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Das kleinste Krähenkind ist gut gelandet in unserer Familie. Trotz drittem Kind fühle ich mich aber nicht als „alter Hase“, was mein Muttersein anbelangt. Natürlich, ich bin gelassener geworden, vieles läuft routinierter ab. Dennoch ist der kleine Junge, man merkt es schon jetzt, noch einmal ein ganz unvergleichlich anderes Kind als seine Geschwister. Mit eigenen Vorlieben, eigenen Rhythmen, einer eigenen Temperaments- und Gefühlslage. Und all das gilt es kennenzulernen. Neugierig und vorurteilsfrei ohne ständigen „Vergleichsblick“ zu den älteren Geschwistern.

Bereits ist das Kind drei Wochen alt, und die frühe Wochenbettzeit ist damit definitiv abgeschlossen. Die grösste Herausforderung sind aber weder das kleinste Kind noch meine eigene Regeneration, sondern die grossen Geschwisterkinder. Gewiss spielt das Neusortieren des Familiengefüges eine Rolle, das ist ganz normal und braucht Zeit. Aber auch die einfache Tatsache, dass hier jetzt drei unterschiedlich alte Kinder leben (5 Jahre/knapp 3 Jahre/3 Wochen), welche keine Einrichtungen besuchen und sich weitgehendst alle ständig hier aufhalten, erweist sich als happige Aufgabe. Alle drei haben unterschiedliche Bedürfnisse. Da will gekuschelt und gekämpft, gebastelt, geschnippelt und erzählt werden. Es gilt Hunger zu stillen und in den Schlaf zu singen. Da wird gestritten und geweint, gebaut und zerstört. Wir halten uns im Haus auf und werkeln draussen herum, kriegen Besuch und werden eingeladen. Kurz: Es ist immer was los.

Ich bin reich beschenkt und fühle mich sehr gesegnet, habe eine unsägliche Freude an meinen wilden, lauten, grandiosen Kindern. Aber ich erkenne, dass ich in den kleinen Zeitfenstern, welche mir das kleinste Kind zwischen Still-, Trage- und Pflegepausen lässt, für die beiden Grossen zu Verfügung stehen möchte. Oder mir selbst und dem Gefährten Aufmerksamkeit schenken will. Oder auch dem Haushalt. Tatsächlich.

Das Blogschreiben wird deshalb ganz bewusst gestrichen für die nächste Zeit. Denn nichts stresst mehr als die leise Stimme im Hinterkopf, welche ständig von liegengebliebenen Aufgaben flüstert, während man eh schon nicht mehr weiss wohin mit sich.

Aber natürlich gilt nach wie vor: Instagram geht immer.

Habt es fein. Bis bald. Ich komme wieder, keine Frage!

Zähneputzen und bedürfnisorientierte Elternschaft, Teil 2

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Facebook verrät es, das Zähneputzen ist in vielen Familien ein verhasst-gefürchteter Moment des Tagesablaufs. Das geht so weit, dass die einen Eltern schliesslich mehr oder weniger verzweifelt und in Sorge um die Zahngesundheit ihrer Kinder über Wochen und Monate täglich auf die äusserst gewaltvolle Technik „Schraubstock“ zurückgreifen, während andere zumindest vorübergehend ganz darauf verzichten, die Zähne der Kinder zu pflegen. Zwischen diesen beiden für mich untragbaren Extremen wird befohlen, gelobt, manipuliert, bestraft, abgelenkt und anderes mehr.

Meine Kinder stehen zwar nicht Schlange, wenn es ums Zähneputzen geht, es gibt schliesslich abends immer noch so viel Wichtigeres zu tun (spielen!!!), aber sie begegnen dem Prozedere normalerweise ganz entspannt. Eines Tages habe ich aber festgestellt, dass ich sie trotzdem mit meiner freien Hand jeweils am Oberarm festhalte. Nicht direkt grob, aber doch eigentlich ziemlich lieblos. Neugierig habe ich daraufhin während einigen Tagen experimentiert: meine Hand beim Zähneputzen ganz weggelassen, die Handfläche dem Kind auf den Rücken zwischen die Schulterblätter gelegt, mit der freien Hand seinen Kopf gestreichelt, den Rücken zart gekrault, seine Hand gehalten und anderes mehr. Die Unterschiede waren frappant! Tatsächlich halte ich meine Kinder heute nicht mehr am Arm fest, wenn ich ihre Zähne putze. Ich habe eine für uns viel schönere Lösung gefunden.

