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Ich erlebe im Augenblick zuviel – und wer viel erlebt, der hat wenig zu erzählen, dem fällt wenig ein. (Peter Bichsel)

Meine Lieben. Der Blog ruht. Frau Krähe brütet, schützt das Gelege, beschimpft den Marder und dreht kleine Kundschafter-Runden, wie es sich für eine Nachfahrin von Hugin und Munin (Gedanke und Erinnerung, die beiden Raben Odins) gehört.

Im Moment treiben mich zu viele Gedanken, Gefühle und Erlebnisse um. Schreiben als Fokus mag nicht gelingen. Einiges ist mir zu privat, zu aufwühlend, zu verwirrend, anderes wiederum scheint demgegenüber zu banal. Es werden wieder andere Zeiten kommen, das hoffe ich sehr. Wer mag, folgt mir bis dahin auf Instagram. Denn: Bilder gehen immer.

Aber keine Sorge. Es geht mir gut. Euch hoffentlich auch. Habt es fein. Bis bald.

 

 

Ich muss mich beschweren

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Letzthin habe ich ein Buch gekauft*. Es hat mich in vielerlei Hinsicht sehr enttäuscht:

Punkt 1: Das Buch sieht auf den ersten Blick ziemlich umfangreich aus. Es scheint also wirklich ein ganz normales Buch zu sein. Keine Broschüre. Kein Prospektchen. Die Schrift ist auch nicht grösser als in anderen Büchern. Dennoch hatte ich es nach zwei Tagen ausgelesen. Bis heute ist mir schleierhaft, wie das geschehen konnte.

Punkt 2: Man darf sich nicht täuschen lassen von der hübschen, harmlosen Aufmachung des Buches und seinem freundlichen, ebenso harmlosen Inhalt. Zwischen den Deckeln verbirgt sich eine Revolution. Ihr Ausmass erschliesst sich erst nach Tagen und Wochen, was sie besonders unberechenbar macht.

Punkt 3: Ich weine nicht gerne in der Öffentlichkeit. Dennoch hat dieses Buch genau das geschehen lassen. Ich habe geheult im Zug, auf dem Bahnsteig und auf der Parkbank. Vor Rührung. Vor Erkenntnis. Vor Lachen. Überwältigt von der Schlichtheit der Ideen.

Punkt 4: Dieses Buch beschreibt mein Lebensgefühl. Ich kann darin über mein eigenes Herumwursteln, meine eigenen Sorgen, meinen täglichen Stress lesen. Dafür muss ich doch nicht lesen, das kriege ich ja täglich frei Haus geliefert! Das Buch lässt dieses Chaos zudem auch noch in einem milden, gnädigen Licht strahlen. Wer Ratgeber liest, will doch knallharte Lösungsansätze. Neue Strategien. Komplett andere Welten (auch wenn sich diese erfahrungsgemäss kaum adaptieren lassen). Einen Anreiz, das Leben um 180° zu ändern und dem eigenen Schweinehund endlich den Hals umzudrehen. Das Buch liefert nichts davon. Schwach. Es ist eher wie eine weiche Kaschmirdecke, welche sich freundlich, warm und tröstend um die Schultern schmiegt und so Zuversicht und neuen Mut spendet. Als wäre das Leben ein Ponyhof. Und das kann doch nicht sein. Oder etwas doch? Aber das wäre ja noch schöner!

Punkt 5: Seit dieser Lektüre quillt mein Herz über vor Liebe für meine Kinder und unser Sein als Familie. Wie ich den ganzen Quatsch drumherum auf die Reihe kriegen soll, ist mir indes ein Rätsel. Wenn schon Ratgeber, dann aber bitte richtig! Inkl. „Wie schaffe ich es, endlich rechtzeitig zu Bett zu gehen?“ und „Was tun, wenn der Hund sich wieder mal nur von Katzenscheisse ernähren möchte?“ Schliesslich will ich gerettet werden. Komplett und ohne Wenn und Aber. Bitte auch ohne eigenes Nachdenken.

