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Schlotterhose

Graubraune Tage liegen hinter mir. Unscheinbare, schöne Tage. Es sind die Farben dieses (zugegebenermassen späten) Vorfrühlings. Schwere braune Erde, Laub und Steine. Bärlauchteppiche, Schafmomente und hier und dort Farbtupfer in Form von Schlotterhose und Bettseicherli. Wieviel klangvoller sind doch diese alten Dialektnamen als die gängigen Bezeichnungen Lungenkraut und Buschwindröschen.

Auch die zweite Pebble-Weste, welche diese Tage fertig geworden ist, zeigt sich in genau dieser Tonalität. Ein zartes Graubraun mit ganz feinen Einsprengseln in lila, blau, grün.
(Rowan revive, 35% Seide, 36% BW, 28% Viskose, alles recycled, Farbe: Basalt 00462)

Die Neuen sind da

Frau Krähe begrüsst die neuen Hofbewohner.

Es handelt sich zum einen um Grabser-Schaf-Zwillinge (Fleischrasse) und zum anderen um zwei besondere hübsche Tiere, welche mit ihren Hängeohren und den spitzen Gesichtern unschwer ihre Engadiner-Mütter erkennen lassen. Dass diese Rasse als besonders zutraulich gilt, zeigt sich sofort. Die beiden Lämmer sind zwar noch nicht zahm, aber doch sehr gelassen. So bleiben sie beispielsweise auch wiederkäuend liegen, wenn ich mit Hund und Kinderwagen vorbeispaziere. Für den täglichen Umgang ist dies sehr schön, das Schlachten wird aber dafür umso schwieriger sein.

Unsere zukünftige kleine Herde weiblicher Tiere wird aus Engadinerschafen (mehr zu dieser Rasse hier und hier) bestehen. Doch diese werden frühestens im Herbst bei uns einziehen. Jetzt dürfen erst einmal die vier Böckchen den Lenz begrüssen.

Hasengruss

Sie hoppeln durch das Blog-Universum und haben auch hier kurz vorbeigeschaut.

Sag schnell, mein lieber Osterhase
liegt da Schnee auf deiner Nase?
Sind das weisse weiche Flocken,
welche zwischen Zehen hocken?
Du willst doch lieber Gräser mümmeln
als durch Winterreime dich zu schümmeln.

Hoppla, so weit ist es nun also gekommen mit mir…
Ich brauche eine Frühlingskur! Licht! Wärme! Sofort!

Würfel

Das Fest war schön. Die Wärme der Sippe umhüllte den Frischling, welcher jetzt zugleich Kleinkind und Grosskind ist, und liess ihn seinen Tag geniessen bis tief in die Nacht hinein.
Zeigen möchte ich an dieser Stelle mein Geburtstagsgeschenk. 
Im Brocki suchte ich mir kleine Holzwürfel zusammen und machte zudem einige Farbkopien aus einem Liederbuch. Schweizer Leserinnen werden die Bilder sicherlich erkennen. „Chömed Chinde, mir wänd singe“, auch bekannt als Maggi-Liederbüechli, ist 1946 erstmals erschienen und hat mich als Kind wahnsinnig fasziniert. Die vielen Details auf den Bildern haben sich mir eingeprägt, so dass noch heute beim Betrachten alles so sehen kann, wie ich es damals gesehen habe. Ich spüre, was mir Angst gemacht und was mir gefallen hat. Und verstehe auch einige Dinge, welche mir als Kind unklar waren, wie man plötzlich Textpassagen in Liedern versteht, welche einem damals unverständlich waren. Heute erheitert mich zudem das emotionale Vorwort sehr.

Ich klebte ausgewählte Bildausschnitte reihum auf die Würfelseiten, schnitt sie anschliessend mit dem Japanmesser auseinander und lackierte das Ganze zum Schluss. Die Idee dazu stammt von hier. Da es mit meiner Geduld nicht allzu weit her ist, entstanden an den Kanten kleine Ungenauigkeiten, was mich jedoch nicht stört.

Anschliessend bastelte ich aus Holzkarton ein Schächtelchen in passender Grösse, welches ich zum Schluss kaschierte. Auch hier kann von Perfektion keine Rede sein, da sich das grüne und blaue Bastelpapier für diesen Zweck als ziemlich ungeeignet erwies.

Den Frischling stört dies alles jedoch nicht. Er stapelt die handlichen Würfel hingebungsvoll zu kleinen Türmen, welche er sogleich wieder in sich zusammenfallen lässt. Natürlich wird es noch einige Jahre dauern, bis er fähig sein wird, die sechs Puzzles zu bewältigen. Mit dem Bestaunen der vielen zauberhaften Details kann er jedoch schon bald beginnen.