Nicht selten sind es solch kleine Unachtsamkeiten, welche bei unseren Kindern Unwohlsein und schliesslich Widerstand auslösen. Und ehe man sich versieht, befindet man sich in Abwärtsspiralen, welche in vermeintlichen Machtkämpfen enden, obwohl dies eigentlich gar nie die Absicht des beteiligten Kindes war.* Ich kenne solch heikle Momente vom Haarewaschen, vom Auszieh- und Ankleideprozedere, vom Händewaschen, vom Anschnallen im Auto und vielen anderen alltäglichen Situationen. Sehr oft sind es solche kleinen „Benutzerfehler“, welche sich im Zusammenleben zu handfesten Problemen auswachsen: eine grobe, unsensible Wortwahl, zu viele oder zu unklare Anweisungen, ungenaues Zuhören, reflexartig hervorbrechende Erziehungsmuster und anderes mehr.**

Ja, ich bleibe dabei, es ist nicht damit getan, die „offiziellen AP-Themen“ abzuarbeiten. AP findet in unserem gesamten Alltag statt, in jeder Minute. Natürlich, kein Kind leidet schwer, wenn es beim Zähneputzen am Arm festgehalten wird. Aber wenn wir Lust dazu haben, können wir unsere ganz banalen Alltagshandlungen in verspielter Neugier beobachten und uns überlegen, ob wir sie tatsächlich schon als günstige Gelegenheit nutzen, dem Kind unsere Liebe, Fürsorge, Gleichwürdigkeit, Empathie, etc. zu vermitteln. Denn schliesslich zählen Taten mehr als alle Worte. Darüber, dass mir täglich noch unzählige zu schnelle, laute, unsensible Worte oder Handgriffe unterlaufen, lasse ich mir keine grauen Haare wachsen (die entstehen souverän ganz ohne mein Zutun). Aber ich freue mich immer, wenn ich Routinesituation im Alltag für uns alle verschönern kann.

Deshalb ist AP auch nicht abgeschlossen, wenn aus dem Baby ein Kleinkind wird. Auch der Teenager hat AP verdient. Und auch dem Partner, der Arbeitskollegin, den eigenen Eltern und dem Meerschweinchen darf bedürfnisorientiert begegnet werden. Und vor allem natürlich immer auch sich selbst.

*Ein ganz ähnliches Phänomen kenne ich aus meiner Zeit mit dem Hund. Viele Hunde reagieren auf Heranrufen zögerlich. Viele Hundehalter beugen sich beim Anleinen oft, physiologisch bedingt, auffällig stark über den Hund, was für diesen sehr bedrohlich und unangenehm ist. Wenn dann noch unsensibel am Halsband herumgezerrt wird, ist auf ein konstant freudiges Herangaloppieren auf Zuruf bald nicht mehr zu denken. Was dann als Ungehorsam tituliert wird, ist oft nur allzu verständliches Meideverhalten. Das ist sehr schade, gehört doch ein guter, zuverlässiger Appell zu den Kernkompetenzen jedes Mensch-Hund-Teams und ist für die effektive Sicherheit des Tieres und das Sicherheitsgefühl von Drittpersonen essentiell. Wer die Freude hat, mit einem Hund zusammenzuleben, soll ihn doch zwischendurch beim Anleinen genau beobachten. Blinzelt, gähnt oder leckt er sich die Nase? Dreht er den Kopf weg? Das sind deutliche Anzeichen dafür, dass ihm die Situation Unbehagen bereitet. Könnte man sich vielleicht angewöhnen, zum Anleinen in die Hocke zu gehen, um ihm das Prozedere ein bisschen angenehmer zu gestalten? Ihn zudem regelmässig heranzurufen ohne ihn anschliessend anzuleinen, und dann und wann ’ne Belohnung bei fixer Ausführung springen zu lassen, kann ich übrigens auch sehr empfehlen. Ein bisschen Dressur (oder auch Manipulation) liegt bei Hunden meines Erachtens drin, vor allem, wenn sie den Glücks-Level aller Beteiligten anhebt…

