Die Kinder von Bullerbü

 

Blick ins Hühnerhaus

Die Henne „sammelt“  wie jeder andere Vogel über mehrere Tage Eier, bevor sie das Brüten beginnt. Das hat zur Folge, dass alle Küken am selben Tag schlüpfen. Gestaffelter Schlupf würde die Henne überfordern: mobile Küken bewachen, neugeschlüpfte Küken wärmen und Eier bebrüten ist schlichtweg unmöglich. Und deshalb tummelt sich in unserem Hühnerhaus jetzt eine hinsichtlich des Alters homogene kleine Kükenbande.

Trugschluss Homogenität

Was fürs Hühnervolk gut und recht ist trifft auf Menschenkinder nicht zu. Kinder sind in altersgemischten Kindergruppen bestens aufgehoben. Die gängige Praxis, Kinder nach Alter zu trennen, ist sehr neu und nicht wirklich sinnvoll. Auf den ersten Blick verspricht dieses Splitting zwar gerade in schulischen Bereichen eine Vereinfachung und Übersichtlichkeit (Gleiches zu Gleichem), was aber in der Realität nicht eingelöst werden kann. Jedes Kind entwickelt sich mit seinem eigenen Tempo. Körperlich sowohl auch intellektuell, seelisch, emotional.

Wurzeln und Flügel: erste Schwungfedern

Die altersgemischte Kindergruppe hingegen ist ein wunderbarer Lebensort für Kinder, wenn sie sich mit ungefähr zwei, drei Jahren aus dem Radius der Mutter (und anderer enger Bezugspersonen) hinaus wagen in die Welt.

Kleine Kinder können die grösseren beobachten. Sie staunen über deren Fähigkeiten und Mut, schauen sich das Eine und Andere ab, und werden angespornt, Neues auszuprobieren, z.B. bis zu diesem Zeitpunkt verschmähte Nahrungsmittel. Die Bewunderung und Verehrung ist (fast) grenzenlos.

Die grossen Kinder hingegen geben Spiele vor, handeln Regeln aus, helfen den Kleinen, trösten sie bei Bedarf und haben ein Auge auf sie.

Herbert Renz-Polster nennt diese beiden Pole „nach oben strecken und nach unten beugen“. Beides fordert und fördert die Kompetenzen der Kinder. An einem anschaulichen Beispiel zeigt er auf, dass im Spiel von unterschiedlich alten Kindern längere Konzentrationsphasen möglich sind: Wenn man zwei noch schlecht werfenden und fangenden Vierjährigen einen Ball gibt, ist der Spass nach kurzer Zeit vorbei. Findet aber ein Vierjähriger einen Siebenjährigen für das Ballspiel, kann er auf sauber zugeworfene Bälle hoffen, während das grössere Kind seinerseits herausgefordert ist, die schlechten Würfe zu fangen. Ein grosser Spass für beide.

Das Spiel in gemischtaltrigen Gruppen wird konzentrierter und kreativer, merklich schwächer ausgeprägt ist hingegen der Konkurrenzdruck, den Kinder oft austragen und aushalten müssen, wenn sie sich unter Gleichaltrigen aufhalten.

„Dafür hat mein Kind Geschwister.“

Natürlich finden sich die oben genannten Qualitäten auch in Geschwisterkonstellationen. Der grosse Unterschied ist aber, dass die jeweilige Rolle sich innerhalb einer Familie nicht mehr verändert. In die Kindergruppe wächst das Kind hinein. Anfangs gehört es zu den Kleinen, wird mitgeschleppt und mit viel Grosszügigkeit bedacht. Später lebt es im „Mittelfeld“ und erlebt die Veränderung seines Status’, bis es schliesslich zu den Grossen gehört, welche die Gruppe anführen. Das ist ein gesunder Prozess, ganz im Gegensatz zu den Schulbiografien, wo allzu oft die Position ganz früh und sehr undifferenziert festgelegt wird (Klassenbester, Klassenclown, Klassenschlusslicht,…) und dann nicht selten während der gesamten Schulzeit beibehalten wird. Und manchmal sogar in weitere Lebensbereiche und ins Erwachsenenalter mitgeschleppt wird. Auch das Zusammentreffen von Kindern auf einem Spielplatz kann normalerweise nicht als das Spiel einer gemischtaltrigen Kindergruppe betrachtet werden, da einander unbekannte Kinder meist kaum miteinander agieren und dadurch die beschriebenen positiven Effekte wegfallen.

Meine persönlichen Wow-Momente

Der aktive und gross gewachsene fünfjährige P. findet in einem zwei Jahre älteren Kollegen endlich einen adäquaten Kampfgegner, die beiden geniessen es sichtlich, intensiv und freundschaftlich miteinander zu rangeln.