1. Geburtstag

am ersten Tag seines Lebens
und nach fast einem Jahr

Heute feiern wir den ersten Geburtstag des Frischlings.
Was für ein Jahr hinter uns liegt! Ein wahnsinnig schönes, fröhliches, aufregendes Jahr.

Ich bin so dankbar für diesen kleinen grossen Menschen, der unser Leben gehörig verändert hat. Ich staune täglich über sein immer grösser werdendes Spektrum von Gefühlen, Lauten, Tätigkeiten. Mal ist er ganz konzentriert in eigene Untersuchungen, dann wieder nur Auge und Ohr für die Welt um ihn herum. Manchmal ängstlich oder sehr wütend, oft fröhlich und neugierig.

Welche Stimmungen und Erfahrungen ihn auch umtreiben, immer ist er echt. Sich selbst. Ganz bei sich. Noch spielt er nicht mit Masken. Noch versteckt er nichts. Dadurch ist er schutzlos, aber auf eine wunderbar bezaubernde Weise auch so stimmig, dass diese Einheit von Körper, Gedanke und Herz eine unverletzbare Hülle zu bilden scheint.

Es ist ein grosses Geschenk, mit ihm zu sein.

Ein bisschen erfüllt es mich mit Wehmut, dass ich heute „draussen“ arbeiten muss. Wie jeden Donnerstag geniesst der Frischling erst seinen Papa, dann am Nachmittag die Grosseltern. Nur für mich, die ich heute durch tausend Erinnerungen wate, fühlt sich das etwas seltsam an. Mein Trost:
Heute Abend wird gefeiert! (Bilder der „Party“ folgen.)

Roadmovie

Wir fahren zum Einkaufen, trotz des kurzen Wegs schläft der Frischling auf der Rückbank sofort ein. Daheim bohren und hämmern die Handwerker, da ist an Schlaf nicht zu denken. „Wie schade, ihn jetzt aufzuwecken“, bemerken wir, als wir über den Parkplatz des Einkaufszentrums rollen. „Es gibt noch andere Coop’s* auf dieser Welt“, füge ich an. Der Gedanke ist, obwohl banal, beinahe unerhört. Mit einer grossen Geste, ohne zu zögern oder ein weiteres Wort zu verlieren, umrundet der Gefährte die parkierten Wagen, reiht sich wieder in den Verkehr ein und schon gehts dorfauswärts Richtung Autobahn, hin zu einer fernen Einkaufsmöglichkeit. Der Frühling leuchtet und die Welt ist weit. Ich bin schlagartig wieder einmal sehr verliebt und fühle mich frei wie schon lange nicht mehr. Alles ist möglich.

*Name einer Schweizer Ladenkette

Nachsatz: Natürlich kurven wir normalerweise nicht unnötig in der Welt herum. Weil der Gefährte aber, wie er mir nachher erklärte, sowieso in absehbarer Zeit ein bestimmtes Fachgeschäft in der Stadt aufsuchen musste, fackelte er nicht lange. So liess sich das Schöne mit dem Nützlichen verbinden.

Bäuerin

Der Besuch im Brocki war schon fast vorbei, der Gefährte hatte die Kasse bereits passiert und steuerte auf die Tür zu, da sprang es mir ins Auge. Von dort direkt ins Herz. Und so kaufte ich es für ganz ganz wenig Geld. Das Bild, den Holzschnitt, das Portrait einer alten Bäuerin.

Neu gerahmt strahlt jetzt ihr liebes, verschmitztes Gesicht unter dem gemusterten Kopftuch gerade noch einmal so viel. Ihre grossen Hände, welche von harter Arbeit erzählen, umfassen zärtlich einige Äpfel. Ihre gestreifte Schürze, wunderbar gearbeitet, faltet und kräuselt sich fast übermütig und verleiht ihrer Gestalt Plastizität. 
Noch nie eiferte ich ernsthaft jemandem nach. Aber wie sie will ich werden. Fast wie bei einem Andachtsbild verliere ich mich bei ihrem Anblick in meinen Wünschen, Zielen, Träumen. Schön, dass wir uns gefunden haben.
Dass es sich bei dem Holzschnitt um ein Werk des bekannten Schweizer Künstlers Heinz Keller handelt, dessen Arbeiten normalerweise für mich unerschwinglich sind, macht den Fund noch schöner. Natürlich ist jedes hübsche Ding, welches man beim Trödler ersteht, ein Schatz für sich, aber ich hatte bis anhin noch nie das Glück, einen solch „objektiv wertvollen Gegenstand“ zu entdecken. Auch diese Tatsache freut mich natürlich ungemein, denn wie alles Echte strahlt Kunst eine ganz andere Energie und Intensität aus, als jede Reproduktion oder Nachahmung dies vermögen.
Mir ist, als sei mit der alten Bäuerin eine gute Seele bei uns eingezogen.

warme Maschen

Der Frischling hat das Glück, neben seinen sechs Grosseltern (Patchworkfamilie sei Dank) auch noch zwei Urgrossmütter erleben zu dürfen. Zufälligerweise haben ihm diese zur Geburt beide eine jeweils selbstgestrickte Decke geschenkt, welche ich hier zeigen möchte.

