Waldmeister

Der Gefährte ist Wirt. In seiner Seele. Und deshalb wurde aus dem alten Kuhstall eine kleine Gaststube für Freundinnen und Freunde. Ein Ort für friedliches Beisammensein, unkompliziertes Essen, passende Musik, denkwürdige Gespräche. Ein Platz für Kinder, Familien, Frauen- oder Männerrunden. Ein Rahmen für Konzerte, Sportübertragungen, Familienfeiern, Geburtstagsfeste.

Gestern war es endlich wieder soweit, und die zweite Saison seit Gründung wurde mit einem Frühlingsfest eröffnet. Den Auftakt bildete eine Waldmeisterbowle, alles weitere unterlag nicht mehr unserer Planung. Doch das Konzept des letzten Jahres hatte sich etabliert. Ganz selbstverständlich brachten alle Eingeladenen ihre Grilladen, Salate, Brote und Desserts mit. Das Buffet bog sich unter den Köstlichkeiten. Der Gefährte stand hinter der Bar, ich selbst konnte mit Freundinnen palavern, dann und wann mit Kleinigkeiten aus Küche und Haushalt aushelfen und den Frischling im Auge behalten, welcher unermüdlich und bis in die tiefe Nacht hinein zwischen den Gästen seine Runden drehte. Reden, Lachen, Tanzen, es waren gute Stunden.

Ich durfte Zeuge eines beinahe schon magischen Momentes werden: Zwei Mädchen tanzten im Schein der Strassenlaterne. Ihre Musik? Das Rauschen des Waldes oder die Klänge der Sterne, ich weiss es nicht. Still und neugierig beobachtete die Katze das Geschehen. Eine verspätete Walpurgisnacht.

Freudenränder

So lange wurde gedacht und geplant. Jetzt ist die Zeit des Handelns angebrochen. Wir legen Gartenbeete an, bringen Pflanzen und Samen aus, verbrennen Unmengen von altem Holz (morsche Pfähle etc.), gründen einen neuen Kompostplatz, errichten einen Weidenzaun, sagen dem Unkraut und den Schnecken den Kampf an,…

Sogar der Frischling hat schwarze Ränder unter den Fingernägeln. Wer schuf wohl den unpassenden Namen „Trauerränder“? Freudenränder sind das! Wir alle geniessen das Werkeln unter freiem Himmel sehr.

Obwohl dieses Blog ja nach Schafen, Kompost und Wiesenblumen „riecht“: Für uns sind all diese Arbeiten neu, ungewohnt und aufregend. Von unseren Nachbarn, den echten Bauern, werden wir, wo immer nötig, freundlich unterstützt, wohl aber auch etwas belächelt. Es ist uns egal. Wir verwirklichen hier unseren Lebenstraum, wachsen langsam hinein in die Arbeiten, welche die verschiedenen Jahreszeiten mit sich bringen. Dass wir nicht von landwirtschaftlichen Erträgen leben müssen, macht die Haus-und-Hof-Projekte unbeschwert und sehr lustvoll. Der Hof bildet ein wohltuendes Gegengewicht zu unseren Erwerbsarbeiten, welche wunderbar, aber auch sehr „flüchtig“ und in ihrer Wirkung schwer messbar sind.

So haben wir also den Konjunktiv II zum Schweigen gebracht und wagen uns gemeinsam an ein Leben, welches unseren kühnsten und tiefsten Träumen entspricht. Was für ein Glück.

Die Neuen sind da

Frau Krähe begrüsst die neuen Hofbewohner.

Es handelt sich zum einen um Grabser-Schaf-Zwillinge (Fleischrasse) und zum anderen um zwei besondere hübsche Tiere, welche mit ihren Hängeohren und den spitzen Gesichtern unschwer ihre Engadiner-Mütter erkennen lassen. Dass diese Rasse als besonders zutraulich gilt, zeigt sich sofort. Die beiden Lämmer sind zwar noch nicht zahm, aber doch sehr gelassen. So bleiben sie beispielsweise auch wiederkäuend liegen, wenn ich mit Hund und Kinderwagen vorbeispaziere. Für den täglichen Umgang ist dies sehr schön, das Schlachten wird aber dafür umso schwieriger sein.

Unsere zukünftige kleine Herde weiblicher Tiere wird aus Engadinerschafen (mehr zu dieser Rasse hier und hier) bestehen. Doch diese werden frühestens im Herbst bei uns einziehen. Jetzt dürfen erst einmal die vier Böckchen den Lenz begrüssen.

