Zähneputzen und bedürfnisorientierte Elternschaft, Teil 2

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Facebook verrät es, das Zähneputzen ist in vielen Familien ein verhasst-gefürchteter Moment des Tagesablaufs. Das geht so weit, dass die einen Eltern schliesslich mehr oder weniger verzweifelt und in Sorge um die Zahngesundheit ihrer Kinder über Wochen und Monate täglich auf die äusserst gewaltvolle Technik „Schraubstock“ zurückgreifen, während andere zumindest vorübergehend ganz darauf verzichten, die Zähne der Kinder zu pflegen. Zwischen diesen beiden für mich untragbaren Extremen wird befohlen, gelobt, manipuliert, bestraft, abgelenkt und anderes mehr.

Meine Kinder stehen zwar nicht Schlange, wenn es ums Zähneputzen geht, es gibt schliesslich abends immer noch so viel Wichtigeres zu tun (spielen!!!), aber sie begegnen dem Prozedere normalerweise ganz entspannt. Eines Tages habe ich aber festgestellt, dass ich sie trotzdem mit meiner freien Hand jeweils am Oberarm festhalte. Nicht direkt grob, aber doch eigentlich ziemlich lieblos. Neugierig habe ich daraufhin während einigen Tagen experimentiert: meine Hand beim Zähneputzen ganz weggelassen, die Handfläche dem Kind auf den Rücken zwischen die Schulterblätter gelegt, mit der freien Hand seinen Kopf gestreichelt, den Rücken zart gekrault, seine Hand gehalten und anderes mehr. Die Unterschiede waren frappant! Tatsächlich halte ich meine Kinder heute nicht mehr am Arm fest, wenn ich ihre Zähne putze. Ich habe eine für uns viel schönere Lösung gefunden.

Nicht selten sind es solch kleine Unachtsamkeiten, welche bei unseren Kindern Unwohlsein und schliesslich Widerstand auslösen. Und ehe man sich versieht, befindet man sich in Abwärtsspiralen, welche in vermeintlichen Machtkämpfen enden, obwohl dies eigentlich gar nie die Absicht des beteiligten Kindes war.* Ich kenne solch heikle Momente vom Haarewaschen, vom Auszieh- und Ankleideprozedere, vom Händewaschen, vom Anschnallen im Auto und vielen anderen alltäglichen Situationen. Sehr oft sind es solche kleinen „Benutzerfehler“, welche sich im Zusammenleben zu handfesten Problemen auswachsen: eine grobe, unsensible Wortwahl, zu viele oder zu unklare Anweisungen, ungenaues Zuhören, reflexartig hervorbrechende Erziehungsmuster und anderes mehr.**

Ja, ich bleibe dabei, es ist nicht damit getan, die „offiziellen AP-Themen“ abzuarbeiten. AP findet in unserem gesamten Alltag statt, in jeder Minute. Natürlich, kein Kind leidet schwer, wenn es beim Zähneputzen am Arm festgehalten wird. Aber wenn wir Lust dazu haben, können wir unsere ganz banalen Alltagshandlungen in verspielter Neugier beobachten und uns überlegen, ob wir sie tatsächlich schon als günstige Gelegenheit nutzen, dem Kind unsere Liebe, Fürsorge, Gleichwürdigkeit, Empathie, etc. zu vermitteln. Denn schliesslich zählen Taten mehr als alle Worte. Darüber, dass mir täglich noch unzählige zu schnelle, laute, unsensible Worte oder Handgriffe unterlaufen, lasse ich mir keine grauen Haare wachsen (die entstehen souverän ganz ohne mein Zutun). Aber ich freue mich immer, wenn ich Routinesituation im Alltag für uns alle verschönern kann.

Deshalb ist AP auch nicht abgeschlossen, wenn aus dem Baby ein Kleinkind wird. Auch der Teenager hat AP verdient. Und auch dem Partner, der Arbeitskollegin, den eigenen Eltern und dem Meerschweinchen darf bedürfnisorientiert begegnet werden. Und vor allem natürlich immer auch sich selbst.

*Ein ganz ähnliches Phänomen kenne ich aus meiner Zeit mit dem Hund. Viele Hunde reagieren auf Heranrufen zögerlich. Viele Hundehalter beugen sich beim Anleinen oft, physiologisch bedingt, auffällig stark über den Hund, was für diesen sehr bedrohlich und unangenehm ist. Wenn dann noch unsensibel am Halsband herumgezerrt wird, ist auf ein konstant freudiges Herangaloppieren auf Zuruf bald nicht mehr zu denken. Was dann als Ungehorsam tituliert wird, ist oft nur allzu verständliches Meideverhalten. Das ist sehr schade, gehört doch ein guter, zuverlässiger Appell zu den Kernkompetenzen jedes Mensch-Hund-Teams und ist für die effektive Sicherheit des Tieres und das Sicherheitsgefühl von Drittpersonen essentiell. Wer die Freude hat, mit einem Hund zusammenzuleben, soll ihn doch zwischendurch beim Anleinen genau beobachten. Blinzelt, gähnt oder leckt er sich die Nase? Dreht er den Kopf weg? Das sind deutliche Anzeichen dafür, dass ihm die Situation Unbehagen bereitet. Könnte man sich vielleicht angewöhnen, zum Anleinen in die Hocke zu gehen, um ihm das Prozedere ein bisschen angenehmer zu gestalten? Ihn zudem regelmässig heranzurufen ohne ihn anschliessend anzuleinen, und dann und wann ’ne Belohnung bei fixer Ausführung springen zu lassen, kann ich übrigens auch sehr empfehlen. Ein bisschen Dressur (oder auch Manipulation) liegt bei Hunden meines Erachtens drin, vor allem, wenn sie den Glücks-Level aller Beteiligten anhebt…

**Es geht bei AP nicht um das Ziel, ein problemloses, gehorsames Kind zu erhalten. AP ist keine Erziehungsmassnahme. Wenn ein Mensch sich aber wahrgenommen und verstanden fühlt, funktioniert das Zusammenleben oftmals einfach besser, als wenn einzelne Beteiligte ständig um ihre Integrität kämpfen müssen.

Leitwölfe {Alpha}


zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 

Aus aktuellem Anlass ist mal wieder Zeit für ein Alpha-Post. Jesper Juul hat diese Tage sein neues Buch mit dem Titel „Leitwölfe“ veröffentlicht. Es soll sich um ein Plädoyer für mehr Führungsqualitäten von Eltern handeln. Vorweg: Ich habe das Buch nicht gelesen, ich weiss nicht, was Juul aus dem Titel macht. Ich nehme jedoch nicht an, dass er unter die Wolfsforscher gegangen ist.

