10 Gründe, weshalb du einen Clan brauchst

Der Mensch – ein Rudeltier

Homo Sapiens ist nicht gerne alleine. Kinder schlafen bevorzugt im Elternbett, Jugendliche sind per Smartphone fast rund um die Uhr mit ihren Freunden in Kontakt und Erwachsene teilen sich Wohnungen und Büroräume. Soziale Kontakte prägen unser Dasein. Vom ersten Tag an.

Der Mensch hat während Jahrtausenden eng mit seinen Mitmenschen zusammengelebt. Jäger- und Sammlerkulturen lebten und leben in Gruppen. Die Gruppe schützt und stärkt das Individuum. Wer den Kontakt zu seiner Gruppe verliert, ist verloren. Unsere Kleinsten „wissen“ das genau. Sie setzen alles daran, mit ihren Bindungspersonen in Kontakt zu bleiben. Sich irgendwohin legen lassen? Alleine schlafen? Undenkbar! Viel zu gefährlich!

Die moderne Kleinfamilie ist eine neue Erfindung. Noch vor gar nicht langer Zeit haben gewöhnlich mindestens drei Generationen unter einem Dach gelebt (nicht nur in bäuerlichen Strukturen). Zudem wurde die „Kernfamilie“ ergänzt von Angestellten/Dienern/Knechten/Mägden und weiteren Verwandten, wie beispielsweise unverheirateten Frauen, Menschen mit geistig-kognitiven Beeinträchtigungen, Mündeln und anderen. Privatsphäre gab es kaum, Konflikte waren an der Tagesordnung.

Dennoch war und ist es gerade für Eltern in vielerlei Hinsicht von Vorteil, in eine grössere Gruppe eingebettet zu sein: Kinder müssen rund um die Uhr betreut werden. Kinder sind anstrengend. Gleichzeitig kann es auf intellektueller Ebene ätzend langweilig werden, Tag für Tag mit Kleinkindern alleine zu sein. Kinder torpedieren die Privatsphäre. Mal wieder alleine gemütlich auf dem Klo sitzen und in einem Büchlein blättern? Fehlanzeige! Alleine bist du dort selten, und wenn doch, so ist es sicher nicht gemütlich, weil du annehmen musst, dass dein Kleinkind währenddessen irgend etwas anstellt.

Wenn du mit Kindern zusammenlebst, brauchst du starke Nerven. Damit dir diese lange erhalten bleiben, benötigst du erholsame Nächte und auch tagsüber regelmässig kleine Pausen. Momente, die nur dir gehören und in welchen du durchatmen kannst. Du brauchst helfende Hände. Du brauchst manchmal auch nur jemanden, der dir sagt, dass das, was du gerade erlebst, wirklich anstrengend ist. Du brauchst jemanden, der dir sagt und zeigt, dass es auch bald wieder anders wird, das Leben. Du brauchst einen Clan.

Mütter zwischen Kindern, Haushalt und Beruf

Gerade hier in der Schweiz gibt es noch viele Frauen, welche sich mit Geburt ihrer Kinder weitgehend aus dem Berufsleben zurückziehen (nicht zuletzt, weil in der Schweiz die Betreuung der Kinder durch eine Kita sehr teuer ist). Sie verbringen dann während Jahren die meisten Stunden der Woche alleine zuhause mit ihren Kindern. Auch wenn diese Form der Arbeitsteilung bewusst gewählt wurde und viele Vorzüge beinhaltet, ist die Gefahr der Isolation für diese Frauen gross.

Nicht besser ergeht es Müttern, welche trotz Kindern zu einem grossen Teil oder voll berufstätig geblieben sind. Sie möchten die verbleibenden Stunden mit ihren Kindern in vollen Zügen geniessen und sind zögerlich, wenn es darum geht, die wertvolle freie Zeit, welche sie mit ihren Kinder verbringen, mit Spielverabredungen und anderen Terminen zu besetzen. Auch sind durch die Berufstätigkeit weniger Stunden für Haushalt und soziale Verpflichtungen vorhanden. Sich mit anderen Müttern zu verabreden ist eine logistische Herausforderung und scheitert letztlich oft am Gefühl, gar keine Zeit für so einen „verplemperten Nachmittag“ zu haben. So sind auch Frauen, welche zwar beruflich gut vernetzt sind, als Mütter meist mit ihren Kindern und dem Haushalt alleine und entsprechend isoliert.

Die Kinder selbst sind durch Kindergarten und Schule meist gut vernetzt. Sie besuchen einander gegenseitig. Dies allein ist aber noch kein Clanleben. Die kleineren Kinder und die Eltern profitieren davon nicht massgeblich.

Wer gehört zu deinem Clan?

Du bestimmst, wer zu deinem Clan gehört.

