendes Schaf bemerken und erst die Agenda zücken zu müssen um festzustellen, dass man das Tier frühestens in vier Tagen genauer untersuchen kann.

Wie weiter? Andrina können wir nicht als viertes Schaf behalten, vor allem nicht in der jetzigen Situation. Verkaufen oder schlachten? Ein Verkauf aus einer Moderhinke-Herde ist unrealistisch, auch wäre das Fleisch wenigstens ein kleines bisschen Lohn für die ganze zermürbende Arbeit der letzten Monate. Meine liebe Andrina, du Hündchen-Schaf, du Knuddel-Gurke… Ich tue mich schwer mit dieser Option.

Den Gedanken zuzulassen, dass wir auch die drei Grazien schlachten und damit ganz viele Probleme auf einen Schlag lösen könnten, beschert mir Unbehagen. Ich schuf mir nie leichtfertig Tiere an, auch nicht diese Schafe. Dass sie sterben müssten, weil wir eine zufriedenstellende Haltung bei allen Bemühungen nicht auf die Reihe kriegen, will mir nicht in den Kopf. Aber kaufen will die niemand, soviel ist sicher. Und wenn wir die Moderhinke tatsächlich niederringen könnten, so blieben zwei der drei Tiere Trägerinnen des Schiefhals-Defekts. Keine gute Basis für unsere kleine Zuchtgruppe.

Was ist schlimmer für ein Schaf: Krank zu leben oder früher als geplant (irgendwann wäre das ja sowieso ein Thema geworden) geschlachtet zu werden?

Die ganzen Erfahrungen mit den Lämmern haben uns etwas gelehrt: Es nützt nichts, den Tatsachen nicht ins Auge blicken zu wollen. Unsere Bemühungen bei den Lämmern waren für die Katz‘. Zu hundert Prozent. Soll dies jetzt für alle weiteren Fragen im Bereich „Leben mit Schafen“ gelten?

Ich muss jetzt alle Fakten, Überlegungen und Gefühle mal ein bisschen wiederkäuen. Hilft immer.

Und hier gibts noch ein paar passende Töne dazu. Schön und traurig. (Ja, natürlich: Kalb. Ist aber egal.)

10 Kommentare zu „Dona, dona“

  1. Liebe Martina
    Eine schwierige Entscheidung die du da zu treffen hast. Ganz kurz meine persönlichen Gedanken dazu. Bei meinem Beruf bin ich häufig genau mit solchen ethischen Fragen konfrontiert. Wenn wir uns dazu entschliessen Tiere zu nutzen, da meine ich nicht nur zum Essen oder für Tierversuche usw. sondern auch als Begleiter oder Gefährten gehen wir mit dem Lebewesen einen Deal ein… es zu hegen und zu pflegen und es dafür „nützen“ zu dürfen. Dazu gehört auch unsere Verantwortung über Leben oder Tod zu entscheiden. Für mich steht das Leben daher nicht über allem, aber dafür ist für mich die artgerechte Halten und Beschäftigen und das Vermeiden von Leiden, Schmerzen und Ängsten das Wichtigste in meinem Zusammenleben mit Tieren. Wenn nun die einzige Möglichkeit besteht den Tieren Leiden zu ersparen durch ihren Tod, ist für mich dieser tatsächlich auch gerechtfertigt (auch wenn es früher ist als geplant). Und nicht zuletzt seid ihr alle (Menschen und Tiere) auch eine grosse Familie, wenn andere Lebewesen im Verband unter dem Zustand leiden und es nicht mehr gebacken kriegen auch dann wäre für mich die Güterabwägung wohl nicht zugunsten des Individuums sondern des „Gesamtsystems Familie“. Fällt nämlich dieses auseinander, dann ist auch dem einzelnen Schäflein nicht mehr gedient. Nun sind meine Worte doch länger geworden als geplant. Ich wünsche dir nicht allzuviel „Wiederkäuen“ deiner Gedanken – liebe Grüsse Kathrin

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  2. Seufz, das klingt sehr, sehr aufreibend. Nicht nur die Arbeit, die ihr dabei habt, sondern auch die vielen, vielen Gedanken, die du hier aufzählst. Es ist schade, wenn die Tiere krank werden und einfach nicht genesen. Für die Tiere und euch. Ich hoffe, ihr könnt eure Gedanken bald ordnen und eine Entscheidung treffen.
    Und auch vor der „Standardversorgung“ mit Kindern ziehe ich den Hut, zumal berufstätig. Wenn ich Nachmittags mit den Kleinen nach Hause komme, hängt mein Mädchen sehr, sehr viel an mir dran, will sich kaum trennen und ich kann kaum was machen. Damit finde ich mich schwer zurecht.
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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  3. Danke liebe Kathrin für deine wertvollen, differenzierten Worte. So sehe ich das auch. Nur fragt man sich halt immer, ob man wirklich alles irgendwie Mögliche unternommen hat. Dass wir zu zweit entscheiden müssen, macht es nicht einfacher. Mal hat der eine, mal die andere noch etwas mehr Kraft und Wille. P.S: Übers Nutzen von Tieren hab ich mal nen Post verfasst:
    http://fraukraehe.blogspot.ch/2013/11/stolperstein-milk-honey-iii.html
    Liebe Grüsse