Bäuerin

Der Besuch im Brocki war schon fast vorbei, der Gefährte hatte die Kasse bereits passiert und steuerte auf die Tür zu, da sprang es mir ins Auge. Von dort direkt ins Herz. Und so kaufte ich es für ganz ganz wenig Geld. Das Bild, den Holzschnitt, das Portrait einer alten Bäuerin.

Neu gerahmt strahlt jetzt ihr liebes, verschmitztes Gesicht unter dem gemusterten Kopftuch gerade noch einmal so viel. Ihre grossen Hände, welche von harter Arbeit erzählen, umfassen zärtlich einige Äpfel. Ihre gestreifte Schürze, wunderbar gearbeitet, faltet und kräuselt sich fast übermütig und verleiht ihrer Gestalt Plastizität. 
Noch nie eiferte ich ernsthaft jemandem nach. Aber wie sie will ich werden. Fast wie bei einem Andachtsbild verliere ich mich bei ihrem Anblick in meinen Wünschen, Zielen, Träumen. Schön, dass wir uns gefunden haben.
Dass es sich bei dem Holzschnitt um ein Werk des bekannten Schweizer Künstlers Heinz Keller handelt, dessen Arbeiten normalerweise für mich unerschwinglich sind, macht den Fund noch schöner. Natürlich ist jedes hübsche Ding, welches man beim Trödler ersteht, ein Schatz für sich, aber ich hatte bis anhin noch nie das Glück, einen solch „objektiv wertvollen Gegenstand“ zu entdecken. Auch diese Tatsache freut mich natürlich ungemein, denn wie alles Echte strahlt Kunst eine ganz andere Energie und Intensität aus, als jede Reproduktion oder Nachahmung dies vermögen.
Mir ist, als sei mit der alten Bäuerin eine gute Seele bei uns eingezogen.

Rasenmäher

Alles begann mit einem Hochzeitsgeschenk: „Ihr habt ja so viel Land, da sind zwei Schafe das Richtige für Euch. Und keine Angst, die machen ü-b-e-r-h-a-u-p-t  k-e-i-n-e Arbeit.“ Das dies nicht stimmte, war mir sofort klar. Tiere bedeuten immer Arbeit. Sofern man ihrem Wesen gerecht werden will.
Es folgten Recherche-Stunden im Internet (BVET, Agate, ProSpecieRara etc.), der Bau eines Unterstandes, die Anschaffung einiger Utensilien, Kauf von Heu und Stroh, und und und… Die Schafe frassen derweil munter Gras, büxten dann und wann aus, wurden zutraulich und irgendwann angriffslustig, bis wir die beiden nach mehr als einem Jahr schliesslich schweren Herzens schlachteten. 
Die beiden jungen Böcke, welche anschliessend bei uns einzogen (wieder ein Hochzeitsgeschenk, welches wegen zuvorgekommenem ersten Paar zurückgestellt worden war), wurden bereits etwas routinierter behandelt. Eindeutig als Masttiere deklariert, wurden auch sie wenige Monate später, als das Gras knapp wurde, geschlachtet.
Wie weiter? Momentan liegt alles unter einer dicken Schneedecke, aber schon bald wird wieder Gras in Hülle und Fülle wachsen auf unserem Land. Junge Masttiere besorgen und im Herbst schlachten? Eine Herde von weiblichen Tieren aufbauen, diese jeweils im Herbst decken lassen und dann im darauffolgenden Jahr nur die überzähligen (v.a. männlichen) Lämmer schlachten? Welche Rasse? Welche Art der Beweidung? Gras mähen oder Heu zukaufen? Wie stehts mit einem Schafbock? 
Fragen über Fragen. Und deshalb besuchten mein Gefährte und ich heute einen Schafhalterkurs. Was habe ich alles gelernt! Weidearten verglichen, Klauen geschnitten, Parasiten bestimmt, Ohrmarken und Entwurmungsmittel studiert und vieles mehr. 
Ich bin voll von diesen Eindrücken und würde mich am liebsten schon morgen auf die Suche nach „meinen“ Tieren machen. Wie gerne hätte ich bald wieder solch friedlichen Geschöpfe hier, welche mit ihrer heiteren Gelassenheit und ihrem sozialen Wesen den Hof „ganz und rund“ machen. Die Schafe sind wie das Feuer, sie erden mich. Man kann nicht Heuraufe und Wassertränke füllen, ein bisschen mit den Tieren plaudern und ihre Interaktionen beobachten, ohne dass Ärger und Stress von einem abfallen.

Gleichzeitig sehe ich einen riesigen Berg Arbeit vor mir. Der Stall ist bei weitem noch nicht optimal eingerichtet, das Problem der Heugewinnung ist noch immer nicht geklärt und Zeit ist im Moment sowieso Mangelware in meinem Leben.