Dein Clan kann sich aus Familienmitgliedern zusammensetzen. Wenn deine Eltern oder Schwiegereltern, dein Schwager oder deine Schwester oder sonst ein Verwandter in der Nähe wohnen und ihr ein gutes Verhältnis habt, hole ihn oder sie ins Boot. Frage um Hilfe und lass dich überraschen, wie gerne die meisten Menschen helfen, wo immer sie können.

Dein Clan kann sich aus Freunden, Bekannten und Nachbarn zusammensetzen. Nicht alle müssen selbst Kinder haben. Frage dich zuerst, was du schenken kannst, ohne dass du dir noch mehr aufbürdest. Vielleicht freut sich jemand, wenn er einmal pro Woche nicht für sich allein kochen muss, sondern bei euch an den Tisch sitzen darf. Vielleicht ist jemand glücklich, wenn sein Hund einmal pro Woche dich und dein Kind auf einen Spaziergang begleiten darf, während er noch im Büro sitzen muss. Es gibt viele Möglichkeiten. Knüpfe Beziehungen und lasse dich überraschen, wie auch du auf Unterstützung zählen kannst.

Verbünde dich mit anderen Familien. Schliesslich erlebt ihr alle ungefähr das Gleiche. Jede Mutter ist froh, wenn sie sich auf eine anstehende Tätigkeit konzentrieren kann und nicht gleichzeitig Kinder beaufsichtigen muss. Teilt euch das Backen der Weihnachtsplätzchen auf, putzt gemeinsam die Fenster eurer Wohnungen, helft euch aus mit Dingen, welche man nicht alle selbst besitzen muss (Lötkolben, Nähmaschine, Schwimmwesten für den Segeltörn, Schlafsäcke,…).

Vorteile des Clans für Eltern und Kinder

Gerade die bewusste Clanbildung mit anderen Familien beinhaltet grossartige Möglichkeiten.

  • Wenn dein Kind müde wird oder das ruhige Spiel bevorzugt, kann es sich jederzeit an einen ruhigeren Platz oder sogar zu dir zurückziehen. Du bleibst jederzeit abrufbar. Kinder wie Eltern lieben diese „lange Leine“. Weil du nicht die einzige Erwachsene vor Ort bist, kannst du entspannt stillen, trösten oder ein Kind auf dem Arm tragen; die Arbeit bleibt trotzdem nicht liegen.
  • Dein Kind liebt es, in einer altersdurchmischten Gruppen zu spielen. Es kann sich von älteren Kindern Fertigkeiten abschauen und ggf. ebenfalls ausprobieren oder die jüngeren mit seinen Fähigkeiten und seiner Hilfsbereitschaft beeindrucken. Dies ist ein grosser Unterschied zu Spielverabredungen, wie wir sie von Schulkindern kennen.
  • Gemeinsam Kinder zu betreuen, ist viel einfacher, als alleine nur für die eigenen Kinder da zu sein. Eine Hand, ein Arm, ein Ohr sind immer frei. Irgend jemand hat immer noch die Nerven zu trösten, eine Geschichte zu erzählen oder einen Schnürsenkel zu binden. Dein Kind lernt ganz entspannt neue Erwachsene kennen, welchen es vertraut. Es erweitert sein Beziehungsnetz und erlebt, dass immer jemand verlässlich auf seine Bedürfnisse reagiert.
  • Innerhalb deines Clans kriegst du keine Rat-Schläge, sondern offene Ohren und Verständnis. Du darfst über deine Frustrationen, deine Ängste oder ganz praktische Probleme sprechen. Ein funktionierender Clan fängt dich auf, auch wenn es mal nicht so rund läuft.
  • Ein gemeinsamer Nachmittag, vor allem im Freien, macht müde und glücklich. Eltern lieben diese Kombination, vor allem im Hinblick auf die darauf folgenden Abendstunden.
  • Dein Clan informiert dich ganz nebenbei über wichtige Kleinigkeiten: Weshalb Sonnencreme X sich bewährt hat, dass nächste Woche im Gemeindezentrum ein Kasperletheater aufgeführt wird und wer ein nicht mehr benötigtes Laufrad zu verschenken hat.
  • Alleine mit zwei Kindern ein Feuer zu machen, ist ganz nett. Neun Kinder ohne die Hilfe von Erwachsenen ein Feuer machen zu lassen und sie dabei heimlich zu beobachten, ist hingegen grandios.
  • Niemand weiss, welche Überraschungen ein gemeinsamer Nachmittag bereithält. Der kleine Unfall mit dem Taschenmesser, der tote Vogel hinter dem Komposthaufen, der gewagte Sprung vom Findling ins Gras: Echte Erlebnisse hallen lange nach.
  • Wenn alle Kinder friedlich spielen, kannst du endlich wieder einmal entspannt Kaffee trinken und mit befreundeten Eltern plaudern. Oder im Liegestuhl 20 min dösen und wissen, dass immer jemand ein Auge auf die Geschehnisse hat.
  • Und das Beste: Mit einem Clan erfährst du, dass du nicht alleine bist.