Der Vergleich von Eltern mit Wölfen ist mir aber lieb und vertraut. Schon lange übe ich meine Rolle als Alpha, als Elterntier. (In Wolfsrudeln sind die Alphatiere nicht brutale, machthungrige Regenten, sondern schlicht die Eltern der andern Tiere.) Nicht zuletzt haben diese Parallelen (und Unterschiede) dieser Alpha-Reihe ja ihren Namen gegeben.

Jan Fennell hat spannende Bücher über das Verstehen von Hunden veröffentlicht. Unter dem Begriff „Amichien Bonding“ beschreibt sie anschaulich, welchen Platz wir unsern Hunden zuweisen sollten. Ein Hund, der sich als Alpha-Hund, als Leittier seines Rudels versteht, hat ein anstrengendes Leben: Ständig muss er Entscheidungen treffen. Wohin führt er das Rudel? Was steht auf dem Tagesprogramm? Nähert sich Gefahr? Sind alle satt? Es ist nicht einfach, für ein Rudel verantwortlich zu sein. Viel angenehmer ist es für einen Hund, wenn er ein geliebtes, aber rangniederes Tier des Rudels sein darf. Schwierige Entscheidungen wie „Flucht?“, „Kampf?“ etc. werden ihm von den Alpahtieren (den Eltern!) abgenommen. Er kann sich an ihnen orientieren und sich komplett entspannen, da er nicht für wichtig Entscheide verantwortlich ist.

Nun passiert es aber laut Fennell oft, dass Hunden tagtäglich unzählige Male unbeabsichtigt vermittelt wird, dass sie die Rolle des Alphatieres innehaben: Wenn sie sich an die Tür stellen, gehts auf ne Hunderunde, wenn sie den Ball bringen, spielt der Mensch mit ihnen etc. (das Alphatier bestimmt den Tagesrhythmus), sie werden gefüttert, bevor die Menschen essen (das Alphatier frisst wann immer möglich genügend, damit es bei Kräften bleibt), sie werden bei jedem Wiedersehen überschwänglich begrüsst (im Wolfsrudel begrüssen die Kleinen die heimkehrenden Eltern voller Freude, nicht umgekehrt.), man zirkelt um sie rum, wenn sie so gemütlich im Flur auf dem Sonnenfleck liegen (das Alphatier geht seinen Weg, anpassen müssen sich die andern), sie stürmen als erstes aus dem Haus um Besucher zu begrüssen oder den Postboten zu verjagen (das Alphatier sichert den Familienplatz ab und entscheidet, ob sich Freund oder Feind nähert), der Hund liegt auf dem Sofa (die guten Plätze mit Aussicht müssen dem Alpha gehören, damit er die Umgebung im Auge behalten kann). Die Aufzählung liesse sich noch weiter fortführen.

Wenn Hunde nun aber über weite Strecken als Alphas behandelt werden, müssen sie Alphas sein, ob sie wollen oder nicht. So haben dann diese unfreiwillig zu Alphatieren „ernannten“ Hunde eine unangenehme Aufgabe gefasst, welche zu erfüllen sie nicht imstande sind. Die Folge: Gestresste Tiere, welche mit der Situation heillos überfordert sind. Sie können zu nervösen Kläffern werden, welche alles und jeden verbellen, sie haben Mühe, tief und entspannt zu schlafen, sie sind unter Strom, wenn sich Rudelmitglieder aus ihrem Wirkungskreis entfernen, weil sie sie dann nicht „beschützen“ können und vieles mehr.

Die „Therapie“ ist (theoretisch jedenfalls) einfach: Der Mensch verlässt als erster das Haus. Der Mensch nimmt sich seinen Raum, der Hund passt sich an („Aus dem Weg bitte.“, „Weg hier, ich möchte hier sitzen.“). Der Hund liegt nicht erhöht. Anmerkung: Nicht jeder Hund benötigt die gleiche Menge „Hinweise“. Viele Hunde bleiben absolut liebenswürdig, auch wenn man ihnen beispielsweise ein Plätzchen auf dem Sofa zugesteht. Durch diese und weitere kleine Massnahmen wird dem Hund jedoch täglich klargemacht, dass sein Platz weit unten im Rudel ist, und so kann er sich entspannen. Es ist ein menschlicher Irrtum zu meinen, dass es nicht schön sei, ein rangniederes Tier des Rudels sein zu dürfen. Das oft  im Zusammenhang mit Hunden gehörte „Er muss wissen, wer der Meister ist“, wird mit solchen Massnahmen artgerecht und liebevoll vermittelt. Es hat nichts zu tun mit brutalem „auf den Rücken legen“, schlagen oder anderer grober Behandlung, welche oft als Nachtrag zu diesem Satz genannt werden.

Und was lernen wir daraus für unsere Menschenwelpen? Anders als Hunde streben wir ja bei ihnen langfristig grösstmögliche Selbständigkeit, also Alphaqualitäten an. Sie „klein zu halten“ kann nicht im elterlichen Sinn sein. Ich für meinen Teil kann aber doch einiges adaptieren. Zum Beispiel, dass kleine Kinder nicht allzuviele Entscheidungen treffen sollten. Weil sie das einfach überfordert. Sie können noch nicht alle Eventualitäten ihres Handelns abschätzen, ihnen die Führung des Rudels anzuvertrauen wäre für alle Beteiligten eine Katastrophe.

So kann man beispielsweise fragen: „Willst du warme oder kalte Milch über deine Frühstücksflocken?“ Wenn das Kind dann meint, es möchte lieber Stullen, ist das auch ok. Es hat ohne Auswahlstress seine Vorliebe gespürt, welche zudem adäquat ist. Es wird aber schwierig, wenn ich frage, ob es Müesli (Haferflocken, Dinkelpops oder Apfel-Zimt-Knuspermüesli), Brot (mit Konfitüre, Honig oder Käse) oder ein Ei (Rührei, Spiegelei) haben möchte. Ich versuche, keine Fragen zu stellen, welche keine sind: „So, der Hund sollte raus. Gehen wir los? Kommst du bitte?“ Vielmehr ist der nächste Programmpunkt klar: „In 10 min gehen wir mit dem Hund raus. Beende bitte langsam dein Spiel.“ Das Kind darf entscheiden, ob es sein Laufrad mitnimmt oder zu Fuss kommt, was dann auch die Route ergibt (Asphaltstrasse oder Waldweg). Zähne werden geputzt, die Zahnpasta darf das Kind auswählen. Vorausschauend versuche ich, dem Kind gut zu treffende Auswahlmöglichkeiten zu geben, mit welchen ich, egal wie die Wahl ausfällt, gut leben kann.

Als Leitwölfin und Mutter bin ich verantwortlich dafür, das Leben für mein Rudel angenehm und unkompliziert zu gestalten, damit sich alle wohlfühlen können.

