Lieber Freund

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Tausend Dinge habe ich erlebt mit Dir. Dinge, wie sie jeder Mensch kennt, der Zeit mit einem Vizsla teilen darf. Was haben wir zusammen Spass gehabt, wie oft habe ich dir beim Rennen und Toben zugeschaut. Hunderte Stunden hast Du bei mir gelegen, während ich gearbeitet, gelesen, Musik gehört, telefoniert und auch die ein und andere grössere Lektion des Lebens verwunden habe. Deine Ideen und einzigartigen Vorlieben liessen uns immer wieder lachen, lächeln und staunen. Du hast mich bisweilen aber auch fast in den Wahnsinn getrieben und mich manche Träne gekostet. Deine Charakterkombination aus Tatendrang plus Hyperempfindlichkeit, ergänzt mit einer kräftigen Portion Sturheit, stellte mich vor manch schwierige Aufgabe. Aber Du würdest wahrscheinlich dasselbe von mir sagen. Vor allem aber warst Du da. Immer. Oder zumindest nie weit weg. Kaum eine Nacht verbrachtest Du oder ich ohne den anderen auswärts. Du wurdest ein so selbstverständlicher Teil meines Lebens, dass ich gar nicht erahnen konnte, wo Du mir überall fehlen würdest.

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Neben dem besonderen Alltagsglück, mit Dir zusammenzuleben, habe ich es geliebt, Dich zum Sanitätshund auszubilden und natürlich gleichzeitig auch selbst in diese Aufgabe hineinzuwachsen. Das Schönste daran war wohl das hundertprozentige Aufeinanderfokussiertsein, wenn wir unsere Trainings absolvierten. Ich vergass anstehende Gespräche, unangenehme Termine, offene Fragen. Da warst dann nur noch Du; Deine Augen, Deine Mimik, Deine Körperspannung. Ich gab alles für Dich und die Welt musste warten. Und Du hieltest es genauso. Dieser synchronisierte Tunnelblick war pures Glück. Er war schwierig, für beide von uns. Aber wenn er gelang; WOW! Du erweitertest meine Sinne, ich spürte das Wild, als läge seine Witterung in meiner statt Deiner Nase, ahnte die Topografie des Waldes durch Deine Bewegungen, erkannte die Anwesenheit von Menschen im Wald durch Deine Richtungswechsel und Tempi. Dank Dir konnte ich über meine eigene begrenzte Wahrnehmung hinauswachsen und Dinge erleben, zu welchen ich alleine niemals fähig gewesen wäre.

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Eng damit verknüpft ist eine Lektion, welche Du mich gelehrt hast: Anfangs verstand ich Dich oft nicht richtig. Ich schalt Dich beispielsweise manchmal, wenn Du vermeintlich willkürlich belltest, um kurz darauf den Grund Deines Ärgers oder Deiner Irritation zu entdecken. Bald wusste ich es: Dein Verhalten hat immer einen Grund. Nur bin ich manchmal nicht fähig, Dich zu verstehen. Ich lernte, Dir zu vertrauen. Wenn Du Verunsicherung, Ärger, Freude und andere Emotionen zeigtest, so konnte ich immer etwas lernen, was meiner eigenen Aufmerksamkeit entgangen war. Äussere Gegebenheiten, aber auch Bewegungen in meinem Innern, auf welche Du ebenso zuverlässig und seismographisch reagiertest. Auch da waren mir die Stunden im Wald und auf dem Hundeplatz ein gutes Übungsfeld: Wenn etwas nicht klappte, gab es keinen Grund, wütend zu werden oder frustriert zu sein. Wir hatten einfach noch nicht begriffen, was wir voneinander erwarteten und mussten noch ein bisschen weiter versuchen, uns einander verständlich zu machen, noch ein bisschen klarer werden in unserer Sprache.

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Diese Einsicht verinnerlichte ich in den beinahe 13 Jahren mit Dir beständig. Und immer wieder und immer mehr konnte ich erfahren, wie diese Haltung auch meinen Umgang mit Menschen veränderte. Hinter jedem Verhalten jedes Gegenübers liegt eine Vorgeschichte, ein Bedürfnis, eine Prägung, welche meist wenig bis nichts mit mir zu tun hat. Das entschuldigt nicht alles, hilft aber enorm, um vor allem in Konfliktsituationen grosszügig zu bleiben. Und genauso wie ich mit Dir an meiner Kommunikationsfähigkeit feilte, konnte ich je länger je besser auch im Umgang mit Menschen auf mein erweitertes Repertoire zurückgreifen. Offensichtlich wurde dieser Lernprozess, als ich, rund in der Mitte unserer gemeinsamen Zeit, Mutter wurde. Dank Dir fiel es mir wahnsinnig leicht, die Äusserungen dieser nonverbalen, aber körperlich sehr eindeutig kommunizierenden kleinen Wesen zu verstehen und ihrer Sicht auf die Welt vertrauensvoll Glauben zu schenken. Dies kam uns allen enorm zugute, wofür ich Dir wahnsinnig dankbar bin.

