Stolperstein: Achtsamkeit

Ohne Achtsamkeit beachte ich alles. (Robert Walser)

Achtsamkeit ist ja im Moment in aller Munde. Als ich wieder einmal etwas (zugegebenermassen ganz gescheites) darüber gelesen hatte, startete ich sofort den Selbstversuch. Zwar war gerade kein immer wieder zitiertes Glas Wasser in der Nähe, welches ich bewusst und mit allen Sinnen hätte kredenzen können. Ich hatte mich nämlich ans privateste Örtchen des Hauses zurückgezogen. Ich griff also ganz bewusst zur Papierrolle, wickelte ganz achtsam etwas Papier ab,….und beim Durchreissen entlang der perforierten Linie war ich der ganzen Sache bereits so überdrüssig, dass ich das Achtsamkeits-Prozedere abbrechen musste.

Es ist ganz gut, dass wir Abläufe ohne angestrengtes, bewusstes Nachdenken ausführen können. Achtsamkeit zerstört den Fluss, die Leichtigkeit, die Eleganz unserer Tätigkeiten. Achtsamkeit fokussiert, stattdessen wünsche ich mir einen Blick bis zum Horizont und darüber hinaus. Ich wünsche Euch und mir Präsenz im Alltag, Liebe zum Tun, Schwung und Hingabe für alle anfallenden Verrichtungen. Voraussetzung dafür ist wahrscheinlich genügend Zeit. Um nicht hektisch werden und die Gedanken sieben Schritte vorauseilen lassen zu müssen. Zeit ist vielleicht viel wichtiger resp. die Voraussetzung für das Gute, was daraus folgen kann. Ob man es dann Achtsamkeit, Liebe oder Präsenz nennt, ist eigentlich egal.

Stolperstein: Werbung von Freunden

Das Vorstellen von Rezepten, DIY-Projektchen, Büchern und anderem ist ja ein essentieller Bestandteil von vielen Blogs. Ich mag diese Präsentationen sehr. Durch meine Blogauswahl entsprechen schliesslich die meisten Dinge meinem eigenen Geschmack, ich werde inspiriert und entdecke immer wieder Neues, welches genau auf mich zugeschnitten scheint. Ganz toll! Natürlich kommt man so auch immer wieder mit käuflich zu erwerbenden Produkten in Kontakt, auch daran störe ich mich nicht. Ob die werbende Person fürs Berichten bezahlt wird oder mit ihrer Begeisterung das Produkt gratis unterstützt, ist mir eigentlich nicht so wichtig. Angenehm finde ich es jedoch, wenn dies deklariert wird.

Das Marketing-Experiment mit den Morgensens (hier und hier) zeigt aber die krasse Weiterführung dieser Idee. Menschen werden von Firmen bezahlt, im Alltag bestimmte Produkte in ihrem Umfeld zu bewerben. Denn Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert besser als jede TV- oder Plakatwerbung. Weil man den Menschen, welche man kennt, vertraut. Beziehungs- und Vertrauensnetze werden als Werbekanäle (bis jetzt zwar erst als Experiment) pervertiert.
In den Blogs geschieht ja aber eigentlich nichts anderes. Und einigermassen perfide ist, dass ich zwar glaube, die Blogschreiberinnen zu „kennen“, in Wirklichkeit aber ziemlich blind durch diese virtuelle Welt mit ihren Avataren stolpere. Wie weiss ich denn, ob „Fräulein Tannenhonig“ (Name frei erfunden) tatsächlich existiert? Uahhhh, das wird unheimlich, je länger ich darüber nachdenke…
Aber hey, bitte postet unbedingt weiterhin eure tollen Erlebnisse mit Büchern, Kaffeemühlen, Lippenstiften, Wollknäueln und Zeichenfedern. Das ist nur ein Stolperstein, kein Felssturz!

Vorschau: Dezember

Meine November-Bilanz fällt grandios aus. Erfolgsversprechend war bereits die Knappheit der Liste. Zusätzlich kam ein forcierender Faktor hinzu, welche meine Vorhaben unterstützte. Oder würdet ihr nicht auch Dieses und Jenes endlich endgültig verschwinden lassen und mal wieder ein bisschen detailverliebter Ordnung ins Chaos bringen, wenn ihr eine kleine Filmcrew für einen Tag bei euch daheim empfangen müsstet?

