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grüne Träume

 So sehen Träume aus. In diesen wenigen Strichen ist eingefangen, was mich seit Monaten beschäftigt. Unser Garten.

Vor zwei Jahren übernommen als lieblos-praktische Rasenfläche, einem schnurgeraden Beet dem Zaun entlang und einem Tomatenhaus, haben wir sanft erste Anpassungen gemacht. Plastikabgrenzungen entfernt, einen Gemüsegarten angelegt, ein paar wenige Pflanzen gesetzt. Vor allem aber haben wir beobachtet. Wie die Schatten wandern, wo der Schnee liegen bleibt, wie die Winde peitschen und wie sich die Erde anfühlt. Wir haben es kennengelernt, „unser“ Land. Viel gelesen, geschaut, gezeichnet, verworfen und wieder neu skizziert.

2012 hätte es losgehen können, aber die Geburt des Frischlings im letzten Frühling verteilte die Prioritäten neu. Das Bild unten zeigt unter anderem den Gemüsegarten vom letzten Sommer, welcher zwar bepflanzt, aber nachher sich selbst überlassen wurde. Wer „Adventure Gardening“ betreiben wollte, konnte im undurchdringlichen Dschungel wahre Schätze entdecken.

Im Sommer dann liess uns eine angekündigte Fassadenrenovation innehalten. Jetzt ist es soweit, das Gerüst ist aufgebaut, die Handwerker werken, was das Zeug hält, und ich bin dankbar für jeden Finger, welchen ich nicht gekrümmt habe. Die Brutalität und Rücksichtslosigkeit der Bauarbeiten schmerzt sogar jetzt, obwohl keine geliebten Pflänzchen unter die Räder kommen.

Zudem merke ich, wie lieb mir das in die Jahre gekommene Kleid des Hauses gewesen ist. Ich beobachte die Veränderung argwöhnisch. Wo sich andere wahrscheinlich auf das Neue, Makellose freuen würden, mochte ich die verwitterten Fenstersimse, die lottrigen Fensterläden und rissigen Mauern sehr. Das Haus fügte sich perfekt in die Umgebung ein und erzählte eine Geschichte, seine Geschichte. Ich hoffe sehr, dass man dem Haus mit der Renovation nicht zuviel Gewalt antun wird und mit Bedacht und gutem Gespür waltet, was Materialien, Farben und anderes betrifft. (Wir leben hier zur Miete, können deshalb bei diesen Entscheidungen nicht mitreden).

Jedoch freue ich mich sehr auf die Terrasse und die Treppe, welche uns einen weiteren (offenen) Raum und einen direkten Zugang in den hinteren Garten schenken wird (Nr. 8/9 auf dem Plan). Der Blick direkt in die Baumkronen hinein ist schon am Fenster atemberaubend schön…

Im Moment jedoch ist alles schlammig, grau, zertreten, kalt und nackt. (Die Bilder sind natürlich alle nicht aktuell sondern aus dem Archiv.) Wie tröstend sind da die Pflanzenlisten für die einzelnen Beete (zu allen Nummern gibt es natürlich detaillierte Pläne), die gesammelten Bilder, die Entwurfskizzen und die vielen Gartenbücher, welche alle in Griffnähe liegen. Und pünktlich zum Frühlingsanfang schaue ich immer ungeduldiger und freudiger hinaus in die „grün-braun-weisse Wüste“ und sehe im Geiste schon alles wachsen, blühen und gedeihen, was ich mir zusammengeträumt habe.

Der Vollständigkeit halber hier noch die andere Seite des Hauses. Unsere Schafweide. Ob bereits in wenigen Wochen drei Mastlämmer die Wiese in Beschlag nehmen werden, oder ob wir bis zum Herbst mit dem Kauf von drei Jungauen warten? Die nächsten Tage werden es zeigen.