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  4. Danke für den Link *passt*!
    Manchmal macht man leider alles Mögliche und kann die Natur trotzdem nicht „überlisten“. Ich persönlich habe damit meine liebe Mühe (auch ein Grund, warum ich immer weniger kurativ tätig bin und jetzt lieber den anderen sage, was sie falsch machen…). Andersrum finde ich gerade das an der Natur wieder so bereichernd, dass sie halt nach anderen Regeln funktioniert und sich nicht immer durch den Menschen vom Weg abbringen lässt.

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  5. Liebe Frau Krähe,
    oh, ich möchte nicht in deiner Haut stecken.
    Welch ein Dilemma!
    Genau heute vor 6 Jahren haben wir unseren Kater eingeschläfert. Alt und krank war er und ich hielt es für richtig, für meine Pflicht, das zu tun.
    Er war kein Nutztier, er war „mein 3. Kind“.
    Ich hatte die alleinige Verantwortung für sein Wohl.
    Er ist nicht “ entschlafen“, sondern in schrecklichem Kampf gestorben.
    Wenn auch mein Verstand nach wie vor sagt, es war richtig, weint noch immer jeden Tag mein Herz und ich glaube, ihn verraten zu haben.
    Wir haben kein Tier wieder, seither. Und ich esse kaum noch Fleisch.
    Ich bin jetzt 48 Jahre alt und weiß nicht mehr, was falsch und was richtig ist.
    Tut mir leid, meine Worte sind dir wenig hilfreich.
    Kein guter Tag, der 30.9.
    Falsches Thema zu falscher Zeit.
    Ich wünsche dir viel Kraft und eine gute Entscheidung. Herzlicher
    Claudiagruß

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  6. Ach Mensch. Ich habe mir ja immer ein Leben auf dem Land mit Tieren gewünscht. Aber wenn ich all die Probleme mitbekomme, all die vergebliche Müh und dann leiden und sterben sie doch oder man steht vor der Schlachtfrage. Ich weiß nicht, ob ich nicht doch zum Vegetarier würde, wenn ich die Tiere aufziehen, mit ihnen jeden Tag umgehen würde. Mir wachsen alle pelzigen Tiere ans Herz… sogar das kleine Mausemädchen, das immer in unserem Blumenkasten vor dem Küchenfenster sitzend die Katzen hinter der Scheibe foppt…
    Ich bin froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen muss.

    Herzlich, Katja

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  7. Liebe Claudia,
    oje, das ist schlimm. Verstand und Herz, das sind nun mal zwei verschiedene Dinge. Ich wünsche dir, dass dein Herz dem Verstand nachfolgen und das Geschehene akzeptieren und verzeihen kann.
    Falsch und richtig, das ist wirklich oft schwierig. Vielleicht gibt es das auch gar nicht.
    Stiller Gruss, Martina

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  8. Ja, ich mag auch immer alle sehr. Sogar die Nicht-Pelzigen.
    Tatsächlich wird man beim Zusammenleben mit Tieren immer mit der Sterblichkeit konfrontiert. Und weil man denkt und fühlt automatisch auch mit der eigenen. Und mit der Frage nach dem Sinn. Mit der Frage, was Liebe bedeutet. Was Verantwortung heisst. Man lernt Demut. Und erlebt Widersprüchlichkeit. Es ist nicht einfach. Aber sehr wertvoll. Jeder Tag mit ihnen.

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  9. Liebe Frau Krähe,

    oh je, das tönt schwierig. Ich finde auch, dass man beim Zusammenleben mit Tieren (wir haben Kaninchen, zum Essen, und Katzen, zum Mäusefangen) mit vielen grundlegenden Problemen des Lebens konfrontiert wird. Oft sehr direkt, sehr roh quasi. Aber auch einfach 'echt'.
    Ich stelle mir Euer Problem wirklich schwierig vor. Und ich wünsche Euch, dass Ihr zu einem Entschluss kommt, der für Euch richtig ist.

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  10. Wie gut es tut, deine ruhigen und ehrlichen Worte zu lesen. So habe ich es als Kind auf dem Land auch empfunden – das Leben mit Tieren und Natur ist nicht romantisch sondern von Arbeit und Verantwortung und Liebe und oft schweren Entscheidungen geprägt. Und darum lässt es und wachsen und macht uns stark und achtsam. Ich wünsche Dir alles Gute!

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