Zum Schluss ein schönes Zitat (gefunden hier):
Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins. (Marie von Ebner-Eschenbach)

*Das Bild stammt übrigens aus alten Tagen. Als die Schöne noch bei uns lebte und weit und breit – von Besuchskindern abgesehen –  noch keine kleinen Menschen meine Leitwolf-Kompetenzen täglich überprüften und einem Intensivtraining unterzogen.

Vom Trösten {Alpha}

zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 


Die Welpenbande tollt durch das Schilf. Fröhlich und ausgelassen geht es zu und her an diesem Sommertag im Jahr 2004, als sich die Hundegeschwister erstmals nach ihrer Platzierung wieder zu einem gemeinsamen Spaziergang treffen. Plötzlich aber kippt die Stimmung, als die drolligen Geschwister an einer sumpfigen Stelle nicht weiterkommen. Schwimmen geht nicht, aber auch fester Grund ist nicht mehr erreichbar. Erschrockene Gesichter, hektische Bewegungen, panisches Rudern. Schnell erfasst die Züchterin die Situation, steigt selbst in die Brühe und bugsiert die Jungspunde schnell und ganz ruhig zurück ans feste Ufer. Sie ist es auch, die kurz darauf die Kleinen an eine klare Wasserstelle mit guten Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten lockt. Bald tollen alle Welpen vergnügt durch das Wasser.

Alle bis auf einen. Seine Besitzer, ein junges, reizendes Pärchen, haben ihren verschreckten Welpen nach dem unfreiwilligen Schlammbad „aus dem Verkehr gezogen“. Streichelnd und sanft auf ihn einredend, trösten die beiden das schlotternde Tier. Es beruhigt sich nicht, verlässt für die nächsten Stunden den Schoss der Frau nicht mehr. Je mehr der Welpe getröstet wird, desto gequälter wird seine Körperhaltung. „Der Schreck sitzt sehr tief“, verteidigt ihn der junge Mann. Der Hund wird die nächsten Jahre Wasser meiden. Seine Besitzer führen dies auf die traumatische Episode zurück. Dass die sieben Geschwister des Tieres das Wasser lieben, macht sie nicht stutzig.

Es ist richtig, dass wir Kinder trösten. Wie gut, dass sich endlich herumgesprochen hat (so hoffe ich doch!), dass gerade auch Jungen weinen dürfen und sollen, wenn sie körperliche oder seelische Schmerzen erleben, wenn sie müde, frustriert oder einfach verunsichert sind. Trost können wir alle bisweilen gut gebrauchen. In Form eines lieben Wortes, einer Berührung, einer Umarmung, oder dann und wann sogar in Form einer Reihe Schokolade. Im Zusammenleben mit Kindern spendet man täglich Trost. Ich nehme in den Arm, puste einen Schmerz weg, gebe tröstende, beschwichtigende Erklärungen oder lasse dann und wann winzige, mit Zucker ummantelte Fenchelsamen als „Zaubermedizin“ springen. Weinen ist nie dumm, lächerlich oder nicht angebracht. Über den Grund kann ich mich als Erwachsene vielleicht bisweilen wundern, aber die Gefühle meiner Kinder nehme ich ernst.

Aber manchmal, manchmal ist Frau Krähe eine Rabenmutter. Wenn Kinder hinfallen, stürzt oft ein Erwachsener zu ihnen hin, zieht sie hoch und startet das „Trösterprogramm“, noch bevor das Kind überhaupt weint. Ebenfalls beliebt ist das Liefern einer zusätzlichen Tonspur. Während das Kind stolpert, schreit ein Erwachsener ein erschrockenes „Sakrakruzifix“ (oder so), reisst Augen auf und Arme hoch. Alles so laut und furchteinflössend, dass das betroffene Kind mit ziemlicher Sicherheit zu weinen anfängt. Frau Krähe bleibt ganz ruhig in solchen Augenblicken. Passivität und Desinteresse werden ihr vorgeworfen. Nichts davon ist wahr.

Braucht mich das Kind überhaupt, oder wird es alleine mit der Situation fertig? Oft rappelt sich der Frischling nämlich auf, wischt sich die Hände an den Hosen ab und düst weiter. Auf mein „Brauchst du mich?“ nach einem Sturz folgt erstaunlich oft nach einem Blick des Frischlings auf seine Handflächen ein wohlüberlegtes Nein. Das Kind weint nicht nicht, weil das Weinen geringgeschätzt würde oder es nicht mit Trost rechnen kann, sondern weil es schlichtweg nicht nötig ist. Auch bin ich froh, wenn das Kind, so es sich denn wehgetan hat und weint, zu mir kommt und nicht ich zu ihm hingehen muss. Ich kann mir in diesen wertvollen Sekunden nämlich bereits einen Überblick verschaffen. Hinkt das Kind? Blutet es? Wohin fasst es instinktiv, weil es Schmerzen verspürt? Das hilft oft mehr, als ein schreiendes Kleinkind zu fragen, wo es weh tut. Und natürlich eile auch ich zu ihm hin und nehme es in meine Arme, wenn Schreck oder Schmerz für das Kind zu gross sind, als dass es sich alleine aufrappeln kann.

Der Frischling soll erleben, dass es für Heilung nicht immer Hilfe von aussen braucht. Ich unterstütze mein Kind, kleinere Blessuren selbst zu behandeln. Es soll helfen beim Bepusten von schmerzenden Körperstellen, oder dies ganz übernehmen. Heftpflaster führen wir nie mit. Kleine Wunden werden daheim desinfiziert, das Pumpspray kann der Frischling selbst bedienen. Letzthin hat
ein befreundeter, gleichaltriger Junge des Frischlings aufgeschlagenes, bereits etwas verschorftes Knie begutachtet. „Da muss ein Pflaster drauf“, hat der Dreikäsehoch gemurmelt, worauf der Frischling stolz geantwortet hat: „Nein, nein, meine Haut kann das selbst reparieren.“ Es freute mich zu hören, dass er diesen schon oft von uns gehörten Satz verinnerlicht hatte. Und begeistert hat er angefügt: „Und erst noch ganz ohne Werkzeug!“ Selbstwirksamkeit vom Feinsten. Und die Augen des kleinen Freundes glänzten anerkennend und beeindruckt ob dieser vorhandenen Superkräfte.

Es ist mir wichtig, mit Blut entspannt umzugehen. Sofern Blut nicht gerade literweise austritt, ist es schliesslich eine geniale Reinigungsflüssigkeit jeder kleinen(!) Wunde. Schmutz wird ausgespült und durch die Gerinnung wird die Wunde verschlossen. Es mag für manche von euch als weit hergeholt klingen, aber gerade für Mädchen finde ich es enorm wichtig, Blut ganz von Beginn weg positiv zu besetzen. Denn wie soll ein Mädchen später mit eintretender Menarche ein positives Bild von den sich abspielenden Vorgängen erhalten, wenn bis anhin während seiner gesamten Kindheit Blut immer von Schrecken, Angst und Desinfektionshysterie begleitet wurde?