**Es geht bei AP nicht um das Ziel, ein problemloses, gehorsames Kind zu erhalten. AP ist keine Erziehungsmassnahme. Wenn ein Mensch sich aber wahrgenommen und verstanden fühlt, funktioniert das Zusammenleben oftmals einfach besser, als wenn einzelne Beteiligte ständig um ihre Integrität kämpfen müssen.

Zähneputzen und bedürfnisorientierte Elternschaft, Teil 1

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Attachment Parenting (AP) wird mit „bedürfnisorientierter Elternschaft“ übersetzt. AP gründet auf den Erkenntnissen der Bindungsforschung. Bekannt geworden ist AP vor allem in Bezug auf die Themen Stillen, Tragen, Co-Sleeping und Elimination Communication.

Ich putze die Zähne meiner Kinder im Sinne von AP. Meine Kinder essen über weite Strecken bedürfnisorientiert. Meine Kinder bewegen sich draussen auf dem Spaziergang bedürfnisorientiert fort. „Wie bitte??????? Was soll denn da noch alles zum Pflichtkatalog hinzukommen? Reicht es denn nicht langsam? Das ist ja alles furchtbar aufwendig, nö du, dann lass ich das lieber ganz bleiben, ist wohl nix für mich, mein Leben ist eh schon kompliziert genug.“

Tatsächlich lese ich immer wieder, wie die „AP-Themenfelder“ ausgebaut werden. So wird plötzlich beispielsweise die Wahl eines Kindersitzes fürs Auto eine „AP-Frage“. Wie schon andere vor mir halte ich diese Entwicklung für problematisch. Denn sie stilisiert AP zu einer komplizierten Wissenschaft hoch, zu welcher dann nur mehr eine mehr oder weniger „extreme Exklusivgruppe“ Zugang findet und vermischt zudem Aspekte, welche faktisch nicht zusammengehören. Und AP gehört doch unters Volk! Denn von dem Wissen, welches zu AP geführt hat (oder besser vor knapp 100 Jahren von AP weggeführt hat), sollten alle Kinder und ihre Familien profitieren dürfen. AP ist nicht kompliziert, im Gegenteil! Bedürfnisorientierte Elternschaft ist eigentlich ganz einfach.

Ich möchte in diesem Post nicht erklären, was AP ist, das wird und wurde an anderer Stelle und von anderen Leuten bereits umfassend gemacht. (Immer wieder gerne empfehle ich in diesem Zusammenhang den wunderbaren geborgen-wachsen-Blog von Susanne Mierau). Hier ganz kurz: Attachment Parenting leitet sich aus der Bindungsforschung ab und bedeutet im weitesten Sinne, dass Bedürfnisse eines Babys wahrgenommen, respektiert und erfüllt werden. Ebenso wie die Bedürfnisse der beteiligten Erwachsenen, welche aber eher dann und wann etwas Aufschub aushalten können. Dies ist wichtig, weil genau dieses Stillen von Bedürfnissen eine sichere Bindung ermöglicht, was von grosser Bedeutung ist (Stichwort „Urvertrauen“). Bedürfnisse und Wünsche sind keine Synonyme, und AP heisst deshalb auch nicht, dass Kinder jeden Alters immer alles sofort kriegen, aber dass sie, ihre Sicht auf die Dinge, ihre Wünsche und ihre Wahrnehmung respektiert werden.

