Wärme

Normalerweise macht Konsum nicht glücklich. Aber der letzte Besuch im Brocki hat via materielle Güter so viel immaterielles Glück gebracht, dass es sich beinahe schon ein bisschen wie Weihnachtsgeschenkefreude anfühlte.

Für den Frischling fand sich eine hübsche kleine Schubkarre, ein äusserst praktisches und sofort von ihm in Beschlag genommenes Gefährt, welches bis anhin in seinem wachsenden Fuhrpark gefehlt hatte. Bei seiner zweiten Adventsfreude war er eher der Nutzniesser. Die kleine Puppe lag schon lange Zeit in der Puppenecke des Brockis. Bei jedem meiner Besuche im vergangenen Jahr nahm ich sie zur Hand, berührt ob ihrer handgemachten Unperfektion und nie so ganz schlüssig, ob ich sie nun wahnsinnig liebenswürdig oder vielmehr etwas grüselig fand. Diesmal schien sie mir nur noch liebenswürdig. Und sie tat mir einfach leid zwischen all den nackten Plastikdingern mit verklemmten Schlafaugen und abstehenden Synthetikhaaren. Der Frischling bekam von alledem nichts mit, aber zuhause begrüsste er den Neuzuzüger mit liebevollen, begeisterten Jauchzern. Himpeli hat sofort Einzug in sein Herz gehalten, und ihm wird mehr Aufmerksamkeit zuteil als jeder anderen Puppe.

Für den alten Herrn Hund gab es einen neuen Schlafsack, nachdem diese Vorliebe von ihm in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geraten war. Dankbar lässt er sich nun regelrecht begraben, am liebsten ists ihm, wenn er komplett zugedeckt wird. Wie er selbst den Gestank darunter aushält, ist mir schleierhaft, aber auch egal. Jedenfalls scheint es seinem steifen Rücken wohl zu tun, wie ein junges Reh gebärdet er sich die letzten Tage auf unseren Spaziergängen.

Und dann war da noch die Brotbackmaschine. Die Puristen unter Euch mögen aufheulen ob soviel maschineller Tristesse. Ja, Teigkneten ist ein sinnliches Glück, und das Prozedere zu einem eigenen Brot mit all dem Bearbeiten und Gehen lassen und Backen eine wertvolle, aber auch zeitintensive  Freude. Aber uns mangelte es nicht an romantisch-sinnlichen Tätigkeiten, sondern oft einfach an schlichtem Brot. Wir schafften es, für eine ganze Woche einzukaufen, allein Brot und Milch machten uns oft einen Strich durch die Rechnung. Und weil ich ohne richtiges Frühstück zu gar nichts zu gebrauchen bin, musste sich jemand von uns dann und wann in aller Herrgottsfrühe ins Auto setzen, nur um ein Brot zu besorgen. Und dieser unsagbare Zustand ist nun vorbei. Mit dem erstandenen Gerät kann ich sogar total erschöpft nach einem langen Tag zu nächtlicher Stunde noch Mehl und die weiteren Kleinigkeiten zusammenfügen, und das gute Ding erledigt dann für mich die Heinzelmännchenarbeit, während ich selig schlafe. Die ersten Versuche erfüllen jedenfalls meine Erwartungen. Das Brot schaut nicht gerade schön aus, schmeckt aber ausgezeichnet und ist von angenehmer Konsistenz. Und was gibt es besseres als der Duft von frischem Brot im Haus? Eine alltagspraktikable Lösung scheint sich gefunden zu haben, was mich fürs Erste sehr freut.

Warme Herzen, warme Knochen, warme Bäuche. Jetzt darf der Schnee kommen.

(Die für diesen Post benötigten Bilder habe ich in der letzten halben Stunde direkt „aus dem Leben gegriffen“. Ja, Himpeli fand ich tatsächlich im Bett des Frischlings, und ja, auf dem Stuhl schläft wirklich ein ziemlich grosser Hund! Welcher sich jetzt gerade durch sein Schnarchen verrät…)

lange Zeit

Seit einigen Wochen ist unser Leben ein bisschen anders organisiert. Der Gefährte ist verantwortlich für die Musik eines Theaterstückes. Täglich wird geprobt, und das nicht gerade hier um die Ecke. Mittlerweile finden die Intensivproben statt und das bedeutet, heute jedenfalls, dass der Gefährte schon weg war, als der Frischling und ich erwachten und er erst wieder hier sein wird, wenn wir beide schon längst schlafen.