Was mich immer wieder irritiert, ist die Beobachtung, dass die meisten Eltern sehr viel offensiver trösten als ich es tue, wenn es sich um kleine Verletzungen handelt (wenn Kleinkinder hinfallen, sich den Kopf stossen, den Finger einklemmen etc.), jedoch ganz aufs Trösten verzichten, wenn es ernst wird. Wenn also das Kind schreiend angelaufen kommt und beispielsweise aus dem Mund oder einer Wunde am Kopf blutet. Dann muss sofort die Verletzung untersucht werden, das Kind wird angeherrscht, stillzuhalten. Aufgelöst muss entschieden werden, ob man zum Notarzt oder ins Spital fahren soll. Sofern die Verletzung nicht lebensbedrohlich ist (und das ist sie wohl tatsächlich äusserst selten), meine ich, dass es auf die Dauer einer langen Umarmung nicht ankommt. Der Zahn ist eh draussen, die Platzwunde an der Stirn verschlimmert sich während der Zeit des Tröstens auch nicht weiter. Für das Kind wäre aber der Trost in einer solchen Situation enorm wichtig. Wie beruhigend, wenn einen einfach jemand ruhig in den Arm nehmen könnte, wenn gerade die Welt zusammenzustürzen drohte. Damit wäre man dem Kind eine echte Hilfe, anstatt es weiter zu verunsichern, weil man selbst von der Situation überfordert ist. Und wieviel einfacher wäre es anschliessend, nach ein paar tiefen Atemzügen, mit einem klaren Kopf und einem wieder einigermassen gefassten Kind, die weiteren Schritte ins Auge zu fassen.

Die Sache des „wohldosierten Tröstens“ hat nur einen Haken, der aber eigentlich keiner ist: Wir lieben unsere Kinder. Seit dem Tag ihrer Geburt (oder noch länger) leben wir mit der Angst, dass ihnen etwas zustossen könnte. Sie sind uns anvertraut, und ihr Wohlergehen ist zentral für uns. Wir können und müssen nicht professionell und „richtig“ handeln, wenn ihre Unversehrtheit angegriffen wird. Aber wir können uns darin üben, immer und immer wieder, unsere Kinder liebevoll zu begleiten, sie nicht unangemessen abhängig von uns zu machen, sondern vielmehr ihr Vertrauen in ihren eigenen Körper, in ihre Wahrnehmung und in ihre eigenen Gefühle zu stärken.

Und wie habt ihrs so mit dem Trösten?

Die Bilder stammen von einem wunderbaren Tagesausflug 2009 in den Alpstein. Die beiden Seeungeheuer schwimmen im Seealpsee.

Überraschung {Alpha}

zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 


Lach doch mal! (Frau Krähe, ca. 1982/83)

„Lüüüüü-hhhüüüüüüs! Keeeeeehhhhrt! Kehrt! Los jetzt! KEHRT! Verdammt noch mal! Komm schon!“ So und ähnlich klingt das oft, wenn die Vorstellungen des Hundes und von mir nicht deckungsgleich sind. Auf 30 Meter Distanz wird der Katzendreck von ihm dann noch schnell verdrückt, um anschliessend als Übersprungshandlung zwecks Stressabbau beim Herkommen noch einen Pinkelstopp einzulegen. Ich ärgere mich, in Stimme und Körperhaltung wird das deutlich sichtbar. Der Hund spürt das natürlich. Wird knittrig, bucklig und langsam. Spass macht das uns beiden nicht. Muss es ja aber auch nicht immer. Aber nützt es wenigstens? Die ernüchternde Antwort: Nein.

Kürzlich ist der Herr Hund weit zurückgeblieben und hat sich (vermutlich) unappetitlichem Zeug zugewendet. Einer Laune folgend, habe ich einen völlig bescheuerten charlie-chaplinesken Sprung versucht. Und noch einen. Ich hab gelacht. Und bin zum dritten Mal völlig bescheuert in die Luft gehüpft. Und schon tanzte mit wehenden Ohren und flinken Pfoten ein durchgeknallt fröhlicher Hund um mich herum. „Was ist los? Party-Party? Ich bin dabei!!!“ leuchteten seine Augen. Es folgte ein Spasskämpfchen, danach ging der Spaziergang flott weiter, mit einem beschwingten, aufmerksamen Hund. Ich selbst war aufgeräumt und belustigt.
Kinder reagieren ähnlich überrascht auf Unvorhergesehenes. Oft verfalle ich in völlig nutzloses Geschimpfe und Genöle, wo einfach eine deutliche Abweichung des leider „eingespielten“ Programmablaufs Abhilfe schaffen würde.
Wieso also nicht mal, statt des üblichen Gemeckers und Moral-Geschwafels, wenn das Kind mal beim Zähneputzen den Mund nicht öffnen will, einfach die eigenen superstarken Biberzähne demonstrieren und eine wilde, liebevolle, fröhliche „ich-beiss-dich-in-den-Bauch“-Rangelei anzetteln. Gut möglich, dass nach Spass und Rambazamba der Mund enthusiastisch aufgerissen wird. Denn wer möchte schon freiwillig auf grandiose Biberzähne verzichten?

Auch gegen eigenen Trübsinn lässt sich das bewusste Ausscheren aus dem Alltagstrott praktizieren. Bei mieser Laune kann man zum Beispiel mal Musik hören, welche gar nicht dem eigenen Geschmack entspricht und für sich allein oder zufällig anwesende Kinder und Tiere ne Persiflage-Performance mit wildem Getanze aufs Parkett legen. Subtiler, aber nicht weniger wirkungsvoll: 10 Minuten früher aufstehen und den ersten Morgenkaffee oder -tee nicht wie sonst immer stehend in der Küche, sondern am offenen Fenster mit dem schönsten Ausblick geniessen und tief durchatmen.

Humor (oder mindestens ein leises Lächeln) hilft. Versprochen.
Vor allem ist das Leben damit auch einfach viel lustiger. Und egoistisch wie ich bin, dünkt mich dies ein überzeugendes Argument für mehr Spontaneität, Frohsinn und Verrücktheit im Alltag.

Und wie schafft ihr es, ungläubiges Staunen auf die Gesichter eurer Kinder und Fröhlichkeit in eurer aller Herzen zu zaubern? Seid ihr auch ab und zu unberechenbar positiv?

Alpha: Her mit dem Vergnügen!

Beziehungsorientierte Elternschaft!
Freies Spiel!
Selbstwirksamkeit!
Tragen! Stillen!
Gewaltfreie Kommunikation!
Genderneutrales Spielzeug!
Plastikfreies Kinderzimmer!

