Teebeutelweisheit

Der kinderfreie Nachmittag ist kein freier Nachmittag. Einkauf, Holzlieferung, anschliessendes Versorgen der Tiere und dann bereits wieder Abholen der Trabanten stehen auf dem Programm.

Der Traktor fährt pünktlich vor, jedes Holzstück wird vom Anhänger durch die Scheune getragen und durch die Bodenluke hinters Haus geworfen, wo der Eingang zum Heizungskeller liegt. Dort wird jedes Stück auf eine alte, hölzerne Schubkarre gestapelt und in den Heizungsraum gekarrt, noch einmal ausgekippt und zu hohen Beigen aufgeschichtet. Wie ich also so im Heizungsraum stehe und staple, was mein Vater und mein Schwager da ankarren, spüre ich, wie ich angespannt bin. Immer ist meine Zeit so verplant, es bleibt mir wieder einmal kein Moment, mich aufs Sofa zurückzuziehen, ein bisschen durchs Netz zu surfen oder gemütlich mit einer Freundin zu telefonieren. Ganz zu schweigen von all dem, was auch noch zu tun wäre und wieder mal auf der Strecke bleibt: Schulzeug sortieren, Haushalt erledigen, Pendenzenlisten abarbeiten. Habe ich denn kein Recht auf ein bisschen Freizeit?

Und dann werde ich beschenkt. Ich vergesse, was ich wollte, sollte, könnte, müsste. Ich staple Holz.
Jedes einzigartige Scheit dieser vier Ster(!) wandert durch meine Hände. Ich staple Holz.
Hinter mir knistert das angefachte Feuer im Feuerraum. Ich staple Holz.
Die Wärme strahlt durch die offene Luke. Ich staple Holz.
Der Geruch vom Rauch durchzieht den Raum. Ich staple Holz.
Meine Muskeln erwärmen sich vom vielen Bücken. Ich staple Holz.
Ich spüre da und dort ein angenehmes Ziehen. Ich staple Holz.

Nachdem die Arbeit erledigt ist, geniessen wir heissen Tee und Schokoladenkuchen (gekauften natürlich, sonst würde es ja noch kitschig ob so viel Landlust-Romantik).

Danach schaue ich bei den Tieren vorbei, es reicht sogar noch für eine kleine Streichelei durch warmwolliges Fell.

Und bald darauf wackeln wir zu dritt durch die Nacht dem Daheim entgegen, welches uns freundlich entgegenleuchtet, die Zaunkönigin weich und warm an meinen Körper geschmiegt, der Frischling mit seiner Glöckchenmütze und dem Laternchen wie ein kleiner Zwerg neben mir hertrabend.

Frei sein, frei haben, Freizeit haben. Oft eine Kopfsache.
Während ich diese Zeilen schreibe, brühe ich mir einen Tee auf. Einen Beuteltee jener Sorte, wo die Haltepapierchen kleine Lebensweisheiten verkünden. Diesmal:

„Wenn wir ganz bei uns selbst sind, sind wir Liebe.“

Abschied und Willkommen

Die letzten Herbsttage überraschten noch einmal mit Süsse.

Jetzt bläst der Wind ums Haus, Regen prasselt an die Fenster.
Wir zünden Lichter und Feuer an.
Und sind bereit für den Winter.

Da ich gerade sehr viel lesen, denken, arbeiten, geniessen, zeichnen, spielen, nähen und diskutieren möchte, räume ich meinen Streifzügen durchs Netz weniger Zeit ein. Mehr machen, weniger gucken. Das beglückt mich im Moment sehr. Und bleibt wohl noch ein Weilchen so. Habt es fein.

Dona, dona

Nachdem das Lamm Agatha letzte Woche rund 10 Tage vor ihrem Schlachttermin verendet ist, hat unsere Schaffreude einen neuen Tiefstand erreicht.