Wie dem auch sei, ich bin nun also recht ausgeschlafen, belesen und bestrickt. In einigen Ecken ist wohltuende Ordnung eingekehrt, und Tee trinke ich mehr denn je. Allein die Novembermusik dürfte sich im Dezember noch ein bisschen verändern. Der Frischling hat das Musikhören und Tanzen und Singen entdeckt. Wunderbar ist das. Aber er möchte immer den Papa hören, und das bedeutet dann: alte traditionelle Volksmusik in eigenartiger Besetzung (Kontrabass, Saxophon, Banjo, Stuhl), gespickt mit überraschenden, ziemlich frechen, aber immer liebevollen Querverweisen in die ganze riesige Welt der Musik (Wer weiss denn beispielsweise schon, dass David Hasselhoff früher mal Viehhirte war und dabei zu seinem Hit: „Abi lugi vo Vieh do“ – „Runter schau‘ ich aufs Vieh“ inspiriert wurde? Das mit dem „I’ve been looking for freedom“ hat irgendwer falsch verstanden…). Grossartige Live-Musik, immer wieder, als Konserve aber nur schwer auszuhalten. Der Frischling ist anderer Meinung. Ich hoffe auf Erweiterung des Repertoires.

Für den Dezember gilt nun also:
-viel schlafen
-viel lesen
-auskosten, dass der Frischling nun auch von Grosseltern gerne ins Bett gebracht wird
-mich ganz den kulinarischen und musikalischen Weihnachtsvorfreuden hingeben

Das sollte zu schaffen sein.

Und was auch noch gesagt sein muss: Sie sind sehr hübsch, die Määähdels, nicht wahr?

Vorschau: November

° Ballast abwerfen und dadurch freier und mit weniger Gepäck unterwegs sein

° stricken und zeichnen und schreiben und dazu die Teevorräte aufbrauchen, damit ich mein selbstauferlegtes Embargo wieder aufheben kann

° möglichst viel schlafen

° über hübsche Weihnachtsgeschenke nachdenken und dem Wohnraum liebevolle Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, wider die Kälte

°Novembermusik hören, zum Beispiel solche

Die monatliche Vor- und Rückschau ergänzt meine unzähligen bestehenden Listen (berufliche und private Pendenzen, Einkauf, Ideen, Tages- und Wochenorganisationen etc.). Sie soll jedoch ausschliesslich wohltuende, mich selbst beschenkende Punkte enthalten, welche sonst einfach allzu schnell und oft vergessen gehen.

Rückschau: Oktober

Schwuppdiwupp ist der Oktober schon wieder um, und meine grosse schöne Monatsliste darf kurz überprüft werden.

° Herbstteller mit Rotkraut und Kastanien, gedämpften Äpfeln und Knöpfli an Pilzsauce gabs nur zum Geburtstag, dafür in wunderbarer Form. Vermicelles habe ich hingegen des öfteren genossen. Und die Zwetschgenknödel wurden ausprobiert. Sie sind aber auf jeden Fall noch verbesserungsfähig.

° Ballast abwerfen hat nicht geklappt. Die Schränke und Schubladen sind immer noch (zu) voll. Ob der November mit seinen längeren Abenden die ein oder andere Gelegenheit bringt?

° Der Riesenbommel bommelt immer noch (ich werde berichten, versprochen!).

° Ein paar Reihen sind gestrickt. Und der Tipp „Harry Rowohlt“ war grossartig!

° Mein Garten-Wissen und alle Ideen kreisen immer noch im Kopf. Wenigstens einige Rezepte habe ich aufgeschrieben.

° Der Ausflug ins Lieblingsmuseum meiner Kindheit war grandios! Wir waren fast alleine da, was beinahe schon schockierend war bei diesem tollen Ausstellungskonzept und dem freien Eintritt. Gerne bald wieder! (Der Säugling-Schädel wird aber nicht mehr im Treppenhaus ausgestellt. Auch gut.)

° Für einen Ausflug in die Berge hat die Energie nicht gereicht.

° Auch Briefe wurden keine geschrieben.

° Die Engadinerinnen sind jedoch glücklich angekommen.

° Und den Herbst habe ich gesehen, gespürt, gehört, gerochen und geschmeckt.

Mein Fazit: Vieles wurde nicht erledigt. Das muss aber auch nicht sein. Es geht ja schliesslich eher um Aufmerksam- und Achtsamkeit. Um das Fassen von Wünschen. Wenn etwas keinen Platz hat, ist das egal, es war anscheinend nicht so wichtig.

Unerwartete Sternmomente des Oktobers waren: der Ausflug mit D. nach St. Gallen, das Einkochen der Äpfel zu Apfelmus, meine Quittengelée-Produktion und die willkommene Schlafritual-Veränderung des Frischlings (weniger stillen, mehr im eigenen Bett schlafen, und beides absolut freiwillig, fröhlich und mit grosser Selbstverständlichkeit).