Klingt alles super, aber doch manchmal ein bisschen sehr nach viel Arbeit. Ist er uns wirklich dermassen abhanden gekommen, der einfache und intuitiv „richtige“ Umgang miteinander?

Ich mag diese Site, welche „Frühförderung“ so anders und wohltuend unspektakulär definiert. Aber dass ihre Schaffung offensichtlich nötig war, erschüttert mich.

Auch die Sendung Kontext erzählt mir über Frühförderung und Kinderspiel, was ich voll und ganz bejahe. Aber hatte man das tatsächlich vergessen können, dass Kinder lernen im freien Spiel?

Einer meiner Lieblings-Erziehungsratgeber ist der „Leitfaden für faule Eltern“ von Tom Hodgkinson. Herrlich lakonisch und oft provozierend beruft er sich auf Rousseau und Locke und empfiehlt, die Kinder in Ruhe oder aber für sich arbeiten zu lassen, kein Geld für Spielzeug, Freizeitgestaltung und ähnliches auszugeben, Blockflöten gegen Ukulelen auszutauschen und anderes mehr. Da wird für einmal nicht zuerst gefragt, was das Kind braucht, sondern wie man als erwachsener Mensch mit Kindern unter einem Dach leben will. Hodgkinson gelingt der überraschende Twist, dass genau diese Portion Egoismus das Beste für die Kinder ist, sie stark, selbständig und glücklich macht. Also genau so, wie es sich auch die „konventionelle Ratgeberliteratur“ wünscht. Nur einfach viel entspannter. Hier gibt es eine hübsche Rezension zum Buch. Die propagierte Entspannung und Gelassenheit als Faulheit zu bezeichnen, finde ich unglücklich gewählt bis grob irreführend. Schade, dass das tolle Buch den Titel trägt, den es trägt.

Ich las das Buch das erste Mal, als ich noch keine Kinder hatte und fand es vor allem sehr lustig. Einige Jahre später, mit eigenen Erfahrungen als Mutter und der ausgiebigen Lektüre einschlägiger Literatur, gefällt es mir noch besser. Manchmal, wenn ich mich so umschaue, fühle ich mich deplatziert und einsam mit meinen Schmuddelkindern, meiner Auffassung eines gelungenen Tages, meinen Prioritäten im Alltag mit ihnen (Spass für alle zum Beispiel). Dann ist mir dieses Buch ein guter Freund, ein lieber Verbündeter.

*zum Bild: Die Fotografie ist 1979 entstanden und zeigt meinen Vater und mich. Er ging wohl an jenem Tag eher einfach seinem Hobby nach, als dass er die Paradigmen der bindungsorientierten Elternschaft zu erfüllen suchte (was er aber natürlich ganz nebenbei und selbstverständlich tat). Ich spüre beim Betrachten des Bildes nicht ein „Wir trugen dich ständig herum, das war halt aufgrund der Bindungstheorie furchtbar wichtig, aber schrecklich anstrengend“, sondern ein „Unser Leben war schön, wir machten, was uns gefiel, und du warst einfach mit dabei“. Dafür werde ich meinen Eltern ewig dankbar sein.

**zu Alpha: Hier fehlt der direkte Bezug zum Tier. Er wäre an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem reihe ich den Post in die Alpha-Reihe ein, weil ich mich in dieser ja mit Erziehung im weitesten Sinn beschäftige. Und natürlich kann der denkende Mensch die Grunderkenntnisse auch auf die Beziehung Mensch-Tier übertragen.

Alpha: die Zeichen

zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 

Als ich meinen Hund zum Sanitätshund ausbildete, musste ich vieles lernen. An einem winzig-kleinen Beispiel aus der ganzen Ausbildungspraxis möchte ich zeigen, was mich daran so fasziniert. 