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Liebster Lüsler*, Du warst mir ein enger Vertrauter und ein treuer Freund. Vor allem aber warst Du der grösste Lehrmeister meines Lebens. Ich vermisse Dich unendlich.

11*Natürlich trug der Hund auch noch einen ganz schönen, hochoffiziellen Namen. Lüsler, Lusi, Lüs, Lisi, Schluri und Gisbert waren ihm aber ebenso ein Begriff.

12 Kommentare zu „Lieber Freund“

  1. Schön! Einfach so schön.
    Ich hab erst drei Jahre mit meinen Hundekind erlebt, aber mir graut schon vor dem Tag, an den ich sie gehen lassen muss.
    Da Schöne ist aber, das einem niemand die unglaubliche Liebe nehmen kann, die bleibt. Trotz Vermissen.
    Ich umarme dich ganz leise aus der Ferne.

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    1. Liebe Katja
      Ja, es ist sehr schmerzhaft, wenn man sie gehen lassen muss, gerade wenn sie einem so nahe sind. Bei uns kam es zum Glück nicht ganz von heute auf morgen und es gab keinen Zweifel, dass der Zeitpunkt gekommen war. Dadurch konnte ich ihm zuliebe auch die letzten Schritte gut gehen. Dass er jetzt fehlt, das ist viel schwieriger auszuhalten. Danke für Deine wahren Worte.

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    1. Liebe Kathrin
      Ach, Du kennst das alles ja, da muss ich Dir nix erzählen…
      Frau J.M. war übrigens wunderbar. Sie hat es ihm und mir wirklich einfach gemacht. Vom entspannten, aber sensiblen „Small-Talk“ um die Wartezeit zu überbrücken, bis die erste Beruhigungsspritze gewirkt hat, über das routinierte weitere Vorgehen, ihr liebevolles Abschiedskraulen, als wäre Lüs ein alter Freund bis dann, als es vorbei war zum Griff in die Tempo-Spenderbox: sie war professionell, aber sehr menschlich und die ganze Zeit sehr nahe dran am Geschehen. Es hätte nicht schöner sein können. Das macht mich wirklich sehr glücklich.

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  2. Da kullern die Tränchen, ein wunderschöner Text und eine ganz bezaubernde Liebeserklärung, Danke das du das teilst mit uns.
    ❤ man wünschte sich sie könnten ewig bleiben unsere Gefährten

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    1. Ja, das wünscht man. Aber vielleicht ist die Zeit mit ihnen ja auch genau deshalb so wertvoll, weil man sich ihrer Endlichkeit immer sehr bewusst ist.
      Und ehrlich, ich teile das ja gerne, nicht „nur“ Euch zuliebe. Das hier ist ja schliesslich mein Schreibort, und wo mehr als hier dürfte ich ihm noch einmal genau so viel Platz einräumen, wie es mir gut tut und Freude macht? Im Alltag „draussen“ wird dem Abschied von Tieren oft nicht viel Platz und Geduld eingeräumt. Aber hier, hier geht das wunderbar. Danke also von Herzen Dir und Euch fürs Lesen und Mitfühlen.

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  3. Ach scheiße. Und schön. Und überhaupt. Du liest Dich so traurig und so dankbar. Was für unfassbar vollgepackte fast 13 Jahre mit einem ganz tollen Hundekerl. Ich hoffe, er hatte einen Einschlaftod, ohne Tierarztnotwendigkeit. Ich hab ihn ja gern, seit ich Deinen Blog entdeckt habe, und habe mich außer über diesen Eintrag heute über jeden sehr gefreut, wo er unternehmungslustig durch die Botanik getrabt, behaglich irgendwo herumgelegen, freundlich mitgetrottet ist oder irgendwas Interessantes ins ernste Bernsteinauge gefasst hat.
    Auch noch mal eine ganz seltsame und in aller Traurigkeit sehr, sehr besondere Zeit, diese erste nach dem Abschied, oder? Fast 13 ist für einen Viszla ja immerhin recht anständig, und nach allem, was ich gelesen habe, ging es ihm sehr gut, und er konnte glücklich und ganz in Würde ergrauen. Da habt ihr einander gegenseitig so, so viel gegeben. Ein gutes Hundeleben für einen guten Hund. Ich kann mir ansatzweise vorstellen, wie sehr Du ihn bei jedem Schritt und jedem Blick vermisst. Jetzt ist er nirgends mehr und gleichzeitig überall, wo auch Du bist.