Meine Schöne

Schosshündchen im Jagdhundpelz

„Unsere“ Hündin war ein Langzeit-Feriengast. Vor beinahe zwei Jahren stiess sie zu uns und überschwemmte uns richtiggehend mit ihrer unendlichen Liebe. Ihre grosse Anhänglichkeit machte sie aber  auch sehr unruhig, da sie immer in meiner unmittelbaren Nähe sein wollte. Wurde ihr dies verwehrt, wartete sie unermüdlich und ziemlich gestresst auf mich. Es ist wohl kein Zufall, dass sie in der folgenden Zeit mehrere schwere Krankheitsbilder entwickelte.
Je mehr Zeit verstrich, desto weniger sicher waren wir alle, ob die Schöne bei uns wirklich glücklich werden konnte. Der endgültige Halterwechsel verschob sich immer wieder, und vorletzte Woche kehrte sie, wiederum ferienhalber fürs Erste, an ihren ersten Lebensplatz zurück. Sie marschierte dort ins Haus, inspizierte ruhig alles und nahm mit grosser Selbstverständlichkeit „ihren“ alten Sessel in Besitz. Sie schlief extrem viel die ersten Tage, spielte ausgelassen mit den andern Hunden und zeigte keine einzige der Verhaltensauffälligkeiten und Beeinträchtigungen, welche sie und uns hier belastet hatten.
Der Hündin hat gewählt. Glücklich darüber, dass es ihr dort so gut geht, aber unendlich traurig lasse ich sie ziehen. Zähnezusammenbeissend halte ich mir die vielen Vorteile vor Augen, welche diese Veränderung mit sich bringt.
Wenn ich meinem Hund eine gute Nacht wünsche, nenne ich ihn meinen Freund und Lehrer und bedanke mich für alles, was er mir zeigt und mit mir teilt. Die Schöne nannte ich mein Herz und meine Seele.

Glück

Die Maus in der Wand raschelt und knuspert und trippelt. Der Kater spitzt die Ohren.
Im trüben Schneeregen höre ich den Frühlingsruf eines Vogels.
Eine Zwergenmütze ist fertiggestrickt und wird dem Frischling auch in einem Jahr noch passen.

Manchmal ist Glücklichsein ganz einfach.

Ganz oben übrigens eine ältere Arbeit von mir. Die Collage stammt aus einer ganzen Serie zu Songtiteln von The Beatles.

Rasenmäher

Alles begann mit einem Hochzeitsgeschenk: „Ihr habt ja so viel Land, da sind zwei Schafe das Richtige für Euch. Und keine Angst, die machen ü-b-e-r-h-a-u-p-t  k-e-i-n-e Arbeit.“ Das dies nicht stimmte, war mir sofort klar. Tiere bedeuten immer Arbeit. Sofern man ihrem Wesen gerecht werden will.
Es folgten Recherche-Stunden im Internet (BVET, Agate, ProSpecieRara etc.), der Bau eines Unterstandes, die Anschaffung einiger Utensilien, Kauf von Heu und Stroh, und und und… Die Schafe frassen derweil munter Gras, büxten dann und wann aus, wurden zutraulich und irgendwann angriffslustig, bis wir die beiden nach mehr als einem Jahr schliesslich schweren Herzens schlachteten. 
Die beiden jungen Böcke, welche anschliessend bei uns einzogen (wieder ein Hochzeitsgeschenk, welches wegen zuvorgekommenem ersten Paar zurückgestellt worden war), wurden bereits etwas routinierter behandelt. Eindeutig als Masttiere deklariert, wurden auch sie wenige Monate später, als das Gras knapp wurde, geschlachtet.
Wie weiter? Momentan liegt alles unter einer dicken Schneedecke, aber schon bald wird wieder Gras in Hülle und Fülle wachsen auf unserem Land. Junge Masttiere besorgen und im Herbst schlachten? Eine Herde von weiblichen Tieren aufbauen, diese jeweils im Herbst decken lassen und dann im darauffolgenden Jahr nur die überzähligen (v.a. männlichen) Lämmer schlachten? Welche Rasse? Welche Art der Beweidung? Gras mähen oder Heu zukaufen? Wie stehts mit einem Schafbock? 
Fragen über Fragen. Und deshalb besuchten mein Gefährte und ich heute einen Schafhalterkurs. Was habe ich alles gelernt! Weidearten verglichen, Klauen geschnitten, Parasiten bestimmt, Ohrmarken und Entwurmungsmittel studiert und vieles mehr. 
Ich bin voll von diesen Eindrücken und würde mich am liebsten schon morgen auf die Suche nach „meinen“ Tieren machen. Wie gerne hätte ich bald wieder solch friedlichen Geschöpfe hier, welche mit ihrer heiteren Gelassenheit und ihrem sozialen Wesen den Hof „ganz und rund“ machen. Die Schafe sind wie das Feuer, sie erden mich. Man kann nicht Heuraufe und Wassertränke füllen, ein bisschen mit den Tieren plaudern und ihre Interaktionen beobachten, ohne dass Ärger und Stress von einem abfallen.