Ausbildungs-Etappenziel: Der Hund soll rund 60m einigermassen gerade in den Wald hineinrennen und danach zum wartenden Hundeführer zurückkehren, damit dieser ihn an einer anderen Stelle erneut schicken kann. So kann ein Waldabschnitt systematisch durchsucht werden. (Hier habe ich das Prozedere bereits einmal etwas ausführlicher beschrieben.) Wie bringt man nun also einen Hund dazu, auf Kommando in den Wald hineinzurennen? Im Anfangsstadium hat der Hund bei jedem „Schlag“ Erfolg. Immer, wenn er geschickt wird, findet er einen Helfer im Wald. Ganz zu Beginn bringen sich Hundeführer und Hund also in Position. Ein Helfer zeigt dem Hund ein Leckerli und rennt dann einige Meter in den Wald hinein. Der HF schickt den Hund, dieser holt sich natürlich das Leckerli, danach ruft der HF ihn zurück. Mit jedem Training wird die Distanz vergrössert. Auch das Zuschauen beim Hinauslaufen lässt man irgendwann weg. Anfangs steht der Helfer offen im Wald, irgendwann beginnt er sich zu verstecken. Wenn der Hund das Spiel begriffen hat, wird er den Helfer freudig und erwartungsvoll suchen, ohne dass er ihn vorher gesehen hat („Da muss doch einer sein!“). Nun ist aber jeder Hund und jedes Team anders. Es gibt Hunde, die brauchen sehr grosse Leckerlis beim Helfer draussen, damit sie sich überhaupt von ihrem Führer lösen. Oder aber damit sie den Helfer interessanter als die Verlockungen des Waldes finden. Andere begeistern sich prinzipiell fürs Laufen und machen sich gerne vorzugsweise auf dem „langweiligeren“ Rückweg selbständig und erkunden noch ein bisschen das Gebiet. Ein grosses Leckerli beim HF ist dann für einige Trainings angesagt. Es gibt Hunde, die werden am liebsten mit einem Stückchen Käse, etwas Katzenfutter oder ihrem Knautschball belohnt. Mein Hund hatte mal eine Phase, wo ihn Jubel und Knuddeln durch die Helfer (sie verhalten sich ansonsten eher passiv) maximal motivieren konnte. Aber wie findet man die richtige Belohnung? Indem man verschiedene Dinge ausprobiert und den Hund genau beobachtet: Galoppiert er beide Wege? Wovon lässt er sich ablenken? Zeigt er feine Gesten von Stress (Blinzeln oder Nase lecken beim Zurückkommen) mit seiner Körperhaltung? Und wenn ja, weshalb? Da das schnelle, freudige Laufen für diese Arbeit elementar ist, wird auch der ausgebildete Hund immer wieder diesbezüglich gefördert. Man überrascht ihn durch sehr nahe stehende Helfer oder spezielle Belohnungen, variiert die Zahl der Schläge,… Und trainiert natürlich immer parallel zum Training im Wald die Kondition des Hundes. Denn es wäre ja sehr unfair, seine Motivation in Frage zu stellen, wenn er einfach körperlich nicht zu Höchstleistungen in der Lage wäre. Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt nicht eine Möglichkeit, den Hund zu einem schnellen, zielstrebigen Läufer zu machen. Und wenn man meint, endlich seine eigene Methode gefunden zu haben, muss man sie auch schon wieder ändern… Man muss immer das Tier und sich selbst sehr genau beobachten und „geschmeidig“ reagieren, wenn sich die Situation verändert. Ein „So macht man das!“ oder „Bei diesem Hund dort funktioniert das aber!“ nützt einem gar nichts. (Besonders spannend wird das Training übrigens dann, wenn sich plötzlich kein Helfer mehr im Wald befindet. Es ist ein grosser Schritt, dass der Hund das „Aufgeben“ der Suche lernt und zum HF zurückkommt, um gleich darauf bei einem erneuten Schicken noch motivierter weiterzuarbeiten, und das viele Male aufeinander. Der Aufbau dieser Frustrationstoleranz benötigt sehr viel Fingerspitzengefühl.)
Mehr als überall sonst in meinem Leben habe ich beim Training mit dem Hund gelernt, kleinste Signale zu erkennen. Und ich lernte, dass auch er mich beobachtet. Denn Hunde sind Meister im Lesen von Körpersprache, da sie als im Rudel jagende Tiere (Wölfe) auf eine differenzierte nonverbalen Kommunikation angewiesen sind. Oft führte der Hund Befehle aus oder bemerkte meine Absichten, bevor ich eine bewusste entsprechende Geste gemacht oder ein Wort ausgesprochen hatte. Und Hunde können mehr als Schwanzwedeln und die Lefzen zurückziehen. Es gibt den weichen und den starrenden Blick, den stelzenden Gang, den zur Seite geneigten Kopf, das Gähnen, das Züngeln, das Hecheln, die Haltung der Ohren, das Aufstellen einzelner Härchen, die Art und Geschwindigkeit des Schwanzwedelns und unzähliges mehr. Hunde sprechen pausenlos und sehr differenziert.
Es fiel mir deshalb nicht besonders schwer, mich auf das kleine Bündel Mensch einzulassen, als ich Mutter wurde. Ja, es war wort-, aber keinesfalls sprachlos. Babys sprechen. Ihre Ausdrucksmöglichkeiten sind sehr differenziert. Lange bevor sie zu weinen beginnen oder begeistert jauchzen, zeigen sie mit ihrer Körperspannung, ihren Bewegungen, Blicken, Lauten und Gesten, wie es um sie steht und wonach ihnen ist. Es ist für mich selbstverständlich, diesen Bedürfnissen wo immer möglich nachzukommen. Alles andere erscheint mir grausam. So zeigt mein halbjähriges Mädchen beispielsweise sehr deutlich, ob ich es an eine andere Person weiterreichen darf. Indem sie Blickkontakt mit der Person aufnimmt, ihr ihren Körper entgegen neigt und vielleicht sogar die Arme etwas ausstreckt, signalisiert sie Zustimmung. Erkenne ich gegenteilige Tendenzen, lasse ich dem Mädchen möglichst noch etwas Zeit zur Kontaktaufnahme. Das ist nur eines von unzähligen kleinen „Gesprächen“, welche wir täglich miteinander pflegen. Das Kind erzählt und erzählt und erzählt. Und wenn ich einfühlsam, aufmerksam und offen bin, ist fast alles sehr klar und das Verstehen ganz einfach. 
Der Frischling plappert mit seinen fast drei Jahren natürlich pausenlos. Die Sprache wird zum wichtigsten Kommunikationswerkzeug. Was zwar wunderbar, aber eigentlich auch schade ist, denn noch immer gibt sein Körper unmissverständliche Signale, wo Worte wirkungslos, vage oder sogar widersprüchlich sind. Ich versuche deshalb ganz bewusst, ihn mit meinen Körpersignalen zu unterstützen oder zu bremsen und nicht nur durch „Ansagen“. Auch lohnt es sich, nicht nur auf sein drolliges Geschwätz einzugehen, sondern ebenso sensibel wie beim kleinen Mädchen auf die Signale seines Körpers zu achten.
Ja, Kinder haben grundsätzlich „all ihre Tassen im Schrank“, davon bin ich überzeugt. Sie sind für mich manchmal nicht auf den ersten Blick zu verstehen. Ich weiss nicht immer, weshalb sie etwas machen oder was sie bewegt. Aber ich kann sie fragen. Mit Worten. Oft aber auch mit sensibler, geduldiger, empathischer Beobachtung. Ihre Angst, ihre Wut, ihre Freude, ihre Begeisterung,.. all das ist immer durch und durch echt und folglich auch ernstzunehmen, egal wie befremdend das vielleicht durch meine erwachsene „Brille“ aussehen mag.
Und so komme ich jetzt endlich zu meiner ersten Buchempfehlung im Bereich „Erziehungsratgeber“:
„Dein kompetentes Kind“ von Jesper Juul ist mir sehr ans Herz gewachsen. Es ist so einfach und schlicht und gleichzeitig von einer revolutionären Kraft. Kinder müssen nicht zu irgend etwas gemacht werden. Sie sind, wie sie sind, und darin schon ganz komplett. Und wir sollten ihnen, ihrem Gespür, ihrer Auffassung von der Welt, ihren Prioritäten,… den Raum zugestehen, den wir auch für uns beanspruchen. Denn nur weil wir etwas länger und älter sind als sie, sind unsere Bedürfnisse nicht mehr wert als ihre. Bei Juul finden sich eigentlich keine praktischen Tipps. Mir ist das sehr lieb (Siehe ganz oben). Den Weg mit sich und seinem Kind muss man selbst finden. Nicht bei allen zeigen sich die selben Konflikte. Und deren Lösungen sind vielgestaltig. Aber überall sind gleichwertige Menschen zusammen unterwegs. Und alle sollten sich wohl fühlen können, mit sich selbst und miteinander. 
Ich weiss, Juul kennen wohl viele von euch schon. Im nächsten Alpha-Post geht es dann um mein zweites Erziehungs-Lieblingsbuch. Er handelt vom Faulsein, von Partys, Musik und guter Literatur. Und was das alles mit Kindern zu tun hat.

