Zähneputzen und bedürfnisorientierte Elternschaft, Teil 2

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Facebook verrät es, das Zähneputzen ist in vielen Familien ein verhasst-gefürchteter Moment des Tagesablaufs. Das geht so weit, dass die einen Eltern schliesslich mehr oder weniger verzweifelt und in Sorge um die Zahngesundheit ihrer Kinder über Wochen und Monate täglich auf die äusserst gewaltvolle Technik „Schraubstock“ zurückgreifen, während andere zumindest vorübergehend ganz darauf verzichten, die Zähne der Kinder zu pflegen. Zwischen diesen beiden für mich untragbaren Extremen wird befohlen, gelobt, manipuliert, bestraft, abgelenkt und anderes mehr.

Meine Kinder stehen zwar nicht Schlange, wenn es ums Zähneputzen geht, es gibt schliesslich abends immer noch so viel Wichtigeres zu tun (spielen!!!), aber sie begegnen dem Prozedere normalerweise ganz entspannt. Eines Tages habe ich aber festgestellt, dass ich sie trotzdem mit meiner freien Hand jeweils am Oberarm festhalte. Nicht direkt grob, aber doch eigentlich ziemlich lieblos. Neugierig habe ich daraufhin während einigen Tagen experimentiert: meine Hand beim Zähneputzen ganz weggelassen, die Handfläche dem Kind auf den Rücken zwischen die Schulterblätter gelegt, mit der freien Hand seinen Kopf gestreichelt, den Rücken zart gekrault, seine Hand gehalten und anderes mehr. Die Unterschiede waren frappant! Tatsächlich halte ich meine Kinder heute nicht mehr am Arm fest, wenn ich ihre Zähne putze. Ich habe eine für uns viel schönere Lösung gefunden.

Nicht selten sind es solch kleine Unachtsamkeiten, welche bei unseren Kindern Unwohlsein und schliesslich Widerstand auslösen. Und ehe man sich versieht, befindet man sich in Abwärtsspiralen, welche in vermeintlichen Machtkämpfen enden, obwohl dies eigentlich gar nie die Absicht des beteiligten Kindes war.* Ich kenne solch heikle Momente vom Haarewaschen, vom Auszieh- und Ankleideprozedere, vom Händewaschen, vom Anschnallen im Auto und vielen anderen alltäglichen Situationen. Sehr oft sind es solche kleinen „Benutzerfehler“, welche sich im Zusammenleben zu handfesten Problemen auswachsen: eine grobe, unsensible Wortwahl, zu viele oder zu unklare Anweisungen, ungenaues Zuhören, reflexartig hervorbrechende Erziehungsmuster und anderes mehr.**

Ja, ich bleibe dabei, es ist nicht damit getan, die „offiziellen AP-Themen“ abzuarbeiten. AP findet in unserem gesamten Alltag statt, in jeder Minute. Natürlich, kein Kind leidet schwer, wenn es beim Zähneputzen am Arm festgehalten wird. Aber wenn wir Lust dazu haben, können wir unsere ganz banalen Alltagshandlungen in verspielter Neugier beobachten und uns überlegen, ob wir sie tatsächlich schon als günstige Gelegenheit nutzen, dem Kind unsere Liebe, Fürsorge, Gleichwürdigkeit, Empathie, etc. zu vermitteln. Denn schliesslich zählen Taten mehr als alle Worte. Darüber, dass mir täglich noch unzählige zu schnelle, laute, unsensible Worte oder Handgriffe unterlaufen, lasse ich mir keine grauen Haare wachsen (die entstehen souverän ganz ohne mein Zutun). Aber ich freue mich immer, wenn ich Routinesituation im Alltag für uns alle verschönern kann.

Deshalb ist AP auch nicht abgeschlossen, wenn aus dem Baby ein Kleinkind wird. Auch der Teenager hat AP verdient. Und auch dem Partner, der Arbeitskollegin, den eigenen Eltern und dem Meerschweinchen darf bedürfnisorientiert begegnet werden. Und vor allem natürlich immer auch sich selbst.

*Ein ganz ähnliches Phänomen kenne ich aus meiner Zeit mit dem Hund. Viele Hunde reagieren auf Heranrufen zögerlich. Viele Hundehalter beugen sich beim Anleinen oft, physiologisch bedingt, auffällig stark über den Hund, was für diesen sehr bedrohlich und unangenehm ist. Wenn dann noch unsensibel am Halsband herumgezerrt wird, ist auf ein konstant freudiges Herangaloppieren auf Zuruf bald nicht mehr zu denken. Was dann als Ungehorsam tituliert wird, ist oft nur allzu verständliches Meideverhalten. Das ist sehr schade, gehört doch ein guter, zuverlässiger Appell zu den Kernkompetenzen jedes Mensch-Hund-Teams und ist für die effektive Sicherheit des Tieres und das Sicherheitsgefühl von Drittpersonen essentiell. Wer die Freude hat, mit einem Hund zusammenzuleben, soll ihn doch zwischendurch beim Anleinen genau beobachten. Blinzelt, gähnt oder leckt er sich die Nase? Dreht er den Kopf weg? Das sind deutliche Anzeichen dafür, dass ihm die Situation Unbehagen bereitet. Könnte man sich vielleicht angewöhnen, zum Anleinen in die Hocke zu gehen, um ihm das Prozedere ein bisschen angenehmer zu gestalten? Ihn zudem regelmässig heranzurufen ohne ihn anschliessend anzuleinen, und dann und wann ’ne Belohnung bei fixer Ausführung springen zu lassen, kann ich übrigens auch sehr empfehlen. Ein bisschen Dressur (oder auch Manipulation) liegt bei Hunden meines Erachtens drin, vor allem, wenn sie den Glücks-Level aller Beteiligten anhebt…

**Es geht bei AP nicht um das Ziel, ein problemloses, gehorsames Kind zu erhalten. AP ist keine Erziehungsmassnahme. Wenn ein Mensch sich aber wahrgenommen und verstanden fühlt, funktioniert das Zusammenleben oftmals einfach besser, als wenn einzelne Beteiligte ständig um ihre Integrität kämpfen müssen.

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