Die Kraft des Frühlings wirds richten, wird einiges in Bewegung bringen und dadurch Entscheidungen wachsen und gedeihen lassen. Bald.

Die Namen der Dinge

Vor einigen Tagen: Zuerst war es ein ganz gewöhnlicher Dienstag wie alle andern Wochentage. Bis zur Entscheidung des Gefährten, am Abend eine Lammkeule zuzubereiten. Zu einer Lammkeule gehören Gäste (diesmal meine Eltern), ein aufmerksam gedeckter Tisch, Rosmarinkartoffeln, Wein, zum Schluss Kaffee, selbstgebrannte Zwetschge (ein Geschenk eines Freundes) und Zigarren aus Kuba (ebenfalls ein Geschenk desselben Freundes).

Das Fleisch war wunderbar zart. Das Lamm graste noch vor wenigen Wochen auf unserem Land, es lebte ein friedliches Leben. Wie selbst angebaute Kartoffeln, selbst gepflückt Äpfel und selbst eingekochte Konfitüre isst man alle Nahrungsmittel, welche man schon „gekannt“ hat, bevor sie in der Pfanne lagen, mit einer ganz besonderen Dankbarkeit und Aufmerksamkeit. Bei Fleisch gehört für mich auch ein bisschen Trauer dazu, was aber seltsamerweise den Genuss nicht schmälert.

Nun, der Abend war perfekt, das Essen üppig und der Wein gehaltvoll. Gespräche und Gedanken inspirierten mich nachhaltig. Besonders tief war wieder einmal die Erkenntnis, dass es so viel zu entdecken gibt in nächster Nähe. Wir leben seit zwei Jahren auf dem Hof und wissen immer noch nicht, welche Sorten Äpfel auf unseren elf Apfelbäumen wachsen. Wir wissen nicht, wo der Bach entspringt, dessen Gemurmel jede Nacht unseren Schlaf begleitet und wir haben keine Ahnung, wie viele Füchse und Rehe in der Dunkelheit unsern Garten durchqueren. Es gibt noch so viel zu lernen, zu erforschen und kennenzulernen auf diesem kleinen Fleckchen Erde, dass es für ein ganzes Leben reicht.

Die Dinge SIND einfach, die Berge, die Wälder, die Tiere. Sie haben keine Namen, oder nicht die, welche wir ihnen geben. Das Benennen folgt auf das Entdecken, Wahrnehmen, Kennenlernen durch den Menschen, das Benennen zeugt von Nähe. Was man benennt, sieht man, kennt man, was man kennt, wird Heimat.

So will ich also die Worte meiner Welt finden und damit überhaupt erst das Sehen und Erkennen lernen. Hausrotschwanz, Schafgarbe, Sauerampfer, Aue, Rotkehlchen, Puffer, Moderhinke, Leibung und Karpaun… Das ist erst der Anfang.

Holz Feuer Wärme Heimat

Es dürfte die letzte Holzlieferung für diesen Winter gewesen sein. Drei Ster Laubmischholz, Scheite à 50 cm, werden vor dem Haus abgeladen. 

Es heisst anpacken, die Scheite werden durch die Scheune getragen und durch die Luke im Boden vor die Kellertüre hinterm Haus geworfen. 
Von dort muss jedes Stück ein weiteres Mal in die Hand genommen und im Heizungskeller aufgeschichtet werden.
Und dann wird in einem beinahe alchemistischen Prozess aus dem Holz Feuer, aus Feuer Wärme und aus Wärme Heimat.
Ich liebe das tägliche Hüten des Feuers im Keller. Die Arbeit ist einfach und schlicht, erfordert einzig etwas Geduld. Besonders schön ist das Bewusstsein, durch die Aufmerksamkeit für diese „sinnliche Wärme“ auch ein Gefühl für die „seelische Wärme“ unseres Hauses zu bekommen.

Muttertier

Draussen liegt Schnee, aber auf dem Papier entstehen bereits Frühlingsträume. Ob dieses Jahr Auen und ihre Lämmer einziehen werden bei uns? Oder ob wir uns ein weiteres Jahr mit dem Halten von jungen Schafen begnügen, welche dann im Herbst geschlachtet werden? Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Ich erhoffe mir Klarheit durch den Besuch eines Schafhalterkurses, auf welchen ich mich sehr freue.

Meine Affinität zu Muttertieren gründet wohl in der Tatsache, dass ich selbst eines bin. Schon während der Schwangerschaft habe ich mir die Kühe, Schafe und Gämsen zum Vorbild genommen, welche konzentriert, geduldig und im Normalfall mit einer grossen Selbstverständlichkeit ihre Kälber, Lämmer und Kitze gebären. Mother Nature is beautiful!