Alpha: Vom Zähmen

Im Umgang mit den Schafen geistert in letzter Zeit immer wieder ein Begriff durch meine Gedanken: Zähmen. Man stellt sich da ja was vor, was einem wohl die Filmindustrie eingeimpft hat: Mensch und Tier pirschen sich täglich etwas näher an einander an. Irgendwann flieht das Tier nicht mehr, irgendwann nimmt es Futter aus der Hand, irgendwann lässt es sich streicheln, und dann, dann ist es zahm. Und holt Hilfe, wenn man in eine Gletscherspalt fällt oder vertreibt den angreifenden Bären oder…

Die Realität ist anders. Meine Schafe lernen mich kennen, ob ich mich speziell mit ihnen beschäftige oder sie einfach versorge. Sie kennen meinen Gang, meine typische Kleidung, meinen Geruch, meine Stimme, meine Geschwindigkeit etc. Es ergibt sich ohne spezielles Zutun eine Vertrautheit im täglichen Umgang. In speziellen Situation (Scheren, Verladen etc.) nützt mir das aber nichts. Bei unsern ersten Schafen waren solche „Events“ eine nervenaufreibende Sache. Aber nicht die Schafe waren das Problem, sondern wir. Heute weiss ich besser, wie Schafe ticken. Ich treffe Vorkehrungen, verkleinere beispielsweise vorgängig beim Füttern, wenn sie entspannt sind, ihre Stallfläche auf einen guten Quadratmeter. Allein das macht die Tiere extrem ruhig. Sie stehen gerne eng in der Gruppe. Dann kann ich mich zwischen sie stellen, Halsbänder und Stricke montieren etc. ohne dass es zu Aufregung kommt. Die Tiere sind dann in dieser Situation sehr zahm, wären aber genauso panisch wie ihre Vorgänger, wenn ich ihnen mehr Platz liesse. Ihr „Zahm-Faktor“ ist also weniger eine Eigenschaft von ihnen als von mir. Und dieses zahm, dieses „Miteinander-vertraut-sein“, wie es der Fuchs beim Kleinen Prinzen (Saint Exupéry) nennt, ist nicht nur Gewöhnung, sondern begründet sich auf Wissen, Intuition, Einfühlungsvermögen, Kennen und Akzeptanz.

Auch mit dem Hund gibt es wenig Ärger, wenn ich nicht auf das „perfekt abgerichtete“ Tier, ein Ideal, vertraue, sondern wenn ich vielmehr das mir anvertraute Individuum gut kenne und weiss, wie es tickt. In bald elf Jahren mit dem Herrn Hund habe ich akzeptiert, dass er gewisse Dinge nicht kann oder nicht will. Zum einen begründet sich das in seinem Charakter, zum andern in meiner (fehlenden oder fehlerhaften) Erziehung. Wenn ich ihn als Lebewesen mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen akzeptiere und daraus für mich Konsequenzen ziehe (z.B. anleinen bei Hundebegegnungen, nicht aber unbedingt im Wald) und die Verantwortung übernehme, haben wir eine tolle gemeinsame Zeit ohne Stress und Ärger.

Wir tun gut daran, uns selbst auch in Bezug auf unsere Kinder „zu zähmen“ (welche wie wir selbst dabei wild und fröhlich bleiben können). Wenn ich mir bewusst bin, welche Aufmerksamkeitsspanne, welche Frustrationstoleranz, wieviel Appetit, welches Schlafbedürfnis, wieviel Sicherheit mit unbekannten Personen usw. usf. mein Kind hat, kann ich es vor meinen eigenen überspannten und unrealistischen Erwartungen schützen, seinem Tempo und Empfinden entsprechend agieren und auf seine Bedürfnisse eingehen. Ein glückliches Kind ist etwas anderes als ein zufriedenes Schaf oder ein entspannter Hund. Unser Part ist aber immer ähnlich: Wir brauchen viel Liebe, Intuition, Reflexion, Kenntnis, Neugier und die Bereitschaft, die Verantwortung für die Qualität des Zusammenseins zu übernehmen.

Alpha: Was will ich eigentlich?

Variante 1:
Hm, da vorne liegen Pferdeäpfel auf der Strasse. Da wird sich der Grüsel sicherlich wieder draufstürzen. Das ist einfach zu eklig. Ja, er hat sie auch schon gesehen. Bestimmt läuft ihm schon das Wasser im Mund zusammen. Wäki. „Nein, friss die nicht, du Sauniggel.“ Ach, nützt alles nix. Er steht einfach drauf. Ob ich ihn mal wieder entwurmen sollte?

Variante 2:
Hm, da vorne liegen Pferdeäpfel auf der Strasse. Das gibt gleich ne kleine Übungseinheit für uns. „Hey, guck mal!“ Toll, wie der mich immer anguckt. So lieb. Und verfressen. Blickkontakt gibt schliesslich auch ab und zu ne Belohnung… Jetzt aber flott ausgeschritten, damit er ein bisschen Gas geben muss, weil ich ihn sonst abhänge. „Aus!“ Tja, verfressen wie eh und je, aber das Kommando sitzt immer noch. Und hopp.

„Mache nicht Sitz.“ Ein solches Kommando kann ein Hund nicht korrekt ausführen. Kennt er den Befehl „Sitz“, wird er sich sofort setzen. Aber auch wenn es ohne eindeutige Befehle zu und her geht, wird es schwierig für das Tier. Bei allem „mach das nicht“ konzentrieren sich alle Gedanken auf „das“, was auch den Körper beeinflusst. Bei V1 des oben genannten Beispiels heisst das: Mein Blick richtet sich auf die Pferdeäpfel, meine Schritte werden kürzer und steifer, der Nacken leicht angespannt, der Atem flacher. Die Welt besteht nur noch aus Pferdeäpfeln und der Hund kann gar nicht anders, als sich ihnen zuzuwenden. Auch wenn ich mit ihm schimpfe, wenn er das unerwünschte Verhalten zeigt, ist es für ihn schwierig, davon abzulassen, obwohl er meinen Unmut natürlich mitkriegt. Ihm fehlen jedoch die Ideen, was er stattdessen mit sich anfangen könnte. V2 zeigt eine mögliche Lösung. Ich fokussiere die erwünschte Tätigkeit (zügiges Vorbeigehen), unterstütze den Hund mit einer angenehmen Tätigkeit (guck!) welche nicht mit dem unerwünschten Verhalten vereinbar ist und reagiere notfalls noch mit einem klaren Signal (aus!), welches der Hund schon tausendmal geübt hat. Vorteil von V2 ist, dass sie viel effektiver ist und allen Beteiligten auch noch richtig Spass macht.

(Esoterische Kreise sprechen hier von Tierkommunikation. Die Tiere könnten die Bilder lesen, welche wir denken. Wenn man also denke: „Friss das nicht.“, sei das Bild ein fressender Hund, und deshalb werde dem Hund nicht das gewünschte Verhalten vermittelt. Man müsse vielmehr an einen flott dahintrabenden Hund denken, dann sehe das Tier, was von ihm erwartet werde. Bilder hin oder her, egal ob der Hund in oder an unserm Kopf liest, der Effekt ist der gleiche.)

Alles ganz einfach. Und einleuchtend.