Punkt 6: Dieses Buch mit seinen Gedanken geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit der Lektüre leuchtet mein Nordstern richtig hell (soll gut sein für die Orientierung). Penetrant hell. Schmerzhaft hell. Zwischenzeitliches saloppes Südsteuern zu Bikiniatollen und seichten Gewässern ist kaum mehr möglich. Dabei wollte ich doch noch Eis essen gehen…

Punkt 7: Das Buch kann nicht sinnvoll verstaut werden: Es taugt nicht richtig als Erziehungsratgeber, dafür ist es zu frei geschrieben, zu persönlich. Es ist auch kein Roman, obwohl es zahlreiche Geschichten enthält. Als Stütze für den wackelnden Tisch ist es zu dick, als Blumenpresse zu dünn. Es ist zu schön für den Badewannenrand und aufgrund zahlreicher von mir selbst während des Lesens angebrachter Markierungen, Ausrufe-Post-it’s und hineingekritzelter Randbemerkungen dennoch nicht mehr zum Verschenken geeignet. Sowieso will ich es ständig griffbereit in der Nähe haben. Es wird also bis ans Ende meiner Tage ständig irgendwo im Weg herumliegen. Furchtbar.

Wer also noch Lesestoff sucht für die nächsten Wochen (oder Stunden, Siehe Punkt 1), der besorge sich doch „slow family, Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ von Julia Dibbern und Nicola Schmidt. Beschwert Euch dann aber nicht bei mir, wenn Ihr plötzlich zwischen Eisbären und Seelöwen segelt. Oder Euch beim seligen Barfusslaufen durch den ersten Schnee ertappt. Oder den Schwimmunterricht Schwimmunterricht sein lasst und stattdessen mit Euren Kindern durch Nachbars Garten robbt. Oder mit Wölfen tanzt resp. – unseren Verhältnissen angepasst – mit Fliegen spricht. Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt.

*Wie immer gibt es hier keine bezahlte Werbung. Der Text ist ohne das Wissen der Autorinnen oder des Verlages entstanden. Ich berichte, was ich möchte. Völlig frei und ohne persönlichen Vorteil oder irgendwelche Verpflichtung.

dringend vs. wichtig

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Wenn es ruhig wird auf einem Blog, heisst dies ja meist, dass das Leben der Schreibenden gerade umso turbulenter verläuft. So auch hier. Macht Euch keine Sorgen, es ist alles gut. Es sind vor allem innere Vorgänge, welche meine Aufmerksamkeit benötigen und das Schreiben in den Hintergrund treten lässt.

Das Dringende ist nicht immer das Wichtige. Irgendwo in den Weiten des www habe ich diesen Satz aufgefangen. Es ging da wohl um Zeitmanagement, produktives Arbeiten und so. Dass man einen ganzen Tag lang Bürokram erledigen kann, alles furchtbar dringend, eine Mail nach der andern, Telefongespräche, Sitzungen, aber sich keine Zeit nimmt, das grosse Ganze zu sehen, an der Grundstrategie zu arbeiten („kann ich ja auch morgen noch“, „pressiert ja nicht“). Und ich habe mir vorgenommen, dass ich ab sofort verstärkt darauf achten will. Manchmal sind dringende Dinge ja tatsächlich auch wichtig. Aber manchmal sind sie aber eben nur dringend und sollten nicht zuviel Macht über mich bekommen. Umgekehrt ist es noch frappanter: Dinge, Handlungen, Momente, welche ich als essentiell wichtig für mein Leben erachte, können oft gut warten. Und werden so allzu oft von einem Tag auf den nächsten geschoben. Schwupp macht es, und Stunden, Tage, Wochen, Jahre sind um, ohne dass man sich um Wichtiges gekümmert hätte, obwohl man ständig betriebsam rotiert hatte. Eine beängstigende Vorstellung.