Ich bin dagegen, Anleitungen herauszugeben, wie bedürfnisorientiertes Zähneputzen, Spazieren, Schwimmenlernen, An- und Ausziehen, Kinderzimmeraufräumen zu geschehen hat. Gleichzeitig erkenne ich aber mehr und mehr, dass es nicht reicht, die gängigen AP-Felder „abzuhaken“, sich dann selbstherrlich auf die Schultern zu klopfen und sich die (nicht existierende) AP-Medaille umzuhängen.

Denn AP ist vielmehr eine Haltung als eine Methode. Man kann sein Kind tatsächlich gänzlich unsensibel in ein Tragetuch stopfen oder ihm widerwillig Platz im eigenen Bett einräumen. Beides hat dann mit AP nichts mehr zu tun, obwohl man brav „die Auflagen erfüllt“. (Genauso kann man bedürfnisorientiertes Handeln in auf den ersten Blick AP-ungewöhnlichen Settings finden, hier wurde das kürzlich schön beschrieben.) Im Gegenzug sind da aber noch hundert und tausend Begegnungen und Handlungen, welche uns täglich mit unseren Kindern verbinden oder uns im Gegenteil voneinander trennen. Für sie gibt es keine oder kaum Ratschläge und Anleitungen in Ratgebern und eingschlägigen Elternforen. Wie gestalten wir sie? Wie liebevoll und bedürfnisorientiert begegnen wir da unseren Kindern?

Lass uns zurückkommen zum Beispiel „Zähneputzen“. Und zwar ganz konkret, denn Theorie können wir ja alle: Was machst Du mit Deiner freien Hand, während Du mit der anderen Deinem Kind die Zähne putzt?

Im nächsten Post schreibe ich über meine freie Hand. Wenn Du mir bis dahin Deine Antwort (sofern Du regelmässig in den Genuss dieser Tätigkeit kommst) auf die Frage als Kommentar dalassen magst, freue ich mich sehr.

Ich muss mich beschweren

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Letzthin habe ich ein Buch gekauft*. Es hat mich in vielerlei Hinsicht sehr enttäuscht:

Punkt 1: Das Buch sieht auf den ersten Blick ziemlich umfangreich aus. Es scheint also wirklich ein ganz normales Buch zu sein. Keine Broschüre. Kein Prospektchen. Die Schrift ist auch nicht grösser als in anderen Büchern. Dennoch hatte ich es nach zwei Tagen ausgelesen. Bis heute ist mir schleierhaft, wie das geschehen konnte.

Punkt 2: Man darf sich nicht täuschen lassen von der hübschen, harmlosen Aufmachung des Buches und seinem freundlichen, ebenso harmlosen Inhalt. Zwischen den Deckeln verbirgt sich eine Revolution. Ihr Ausmass erschliesst sich erst nach Tagen und Wochen, was sie besonders unberechenbar macht.

Punkt 3: Ich weine nicht gerne in der Öffentlichkeit. Dennoch hat dieses Buch genau das geschehen lassen. Ich habe geheult im Zug, auf dem Bahnsteig und auf der Parkbank. Vor Rührung. Vor Erkenntnis. Vor Lachen. Überwältigt von der Schlichtheit der Ideen.

Punkt 4: Dieses Buch beschreibt mein Lebensgefühl. Ich kann darin über mein eigenes Herumwursteln, meine eigenen Sorgen, meinen täglichen Stress lesen. Dafür muss ich doch nicht lesen, das kriege ich ja täglich frei Haus geliefert! Das Buch lässt dieses Chaos zudem auch noch in einem milden, gnädigen Licht strahlen. Wer Ratgeber liest, will doch knallharte Lösungsansätze. Neue Strategien. Komplett andere Welten (auch wenn sich diese erfahrungsgemäss kaum adaptieren lassen). Einen Anreiz, das Leben um 180° zu ändern und dem eigenen Schweinehund endlich den Hals umzudrehen. Das Buch liefert nichts davon. Schwach. Es ist eher wie eine weiche Kaschmirdecke, welche sich freundlich, warm und tröstend um die Schultern schmiegt und so Zuversicht und neuen Mut spendet. Als wäre das Leben ein Ponyhof. Und das kann doch nicht sein. Oder etwas doch? Aber das wäre ja noch schöner!