Fünf Lämmer wurden im Mai geboren, drei davon haben wir verloren, wovon zwei bereits mit Gendefekt (Schiefhals) geboren wurden. Das hübsche Aueli Andrina und das Böckchen Vaclav gedeihen, oben auf dem Bild beäugen sie neugierig die Klauenpflegematte. Der Bock wird in einer Woche geschlachtet, denn bald würde er geschlechtsreif und damit ein Inzucht-Risiko für seine Mutter, seine Tante und seine Halbschwester.

Seit ihren Flitterwochen beim Bock plagen die Schafe Klauenprobleme. Immer wieder hinken die Tiere, ganze Hornpartien an ihren Klauen lösen sich ab und die Ballen nässen und stinken, verfaulen richtiggehend. Moderhinke ist eine gefürchtete Krankheit, da sie für die Tiere sehr schmerzhaft und kaum auszurotten ist, wenn das Bakterium einmal in eine Herde eingeschleppt wurde. Zudem zeigt die Obduktion von Agatha (ihr Schiefhals macht sie nach ihrem Tod wenigstens noch für die Forschung interessant) Anzeichen, dass sie trotz durchgeführter Wurmbehandlung an starkem Wurmbefall gelitten hat. Beides kann man behandeln. Kotproben können eingeschickt, die Parasiten genau bestimmt und entsprechend bekämpft werden. Moderhinke ist mit regelmässiger Klauenpflege und Klauenbädern vielleicht in den Griff zu bekommen. Wir haben es während eines halben Jahres versucht, nicht geschafft und fragen uns langsam, ob es nicht fairer wäre, die Tiere zu schlachten. Es wäre der einfachste und sicherste Weg, die Moderhinke loszuwerden.

Es ist anstrengend, aber auch schön, die Tiere täglich „standardmässig“ zu versorgen. Wasserkessel schleppen, etwas Heu und Kraftfutter verabreichen, ausmisten,… und alles mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau, das geht. Auch das regelmässige Umzäunen der Weideflächen mit unseren Elektrozäunen will gut geplant sein, ist aber machbar. Die Klauenpflege hingegen bringt uns an unsere Grenzen (Verbandwechsel z.B. alle zwei Tage). Es reicht nicht, dass der Gefährte und ich (wir machen das immer zu zweit, andere sind da routinierter) tagsüber gemeinsam eine Stunde zuhause sind (nachts fehlt das nötige Licht), wir brauchen auch jedesmal noch jemanden, der während dieser Zeit auf unser Mädchen achtet. So hetzen wir eigentlich immer in den Stall, sind doch meistens gefühlsmässig zu spät und haben schon lange keine Zeit mehr für die schönen Momente, welche ein Leben mit Tieren mit sich bringt. Es ist extrem frustrierend, ein erneut hinkendes Schaf bemerken und erst die Agenda zücken zu müssen um festzustellen, dass man das Tier frühestens in vier Tagen genauer untersuchen kann.

Wie weiter? Andrina können wir nicht als viertes Schaf behalten, vor allem nicht in der jetzigen Situation. Verkaufen oder schlachten? Ein Verkauf aus einer Moderhinke-Herde ist unrealistisch, auch wäre das Fleisch wenigstens ein kleines bisschen Lohn für die ganze zermürbende Arbeit der letzten Monate. Meine liebe Andrina, du Hündchen-Schaf, du Knuddel-Gurke… Ich tue mich schwer mit dieser Option.

Den Gedanken zuzulassen, dass wir auch die drei Grazien schlachten und damit ganz viele Probleme auf einen Schlag lösen könnten, beschert mir Unbehagen. Ich schuf mir nie leichtfertig Tiere an, auch nicht diese Schafe. Dass sie sterben müssten, weil wir eine zufriedenstellende Haltung bei allen Bemühungen nicht auf die Reihe kriegen, will mir nicht in den Kopf. Aber kaufen will die niemand, soviel ist sicher. Und wenn wir die Moderhinke tatsächlich niederringen könnten, so blieben zwei der drei Tiere Trägerinnen des Schiefhals-Defekts. Keine gute Basis für unsere kleine Zuchtgruppe.