Ich hätte nicht gedacht, wie anders sich dieses Leben anfühlt. Denn meine beiden „bezahlten Tage“ bin ich ja nach wie vor unterwegs. Es fallen eigentlich nur einige Stunden weg, welche mir während der restlichen Wochentage fürs Vorbereiten des Unterrichts „offiziell zustehen“. Bis jetzt konnte ich mir aber doch immer irgendwie irgendwo das eine und andere Stündchen freischaufeln. Also alles fast wie immer, könnte man denken.

Trotzdem, alles ist jetzt ganz anders. Die fünf Tage am Stück, welche alle ziemlich gleich ablaufen, ziehen sich in die Länge. Wegfahren und Freundinnen besuchen geht nicht, das Auto ist mit dem Gefährten unterwegs. Sogar aufs Einkaufen verzichte ich. Und anstatt dieses Heimchen-Leben einfach mal zu geniessen, diese Zeitlosigkeit, dieses Dümpeln im Jetzt, werde ich antriebslos, melancholisch und träge. Ich fühle mich abends erschöpfter, oder auf eine ganz andere Art erschöpft, als nach einem rappelvollen Tag, wie ich ihn gewohnt bin. Es ist kalt und neblig, meine Gesprächspartner sind ein Kleinkind und eigenartige Tiere, die Tage sind ohne Unterschied. Ich vergesse, welcher Wochentag ist und was wir heute zu Mittag gegessen haben. Pasta? Oder war das gestern?

Manchmal nerven mich die tausend täglichen Absprachen mit dem Gefährten. Katzen schon gefüttert? Wer geht mit dem Hund raus? Geht noch einer von uns einkaufen? Wickelst du den Frischling diesmal? Wer räumt die Küche auf? Hast du gestern staubgesaugt oder soll ich heute?… Aber oh, wie schön das doch ist! Alles kann, nichts muss. Ein bisschen Lust und Unlust liegt drin, immer wieder, jeden Tag. Jetzt nicht. Jetzt mach ich die hier anfallenden Dinge einfach. Weil sonst niemand hier ist. Das ist überschaubar, tatsächlich gemütlicher, aber auch lähmender und irgendwie frustrierender. Wahrscheinlich würde ich mich anders organisieren, wenn dieser Zustand von Dauer wäre. Jetzt bleibt mir aber vor allem die Erkenntnis, dass ich, allem bisweiligen Geschimpfe und Gehetze zum Trotz, unsäglich glücklich bin mit der Organisation unseres Familien- und Berufslebens. Dankbar für die vielen Inputs von „draussen“, dankbar für das gemeinsame Gestalten des Lebens daheim. Bis ich es wieder habe, mein gewohntes Leben, versuche ich jetzt aber einfach mit besten Kräften, diese besonderen Tage zu geniessen.

Und dass der Frischling einen regelrechten Weinkrampf hatte heute Abend beim Vorsingen des Liedes „Schlaf, Kindlein, schlaf“, weil da der Papa drin vorkommt und ihm scheinbar erst in diesem Moment bewusst wurde, dass er ihn heute noch gar nicht gesehen hatte (Ob er das schon einmal erlebt hat? Ich glaube nicht…),… da tat er mir zwar schampar leid, aber ich habe mich auch sehr gefreut. Weil es so wahnsinnig gut tut, die Verantwortung zu teilen und nur einer von zwei ganz wichtigen Menschen sein zu müssen.

Vorstellungsrunde

Das Kennenlernen nimmt seinen Lauf.

Saba (hier in der Mitte) ist momentan der ruhige Pol des Grüppchens. Die beiden andern stehen gerne zwei, drei Schritte hinter ihr, während sie misstrauisch, aber auch sehr neugierig alles in Augenschein nimmt. Sie hat sich heute auch als erste und bislang einzige getraut, sich von mir ein bisschen an der Backe und hinter den Ohren kraulen zu lassen. Saba hat einen schweren Kopf und eine markante Ramsnase. Wenn sie einen anstarrt mit ihren langen Wimpern, welche ihre Augen fast ein wenig verdecken, wirkt sie einiges imposanter als ihre beiden Kolleginnen.