Einige Beispiele gefällig?

Die Liebe ist geduldig. Sie ist wohl die offensichtlichste Wichtigkeit, welche sich nie vordrängelt und so tatsächlich vor lauter Alltag vergessen werden kann. Der Gefährte und ich können gut „nebeneinander“. Durch das Aufteilen der Erwerbsarbeit und der Familienzeit mit Kindern und Haushalt geben wir uns oft die Klinke in die Hand. Keinesfalls möchte ich eines fernen Tages aufwachen und spüren, dass wir uns „auseinander gelebt haben“, weil wir diese grosse, wunderbare Wichtigkeit nicht genügend gepflegt haben.

Ich will intensive Tage mit meinen Kindern verbringen, Anteil an ihrem Leben nehmen und ihnen täglich „Highlights“ bescheren (Mit Highlights meine ich übrigens ganz kleine Dinge wie eine unerwartete Kitzel-Kuschel-Runde, eine hervorgezauberte Zvieri-Überraschung, eine besonders ambitioniert erfundene Gutenachtgeschichte usw.). Dennoch ertappe ich mich oft dabei, dass meine Zuhause-Tage mehr meiner zurechtgelegten Pendenzenliste folgen (über weite Strecken der ganze Kram, welcher als „Haushalt“ bezeichnet wird) als dem grandiosen Lebensgefühl meiner Kinder, und meine Motivation im Umgang mit ihnen darin liegt, sie „auf der Spur“ zu halten, damit ich möglichst problemlos alles erledigen kann. Was für ein Fehler!

Neujahrsvorsätze sind übrigens die Klassiker der ewig verschobenen Wichtigkeiten. In den Tagen zwischen den Jahren nehmen wir uns Zeit, über unser Leben nachzudenken und erkennen oft sehr klar, was uns gut tut und wichtig für uns ist. Aber dann kommt der Alltag, und…

Viele Wichtigkeiten sind sehr unspektakulär: Es ist mir beispielsweise wichtig, Zeit alleine mit mir zu verbringen, trotz Kinderchaos dem alten Hund ungeteilte Momente der Aufmerksamkeit schenken zu können, raus in die Natur zu gehen, mir ganz bewusst und ohne Hektik Zeit für eine Tasse Tee, das Anfeuern des Ofens oder das Lesen einiger Buchseiten zu nehmen. Im meinem Haushalt ist gerade ausmisten (noch) wichtiger als putzen und aufräumen. Alles kleine, aber wichtige Tätigkeiten, die allzu oft von den lauten, dringenden Dingen zurückgedrängt werden.

Ich habe mir deshalb eine kleine Erinnerungshilfe gebastelt. Wenn Du dich in meinen Worten wiederfindest und Dir das Blatt gefällt (es gibt sogar zwei Varianten), darfst Du es Dir gerne herunterladen und ausdrucken. Besonders nett sieht es auf etwas festerem, leicht gekörnten Papier aus. Mit Klebeband unprätentiös irgendwo gut sichtbar aufgehängt oder vielleicht sogar schick gerahmt, kann es Dich in den nächsten Tagen und Wochen ebenfalls daran erinnern, Deinen ganz individuellen Wichtigkeiten genügend Raum zuzugestehen.

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Haushalt, gesellschaftliche Verpflichtungen und anderes (ja, auch Blogs!), dürfen schon mal ein bisschen warten lernen.

Habt es fein.

über den Horizont

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Weil der Morgen so schön war, dass ich dazu gar nichts sagen mag, beantworte ich hier jetzt einfach gerne die Fragen von Michaela.

1. Du hast in deinem Garten genau einen einzigen Platz für einen Baum. Welchen suchst du dir aus? Ein Holunderbaum dürfte nicht fehlen. Sein tiefer Symbolgehalt fasziniert und berührt mich, zugleich wäre er mir Blüten- und Beerenspender für zahlreiche Köstlichkeiten. Notabene, hier steht ja tatsächlich einer. Eigenhändig gepflanzt.

