10 Gründe für Wäscheberge, zerkratzte Hände und Sand im Bett

Kinderwetter?

„So’n Sch****wetter, da kann man ja nicht raus. Schon gar nicht mit kleinen Kindern.“ Diesen und ähnliche Sätze höre ich oft. Während der letzten nassen Tage. Im kalten Winter. Während des Tauwetters im Frühling und im stürmischen oder nebligen Herbst. Sommer gefiele den meisten Menschen, wären da nicht die gefährliche Sonne, die Zecken und die unangenehme Hitze.

„Meine“ Müttergruppe trifft sich grundsätzlich draussen (darüber habe ich schon geschrieben). Neben praktischen Gründen ist ein Aufenthalt in der Natur mit Kindern für mich immer die erste Wahl.

10 gute Gründe

1. Draussen sein ist gesund. Draussen kann das Kind sich herrlich austoben und seinen Bewegungsdrang befriedigen. Schnupfennasen können nach einem Aufenthalt in der kalten Winterluft wieder durchatmen, das Sonnenlicht ist wichtig für ausreichende Vitamin-D-Versorgung. Das Immunsystem wird aufgebaut, das Tageslicht reguliert den Tag-Nacht-Rhythmus und vieles mehr. (Es gibt draussen tatsächlich auch Dinge, die nicht unproblematisch sind; Fuchsbandwurm, Sonnenbrand, Zecken und anderes. Bitte entsprechende Massnahmen treffen.) Und wenn tatsächlich mal ein Kind bereits hustet, vielleicht sogar leicht fiebert oder ähnliches, dünkt es mich, dass das Ansteckungsrisiko draussen kleiner ist als in einem geschlossenen Raum, wo alle „aufeinanderhocken“ und die wenigen Kubikmeter Luft miteinander teilen. Ein leicht(!) kränkelndes Kind unter anderen Kindern stört mich draussen tatsächlich viel weniger als in der Enge eines Kinderzimmers.

2. Wenn Kinder draussen spielen, ist kein einziges von ihnen über- oder unterfordert, sogar wenn sie ganz unterschiedlich alt sind. Jedes findet den kleinen Stein oder die hohe Mauer, wo ein mutiger Sprung gewagt werden kann. Während die einen Löwenzahnstiele zu Wasserleitungen zusammenstecken, kochen die andern mit Wasser und Gras „Gemüsesuppe“. Eines erkennt den Specht, ein anderes entdeckt den grossartigen Regenwurm.

3. Streit um Spiel-Zeug kommt in der Natur kaum vor. Es sind Steine im Überfluss vorhanden, welche aufgereiht, im Weiher versenkt, in Hosentaschen gehortet werden können. Jedes Kind findet einen Ast für den Schwertkampf. Der gefällte Baum bietet allen gleichzeitig Platz zum Klettern und Balancieren.

4. Die Spielmaterialien sind um Welten vielseitiger als herkömmliches Spielzeug. Die alte, morsche Holzlatte wird zuerst in der Matschküche als Gurke verkocht, später dient sie als Machete beim Pirschgang durch den Bärlauch, danach wird sie Tablett für die leeren Schneckenhäuser und vielleicht darf sie zum Schluss sogar noch eine geherzte Baby-Puppe sein. Alles kann alles werden: das Spiel ist frei, kreativ und phantasievoll.

5. Der Aussenraum ist multifunktional. Es braucht keine Leseecke, kein „Gumpi-Zimmer“, keinen Zvieritisch. Die Wiese verwandelt sich mit den Bedürfnissen der Gruppe vom Tobeplatz zur Kuschelzone und wieder zurück.