Urgrossmutter B. zählt ungefähr 75 Jahre. Sie ist die Grossmutter des Gefährten, und Stricken ist ihre grosse Passion. Entsprechend kunstvoll ist das Muster der Decke gefertigt. Akkurat und perfekt bis ins Detail gearbeitet, voller Liebe und Geduld zu Material und Handwerk strahlt die einfarbig gehaltene Decke Noblesse und vornehme Zurückhaltung aus.

Urgrossmutter M., meine Grossmutter, ist 90 Jahre alt. Diese Zeiten von textilen Grossprojekten sind vorbei, Kraft und Konzentration für grössere Projekte fehlen. Die gestrickten Quadrate weisen dann und wann kleine Unregelmässigkeiten, ja sogar Fehler auf. Die Decke leuchtet in fröhlichen Farben und wirkt mit ihren Unzulänglichkeiten unglaublich ungezwungen und charmant.

So verschieden die Decken sind, so sehr liebe ich sie. Beide entsprechen genau ihren Schöpferinnen und verkörpern die Liebe dieser beiden lebenserfahrenen Frauen, die sie dem kleinen Menschlein zukommen lassen.

Und sowieso sind doch Decken perfekte Geburtsgeschenke von Gross- oder Urgrossmüttern. Sie repräsentieren den Schutz, die Wärme und Geborgenheit, die ich mit der Familie, der Sippe assoziiere. Es dünkt mich, es kann einem (fast) nichts mehr geschehen, wenn man mit zwei so famosen „Schutzschilden“ ausgestattet ist.

Frühlingserwachen

Die bezahlte Arbeit verlangt mir im Moment einiges ab. Vor allem die vielen ausserordentlichen Termine machen mir zu schaffen, da sie für die ganze Familie eine riesige, bisweilen unverhältnismässige Organisiererei bedeuten. Umso erstaunlicher und schöner ist es aber, dass mir die eigentliche Arbeit leicht von der Hand geht und fröhlich und inspirierend auf mich wirkt. Was für ein Glück.

Ist es das Frühlingsgezwitscher der Vögel? Der Duft, welcher aus der feuchten Erde aufsteigt? Das Bimmeln der Schafglocken (fremder Schafe, leider)? Die Narzissen und Schneeglöckchen, welche ihre Köpfe ans Licht strecken?

Meine Laune ist über weite Strecken phantastisch, der Kopf und das Herz sind voller Tatendrang. Vor einigen Tagen habe ich mir Soulemamas Familien- und Jahreszeitenbuch geschenkt. Das Schmökern in freien Minuten kurbelt meine Stimmungslage weiter an.

Eine kleine Strickarbeit nimmt langsam Form an. Ich wage mich an das erste Paar Socken für Grosse, natürlich für den Gefährten. Dass es sich dabei um einen von ihm geäusserten Wunsch handelt, den ich, praktischerweise für den nahenden Geburtstag, erfüllen kann, macht das Stricken gerade noch einmal so schön.

Für den Frischling habe ich kurzentschlossen ein Geburtstagsgeschenk gebastelt, welches ich zu einem späteren Zeitpunkt zeigen will. Ein bisschen Geheimniskrämerei gehört schliesslich zu Geburtstagsgeschenken…

Ich habe mich nach Ewigkeiten wieder in die Küche gestellt (seit Geburt des Frischlings kocht hier der Gefährte) und Pancakes und Kuchen gebacken. Lecker wars!

Alte Mitgliedschaften habe ich gekündigt, andere neu abgeschlossen. Diese kleine Tatsache, dieses Ordnen meines Lebens wirkt beflügelnd. Bald schon bin ich Gönnermitglied von ProSpecieRara. Meine „Schafentscheidung“ hat mich zu dieser Organisation geführt. Die Möglichkeit, neben den Schafen und Hühnern (nach den Schafen dann) auch gefährdete Pflanzen zu kultivieren, ist bestechend. In der Agenda finden sich jetzt Termine wie „Schafschurfest“ und „Kompostierkurs“. Juhui!

An Plänen und Startschüssen fehlt es also nicht. Jetzt brauchts einfach noch konzentrierte, fokussierte Tatkraft. Kondition, Nachsicht, Beständigkeit. Ich hoffe, ich packs. So wie der Frühling. Der sich trotz Widrigkeiten durchsetzen wird. Ganz gewiss.