2. Der Titel deiner Autobiographie könnte lauten…? Aller Farben schwarzer Faden

3. Es ist einer dieser fiesen Tage, an denen nix hinhaut – wie kannst du dich selbst aufheitern? Aus Erfahrung kann ich sagen: Schlichte Spaziergänge durch Feld und Wald helfen immer.

4. Umgekehrt (Aufheiterung für andere): ein Lieblingswitz vielleicht? Mein Lieblingswitz, der leider nur auf Schweizerdeutsch funktioniert (in Erinnerung an David):

Was haben ein Casino und eine Pizza gemeinsam?
: Im Casino häts Automate und uf de Pizza häts au Tomate.
(…hats auch Tomaten.)

Umgekehrt lässt er sich auch erzählen, ich kann mich nicht entscheiden, welche Variante besser ist:

Was haben eine Pizza und ein Casino gemeinsam?
: Uf de Pizza häts Tomate und im Casino häts Automate.

5. Du darfst dich in der Kiste der Superkräfte bedienen – welche wählst du? Weil ich es so grandios fand, zitiere ich hier, selbst ganz ideenlos, Patricia Cammarata, welche diese Frage mal (im Podcast „der Weisheit“) beantwortet hat mit: „aus den Ohren bluten können, wenn jemand furchtbar dummes Zeug erzählt.“ DAS würde mir auch gefallen.

6. Eines der schönsten Liebeslieder ever ist…? Die schönsten Liebeslieder sind wohl jene, welche die melancholischen, traurigen Facetten des Liebeskummers besingen. Für mich jedenfalls. Mit einer Ausnahme:

Vom relativ unbekannten Schweizer Volkslied „Mis Büeli geit über Sapünersteg“ gibt es eine wunderschöne melancholische Version nur mit Frauenstimme und Akkordeon (keine Ahnung von wem). Gänsehaut pur. Leider habe ich sie im Netz nirgendwo gefunden. Alles andere (interpretiert von Chören, Liedermachern etc.) gefällt mir nicht. Deshalb kein Link. Leider.

Lying to you, von Keaton Henson

Lass uns ein Wunder sein, von Ton Steine Scherben

Patent Ochsner darf hier keinesfalls fehlen:
Scharlachrot
Wysses Papier
Niemer im Nüt
Novämber
Grossbrand
Ach, wie oft hab’ ich geheult zu diesen PO-Liedern und meine Liebeskummerwunden geleckt… Bin ich froh, bin ich nicht mehr zwanzigjährig…

7. Woran hast du gemerkt, dass du verliebt bist? Rückblickend: Daran, dass ich den Menschen gezeichnet habe. Damals waren Herz und Hand schneller als der Verstand.

8. Stell dir vor: Du stehst vor einem allwissenden Orakel. Welche Frage stellst du? „Wo bitte ist hier der Lichtschalter?“ Oder so.

9. Gibt es etwas, das dir heilig ist? Wenn ja, was? Die Freiheit zu denken. Die Freiheit zu glauben. Die Freiheit zu lieben.

10. Was ist stärker: Liebeskummer oder Liebe? Ist nicht Liebeskummer eine der grössten Triebfedern für die Kunst (Siehe Punkt 6)? Dennoch tendiere ich zur Liebe. Ihre stille, demütige Kraft, die sich im Alltag immer wieder bewähren muss und ungeahnte Transformationen ermöglicht und erfordert, beinhaltet soviel mehr Entwicklungspotenzial als die lodernde Dramatik des Liebeskummers. Ja, je länger ich darüber nachdenke: unbedingt: die Liebe.

Danke liebe Michaela für die vielen schönen und starken Erinnerungen, welche ich beim Schreiben geniessen durfte.