Ihre Zwillingsschwester Sirah (rechts) ist deutlich filigraner. Gemäss den Vorbesitzern ist sie eine freche Gurke, welche vermutlich die Führung der Gruppe übernehmen werde. Ich merke noch nichts davon und bin gespannt auf ihre Entwicklung.

Kara (links) wurde einige Wochen später und erst vor kurzem geschoren, dadurch wirkt sie ganz anders. Auch sie hat eine ausgeprägte Ramsnase, ist aber viel eleganter als Saba. Auffallend sind ihre wunderhübsch geschwungenen Ohrspitzen.

Als wir die drei gestern aus dem Transporter ausluden, waren sie einfach drei ziemlich identische Schafe. Ich weiss noch nicht viel über sie zu sagen, aber verwechseln könnte ich sie bereits nicht mehr. So schnell geht das.

Herzlich willkommen

Wer hier schon ein Weilchen mitliest, weiss, dass ich schon lange auf den heutigen Tag gewartet habe (da und da und da und da und da).

Saba, Sirah und Karamba sind heute eingezogen. Plötzlich ging alles ganz schnell. So schnell, dass wir noch einen wochenendlichen Intensivarbeitseinsatz im zukünftigen Stall leisten mussten. Es galt noch Gatter und Tränken anzuschrauben, alten Mist zu entfernen, aufzuräumen, einzustreuen und tausend kleine Handgriffe hier und dort zu erledigen.

Umso mehr hat es mich natürlich gefreut, dass die ehemaligen Besitzer der Tiere und der uns zugeteilte „Mentor“ des Schweizerischen Engadinerschaf Zuchtvereins nur lobende Worte für unser Gebastel fanden. Wobei, eigentlich handelt es sich fast ausschliesslich um das Werk des Gefährten. Aber weil ich ja schliesslich oft mit von Partie gewesen bin, die eine und andere Idee beigesteuert habe und das Kind ständig um Bohrmaschine, aufgeschichtete Granitplatten, Stichsäge, Brennesseln und ähnliches (welches alles eine unheimliche Faszination auf den Frischling ausübt) lotsen musste, nehme ich mich vom erfolgreichen Resultat nicht ganz aus. Äusserst grosszügig bemessen, trocken, zugluftgeschützt und mit permanentem Ausgang ins Freie versehen, darf sich unser Schuppen als Villa bezeichnen, so man ihn denn mit Schafsaugen betrachten mag.

Gerne würde ich den drei Mädels einen Gutenachtbesuch abstatten, aber ich zügle meine Neugier. Sie würden erschrecken, ich täte ihnen keinen Gefallen und würde nur ihr Ankommen in ihrem neuen Daheim unnötig erschweren. Morgen sehen wir weiter. Schlaft gut, alle Schafe und Menschen dieser Erde.

Sonnwendlig

Ausgewählt und per Handschlag besiegelt

Lichtfänger beblinzelt
Wintervorbereitungen getroffen
Das Geheimnis des Feuermachens weitergegeben
In weiche Wolle gegriffen
Das Schultertuch wachsen lassen
Vermicelles genossen
Das Tagwerk bestaunt
Viel gespielt
Vieles geerntet
Den Rücken gebeugt
Auf das Kommende gefreut
Von oben nach unten und von links nach rechts die Impressionen des Wochenendes.
Habt es fein.

Chaos überall

Als ich die aufgedrehte Wolle zu einem Knäuel wickeln möchte und Entwirrungsversuche auch solche bleiben, entschlüpft mir der ein und andere Fluch. Nach langem Gewickel, Entknoten und Probieren liegt aber schliesslich doch ein akkurat aufgewickelter Knäuel Wolle vor mir.