Vom Traum zur Realität

Hast du Sehnsucht nach (d)einem Clan gekriegt? Im nächsten Post werde ich dir erzählen, wie aus Träumen Wirklichkeit wird. Ich verspreche es dir jetzt schon, es ist viel einfacher, als du denkst.

Falls du konkrete Fragen zur Clanbildung hast, schreibe sie doch als Kommentar unter diesen Text. Dann kann ich im nächsten Post darauf eingehen.

Oder hast du bereits einen starken Clan?

10 Kommentare zu „10 Gründe, weshalb du einen Clan brauchst“

  1. Danke für diesen tollen Artikel!
    Bisher habe ich noch kaum etwas Lesenswertes zum Thema Clans/Mütter-Teams online finden können.
    Meine Fragen wären:
    – Was ist, wenn das anderthalbjährige Kind sehr auf die exklusive Aufmerksamkeit seiner Mutter besteht und deshalb solche Treffen anstrengend findet, da es die Aufmerksamkeit eben teilen muss?
    Ist das eine Frage der Gewöhnung?
    – Wo findet man Gleichgesinnte?
    – Wie groß ist ein Clan idealerweise?
    – Wie fängt man an?
    – Welche Möglichkeiten bietet ein Clan wenn ein Elternteil und/oder ein Kind krank ist? –> Das ist für mich als Mutter in Elternzeit und ohne Clan bislang die größte Herausforderung gewesen. Denn den Menschen, die selbst Kinder haben, wollte ich ungern ein krankes Kind zumuten (Ansteckung und so, die meisten waren froh gerade mal selbst gesund zu sein).

    Wäre total genial über all das mehr zu erfahren!
    Bin sehr gespannt 🙂

    Viele Grüße,
    Katharina

    Gefällt 1 Person

  2. Ich bin gespannt auf deinen nächsten Text, denn ein Clan wie du ihn beschreibst ist sicher super, aber wie findet man ihn?

    Viele Menschen haben halt eben doch nur Freunde und Familie, die Rat-Schläge geben und vieles anders sehen. Und gerade wenn die Freunde Kinder haben, was für das Clan-leben ja super ist macht das einiges schwerer. Dann sind da häufig ganz andere Überzeugungen und Ansichten und man will die Kinder nicht miteinander erziehen.
    Neue Freunde mit ähnlichen Ansichten, die dann am besten auch noch in der Nähe wohnen finden sich auch nicht so schnell, denn unsere Lebensart ist einfach nicht die Norm.
    Die anderen Eltern arbeiten den ganzen Tag, die Kinder sind in Schule, Kindergarten und Krippe, am besten schon direkt nach der Geburt. Wann soll man sich den da bitte am Lagerfeuer treffen?

    Die Theorie ist so einleuchtend und super, wäre da nicht die Umsetzung.

    Gefällt mir

  3. Ich hatte meinen Clan. Es war aber leider eine Illusion und er ist Geschichte. Gerne würde ich wieder Teil einer Gemeinschaft sein. Allerdings ist es nicht ganz so leich eine passnede zu finden, welche ein Mitglied wie mich haben möchte. Frauen vernetzen sich besser. Für Männer ist es kompliziert.

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Martina, danke für deine Zeilen. Wunderbar geschrieben und in Form gebracht. Ich bin sehr, sehr gespannt auf den nächsten Beitrag.
    Top – let’s go artgerecht 🙂

    Gefällt mir

  5. Liebe Martina,
    wow! Was für ein toller neuer Abschnitt in Deinem Leben. Ich bin begeistert, von Deiner neuen Webpräsenz aber auch vom Artgerecht-Konzept. Das kannte ich noch nicht und ich finde es sehr sehr überzeugend. Ich habe mich auch schon immer darüber geärgert, wie unnatürlich die moderne Lebenssituation für eine Familie ist. Leider haben wir kein großes Haus mit Garten, wo wir Leute einladen könnten… Aber danke mal wieder für den tollen Denkanstoß! Ich werde dir jetzt hier auffällig unauffällig folgen, und wünsche Dir natürlich auch viel Erfolg bei Deiner Couching-Tätigkeit.
    Alles Liebe,
    Frederike

    Gefällt mir

  6. dazu habe ich kürzlich auch einen Text geschrieben, als Frau ohne Kinder… jeder braucht ein Dorf, eine Crowd, ein Rudel, einen Clan, .. adoptiert die Singles 😀

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s