Elfenzeug und Luciferin

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Zig Anläufe habe ich gemacht für diesen Post über den Hochzeitsflug der Glühwürmchen. Elend gescheitert bin ich. Wenn ich vom Zauber schrieb, vom Gefunkel der tausenden kleinen Sterne auf und über dem Waldboden, welche mich an Szenen aus Fantasyfilmen erinnerte, driftete alles in kitschige Süsse ab. Lothlorien, Drescher, Kreidolf,… meine liebe Freundin D. würde den Kopf schütteln. Wenn ich näher bei den biologischen Tatsachen blieb, der rührenden Suche der fliegenden Insektenmännchen nach den wartenden Weibchen, fehlte hingegen das Staunen und die Verzauberung, welche ich vor zwei Wochen beim Einnachten auf dem Waldfriedhof (insofern besonders, als dass das Leuchten der Glühwürmchen laut Wikipedia oft als Symbol für die Unsterblichkeit der Seelen verwendet wird) in Schaffhausen erleben durfte.

Es war wunder- wunderschön. Einer dieser Momente in einem Leben, welche man sich ganz fest im Herzen und im Gedächtnis einschliesst und nie mehr vergessen wird. Wo sich alle Fragen und Sorgen und Pläne in Luft auflösen und nur noch der Augenblick zählt.

Hier gibts ein Filmchen davon zu sehen.

Ganz unverhofft kam ich zu diesem Glück. Eine Bekannte rief mich an, ob ich mitkommen möge, in zwei Stunden (notabene um 21 Uhr) müssten wir los. Ich, unspontan wie ich manchmal bin, war versucht abzulehnen. Tat es nicht und erlebte dieses grossartige, berührende Naturschauspiel.

Beim Nachhausefahren dann erzählten wir uns in einer Selbstverständlichkeit persönlichste Dinge aus unseren Leben, was mich rückblickend fast genauso berührt wie die Glühwürmchen selbst. Unaufgeregt, zugewandt und sehr vertrauensvoll. Ich kann es mir nicht anders erklären, als dass wir durch das stille Spazieren durch das flimmernde, glitzernde Dunkel ein bisschen verzaubert wurden. In den Stunden danach an die Schönheit und Demut glaubten, unsere eigenen Probleme nicht mehr ganz so schwer nahmen und sie zuversichtlich ein bisschen „leuchten“ liessen, statt sie verschämt zu verstecken. Wir hatten uns so viel zu erzählen, dass wir nach der Fahrt noch eine Bar aufsuchen mussten, um unsere Geschichten wenigstens halbwegs zu Ende erzählen zu können.

Und so ist innerhalb weniger Stunden aus einer Bekannten eine Freundin geworden. Ich sags euch: Elfenzauber. Biologie hin oder her.

Hier noch ein etwas ausführlicheres Filmchen (schweizerdeutsch).

Sterne

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Man sagt, die Sterne strahlen am Himmel. Wenn ich aber so hochschaue in einer wolkenlosen Sommernacht, und der ganze Himmel sternenübersät ist, mag es mir doch nicht gelingen, einen einzelnen genau zu betrachten. Wann immer ich einen besonders hellen auswähle, scheint er zu verglimmen und sich in die samtenen, beschützenden Falten des Universums zurückzuziehen. Die Kuppel vermag die unzähligen Sterne kaum mehr zu fassen, dicht aneinander gedrängt funkeln sie prächtiger als alle Schätze der Erde. Aber sobald man sich auf einen konzentriert, scheint sich dieser scheu zu verbergen, während die restlichen, wie man in den Augenwinkeln sieht, noch heller strahlen. Sterne wollen nicht beobachtet werden.

