Leitwölfe {Alpha}


zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 

Aus aktuellem Anlass ist mal wieder Zeit für ein Alpha-Post. Jesper Juul hat diese Tage sein neues Buch mit dem Titel „Leitwölfe“ veröffentlicht. Es soll sich um ein Plädoyer für mehr Führungsqualitäten von Eltern handeln. Vorweg: Ich habe das Buch nicht gelesen, ich weiss nicht, was Juul aus dem Titel macht. Ich nehme jedoch nicht an, dass er unter die Wolfsforscher gegangen ist.

Der Vergleich von Eltern mit Wölfen ist mir aber lieb und vertraut. Schon lange übe ich meine Rolle als Alpha, als Elterntier. (In Wolfsrudeln sind die Alphatiere nicht brutale, machthungrige Regenten, sondern schlicht die Eltern der andern Tiere.) Nicht zuletzt haben diese Parallelen (und Unterschiede) dieser Alpha-Reihe ja ihren Namen gegeben.

Jan Fennell hat spannende Bücher über das Verstehen von Hunden veröffentlicht. Unter dem Begriff „Amichien Bonding“ beschreibt sie anschaulich, welchen Platz wir unsern Hunden zuweisen sollten. Ein Hund, der sich als Alpha-Hund, als Leittier seines Rudels versteht, hat ein anstrengendes Leben: Ständig muss er Entscheidungen treffen. Wohin führt er das Rudel? Was steht auf dem Tagesprogramm? Nähert sich Gefahr? Sind alle satt? Es ist nicht einfach, für ein Rudel verantwortlich zu sein. Viel angenehmer ist es für einen Hund, wenn er ein geliebtes, aber rangniederes Tier des Rudels sein darf. Schwierige Entscheidungen wie „Flucht?“, „Kampf?“ etc. werden ihm von den Alpahtieren (den Eltern!) abgenommen. Er kann sich an ihnen orientieren und sich komplett entspannen, da er nicht für wichtig Entscheide verantwortlich ist.

Nun passiert es aber laut Fennell oft, dass Hunden tagtäglich unzählige Male unbeabsichtigt vermittelt wird, dass sie die Rolle des Alphatieres innehaben: Wenn sie sich an die Tür stellen, gehts auf ne Hunderunde, wenn sie den Ball bringen, spielt der Mensch mit ihnen etc. (das Alphatier bestimmt den Tagesrhythmus), sie werden gefüttert, bevor die Menschen essen (das Alphatier frisst wann immer möglich genügend, damit es bei Kräften bleibt), sie werden bei jedem Wiedersehen überschwänglich begrüsst (im Wolfsrudel begrüssen die Kleinen die heimkehrenden Eltern voller Freude, nicht umgekehrt.), man zirkelt um sie rum, wenn sie so gemütlich im Flur auf dem Sonnenfleck liegen (das Alphatier geht seinen Weg, anpassen müssen sich die andern), sie stürmen als erstes aus dem Haus um Besucher zu begrüssen oder den Postboten zu verjagen (das Alphatier sichert den Familienplatz ab und entscheidet, ob sich Freund oder Feind nähert), der Hund liegt auf dem Sofa (die guten Plätze mit Aussicht müssen dem Alpha gehören, damit er die Umgebung im Auge behalten kann). Die Aufzählung liesse sich noch weiter fortführen.

Wenn Hunde nun aber über weite Strecken als Alphas behandelt werden, müssen sie Alphas sein, ob sie wollen oder nicht. So haben dann diese unfreiwillig zu Alphatieren „ernannten“ Hunde eine unangenehme Aufgabe gefasst, welche zu erfüllen sie nicht imstande sind. Die Folge: Gestresste Tiere, welche mit der Situation heillos überfordert sind. Sie können zu nervösen Kläffern werden, welche alles und jeden verbellen, sie haben Mühe, tief und entspannt zu schlafen, sie sind unter Strom, wenn sich Rudelmitglieder aus ihrem Wirkungskreis entfernen, weil sie sie dann nicht „beschützen“ können und vieles mehr.

