Sterne

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Man sagt, die Sterne strahlen am Himmel. Wenn ich aber so hochschaue in einer wolkenlosen Sommernacht, und der ganze Himmel sternenübersät ist, mag es mir doch nicht gelingen, einen einzelnen genau zu betrachten. Wann immer ich einen besonders hellen auswähle, scheint er zu verglimmen und sich in die samtenen, beschützenden Falten des Universums zurückzuziehen. Die Kuppel vermag die unzähligen Sterne kaum mehr zu fassen, dicht aneinander gedrängt funkeln sie prächtiger als alle Schätze der Erde. Aber sobald man sich auf einen konzentriert, scheint sich dieser scheu zu verbergen, während die restlichen, wie man in den Augenwinkeln sieht, noch heller strahlen. Sterne wollen nicht beobachtet werden.

In meinem Zenit ballen sie sich zu ganzen Herden, während knapp über dem Horizont keine zu sehen sind. Ob sie die Menschen fürchten? Vielleicht schicken sie von Zeit zu Zeit Kundschafter herunter, welche aber immer nur bestätigen können, was alle Sterne bereits wissen. Dass die Menschen krank und verloren sind, aber dass sie doch noch Träume haben und sich sogar von Zeit zu Zeit nach einer Sternschnuppe sehen. Ich bräuchte eine solche, ganz dringend, aber ich schaue nicht mehr hoch, suche nicht mehr das Himmelsgewölbe ab, sondern setze meinen einsamen Gang fort durch die ruhig atmenden Felder.

Weitab der anderen leuchtet plötzlich ein kleiner Stern in der Wiesenböschung, ein gefallener Lichtbringer, ein verstossener Engel, vielleicht einer der Kundschafter und Boten. Ein Glühwürmchen ist’s, sitzt still zwischen den harten Stängeln und zarten Gräsern, und leuchtet wie ein Lotse in die Nacht hinaus. Durch seinen Chitinpanzer strahlt ein geheimnisvoll grünliches Zeichen. Zwei Punkte und parallel dazu zwei Streifen. Ob es das Signet wohl wie auf einer digitalen Anzeigetafel verändern kann? Wohl kaum.

Ich weiss nichts von Glühwürmchen, und von Sternen eigentlich auch nicht. Vielleicht weiss das Glühwürmchen mehr von ihnen, aber ich mag es nicht fragen. Es untersteht womöglich einer Schweigepflicht, Menschen gegenüber, und ich möchte es nicht in Verlegenheit bringen. Es kann aber auch sein, dass es einfach so im Gras sitzt, ohne sich um die Sterne zu kümmern, und geduldig auf einen Partner wartet. Aber was, wenn das alle tun? Wenn die Welt voll ist von im Dunkeln sitzenden Würmchen? Wer findet sie? Ich muss annehmen, dass die einen sitzen und leuchten, und die andern durch die Nächte reisen, auf der Suche nach dem hellen Schein. Ob sie wissen, wonach sie Ausschau halten müssen? Weder leuchte ich, noch habe ich eine Vorstellung vom Ziel meines Ganges durch die Nacht.

Über den Himmel wandert der gebündelte Strahl eines Scheinwerfers. Eigentlich dient er Werbezwecken einer Diskothek. Mir scheint es aber eher, als suche er das Firmament nach irgend etwas Verborgenem ab, als wolle er alle dunklen Verstecke ausleuchten. Weiss denn keiner, dass die Sterne so nicht mehr leben können? Dass sie durch das ständige Ausweichenmüssen ein Vielfaches an Energie verbrauchen? Dass sie so immer scheuer leuchten und schliesslich in Gebiete fortziehen werden, die vom Menschen noch nicht erschlossen sind?

Ich schaue hoch, knapp an den Sternen vorbei, damit sie sich nicht bedrängt fühlen und spreche ihnen leise mein Beileid aus. Bevor ich weiterziehe durch die Nacht, von der ich eigentlich nichts verstehe, wünsche ich dem Glühwürmchen, dass es recht bald gefunden werden möge. Um danach wieder heimkehren zu dürfen in das grenzenlose Universum, zurück zu den anderen Sternen.

ml. 04.07.1999

 

Diesen alten Text habe ich ausgegraben, nachdem ich vor einigen Tagen eine Hochzeitsnacht der Glühwürmchen erleben durfte. Ich gebe ihn hier unverändert wieder. Entstanden ist er im „Freikurs Schreiben“ bei Herrn Schneider, damals am Lehrerseminar. Einige wenige Lektionen waren das, welche mich bis heute nachhaltig geprägt haben. Tausend Dank an dieser Stelle an meine beiden wichtigsten Lehrer Schneider und Graf, welche sich an der Patentfeier damals, bereits etwas angetrunken, beinahe in die Haare gerieten, weil sie sich nicht einig wurden, ob man mich zum Weiterverfolgen der Schreiberei oder der Gestalterei anhalten sollte. Sie einigten sich auf den dringenden Rat, einfach bitte „möglichst lange nicht zu heiraten und mit dem Kinderkriegen zuzuwarten“ und ansonsten halt zu tun, was ich tun wolle. Mission accomplished. Das war einer der ganz grossen Momente meiner Schulzeit. Und er ist es bis heute.

Ich verstehe heute zwar nicht viel mehr von der Welt als damals, wohl aber hat sich die Grundstimmung meiner Seele, meines Fühlens und Denkens etwas verändert. Ich bin nicht mehr zwanzig Jahre jung, melancholisch-romantisch am Anfang meiner Suche durch das eigene Leben stehend. Deshalb möchte ich bald mit meinen heutigen Worten darüber schreiben, wie das kürzlich erlebte Naturschauspiel der Glühwürmchen meine Seele berührt hat.

4 Kommentare zu „Sterne“

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