der letzte Gang

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Triggerwarnung: Dieser Text beschreibt detailliert die Schlachtung von drei Schafen. 

 

Das Schlimmste sind die Tage davor. Dieses Countdown-Zählen. Etwas zu wissen, wovon sie keine Ahnung haben. Ich schäme mich. Fühle mich als Verräter.

Als der Tag da ist, gehts mir nicht gut. Aber ich verbiete mir Schwäche. Ihnen zuliebe. Ich funktioniere. Gehe Schritt für Schritt ruhig und zielgerichtet vor. Stelle morgens schon mal das mobile Gatterstück in den Stall, ich werde es mittags brauchen, um die drei Tiere eng stellen zu können. Dann darf nämlich keine Hektik durch ungewohnte Tätigkeiten aufkommen.

Als Saba dann dennoch misstrauisch reagiert, als ich, nach einer grosszügigen Handvoll Getreidefutter im Trog zur Ablenkung, den Zugang zur Weide versperre, und sie mich in Folge davon beinahe über den Haufen rennt, bricht mir der Schweiss aus. Bitte bitte bitte, jetzt kein Drama, kein Durchbrennen, kein Gatterüberspringen und ähnliches. Die Verlockung des Futters ist aber dann doch stärker. Ich kann die drei Schafe problemlos eng stellen, was sie ja grundsätzlich sehr mögen.

Ein Hoch auf unseren Freundeskreis! Weil wir keinen eigenen Tiertransporter besitzen und uns kein Schafhalter seinen Wagen ausleiht (zu Recht, unsere Tiere sind ja mit der hochansteckenden Moderhinke infiziert), fand sich die nahezu perfekte Lösung in Form eines Anhängers, welcher normalerweise für anfallendes Sägemehl einer Zimmerei benutzt wird. Der befreundete Zimmermann agiert zudem als Chauffeur und furchtloser Begleiter der Unternehmung.

Schon beim Verladen kommt uns seine Anwesenheit zugute. Zu zweit drei Schafe zu bewegen, und sind es auch nur einige Meter vom Stall zum Transporter, ist ungefähr so kompliziert wie die Geschichte mit dem Wolf, dem Schaf und dem Salatkopf auf der Fähre. Das haben wir beim Schafescheren mehr als einmal erlebt. Ein Schaf kann einfach nicht alleine sein. Unmöglich.

So betreten wir also zu dritt den Stall, der Zimmermann, der Gefährte und ich, während uns die drei Grazien, etwas misstrauisch, aber ganz ruhig, nicht aus den Augen lassen. Da sie schon eng stehen, muss nur einfach jeder von uns ein Schaf ruhig am Halsband fassen, und schon verlässt eine kleine, durchaus friedliche Prozession den Stall. Eine weitere Handvoll Getreide erleichtert den Einstieg in den Anhänger. Alles geht so rund und schnell von sich, dass wir es kaum glauben können.

Die nötigen Papiere sind eingesteckt, den Weg ins kleine Schlachthaus haben wir tags zuvor sicherheitshalber bereits einmal abgefahren. Der Gefährte kann es aber nicht lassen, mir während der Fahrt gut zuzureden. Er erklärt mir nochmals Dinge, die keiner Erklärung bedürfen. Seine gut gemeinten Worte kratzen empfindlich an meiner Selbstbeherrschung. Mir zittert wohl ein wenig das Kinn, und beinahe heule ich los. Barsch weise ich einen Gesprächsthemenwechsel an. Die Fahrt dauert rund 10 Minuten. Das kleine Schlachthaus liegt verlassen zwischen Feldern und Wald an einer Überlandstrasse. Dann und wann ein vorbeifahrendes Auto, ansonsten pure Idylle. Wir sind als Erste da und öffnen den Deckel des Anhängers einen schmalen Spalt breit. Die Schafe sind aufmerksam, aber neugierig. Von Angst oder gar Panik keine Spur. Saba stellt sich natürlich gleich auf die Hinterbeine und verschafft sich durch den Spalt einen kleinen Überblick. Unsere Wächterin und Beschützerin der kleinen Herde. Wer sonst. Wir warten im Spätsommerlicht, schwatzen über Nichtigkeiten.

Nach einigen Minuten trifft der Metzger ein. Er öffnet die grossen Schiebetüren des hohen, gekachelten Raumes, lässt einen Metallbalken von der Decke herunter, an welchen er drei grosse Metallhaken hängt. Jetzt trägt er eine grosse, weisse Plastikschürze und Gummistiefel, hantiert mit kleinerem Gerät, schleift Messer, spritzt den Boden mit einem Wasserschlauch gründlich ab. Seine Ruhe und Konzentration beruhigt mich. Jeder seiner Handgriffe sitzt. Da arbeitet ein Profi. Die letzte Nervosität und Unsicherheit, welche noch in mir herumgeflattert ist, verschwindet.

Auftritt Tierarzt. Lebendschau. Der Geländewagen mit vollbepacktem Kofferraum parkiert schwungvoll, der Tierarzt stellt sich auf die Radkappe des Anhängers und guckt ins Innere. Drei Schafe, lebendig, ok. Tierarzt ab.