Vorschau: Oktober

° zahlreiche Herbstteller und Vermicelles zubereiten, mich endlich an Zwetschgenknödel wagen und alles, wann immer möglich, begleitet von Familie, Freunden und warmem Miteinander geniessen

° Ballast abwerfen und Herzensdingen Platz einräumen

° Rastafari-Mütze optimieren (Riesenbommel entfernen und dafür Mähne einknüpfen zwecks Neugeborenen-Kompatibilität)

° viele Reihen stricken, am besten in Begleitung von Hörbüchern (Das Vakuum nach 61 Folgen Sherlock Holmes muss gefüllt werden, wer kann weiterhelfen? Tipps sind willkommen!)

° Garten-Wissen-Sammel-Ideen-Pläne-Heft (Hefte?) und Rezeptesammlung anlegen

° Ausflug ins Lieblingsmuseum meiner Kindheit unternehmen (Ob der Säugling-Schädel wohl noch anzutreffen ist?)

° Hund und Kind und Gefährte zu einem winzigkleinen Ausflug in die Berge bewegen

° den längst fälligen Brief nach Berlin schreiben und abschicken

° den drei Engadinerinnen einen würdigen Empfang bereiten

° dem Herbst mit offenen Sinnen gegenübertreten und das ein und andere Bild festhalten

Die monatliche Vor- und Rückschau ergänzt meine unzähligen bestehenden Listen (berufliche und private Pendenzen, Einkauf, Ideen, Tages- und Wochenorganisationen etc.). Sie soll jedoch ausschliesslich wohltuende, mich selbst beschenkende Punkte enthalten, welche sonst einfach allzu schnell und oft vergessen gehen.

Chumm, mir wei…

Hier kirscht es sich auch, wie hier und hier.

Die liebe Mano ist mir zuvorgekommen mit ihren Bildern, nicht zuletzt, weil mich eine fiese Erkältung ins Bett gehauen und vom Compi ferngehalten hat. Vielleicht sassen wir wirklich gleichzeitig in der Baumkrone, hier und dort, lauschten den Grillen unter uns und dem feinen Rascheln der Blätter im Wind um uns herum.
Synchronizität beim einen und andern, ganz schön eigentlich.

12von12, Juni 2013

Nachmittags um drei ist mir eingefallen, dass ich erstmals auch mittun könnte. Voilà!

Tasche bedruckt
wahnsinnig über Post gefreut
Holunderblütensirup angesetzt
Stoffe der Sonne anvertraut
Überschwemmung bekämpft
das entfernte Baugerüst gefeiert
Erdbeeren gemampft
unerwünschte Pflänzchen verbannt
noch einmal Erdbeeren gemampft
mehrere Quadratmeter Chaos bewältigt
von Schokolade flankiert gearbeitet
in den Himmel geguckt

Mehr 12von12 gibts hier.

Walpurgisnacht

Beste Frauen,

Hexen, Göttinnen,
Pippis, Annikas,
Schreiberinnen, Leserinnen,

die Computertastatur unter den Fingern oder das Kind auf dem Arm,
mit Wind im Haar oder Erde an den Sohlen,
ohne Furcht und Tadel oder voll der Zweifel und Schwächen,

heute feiern wir uns.
Tanzt gut in den Mai.

zum Bild:
Ich scheine wohl schon als Sechsjährige gespürt zu haben, dass Mutter, Hexe und Pippi Langstrumpf untrennbar zusammengehören… (Vorder- und Rückseite, A4, Filzstift und Neocolor)

Roadmovie

Wir fahren zum Einkaufen, trotz des kurzen Wegs schläft der Frischling auf der Rückbank sofort ein. Daheim bohren und hämmern die Handwerker, da ist an Schlaf nicht zu denken. „Wie schade, ihn jetzt aufzuwecken“, bemerken wir, als wir über den Parkplatz des Einkaufszentrums rollen. „Es gibt noch andere Coop’s* auf dieser Welt“, füge ich an. Der Gedanke ist, obwohl banal, beinahe unerhört. Mit einer grossen Geste, ohne zu zögern oder ein weiteres Wort zu verlieren, umrundet der Gefährte die parkierten Wagen, reiht sich wieder in den Verkehr ein und schon gehts dorfauswärts Richtung Autobahn, hin zu einer fernen Einkaufsmöglichkeit. Der Frühling leuchtet und die Welt ist weit. Ich bin schlagartig wieder einmal sehr verliebt und fühle mich frei wie schon lange nicht mehr. Alles ist möglich.

*Name einer Schweizer Ladenkette

Nachsatz: Natürlich kurven wir normalerweise nicht unnötig in der Welt herum. Weil der Gefährte aber, wie er mir nachher erklärte, sowieso in absehbarer Zeit ein bestimmtes Fachgeschäft in der Stadt aufsuchen musste, fackelte er nicht lange. So liess sich das Schöne mit dem Nützlichen verbinden.