{Stolperstein}: Vom Begrüssen

Die Frau geht vor meinem Kind in die Hocke. Freundlich lächelt sie es an.

„Grüezi Frischling (sie nennt ihn natürlich bei seinem richtigen Namen). Ich heisse Ursi. Schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Deine Mama und ich kennen uns nämlich schon sehr lange. Früher haben wir gemeinsam … .“

Danach richtet sie sich wieder auf, und wir plaudern einige Minuten miteinander, bevor wir uns verabschieden und alle wieder unserer Wege gehen.

______________

Diese kleine, schlichte Begrüssungsszene hallt sehr lange bei mir nach.

Beschämt stellte ich fest, dass ich mich fremden Kindern nie auf diese Art und Weise vorgestellt habe. Ich selbst war ein schüchternes Kind, und ich möchte nicht von einem fremden Kind verlangen, dass es mir die Hand geben oder sich vorstellen müsste. Dieses „Wie heisst du denn?“, möglicherweise noch gefolgt von einem mehr oder weniger ehrlichen „Das ist aber ein schöner Name.“, war mir schon immer unsympathisch. Deshalb hielt ich es meistens so, dass ich Kinder eher mit einem allgemeinen Winken in die Runde und einem diffusen „Hallo“ begrüsse und mich dann ins Gespräch mit der erwachsenen Begleitperson vertiefe. Auf die Idee, dass ich mich den Kindern vorstellen könnte (sofern ich nicht ausdrücklich mit ihnen zu tun habe), bin ich nie gekommen.

Es hat mich sehr berührt, wie konzentriert sich diese Frau auf mein Kind eingestellt, und wie elegant und feinfühlig sie dem Kind Raum gelassen und es nicht in die „schüchterne Ecke“ gedrängt hat. Gegenseitiges Vorstellen und die Verbindung kurz und einfach erklären ist ja unter Erwachsenen gang und gäbe. Bei Kindern scheinbar nicht, sonst wäre mir dieser besondere Moment nicht so aufgefallen. Ich spreche immer wieder von Gleichwürdigkeit, hier und da und überall im Erziehungskontext, und schaffe es nicht einmal, eine ritualisierte und einfache Szene wie eine Begrüssung entsprechend zu gestalten.

Wie macht ihr das so?

Danke liebe Ursi für den Stolperstein und Augenöffner!

6 Kommentare zu „{Stolperstein}: Vom Begrüssen“

  1. Man weiß ja eigentlich so vieles und braucht doch immer mal die Situationen, die einem bestimmtes neu vor Augen führen. Ich habe auch gleich überlegt wie es bei mir ist. Ich finde es nicht wichtig das kleine Kinder anderen Erwachsenen die Hand geben, ich glaube, dass lernen Sie durch Beobachtung und Nachahmung von ganz allein. Hier ist es üblich das man sich mit Handschlag begrüßt. Ich sag dem großen Kind immer, dass er Tschüss sagen kann, wir gehen jetzt und überlass ihm die Form. Das klappt gut, ebenso bei der Begrüßung. Mich nervt, wenn das Kind die Hand geben will und bitte auch die richtige. Das kommt schon .noch früh genug, aber mit gut 2 Jahren muss ich das noch nicht erwarten.
    VG Stefanie

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  2. Ich halte es genau so wie beschriebene Frau! Es tut den Kindern so gut, gesehen und wichtig genommen zu werden. Das trägt zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung bei. Gutes tun kann man auch, wenn man ihre Fragen, Ansichten, ihre Malereien, ihre Bauwerke, jeden Ausdruck ernst nimmt und mit ihnen bespricht. Sie merken, sie sind wichtig, ernst genommen, ihre Meinung oder Aussage hat einen Wert. Gehört für mich in die gleiche Schublade!
    Lieben Gruß
    Gabi

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  3. hm, ich bin schon so eine persönlich begrüßerin. aber das mich-vorstellen, das war bislang nicht in meinem kinderbegrüßungsrepertoire, obwohl ich mir oft dachte, der arme zwerg weiß vermutlich gerade gar nicht, wer die frau da überhaupt sein soll. schöne geste, muss ich, wenn ich beim nächsten mal so denke, einbauen.

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  4. Oh ja, was für eine gleichwürdige Begrüßung!
    Wenn ich mit meinen Kindern auf eine Freundin (mit ihren Kindern) treffe, bin ich von dem ganzen Gewusel meist total überfordert. Ich begrüße zwar meine Freundin, vergesse aber die Kinder zu grüßen und dann bin ich immer peinlich berührt, wenn sie meine Kinder einzeln und mit Namen begrüßt.
    Das eigene Vorstellen finde ich sehr wichtig. Hoffentlich schaffe ich das auch einmal.
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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  5. Vor vielen Jahren habe ich eine ganz ähnliche Szene beobachtet und seit dem mache ich es genauso – hinunter gehen, auf die Augenhöhe des Kindes – mich selbst vorstellen (in für das Kind sinnvolle Beziehung setzend).
    In den von Kathrin angesprochenen wuseligen Alltagssituationen (z.B. Abhol-Situation im Kindergarten) mit bereits bekannten Kindern gelingt mir das aber auch nicht vollständig. Dann bin ich schon froh, wenn ich es schaffe, mein eigenes Kind und sein Momentanes Tun und Erleben auf Augenhöhe wirklich zu sehen.
    Ich finde es auch sehr schön, Kinder einander vorzustellen – ebenfalls wieder, indem man in die Knie geht und kurz erläutert, wer der andere ist und vielleicht ein oder zwei Verbindungen (Vorlieben, Geschwister, Eigenheiten) erwähnt. So macht man es mit Erwachsenen ja auch und es ist immer sehr schön, auf eine aufmerksame Weise einander vorgestellt zu werden, nicht?
    Liebe Grüße von Lena

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