In meinem Zenit ballen sie sich zu ganzen Herden, während knapp über dem Horizont keine zu sehen sind. Ob sie die Menschen fürchten? Vielleicht schicken sie von Zeit zu Zeit Kundschafter herunter, welche aber immer nur bestätigen können, was alle Sterne bereits wissen. Dass die Menschen krank und verloren sind, aber dass sie doch noch Träume haben und sich sogar von Zeit zu Zeit nach einer Sternschnuppe sehen. Ich bräuchte eine solche, ganz dringend, aber ich schaue nicht mehr hoch, suche nicht mehr das Himmelsgewölbe ab, sondern setze meinen einsamen Gang fort durch die ruhig atmenden Felder.

Weitab der anderen leuchtet plötzlich ein kleiner Stern in der Wiesenböschung, ein gefallener Lichtbringer, ein verstossener Engel, vielleicht einer der Kundschafter und Boten. Ein Glühwürmchen ist’s, sitzt still zwischen den harten Stängeln und zarten Gräsern, und leuchtet wie ein Lotse in die Nacht hinaus. Durch seinen Chitinpanzer strahlt ein geheimnisvoll grünliches Zeichen. Zwei Punkte und parallel dazu zwei Streifen. Ob es das Signet wohl wie auf einer digitalen Anzeigetafel verändern kann? Wohl kaum.

Ich weiss nichts von Glühwürmchen, und von Sternen eigentlich auch nicht. Vielleicht weiss das Glühwürmchen mehr von ihnen, aber ich mag es nicht fragen. Es untersteht womöglich einer Schweigepflicht, Menschen gegenüber, und ich möchte es nicht in Verlegenheit bringen. Es kann aber auch sein, dass es einfach so im Gras sitzt, ohne sich um die Sterne zu kümmern, und geduldig auf einen Partner wartet. Aber was, wenn das alle tun? Wenn die Welt voll ist von im Dunkeln sitzenden Würmchen? Wer findet sie? Ich muss annehmen, dass die einen sitzen und leuchten, und die andern durch die Nächte reisen, auf der Suche nach dem hellen Schein. Ob sie wissen, wonach sie Ausschau halten müssen? Weder leuchte ich, noch habe ich eine Vorstellung vom Ziel meines Ganges durch die Nacht.

Über den Himmel wandert der gebündelte Strahl eines Scheinwerfers. Eigentlich dient er Werbezwecken einer Diskothek. Mir scheint es aber eher, als suche er das Firmament nach irgend etwas Verborgenem ab, als wolle er alle dunklen Verstecke ausleuchten. Weiss denn keiner, dass die Sterne so nicht mehr leben können? Dass sie durch das ständige Ausweichenmüssen ein Vielfaches an Energie verbrauchen? Dass sie so immer scheuer leuchten und schliesslich in Gebiete fortziehen werden, die vom Menschen noch nicht erschlossen sind?

Ich schaue hoch, knapp an den Sternen vorbei, damit sie sich nicht bedrängt fühlen und spreche ihnen leise mein Beileid aus. Bevor ich weiterziehe durch die Nacht, von der ich eigentlich nichts verstehe, wünsche ich dem Glühwürmchen, dass es recht bald gefunden werden möge. Um danach wieder heimkehren zu dürfen in das grenzenlose Universum, zurück zu den anderen Sternen.

ml. 04.07.1999

 

Diesen alten Text habe ich ausgegraben, nachdem ich vor einigen Tagen eine Hochzeitsnacht der Glühwürmchen erleben durfte. Ich gebe ihn hier unverändert wieder. Entstanden ist er im „Freikurs Schreiben“ bei Herrn Schneider, damals am Lehrerseminar. Einige wenige Lektionen waren das, welche mich bis heute nachhaltig geprägt haben. Tausend Dank an dieser Stelle an meine beiden wichtigsten Lehrer Schneider und Graf, welche sich an der Patentfeier damals, bereits etwas angetrunken, beinahe in die Haare gerieten, weil sie sich nicht einig wurden, ob man mich zum Weiterverfolgen der Schreiberei oder der Gestalterei anhalten sollte. Sie einigten sich auf den dringenden Rat, einfach bitte „möglichst lange nicht zu heiraten und mit dem Kinderkriegen zuzuwarten“ und ansonsten halt zu tun, was ich tun wolle. Mission accomplished. Das war einer der ganz grossen Momente meiner Schulzeit. Und er ist es bis heute.