Die „Therapie“ ist (theoretisch jedenfalls) einfach: Der Mensch verlässt als erster das Haus. Der Mensch nimmt sich seinen Raum, der Hund passt sich an („Aus dem Weg bitte.“, „Weg hier, ich möchte hier sitzen.“). Der Hund liegt nicht erhöht. Anmerkung: Nicht jeder Hund benötigt die gleiche Menge „Hinweise“. Viele Hunde bleiben absolut liebenswürdig, auch wenn man ihnen beispielsweise ein Plätzchen auf dem Sofa zugesteht. Durch diese und weitere kleine Massnahmen wird dem Hund jedoch täglich klargemacht, dass sein Platz weit unten im Rudel ist, und so kann er sich entspannen. Es ist ein menschlicher Irrtum zu meinen, dass es nicht schön sei, ein rangniederes Tier des Rudels sein zu dürfen. Das oft  im Zusammenhang mit Hunden gehörte „Er muss wissen, wer der Meister ist“, wird mit solchen Massnahmen artgerecht und liebevoll vermittelt. Es hat nichts zu tun mit brutalem „auf den Rücken legen“, schlagen oder anderer grober Behandlung, welche oft als Nachtrag zu diesem Satz genannt werden.

Und was lernen wir daraus für unsere Menschenwelpen? Anders als Hunde streben wir ja bei ihnen langfristig grösstmögliche Selbständigkeit, also Alphaqualitäten an. Sie „klein zu halten“ kann nicht im elterlichen Sinn sein. Ich für meinen Teil kann aber doch einiges adaptieren. Zum Beispiel, dass kleine Kinder nicht allzuviele Entscheidungen treffen sollten. Weil sie das einfach überfordert. Sie können noch nicht alle Eventualitäten ihres Handelns abschätzen, ihnen die Führung des Rudels anzuvertrauen wäre für alle Beteiligten eine Katastrophe.

So kann man beispielsweise fragen: „Willst du warme oder kalte Milch über deine Frühstücksflocken?“ Wenn das Kind dann meint, es möchte lieber Stullen, ist das auch ok. Es hat ohne Auswahlstress seine Vorliebe gespürt, welche zudem adäquat ist. Es wird aber schwierig, wenn ich frage, ob es Müesli (Haferflocken, Dinkelpops oder Apfel-Zimt-Knuspermüesli), Brot (mit Konfitüre, Honig oder Käse) oder ein Ei (Rührei, Spiegelei) haben möchte. Ich versuche, keine Fragen zu stellen, welche keine sind: „So, der Hund sollte raus. Gehen wir los? Kommst du bitte?“ Vielmehr ist der nächste Programmpunkt klar: „In 10 min gehen wir mit dem Hund raus. Beende bitte langsam dein Spiel.“ Das Kind darf entscheiden, ob es sein Laufrad mitnimmt oder zu Fuss kommt, was dann auch die Route ergibt (Asphaltstrasse oder Waldweg). Zähne werden geputzt, die Zahnpasta darf das Kind auswählen. Vorausschauend versuche ich, dem Kind gut zu treffende Auswahlmöglichkeiten zu geben, mit welchen ich, egal wie die Wahl ausfällt, gut leben kann.

Als Leitwölfin und Mutter bin ich verantwortlich dafür, das Leben für mein Rudel angenehm und unkompliziert zu gestalten, damit sich alle wohlfühlen können.

Zum Schluss ein schönes Zitat (gefunden hier):
Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins. (Marie von Ebner-Eschenbach)

*Das Bild stammt übrigens aus alten Tagen. Als die Schöne noch bei uns lebte und weit und breit – von Besuchskindern abgesehen –  noch keine kleinen Menschen meine Leitwolf-Kompetenzen täglich überprüften und einem Intensivtraining unterzogen.

10 Kommentare zu „Leitwölfe {Alpha}“

  1. So gute Gedanken. Ich handhabe das auch so, dass die Kinder sinnvolle Wahlmöglichkeiten bekommen. Dennoch ertappe ich mich leider (!) oft genug, auch mal ziemlich bescheuerte Wahlmöglichkeiten zu stellen, eben solche, die sie nicht entscheiden können. Dann ärgere ich mich über mich selbst und versuche das Ruder noch rumzureißen.
    LG Bianca

    Gefällt mir

  2. Liebe Frau Krähe, danke für diesen Beitrag! Ich finde das Bild vom Alpha-Tier sehr hilfreich und werde mir mal ein Buch von Jan Fennen besorgen (mein Mann träumt davon, dass wir eines Tages eines Hund halten) . Aber zurück zu den Menschen-Welpen. Jesper Juul spricht davon, dass Kinder unsere „Substanz“ spüren und diese ihnen Sicherheit und Führung gibt. Seither geht mir das nicht mehr aus dem Sinn mit der Substanz und es macht mich glücklich, immer weiter danach zu streben. Herzliche Grüße, Uta