Der vierjährige S. ist ein eher ängstliches Kind. Weil er es aber schon öfters gemacht hat, fällt es ihm leicht, durch den kleinen Bach zu waten. Ganz im Gegensatz zu den anderen (auch älteren) Kindern. Er zeigt vor, wie es geht. Und wächst innerhalb von 3 Sekunden um rund 10 Zentimeter.

Zwischen der zweijährigen H. und dem vierjährigen E. besteht eine innige Freundschaft. Wieso? Keine Ahnung. So sitzen sie beispielsweise einhellig nebeneinander am Hühnerzaun und stecken geduldig Grashalme für die Hennen durch die Maschen, während die andern Kinder durchs Gras tollen.

Kinder unter sich

Tatsächlich ist das, was während Jahrtausenden die normalste Sache der Welt war, heute für Kinder in unseren Breitengraden selten geworden. Oder wann hast du das letzte Mal eine Gruppe Kinder alleine durch den Wald oder die Kiesgrube stromern sehen? Es bleibt zu wünschen, dass wir wieder lernen, unsere eigene Angst im Zaum zu halten (Ja, draussen ist es gefährlicher als vor dem Fernseher und ja, wer nachmittagelang in Kindergruppen spielt, kann nicht gleichzeitig Frühfranzösisch und drei Instrumente lernen und sich dadurch einen vermeintlichen Wettbewerbsvorsprung verschaffen).

Auch versteht es sich von selbst, dass Gruppen mit ganz kleinen Kinder nicht sich selbst überlassen werden. Ich jedenfalls würde meinem Vierjährigen niemals die Verantwortung für seine kleine Schwester übertragen. Auch wenn das anderswo auf der Welt gang und gäbe ist.

begleitete Kinder

Ich wünsche mir sehr, dass meine Kinder sich einst in Gruppen bewegen werden, wo weit und breit kein Erwachsener zugegen ist. Jetzt im Moment macht unsere Anwesenheit noch Sinn.

Wir Eltern schaffen den Rahmen, achten auf eine adäquate Spielumgebung. Danach versuchen wir, uns überflüssig zu machen. Es ist nicht die Idee, dass wir als Animatoren auftreten. Die Kinder sollen ihre eigenen Spiele, ihre eigenen Lösungen finden. Aber wir sind da, wenn es uns braucht. Und so paradox das klingen mag: Auch wenn wir uns bei den Kindern sehr zurücknehmen und vielmehr den Austausch miteinander geniessen, so bleiben wir doch mit den Kindern in Kontakt. Nie stört ein Kind, wenn es bei uns bleiben möchte oder nach einer Zeit wieder unsere Nähe sucht, weil es beispielsweise stillen möchte oder einfach ein bisschen auf Mamas Schoss die vielen Reize verarbeiten will. Wir verbringen unsere Clan-Zeit mit den Kindern, wenn auch in einer sehr offenen, freien Form.

Gerade diese Präsenz der Mutter unterscheidet den Clan von Spielgruppenbesuchen und anderen Angeboten für das Kind. Die Müttergruppe, kombiniert mit der gemischtaltrigen Kindergruppe ist gerade für sehr scheue, klammernde, introvertierte,… Kinder eine riesige Chance. Sie werden nicht gezwungen, sich zu lösen, sondern dürfen sich für ihre Schritte soviel Zeit lassen wie sie möchten. Durch die Altersdurchmischung wird ein Kind, welches sich anfangs noch schwer tut mit den andern Kindern, auch viel weniger mit den mutigeren verglichen, Erwartungen und unbewusster Druck verschwinden.

kein neuer Trend

Das Leben in der altersgemischten Kindergruppe war für kleine Homo Sapiens während Jahrmillionen die Normalität. Menschenkinder sind noch heute genetisch perfekt an diese Situation angepasst. Sie ist deshalb kein entwicklungspädagogischer Trend, sondern ganz einfach ein uralter, artgerechter Rahmen für Kinder.

Literaturtipps

Wenn du mehr über altersgemischte Kindergruppen lesen möchtest, wirst du bei Herbert Renz-Polster fündig. In seinen Büchern „Menschenkinder“ und „Kinder verstehen“ (beide Köselverlag) behandelt er dieses Thema ausführlich.

Ausblick

Ich freue ich mich auf das Fotoprojekt 12 von 12, wo ich dir einen kleinen Einblick in meinen Sonntags-Alltag geben werde. Nächste Woche dann schreibe ich über die Natur als perfekten Spielraum für Kinder. Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Wie ist das bei dir?
Hat dein Kind ältere und jüngere Freunde?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s