    Ich wünschte, jeder Hund auf der Welt würde so geliebt werden wie der Deine.

    Alles Liebe
    Maike

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    1. Liebe Maike
      Ach, jedes Deiner Worte ist so wahr, danke für jedes einzelne. Und Du hättest ihn gemocht, denke ich. Er war ein etwas untypischer Vizsla. Nicht so verspielt-hibbelig-immer fröhlich. Mürrisch bis (sehr) unfreundlich bisweilen mit andern Hunden, problematisch mit Kindern, dazu zeitlebens sehr selbständig und opportunistisch. Ein Hundekerl, wie Du schreibst. Aber eben halt ein ganz feiner. Einen besseren Begleiter durch alle Lebenslagen hätte ich nicht finden können.
      Die Tierärztin haben wir gebraucht zum Schluss. Aber es war ganz rund und wunderbar, ich bin sehr glücklich mit dem Weg, den wir in den letzten Wochen, Tagen, Stunden und Minuten miteinander gegangen sind.
      Und ja, die Zeit ist eigenartig. Ich will ehrlich sein: Ganz praktisch im Alltag spüre ich vor allem die ungewohnte Vereinfachung, die wegfallende Verantwortung: Entspanntes Rumgammeln zuhause ohne Spaziergang-Druck, erschütternde Sauberkeit, unkompliziertes Draussensein mit den Kindern ohne immer noch die Umgebung scannen zu müssen, keine kritischen Situationen in der Küche und beim Schlafplatz etc. Aber der innere, der „echte“ Abschied, der macht sich jetzt, nach einem Monat, ziemlich heftig bemerkbar und will ausgestanden werden. So soll es denn halt sein.
      Ich hoffe, Du bleibst mir dennoch noch ein bisschen als geschätzte Leserin erhalten, auch wenn mir jetzt mein bernsteinäugiger Trumpf im Ärmel fehlt… 😉

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      1. Uff, ja, die wegfallende Verantwortung, weniger Gewicht auf den Schultern – wie gut, wenn Du das so klar sehen kannst, ohne schlechtes Gewissen, einfach als Tatsache. Es gehört ja auch dazu.
        Schön, dass eure Tierärztin euch da so gut hindurchbegleitet hat! Und gut, dass das bei Hunden geht. Ich komme gerade mit unseren Katzen vom Tierarzt, sie werden im Mai achtzehn, und die eine hat Bluthochdruck (und sieht infolgedessen nicht mehr viel), Nierengeschichten, Herzzeug (ihre Schwester wirkt zehn Jahre jünger und ist quietschfidel) – hier ist auch seit gut einem Jahr das Bewusstsein präsent, dass wir uns so langsam auf die Zielgerade zubewegen, und morgen, in einem halben Jahr, in zweien wird es so weit sein, man weiß es nicht genau, aber es ist nicht mehr ewig. Schöne, intensive, innige, überschattete, leuchtende und kostbare Zeit. Viele Leute wollen ja keine Tiere, wegen des Abschieds. Für mich ist es ein Wunder, dass man so ein ganzes Leben begleiten darf, vom Winzling, der die Welt erkundet, bis zum ergrauten, langsam verblassenden Alttier, das einem vertraut und sich bei seinen Leuten sicher und geborgen fühlt und von dem man mit etwas Glück in Ruhe Abschied nehmen darf. Tut schrecklich weh am Schluss, aber tausend Mal lieber diesen Schmerz, als es nicht erlebt zu haben.

        Klar bleibe ich Dir auch ohne Bernsteinaugenhund erhalten, ein kleines bisschen mag ich Dich ja auch. 😉

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  4. Ach. So schön hast du euren Zusammen-Lebensabschnitt beschrieben.

    Eins meiner Lieblingslieder:
    „So the only thing to feel sad about is
    all the dogs and the horses you’ll have to out-live
    They’ll be with you when you say good-bye
    But as the curtains close and the last prayers are said
    all my dogs and my horses appear round my bed
    They have come to say one last good-bye“

    Divine Comedy – The Dogs & The Horses

    Bei uns ist es auch bald wieder soweit. Und ich habe solche Angst davor.
    Liebste Grüsse!

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