Der Elektrozaun der Schafe verheddert beim Umstecken. Das Gezerre, Gefädel, Untendrüber- und Untendurchziehen erinnert mich an die Wolle, nur dass ich jetzt mitten drin stehe im Chaos. Ich schaffe es, einigermassen ruhig zu bleiben und mich den 60 Metern Herausforderung zu stellen. Die Schafe beobachten mich interessiert mal von der einen, mal von der andern Seite des Durcheinanders, um sich schliesslich ganz brav wieder auf der gewünschten Seite der Wiese, abgetrennt durch einen sauber gespannten Zaun, einzufinden.
Wenn mein Blick jetzt auf den Schreibtisch fällt, auf mein Materialregal, in die ein oder andere Schublade, in den Kleiderschrank und an noch so manchen Ort, weiss ich, dass alles zu schaffen ist. Irgendwie, irgendwann. Und dass ich bis dahin nicht die Nerven und Zuversicht verlieren sollte.

Schafe und Stroh

Nachdem ich gestern früh am Morgen die beiden Grabser-Böcke aufgestallt, ihnen Stricke um den Hals gelegt und sie in den Transporter geführt hatte, übernahm der Gefährte den letzten Teil ihres Weges. Mein Herz blutete. Es ist Zeit, dass die Auen einziehen bei uns.

Den ausgeliehenen Transporter nutzend, brachte der Gefährte auf dem Heimweg gleich noch einige Strohballen mit. Wir hielten uns wohl für besonders schlau, als wir das Auto samt Anhänger vorsichtig rückwärts bis vor den Stall rollen liessen. Das Gefälle erschien uns nicht gross genug, dass das Auto damit Probleme haben würde. Weit gefehlt. Das Stroh war rasch ausgeladen, nur leider war es unmöglich, das Auto im morgenfeuchten Gras die wenigen Meter bis auf den Hofplatz wieder hochzufahren. Pröbeln, fluchen, lachen,… nichts half. Schliesslich koppelten wir den Anhänger ab. Fingerspitzengefühl durch den Gefährten auf dem Fahrersitz und rohe Gewalt in anschiebender Position von mir schafften den Wagen endlich wieder auf festen Untergrund. Einigermassen naiv versuchten wir anschliessend, den kleinen Anhänger mit reiner Muskelkraft zu bewegen. Es blieb beim Versuch. Zu guter Letzt gelang es uns mit 4m zusammengeknüpften Spanngurten, welche wir an der Anhängerkupplung des Wagens befestigten, den Anhänger ebenfalls hochzuziehen.

Die Aktion hatte uns mehr Zeit, Kraft und Nerven gekostet, als es das Heruntertragen der Strohballen getan hätte. Ausser Atem, ein bisschen beschämt über die depperte Idee und stolz, dass wir es ohne die Hilfe eines benachbarten Bauern mit Traktor geschafft hatten, fühlten wir uns jedenfalls als unschlagbares Team. Ein gutes Gefühl, um unseren zweiten Hochzeitstag zu begehen.

Realität schlägt Idylle

Gestern noch habe ich vom jungen Hausrotschwänzchen berichtet. Heute Abend finde ich es tot wenige Meter neben dem Nest.

Auch die Eidechsen und Grillen werden gemeuchelt von den beiden Katzen, dass es ein Graus ist. Dass der Kater mit seinem Blinzeln Regenbogen fabriziert, ist zwar magisch, vermag aber nicht über seine Raubtiernatur hinwegzutäuschen.

Letzthin fängt die Katze eine junge Wühlmaus. Im Gras lässt sie das verletzte Tierchen liegen. Der Hund trägt es auf die Strasse. Kaum davon abgelassen, landet eine Krähe, hackt die Maus tot und fliegt mit ihr davon. So geht das. Todesstafette.

Heute hier, morgen fort.

Zwiesprache

Vor zwei Jahren im Mai erblickte ich morgens um 04:43 Uhr aus dem Küchenfenster auf der Wiese ein Reh. Ich zückte die Kamera, denn ich hatte mir vorgenommen, alle Wildtiere fotografisch festzuhalten, welche sich am Haus zeigten. Erst beim Sichten der Bilder am Computer bemerkte ich den Fuchs auf der Strasse. Was sich die beiden heimlichen Nachbarn wohl zu sagen hatten?

Meine Tage sind rappelvoll. Die bezahlte Arbeit wächst mir über den Kopf, beglückt mich aber auch sehr. Der Frischling dreht seine Runden, plappert und werkelt und nimmt mich ganz für sich ein. So vieles will geschaffen, gedacht, gelesen, gepflanzt, gehört, gesprochen, gefeiert werden. Gut und schön und sehr anstrengend ist es, mein Leben.