Ich verstehe heute zwar nicht viel mehr von der Welt als damals, wohl aber hat sich die Grundstimmung meiner Seele, meines Fühlens und Denkens etwas verändert. Ich bin nicht mehr zwanzig Jahre jung, melancholisch-romantisch am Anfang meiner Suche durch das eigene Leben stehend. Deshalb möchte ich bald mit meinen heutigen Worten darüber schreiben, wie das kürzlich erlebte Naturschauspiel der Glühwürmchen meine Seele berührt hat.

Morgenzauber

Heute Morgen traute ich meinen Augen kaum, als ich – noch kontaktlinsenbefreit und etwas verschlafen – aus dem Fenster guckte.

So schön es aussieht, so trivial und nachdenklich stimmend ist dieses Schauspiel:
Mit kleinen Feuern und Wind (der durch die Hanglage in Form von Luftströmungen gegeben ist) werden die empfindlichen Knospen der Reben vor dem Frost geschützt. Ein Szenario, welches wohl in Zukunft häufiger zu beobachten sein wird, da die Weinstöcke infolge des Klimawandels und der damit verbundenen milden Winter immer früher im Jahr austreiben.

mit Volldampf voraus

Nach monatelangem, ja jahrelangem sporadischen, wilden Spurenhinterlassen auf Papier, welches kaum je (eine Ausnahme gab es) als gegenständlich bezeichnet werden konnte, hat uns der Frischling letzthin ohne Ankündigung mit dieser Lokomotive überrascht.

Aber so plötzlich sich solche Entwicklungsschritte zeigen, so lange haben sie sich in inneren Prozessen vorbereitet. Die Lokomotive ist nicht die einzige Gestaltwerdung der letzten Zeit. Im Stillen ist hier Schönes und Spannendes passiert. Bald komme ich hoffentlich dazu, mehr darüber zu schreiben.

Bis dahin: Auf allerorten volle Kohletender!

Funkelgrüsse

Zwar komme ich nicht zum Schreiben, aber immer wieder denke ich an euch.

An dich, Ulma, und an das Füchslein, wenn der Frischling Fuchsspuren malt. Seht ihr wie das Tier übers Blatt geschnürt ist?

An dich, Bora, und an dein Mädchen. Langsam komplettiert sich die Garderobe der kleinen Puppe. Bald darf sie hoffentlich umziehen.

An dich, Katja. Diese Katze hat mich ganz zufällig beim Restaurantbesuch von der Flaschenetikettenrückseite im schönsten Gletscherblau angelächelt. Und zwar hat es etwas gedauert, bis ich das Wort verstanden habe (da phonetisch in Appenzellerdialekt geschrieben), aber dann kam mir natürlich sofort dieser Post in den Sinn.

Liebe Grüsse an euch und alle andern Leserinnen. Bald gibt es hoffentlich wieder mehr von uns zu lesen. Bis dahin funkeln wir hier noch etwas durch unsere Tage. O-Ton Frischling über die Zaunkönigin: „Sie stört mich wahnsinnig beim Spielen. Sie funkelt die ganze Zeit dazwischen!“

Demut und Dank

Ein Papa und eine Grossmutter sterben.
Ein kleines Mädchen wird nur wenige Tage alt.
Ein Vater verunfallt schwer.

Die Endlichkeit des Lebens und die Fragilität des Glücks nehmen Raum ein diese Tage.

Und dann ist da dieser Abend unter Freunden.
Wo plötzlich ein Gespräch den Smalltalk hinter sich lässt.
Wo ich lachen, staunen, fachsimpeln und zuhören kann.
Wo ich mich wohl und ganz und richtig fühle wie schon lange nicht mehr.
So wenig. So viel.