Was ist schlimmer für ein Schaf: Krank zu leben oder früher als geplant (irgendwann wäre das ja sowieso ein Thema geworden) geschlachtet zu werden?

Die ganzen Erfahrungen mit den Lämmern haben uns etwas gelehrt: Es nützt nichts, den Tatsachen nicht ins Auge blicken zu wollen. Unsere Bemühungen bei den Lämmern waren für die Katz‘. Zu hundert Prozent. Soll dies jetzt für alle weiteren Fragen im Bereich „Leben mit Schafen“ gelten?

Ich muss jetzt alle Fakten, Überlegungen und Gefühle mal ein bisschen wiederkäuen. Hilft immer.

Und hier gibts noch ein paar passende Töne dazu. Schön und traurig. (Ja, natürlich: Kalb. Ist aber egal.)

Glühen

Immer wieder bin ich fasziniert, wenn ich eingeführt werde in Bereiche, von welchen ich bis anhin keine Ahnung hatte. Ich bin ein extrem neugieriger Mensch, und wenn mir jemand mit Herzblut, Liebe zum Detail, viel Wissen und einer Prise Präsentationsgeschick sein Métier, eine Kunstausstellung, ein Hobby oder sonst irgendetwas nahebringen will, lasse ich mich sehr gerne begeistern. Ich hänge einer belesenen Historikerin genauso gespannt an den Lippen wie einem passionierten Wachtelzüchter. Mein Staunen pflege ich, es ist mir lieb und unendlich wichtig.

Und so verwundert es nicht, dass mich dieser Abend sehr inspiriert hat: Ein Getränkehändler und ein Diplom-Bier-Sommelier führten in unserem Stall eine Bierdegustation durch. Im kleinen Rahmen hatten wir die Gelegenheit, achtzehn äusserst unterschiedliche und überraschende Biere zu acht auserwählten Käsespezialitäten und etwas Schokolade zu degustieren.

Es war ein phantastisches Erlebnis, einmal mehr hat sich mir eine neue Welt aufgetan. Nase, Zunge, Gaumen und Kehle wurden herausgefordert und überrascht, viel Wissenswertes und Unterhaltsames hat mich zum Staunen, Schmunzeln und Weiterdenken gebracht. Der Abend war lang und schön.

Und wer jetzt denkt, dass es doch verwerflich sei, gut zu essen und zu trinken, wenn anderen das Nötigste fehlt: Ja. Und nein. Die Sinne zu schärfen, auch im übertragenen Sinn natürlich, ist und bleibt wichtig. Und echte, direkte Begegnung mit Neuem, mit anderem Denken, mit fremden Menschen (die am Schluss als Freunde gehen) ist nie verwerflich. Das ist Friedensarbeit.

Alles nur geklaut

Altes Gerümpel fällt wohl in jedem Haushalt an. Was bei andern eine unaufgeräumte Schublade, eine vollgestellte Zimmerecke oder ein paar Papiersäcke im Keller sind, nimmt auf unserem kleinen Hof mehr Raum ein. Das alte Holz lag schon so lange gesammelt an dieser Stelle, dass wir es schon gar nicht mehr richtig sahen. Gleichzeitig wertete es die ganze nähere Umgebung ab. Wir hielten uns kaum mehr in jener ungemütlichen, lieblosen, ja verwahrlosten Ecke des Gartens auf.

Als ich bei Frau Kirschkernnzeit von der Freude eines neugewonnenen Raumes im Garten las und bei Soulemama die Verwandlung ihres Gartenhäuschens bewundern konnte, schritten wir zur Tat. Das alte Holz wurde sortiert und alles morsche, minderwertige verbrannt. Die Bodenbretter wurden wo nötig ausgetauscht, nahe zusammengerückt, neu befestigt und mit dem Hochdruckreiniger von uraltem Dreck befreit. Einige Bodendielen wurden zu Regalbrettern umfunktioniert.