Gleichzeitig sehe ich einen riesigen Berg Arbeit vor mir. Der Stall ist bei weitem noch nicht optimal eingerichtet, das Problem der Heugewinnung ist noch immer nicht geklärt und Zeit ist im Moment sowieso Mangelware in meinem Leben.

Die Kraft des Frühlings wirds richten, wird einiges in Bewegung bringen und dadurch Entscheidungen wachsen und gedeihen lassen. Bald.

Linie wird Fläche

Ich platze fast vor Stolz! Habe ich doch zum ersten Mal in meinem Leben eine englische Strickanleitung ins Deutsche übersetzt, die Maschenzahl auf die entsprechende Grösse für meinen schon etwas älteren kleinen Menschen hochgerechnet, neue Maschen stricken gelernt, Knöpfe angenäht und das Ganze auch noch in passabler Frist zu Ende gebracht.

Die Anleitung der „Pebble-Weste“ ist von hier, motiviert haben mich die Vorstrickerinnen von kirschkernzeit und mme ulma mit ihren wundervollen Beschreibungen und Bildern. Danke Euch beiden! 
Verstrickt habe ich „Rowan felted tweed“, Nadelstärke 3.5, statt der empfohlenen 80 habe ich 124 Maschen angeschlagen. Der Frischling ist jetzt 10 Monate alt, und wie geplant kann er so sogar noch etwas in das Schlüttchen reinwachsen. Perfekt!

Fundgrube

Die Treue halten,
Ohne zu wissen wohin
Die Beharrlichkeit
Ins Uferlose ohne Zweck,
Den Tag beginnen, als wär‘
Er der erste und letzte zugleich.
Sein Ich erweitern
Und zugleich vor dem Werk
Zurücktreten immer mehr,
Das ist das Los,
Ist das Glück,
Ist die Not
Des schöpferischen Menschen.
(Helen Dahm)

Da habe ich dieses Blog ins Leben gerufen, um mir selbst beim Arbeiten und Denken zuschauen zu können. Ein Reflexionsplätzchen sollte dies werden und ein Ort, wo ich mir selbst und anderen zeigen kann, was so geschaffen wird von meinen Händen. Mit dem Hintergedanken, dass dann eben überhaupt auch etwas entsteht und es nicht immer nur beim Denken und Planen bleibt. Oder auf halber Strecke zum Erliegen kommt.

Und es funktioniert! Es funktioniert so gut, dass ich es vor lauter Gewerkel nicht mehr vor den Computer schaffe. Die Tage gehören weitgehend dem Kind, dem Gefährten, den Tieren und dem Haus, und so bleiben jeweils nur wenige Abend- und Nachtstunden für meine Projekte. Was wurde aber in diesen gestrickt, betoniert, geschliffen, gesprayt,… Die Resultate zeige ich gerne im Verlauf der nächsten Tage.

Und ich registriere die erste Fallgrube des Blog-Universums (oder meines Blog-Universums): die Kommentare der Leserinnen. Sie motivieren und freuen mich sehr, setzen mich aber auch unter Druck. Man weiss, da liest jemand mit, und so will man nicht zu lange warten mit dem nächsten Post. Und ehe man sichs versieht, ist aus dem spannenden, netten „Ego-Reflexions-Tool“ eine öffentliche „Mini-Galerie“ und ein gieriges Zeitfresserchen geworden, welches die tägliche Pendenzenliste um einen weiteren Punkt verlängert.

