Ich muss mich beschweren

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Letzthin habe ich ein Buch gekauft*. Es hat mich in vielerlei Hinsicht sehr enttäuscht:

Punkt 1: Das Buch sieht auf den ersten Blick ziemlich umfangreich aus. Es scheint also wirklich ein ganz normales Buch zu sein. Keine Broschüre. Kein Prospektchen. Die Schrift ist auch nicht grösser als in anderen Büchern. Dennoch hatte ich es nach zwei Tagen ausgelesen. Bis heute ist mir schleierhaft, wie das geschehen konnte.

Punkt 2: Man darf sich nicht täuschen lassen von der hübschen, harmlosen Aufmachung des Buches und seinem freundlichen, ebenso harmlosen Inhalt. Zwischen den Deckeln verbirgt sich eine Revolution. Ihr Ausmass erschliesst sich erst nach Tagen und Wochen, was sie besonders unberechenbar macht.

Punkt 3: Ich weine nicht gerne in der Öffentlichkeit. Dennoch hat dieses Buch genau das geschehen lassen. Ich habe geheult im Zug, auf dem Bahnsteig und auf der Parkbank. Vor Rührung. Vor Erkenntnis. Vor Lachen. Überwältigt von der Schlichtheit der Ideen.

Punkt 4: Dieses Buch beschreibt mein Lebensgefühl. Ich kann darin über mein eigenes Herumwursteln, meine eigenen Sorgen, meinen täglichen Stress lesen. Dafür muss ich doch nicht lesen, das kriege ich ja täglich frei Haus geliefert! Das Buch lässt dieses Chaos zudem auch noch in einem milden, gnädigen Licht strahlen. Wer Ratgeber liest, will doch knallharte Lösungsansätze. Neue Strategien. Komplett andere Welten (auch wenn sich diese erfahrungsgemäss kaum adaptieren lassen). Einen Anreiz, das Leben um 180° zu ändern und dem eigenen Schweinehund endlich den Hals umzudrehen. Das Buch liefert nichts davon. Schwach. Es ist eher wie eine weiche Kaschmirdecke, welche sich freundlich, warm und tröstend um die Schultern schmiegt und so Zuversicht und neuen Mut spendet. Als wäre das Leben ein Ponyhof. Und das kann doch nicht sein. Oder etwas doch? Aber das wäre ja noch schöner!

Punkt 5: Seit dieser Lektüre quillt mein Herz über vor Liebe für meine Kinder und unser Sein als Familie. Wie ich den ganzen Quatsch drumherum auf die Reihe kriegen soll, ist mir indes ein Rätsel. Wenn schon Ratgeber, dann aber bitte richtig! Inkl. „Wie schaffe ich es, endlich rechtzeitig zu Bett zu gehen?“ und „Was tun, wenn der Hund sich wieder mal nur von Katzenscheisse ernähren möchte?“ Schliesslich will ich gerettet werden. Komplett und ohne Wenn und Aber. Bitte auch ohne eigenes Nachdenken.

Punkt 6: Dieses Buch mit seinen Gedanken geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit der Lektüre leuchtet mein Nordstern richtig hell (soll gut sein für die Orientierung). Penetrant hell. Schmerzhaft hell. Zwischenzeitliches saloppes Südsteuern zu Bikiniatollen und seichten Gewässern ist kaum mehr möglich. Dabei wollte ich doch noch Eis essen gehen…

Punkt 7: Das Buch kann nicht sinnvoll verstaut werden: Es taugt nicht richtig als Erziehungsratgeber, dafür ist es zu frei geschrieben, zu persönlich. Es ist auch kein Roman, obwohl es zahlreiche Geschichten enthält. Als Stütze für den wackelnden Tisch ist es zu dick, als Blumenpresse zu dünn. Es ist zu schön für den Badewannenrand und aufgrund zahlreicher von mir selbst während des Lesens angebrachter Markierungen, Ausrufe-Post-it’s und hineingekritzelter Randbemerkungen dennoch nicht mehr zum Verschenken geeignet. Sowieso will ich es ständig griffbereit in der Nähe haben. Es wird also bis ans Ende meiner Tage ständig irgendwo im Weg herumliegen. Furchtbar.

Wer also noch Lesestoff sucht für die nächsten Wochen (oder Stunden, Siehe Punkt 1), der besorge sich doch „slow family, Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ von Julia Dibbern und Nicola Schmidt. Beschwert Euch dann aber nicht bei mir, wenn Ihr plötzlich zwischen Eisbären und Seelöwen segelt. Oder Euch beim seligen Barfusslaufen durch den ersten Schnee ertappt. Oder den Schwimmunterricht Schwimmunterricht sein lasst und stattdessen mit Euren Kindern durch Nachbars Garten robbt. Oder mit Wölfen tanzt resp. – unseren Verhältnissen angepasst – mit Fliegen spricht. Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt.

*Wie immer gibt es hier keine bezahlte Werbung. Der Text ist ohne das Wissen der Autorinnen oder des Verlages entstanden. Ich berichte, was ich möchte. Völlig frei und ohne persönlichen Vorteil oder irgendwelche Verpflichtung.

7 Kommentare zu „Ich muss mich beschweren“

  1. Himmelherrje, Du bist ja voll-kom-men verknallt! Schwangerschaftshormone bestimmt. So. Ich bestelle morgen das Buch (nicht online, ich darf doch sehr bitten, sondern im Buchladen meines Vertrauens, der so klein ist, dass sie zwar unfassbar viele großartige Bücherentdeckungen dahaben, aber viele eben auch nicht); im festen Vertrauen darauf, dass es mir nix anhaben kann.
    Und mit Fliegen rede ich eh schon. Und mit Nudeln auch, erst gestern. Also. Ich sehe da keinerlei Gefahr.

    Furchtlos
    Maike

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    1. (Übrigens ein großer Vertrauensbeweis meinerseits – englischer Titel beim deutschsprachigen Buch, da krieg ich nämlich normalerweise sofort mehr Pickel, als überhaupt auf mein bisschen Haut passen, und grunze bösartige kleine Unflätigkeiten vor mich hin. Aber wohlan. Mansolljanichtaufscoverschauen.)

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    2. Natürlich, liebe Maike, natürlich! Aber nach über 5 Jahren Schwangerschaft und/oder Stillzeit ohne die kleinste Pause dazwischen (vielmehr meist beides zusammen), kann ich ja nicht immer bei all meine Ausbrüchen jedwelcher Art meinen Hormonen die Schuld geben. Ich weiss ja selber schon gar nicht mehr, wer ich wäre ohne diesen speziellen Cocktail.
      Und da Du ja bereits mit Nudeln sprichst, seh‘ ich es wie Du: Dir wird das Ganze nix anhaben können.
      Frohe Grüsse, Martina

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        1. Nun, ich muss gestehen, ich spreche ja so ziemlich mit allem, am liebsten mit mir selbst. Dass ich Nudeln wortlos begegene, ist wohl allein dem Umstand geschuldet, dass ich konsequent nicht koche, sondern sie ausschliesslich verspeise. Da bleibt für Gespräche keine Zeit.
          Und ja, es sind die Hormone. Ich habe mich heute selbst getestet und überführt: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“-TRAILER (!) geguckt und sogleich hemmungslos geheult… Ach herrjeh.

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  2. Danke für dein Ich-hab-die-Socke-nie-fertig-gestrickt-Geständnis 😀 so bin ich alte Stalkerin auf dein Blog gestoßen. Was soll ich sagen, ich liebe deine Schreibe… Hier bleib ich, viele liebe Grüße aus Tirol und noch schöne Tage zwischen den Jahren, Uli

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