Und jetzt beginnen wir langsam, den neuen Raum mit Leben zu füllen. Glücklich und dankbar dürfen wir feststellen, dass es sich um die kühlste Stelle des ganzen Grundstückes handelt. Und sie leuchtet jetzt hinaus in ihre Umgebung und macht die vorher ungeliebte Ecke zu einem neuen Lieblingsort.

Nicht nur für Renovationsarbeiten sind mir die Blogs eine liebe Inspirationsquelle. Als ich dieses Shirt bei der grossartigen Ulma gesehen hatte, wusste ich sofort, dass auch ich mir so ein Teilchen nähen wollte. Ulmas Empfehlungen, sei es in kulinarischer, naturkosmetischer, literarischer, musikalischer, strick- oder nähtechnischer Hinsicht haben mich noch nie enttäuscht, sondern im Gegenteil immer sehr glücklich gemacht. So wurde also der Rest Leinenstoff, welcher nach diesem Projekt noch übrig war, flugs vernäht.
So klau‘ ich mir also dies und das zusammen und beglücke mir damit meine Tage. Da fällt mir ein, dieser Kuchen muss unbedingt bald mal wieder auf den Tisch. Vielleicht mit Ribisen diesmal?

Ab in den Stollen

Morgen beginnt das neue Schuljahr. Einmal mehr bin ich dankbar, dass ich mich auch nach Jahren immer noch freuen kann auf die Menschen, welche ich kennenlernen und mit welchen ich viel Zeit verbringen werde. Dankbar, dass ich mich freue auf die Umsetzung meiner Pläne und auf die Resultate, welche dann doch immer so anders aussehen als in meinen Gedanken. Dankbar, dass ich mich immer noch freue auf „meine“ Räume und das Kollegium. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit und ein grosses Glück. Ich wünsche allen, welche sich morgen auch wieder mit neuen Strukturen zurechtfinden müssen, viel Zuversicht, Gelassenheit und den nötigen Elan.

Hinter mir liegen fünf „freie“ Wochen voller Arbeit. Schöne, gute Wochen. Ich habe die Zeit mit meiner Familie genossen, und dazwischen immer mal wieder genäht und gehäkelt, gejätet, gepflanzt und geerntet, Möbel gestrichen, fotografiert, gelesen. Es wurde gebaggert und gezimmert, entsorgt und aufgeräumt. Viele kleine Dinge haben wir angepackt, auch einige grössere waren dabei. Lange Sommernächte, träge Hitzetage, Stunden mit Freunden und Kinoabende in unserem Stall erfreuten das Gemüt.
Danke auch für die liebe Post von Dania und das Seelenstreichelbuch von Uta. Ich liebe das Lesen von Blogs, und es gibt Menschen, die mir dadurch lieb und wichtig geworden sind, obwohl ich sie noch nie getroffen habe. Und wenn ich echtes Papier in den Händen halten darf, das von „dort draussen“ bis hier zu mir gefunden hat, berührt mich das immer sehr. So eine Freude!

Silber wird Gold

Der kleine Räucherkasten wird mir fast schon nachgeschmissen auf dem Flohmarkt. Neugierig schreite ich zur Tat. 

Die Forellen beize ich während rund zwölf Stunden in Salzwasser. Danach gebe ich das Buchenholz-Räuchermehl (ein Blick auf die Verpackung verrät es; hier haben wir es mit einer echten Antiquität zu tun!) zusammen mit den Fischen in den Kasten. Von unten wird Hitze zugefügt, im Innern entsteht Rauch. Nach knapp einer Stunde sind die beiden Fische geräuchert.

Goldene Forellen, Bratkartoffeln, Salat und etwas Wein. Was für ein Genuss. Trotzdem
Unbezahlbar auch die beim Hantieren und Riechen aufsteigenden Kindheitserinnerungen.