Zudem stellen sich Fragen nach Authentizität, Ehrlichkeit, Abgrenzung. Will ich beschönigen? Nur Gelungenes zeigen? Oder dem Scheitern ebenfalls einen Platz geben? Aber wirds dann nicht zu persönlich? Für Leserinnen soll dieses Blog ja im besten Fall Inspirationsquelle sein, nicht die unangenehme Ausbreitung meines Innenlebens. Vermutlich wird es die Zeit zeigen, welche „Färbung“ meine Texte und Bilder annehmen. Jeder Post soll einfach im Moment des Veröffentlichens ehrlich und unprätentiös sein. Das ist mal ein erster, wichtiger Vorsatz.

Ganz oben übrigens eine ältere Arbeit von mir. Die Collage stammt aus einer ganzen Serie zu Songtiteln von The Beatles.

Die Namen der Dinge

Vor einigen Tagen: Zuerst war es ein ganz gewöhnlicher Dienstag wie alle andern Wochentage. Bis zur Entscheidung des Gefährten, am Abend eine Lammkeule zuzubereiten. Zu einer Lammkeule gehören Gäste (diesmal meine Eltern), ein aufmerksam gedeckter Tisch, Rosmarinkartoffeln, Wein, zum Schluss Kaffee, selbstgebrannte Zwetschge (ein Geschenk eines Freundes) und Zigarren aus Kuba (ebenfalls ein Geschenk desselben Freundes).

Das Fleisch war wunderbar zart. Das Lamm graste noch vor wenigen Wochen auf unserem Land, es lebte ein friedliches Leben. Wie selbst angebaute Kartoffeln, selbst gepflückt Äpfel und selbst eingekochte Konfitüre isst man alle Nahrungsmittel, welche man schon „gekannt“ hat, bevor sie in der Pfanne lagen, mit einer ganz besonderen Dankbarkeit und Aufmerksamkeit. Bei Fleisch gehört für mich auch ein bisschen Trauer dazu, was aber seltsamerweise den Genuss nicht schmälert.

Nun, der Abend war perfekt, das Essen üppig und der Wein gehaltvoll. Gespräche und Gedanken inspirierten mich nachhaltig. Besonders tief war wieder einmal die Erkenntnis, dass es so viel zu entdecken gibt in nächster Nähe. Wir leben seit zwei Jahren auf dem Hof und wissen immer noch nicht, welche Sorten Äpfel auf unseren elf Apfelbäumen wachsen. Wir wissen nicht, wo der Bach entspringt, dessen Gemurmel jede Nacht unseren Schlaf begleitet und wir haben keine Ahnung, wie viele Füchse und Rehe in der Dunkelheit unsern Garten durchqueren. Es gibt noch so viel zu lernen, zu erforschen und kennenzulernen auf diesem kleinen Fleckchen Erde, dass es für ein ganzes Leben reicht.

Die Dinge SIND einfach, die Berge, die Wälder, die Tiere. Sie haben keine Namen, oder nicht die, welche wir ihnen geben. Das Benennen folgt auf das Entdecken, Wahrnehmen, Kennenlernen durch den Menschen, das Benennen zeugt von Nähe. Was man benennt, sieht man, kennt man, was man kennt, wird Heimat.

So will ich also die Worte meiner Welt finden und damit überhaupt erst das Sehen und Erkennen lernen. Hausrotschwanz, Schafgarbe, Sauerampfer, Aue, Rotkehlchen, Puffer, Moderhinke, Leibung und Karpaun… Das ist erst der Anfang.

Holz Feuer Wärme Heimat

Es dürfte die letzte Holzlieferung für diesen Winter gewesen sein. Drei Ster Laubmischholz, Scheite à 50 cm, werden vor dem Haus abgeladen. 

Es heisst anpacken, die Scheite werden durch die Scheune getragen und durch die Luke im Boden vor die Kellertüre hinterm Haus geworfen. 
Von dort muss jedes Stück ein weiteres Mal in die Hand genommen und im Heizungskeller aufgeschichtet werden.
Und dann wird in einem beinahe alchemistischen Prozess aus dem Holz Feuer, aus Feuer Wärme und aus Wärme Heimat.
Ich liebe das tägliche Hüten des Feuers im Keller. Die Arbeit ist einfach und schlicht, erfordert einzig etwas Geduld. Besonders schön ist das Bewusstsein, durch die Aufmerksamkeit für diese „sinnliche Wärme“ auch ein Gefühl für die „seelische Wärme“ unseres Hauses zu bekommen.