„Jetzt könnt ihr sie bringen, nacheinander.“ Mehr Anweisung braucht es nicht. Ich schlüpfe in den Transporter. Saba steht zuvorderst. Ich reiche den Strick, der an ihrem Halsband befestigt ist, nach draussen, in die Hand des Gefährten. Er zieht ein bisschen, ich schiebe. Sie steigt problemlos aus, der Zimmermann spielt den Türwächter und verschliesst die Luke sofort wieder. Ich stehe im Dämmerlicht, die Hände an Sirahs und Karambas Halsbändern, während ich ihre Hälse mit jeweils einem Finger kraule.

Schon öffnet sich die Luke wieder, ich schiebe Sirah, die liebe, verschmuste, verfressene Sirah, etwas nach vorne. Der Gefährte übernimmt sie, und schon ist sie weg. Karambas Kopf halte ich nun in beiden Händen, ich kraule sie hinter ihren unsagbar schönen Ohren, beuge mich hinunter zu ihr, die mir lange Zeit die Liebste der Dreien war, und atme noch einmal den wunderbaren Geruch ihres Schafkopfes ein. Einige Flüsterworte. Dann wird es wieder hell, der Gefährte übernimmt Karamba, ich steige direkt hinter den beiden aus dem Transporter, blinzle ins Licht. Karamba braucht nur 3, vielleicht 4 Meter zu gehen, doch sie  zögert kurz. Vor ihr, auf dem Boden des Schlachthauses, liegen zwei grosse, braune Körper. Was weiss ich von Schafen, aber ich glaube nicht, dass sie versteht. Ich selbst verstehe es ja nicht einmal richtig in diesem Moment. Bereits übergibt sie der Gefährte dem Metzger. Schnell und ruhig setzt dieser den Schlachtschussapparat an. Und schon fällt sie.

Den drei Grazien werden Seile an jeweils einem Hinterlauf befestigt, diese wiederum an die vorbereiteten Haken gehängt, und dann wird der Balken hochgefahren. Es folgt der Kehlschnitt und die Tiere bluten aus. Wir entfernen die Halsbänder, und während der Gefährte sie unterm Wasserhahn sauber spült, trennt der Metzger den drei Tieren die Köpfe ab und beginnt anschliessend in friemeliger Arbeit, dem ersten Tier, beginnend am Hinterlauf, das Fell abzuziehen.

Wir verabschieden uns. Es ist keine halbe Stunde seit unserer Ankunft vergangen.

Ich bin alles: Aufgewühlt, beruhigt, erleichtert, dankbar, traurig, betroffen. Voller Gedanken und Gefühle und gleichzeitig furchtbar leer.

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(Für alle, welche hier noch nicht so lange mitlesen: Wir haben während beinahe zwei Jahren erfolglos versucht, die Moderhinke, eine äusserst schmerzhafte und ansteckende Klauenkrankheit, bei unseren Schafen auszumerzen. Weitere ungünstige Faktoren haben den Entschluss reifen lassen, uns von den Tieren zu trennen. Da verständlicherweise kein Schafhalter „Moderhinke-Schafe“ in seine Herde aufnehmen möchte und eine externe Moderhinke-Sanierung ungemein kompliziert und kostspielig gewesen wäre, entschieden wir uns schliesslich schweren Herzens und nach langem Hin und Her für die Schlachtung.)

 

6 Kommentare zu „der letzte Gang“

    1. Liebe Kathrin, ja, die drei Grazien fehlen mir. Ihr jeweils sehr individuelles Wesen, ihre Schönheit und friedliche Ausstrahlung. Aber die ganze tägliche Arbeit (Wasser, Futter, ausmisten, Zaunkontrolle,…) fehlt mir nicht. Der Frust, immer wieder ein Tier hinken zu sehen, fehlt mir nicht. Der Stress und die körperliche Anstrengung, ein rund 60kg schweres Tier einzufangen, hinzulegen und mit aggressiver Säure an den Klauen behandeln zu müssen, fehlt mir nicht. Die missgebildeten und schliesslich sterbenden Lämmer fehlen mir nicht. Das ständige Umzäunen fehlt mir nicht. Das Aufschrecken in der Nacht, wenn irgendwo ein Schaf blökt, fehlt mir nicht. Das Einfangen von Schafen, in den unmöglichsten Momenten zu unmöglichsten Tageszeiten, welche auf der Strasse stehen, fehlt mir nicht. Das und vieles andere mehr fehlt mir nicht. Und macht tatsächlich den Abschied etwas leichter.

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  1. Das ist eine traurige Entwicklung, aber nach allem, was du in den letzten Jahren beschrieben hast, auch eine Erlösung.
    Ja, das Schlachten von Tieren klingt grausam und letztlich ist es das ja auch.
    Im hiesigen Freilandmuseum wird das Schlachten eines Schweins als Sonderveranstaltung angeboten. Damit Menschen sich gut überlegen, woher ihr Essen kommt, wie es vorher gelebt hat, wie es getötet wird und dann entscheiden, ob sie das aushalten können. Wer das nicht aushalten kann, der darf auch kein Fleisch essen. Niemals.
    LG, Katja

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    1. Wie wahr. Nur bin ich immer etwas unsicher, wenn das Töten so ’nen „Eventcharakter“ bekommt. „Das muss man mal gesehen haben“ riecht nach Voyeurismus, Gaffertum. So wie heute jeder meint, eigenhändig ein Huhn töten zu müssen, gehöre zu einem „echten“ Survival-Erlebnis dazu. Das ist unter Umständen nur „Neandertaler-Rollenspiel“ ohne tieferes Weiterdenken. Was meinst Du?

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