6. Die sensorischen Reize sind wundervoll. In die Baumkronen blinzeln, dem Vogelgezwitscher lauschen, die kitzelnden Gräser spüren, etwas Gundermann probieren, den Geruch feuchter Erde atmen: Alles ist wohltuend und nur in seltensten Fällen unangenehm. Nicht nur die Kinder profitieren von der Qualität der Sinneseindrücke, auch für die Eltern fühlt sich das phantastisch an. Ich zumindest bin jeweils ziemlich fertig, wenn mehrere Kinder in einer Wohnung um mich herumwuseln; zu viele Sinneseindrücke, zu viel Chaos, alles zu eng. Draussen entspanne und erhole ich mich trotz einer ganzen anwesenden Kinderhorde hervorragend.

7. Die Natur bietet basale Spielerfahrungen: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Alle Kinder werden von den Elementen magisch angezogen. Welch Glück, wenn sie dieser tiefen Freude und Faszination intensiv nachgehen dürfen. Welch Glück, sie dabei zu beobachten. Und die Wetter: laue Lüftchen, steife Brise, heftiger Sturm, liebliche Tröpfchen und prasselnder Regen. Zaghafte Strahlen, Sonnenglut. Schneeflocken und Hagel. Kinder bewerten Wetter noch nicht. Sie stapfen gerne durch den Regen, und solange sie warm eingepackt sind, macht ihnen auch Kälte nichts aus. Nach zwölf Jahren mit dem Hund weiss ich es: Es gibt nur ganz selten richtig schlimmes Wetter, wo man am besten zuhause bleibt. Nämlich wenn es gleichzeitig sehr nass, sehr kalt und sehr windig ist.

8. Ein Nachmittag in der Natur ist voller Überraschungen. Echte Entdeckungen werden gemacht. Ich selber liebe ganz besonders die Momente, wo auch ich als Erwachsene staune, rätsle, innehalte, oder vielleicht auch mal schockiert bin. Kinder lieben es, unsere Begeisterung, unser Interesse für die und an der Natur zu teilen. Natürlich spüren sie, dass meine Aufmerksamkeit eine andere Qualität hat, wenn sie mir aus dem Wald einen geheimnisvollen Schädelknochen eines Tieres anschleppen als die 95. Zeichnung eines Feuerwehrautos (welche mich aber natürlich auch sehr freut!).

9. Die Natur ist ein grossartiger Lehrer. Sie lehrt uns echte Konsequenzen: Zappel rum, und der Vogel fliegt weg. Zieh dir die Jacke nicht an, und dir wird kalt. Sei unachtsam beim Gang dem Waldrand entlang, und du berührst die Brennnesseln. Die Natur lehrt uns Geduld und tiefes Mitgefühl. Die Natur nimmt uns auf, wir können in ihr Teil eines grossen Ganzen sein. Gleichzeitig kann sie sich uns als unbeeindrucktes, stoisches, gelassenes Gegenüber entgegenstellen. Beides ist sehr wohltuend.

10. Wenn wir oft draussen sind, machen wir uns mit unserer Umgebung vertraut. Wir schliessen Freundschaften mit Orten, Pflanzen, Tieren. Wir lernen Gerüche und Geräusche kennen. Was wir kennen, lieben wir. Was wir kennen, wird unsere Heimat. Das ist wichtig für uns. Und auch für die Natur. Nur was wir kennen und lieben, sind wir bereit zu pflegen und zu schützen.

Literaturtipp

Wer mehr über Kinder und Natur lesen möchte, dem seien folgende Bücher empfohlen:
Richard Louv: Das letzte Kind im Wald (Herder Verlag)
Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen (Beltz Verlag)

Meine Literaturtipps sind übrigens einzig eine persönliche Empfehlung. Sie werden nicht bezahlt, gesponsert oder anderweitig werbetechnisch und/oder monetär genutzt.

Kinderwetter!

Die 10 Gründe hatte ich rasch beisammen. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wie siehst du das? Weshalb gehst du gerne raus mit deinem Kind?

Hinterlasse mir gerne einen Kommentar. Danach aber bitte: Weg vom Bildschirm, rein in die Gummistiefel und raus mit euch! Das Wetter ist ja gerade ausgesprochen fabelhaft. Wie jeden Tag.

Liebe Grüsse
Martina

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