    Gefällt mir

  3. 1. wäre ich, unglaublicher hundeangsthase (in einem maße nämlich, dass es mir echt schon peinlich ist, aber irgendwie will sich daran langfristig nichts ändern, weil … kommt gleich), unheimlich dankbar, wenn mehr menschen ihren hunden ihre rolle als nicht-alpha-tiere zuzuweisen in der lage (oder überhaupt willens?) wären. dann hätte ich nicht immer wieder so unschöne begegnungen, die mich immer wieder schnurstracks zurückwerfen, wenn ich gerade einmal denke, aha, jetzt ists wirklich ein wenig besser geworden und ich fürchte mich nicht so absurd. (gerade ists ganz mies leider.)
    2. bin ich genau deiner meinung, was die kinderfrage betrifft. allerdings passiert es mir immer wieder, dass ich zu viele auswahlmöglichkeiten gebe und v.a. auch da welche „anbiete“, wo eigentlich gar keine sind. ein besonders feiner impuls also, weil einfach in kleinen schritten wieder bewusster machbar und mit viel potential in richtung allseitiger zufriedenheit miteinander.

    Gefällt mir

  4. Am Anfang dachte ich, wie jetzt? Wölfe? Rudelsführer? Ernsthaft? Dann hast du es aber sehr schön erklärt, was du damit verbindest. Mit deiner Version kann ich mich sehr gut anfreunden – und finde auch, dass Kinder mit zu vielen Entscheidungsfreiheiten schnell überfordert sind. Wir Erwachsenen ja eigentlich auch. LG mila

    Gefällt mir

  5. In meiner Zeit als Alphawölfin musste ich immer wieder feststellen, dass meine Position absolut davon abhängt, wie souverän ich mich selbst fühle. Wie oft hab ich gestöhnt, wenn das Kind gerade dann besonders aus der Spur lief, wenn ich mich schwach und unsouverän fühlte. Dann dachte ich immer: nicht das jetzt auch noch, wo es mir doch eh schon elend geht. Heute, mit einem Präpubertier zuhause, ist viel deutlicher sichtbar, was das zu bedeuten hat: wenn du schwach bist, muss ein anderer das Rudel führen. Und das geht gleichermaßen gründlich schief, wenn es sich dabei um Kind oder Hund handelt, weil es beide überfordert. Provokation ist so oft nichts anderes als Verunsicherung und Hilflosigkeit – ob jetzt gschrieen und Türen geknallt oder gekläfft wird. Ja, da gibt es sehr viele Parallelen.
    Wenn meine Souveränität schwächelt, dann fangen hier die Diskussionen an. Dann heißt es,sich zusammenreissen und wiedre aufrecht stehen.
    Mir tun Kinder leid, die Alphatiere sein müssen und ebenso Hunde – wobei letztere eben wirklich gefährlich werden können. Leider lassen sich gerade die Eltern und Besitzer von solchen kleinen kindlichen und hündischen Diktatoren am wenigsten in ihrer Erziehungsüberzeugung erschüttern. Da werden 60kg schwere Zähnefletscher mit Streicheln und Dutzi-Dutzi bestärkt und der Mann schläft eben auf dem Sofa, wenn ihn der Kangal nicht mehr ins Ehebett lässt. Und manche Mütter nehmen eher Psychopharmaka gegen ihre Auslaugung wegen unendlicher Diskussionen, als Mal Protest auszuhalten und öfter klare Ansagen zu machen.

    Herzlich, Katja

    Gefällt mir

  6. danke für diesen (besonders im hinblick auf hunde) so interesanten text!

    dieses fragenstellen, wenn ich eigentlich auffordern will, ist wirklich sehr irritierend, nicht nur für kinder (ich arbeite mit geistigbehinderten erwachsenen). wenn dann eins auf die frage hin „kommst du bitte?“ mit „nein“ antwortet, muss ich das – als ursprünglich ja fragestellende – auch akzeptieren. oder eben von vorneherein auffordern statt zu fragen. das klingt immer sehr ungewohnt, weil dieses pseudohöfliche bitten so üblich ist.

    Gefällt mir

  7. Danke für diesen Text, er spricht mir aus dem Herzen und gleichermassen erkenne ich mich in Katjs-Raumfees beschriebenen Situationen. Ja, nichts ist grusliger als Eltern, die aus lauter Angst, ihrem geliebten Kindelein etwas negatives zuzumuten, jeden Schi… ausdiskutieren (das Kind heillos überfordern) und über die Tyrannen stöhenn, die ihnen das Leben diktieren. Uh! Lieben Gruß, Eva

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s