Wem der Hund fürs Ausprobieren fehlt, dem sei die Umformuliererei im Umgang mit dem Kind empfohlen. Verkneift euch also ab sofort:
„Stör mich jetzt bitte nicht.“ (Das „bitte“ ist ja nett gemeint, aber in diesem Zusammenhang nutzlos.)
„Achtung, fall da nicht runter.“
„Ui, schütte das Glas Wasser nicht aus.“
„Trödle nicht so rum.“
„Mach jetzt keinen Terror!“

Achtung: Das Ganze ist ein Zweistufen-Plan: Relativ einfach gelingt das „Halt dich fest!“ statt „Fall nicht runter.“ Bei kniffligeren Situationen, wie sie im Alltag mit Kleinkind ständig auftauchen, braucht es etwas mehr geistige Beweglichkeit. Das „Fass nichts an.“ am Postschalter mit den fiesen Schokoauslagen in Kleindkindhöhe kann man zwar durch ein „Lass das!“ oder „Hör auf damit!“ ersetzen, wenn das frohe Ausräumen losgeht (Beim Hund kommt an dieser Stelle das „Aus“, Leute wie ich verwechseln da bisweilen auch die Klienten…). Vermutlich braucht das Kind hier aber eine präzisere Ansage, was von ihm erwartet wird. Viel eleganter ist es beispielsweise, dem Kind in dieser Situation die überaus wichtige Funktion des Einfaufstaschen- oder Schirmhalters zu übertragen. Oder einen kleine „Wer-kann-länger-auf-einem-Bein-stehen-Challenge“ vom Zaun zu brechen. Oder es zu fragen, ob es den Vers für den Weihnachtsmann eigentlich noch auswendig aufsagen kann. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Meistens sind es allein schon die bewussten Gedanken, welche den Unterschied ausmachen. Wenn man sie aber ausspricht, wirken sie, gerade für Anfänger auf diesem Gebiet, stärker. Und man merkt auch schneller, wenn man mal wieder in die Falle tappt.

Es ist auch spannend, wie schwierig es einem manchmal fällt, rasch sagen zu können, welches Verhalten man denn eigentlich erwartet. Aber wenn man es nicht einmal selber richtig weiss, wie soll es denn das Kind wissen können?

Das Ganze lohnt sich übrigens nicht nur bei Hunden und Kindern, sondern auch bei Partnern und Pferden. Vielleicht auch bei Fischen. Viel Spass euch allen! Ich freue mich auf Kommentare!

P.S.: Ich habe den Wunsch nach Erziehungsratgeber-Empfehlungen zur Kenntnis genommen. Liste folgt. Irgendwann später in dieser Alpha-Reihe.

Alpha

Vor noch nicht langer Zeit haben die Welpen begonnen, die nähere Umgebung zu erkunden. Neugierig untersuchen sie alles mit ihren spitzen Zähnchen, rangeln miteinander und geniessen die warmen Sonnenstrahlen. Die Wölfin ruht derweil an einem leicht erhöhten Platz, von wo sie eine gute Sicht auf die umliegende Landschaft hat. Niemand kann sich ihren Kleinen nähern, ohne von ihr bemerkt zu werden. Sollte ihnen tatsächlich ernste Gefahr drohen, würden sie und ihr Gefährte vor einem Kampf nicht zurückschrecken. 

Die älteren Söhne und Töchter der Wölfin bilden das weitere Rudel. Sie orientieren sich ebenfalls an ihr, solange sie entspannt ruht, brauchen sie nichts zu befürchten. Während die Kleinen die Mutter noch in ihrem harmlosen, aber wilden Spiel attackieren dürfen, können sich das die älteren Geschwister nicht mehr erlauben. Die Wölfin würde derartiges Gebaren bei ihnen eindeutig und unmissverständlich unterbinden. So heftig sie aber ihre älteren Söhne und Töchter korrigiert, so gerecht ist sie auch. Nie erniedrigt sie ihre Kinder oder reitet längere Zeit auf einem Fehltritt herum. Entschuldigungen werden sofort angenommen und danach ist jeder Zwist vergessen. 

Die beiden Elterntiere bestimmen den Tagesablauf, die Ruhe- und Jagdphasen. Sie wählen die Jagdstrategie. Sie entscheiden, wann begrüsst, geflohen oder gekämpft wird. Sie teilen das Futter und die Schlafplätze zu. Die Rudelmitglieder fühlen sich sicher unter der Führung der Wölfin und ihres Gefährten und zweifeln deren Entscheidungen nicht an. Sie haben ihr ganzes bisheriges Leben erlebt, dass es sich lohnt, der Erfahrung der Eltern zu vertrauen, da diese ohne Wenn und Aber die gesamte Verantwortung für jede Entscheidung und jedes einzelne Rudelmitglied übernehmen und zuverlässig tragen.

Die Wölfin und ihr Gefährte agieren, während der Rest des Rudels auf ihre Signale reagiert. Gelassen und souverän strahlen sie Ruhe und Sicherheit aus. Sie haben sich ihren Rang nicht erkämpft. Sie halten sich nicht mit Gewalt an der Macht. 

Sie sind die Alphas des Rudels. Vor allem aber sind sie die Eltern. Und damit ist eigentlich alles gesagt.

Ich lese Juul und Hüther und Montessori und Largo und Leboyer und Pikler und Hodgkinson und und und… Ich begegne Begriffen wie „Bindungsorientierte Elternschaft“, „Gleichwürdigkeit“, und „Selbstwert“ und vielem mehr und bin froh und dankbar, dass meine Gefühle Worte finden und mein Herz und Hirn Vordenker und Mitstreiter. So sehr ich solche Lektüre schätze, so sehr weiss ich auch, dass deren Umsetzung bisweilen ganz schön knifflig sein kann.

Und da kommt er ins Spiel: Mein kleiner domestizierter Wolf, der mich in die Kunst des Alpha- oder Elternseins eingeführt hat, lange bevor ich wirklich Mutter wurde. Der mich gezwungen hat, Verantwortung zu übernehmen, die „Jagd“ anzuführen, für Sicherheit zu garantieren und die passenden Plätze zuzuweisen, damit sich alle entspannen können. Der mich gelehrt hat, meine Gedanken und Gefühle in Körper(ent)spannung, Atem und Bewegung umzusetzen und sie damit verständlich zu machen. Der mir gezeigt hat, dass es sich lohnt, Lob und Tadel und Ignorieren passend und differenziert einzusetzen. Für den grosse Ideen nichtig und allein gelungene Taten von Bedeutung sind. Mein Hund hat mich eingeführt in die Kunst des liebevollen und klaren Führens. Dafür werde ich ihm bis in alle Ewigkeit dankbar sein.

Etwas lässt mir keine Ruhe: Woher eigentlich können Wölfe Erziehungsratgeber lesen und dermassen gut umsetzen?