Punkt 5: Seit dieser Lektüre quillt mein Herz über vor Liebe für meine Kinder und unser Sein als Familie. Wie ich den ganzen Quatsch drumherum auf die Reihe kriegen soll, ist mir indes ein Rätsel. Wenn schon Ratgeber, dann aber bitte richtig! Inkl. „Wie schaffe ich es, endlich rechtzeitig zu Bett zu gehen?“ und „Was tun, wenn der Hund sich wieder mal nur von Katzenscheisse ernähren möchte?“ Schliesslich will ich gerettet werden. Komplett und ohne Wenn und Aber. Bitte auch ohne eigenes Nachdenken.

Punkt 6: Dieses Buch mit seinen Gedanken geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit der Lektüre leuchtet mein Nordstern richtig hell (soll gut sein für die Orientierung). Penetrant hell. Schmerzhaft hell. Zwischenzeitliches saloppes Südsteuern zu Bikiniatollen und seichten Gewässern ist kaum mehr möglich. Dabei wollte ich doch noch Eis essen gehen…

Punkt 7: Das Buch kann nicht sinnvoll verstaut werden: Es taugt nicht richtig als Erziehungsratgeber, dafür ist es zu frei geschrieben, zu persönlich. Es ist auch kein Roman, obwohl es zahlreiche Geschichten enthält. Als Stütze für den wackelnden Tisch ist es zu dick, als Blumenpresse zu dünn. Es ist zu schön für den Badewannenrand und aufgrund zahlreicher von mir selbst während des Lesens angebrachter Markierungen, Ausrufe-Post-it’s und hineingekritzelter Randbemerkungen dennoch nicht mehr zum Verschenken geeignet. Sowieso will ich es ständig griffbereit in der Nähe haben. Es wird also bis ans Ende meiner Tage ständig irgendwo im Weg herumliegen. Furchtbar.

Wer also noch Lesestoff sucht für die nächsten Wochen (oder Stunden, Siehe Punkt 1), der besorge sich doch „slow family, Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ von Julia Dibbern und Nicola Schmidt. Beschwert Euch dann aber nicht bei mir, wenn Ihr plötzlich zwischen Eisbären und Seelöwen segelt. Oder Euch beim seligen Barfusslaufen durch den ersten Schnee ertappt. Oder den Schwimmunterricht Schwimmunterricht sein lasst und stattdessen mit Euren Kindern durch Nachbars Garten robbt. Oder mit Wölfen tanzt resp. – unseren Verhältnissen angepasst – mit Fliegen spricht. Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt.

*Wie immer gibt es hier keine bezahlte Werbung. Der Text ist ohne das Wissen der Autorinnen oder des Verlages entstanden. Ich berichte, was ich möchte. Völlig frei und ohne persönlichen Vorteil oder irgendwelche Verpflichtung.

Nebel lichtet sich

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Eigentlich weiss ich es ja: Es gibt nichts Besseres, als mit Kindern das Haus zu verlassen und in die Natur zu gehen. Keine Streitereien, keine Langeweile, kein einander-auf-den-Füssen-rumstehen.

Die letzte Woche hatte ich das aber irgendwie vergessen. Es war mir zu unfreundlich draussen, die Kinder wollten immer bloss auf asphaltierten Wegen radfahren (laaaaaangweilig!) und ich hatte zu wenig Energie, dem etwas entgegenzusetzen. Resultat: Kurze Runden und dann umso länger üble Stimmung zuhause.

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Heute dann raffte ich mich endlich auf und wir erlebten grandiosen Nebel mit einzelnen Sonnenstrahlen. Wunderbar. Zauberhafte Momente. Erholung pur. Freude und Harmonie.

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Die Zaunkönigin entdeckte Federn. Reste einer Drossel, eines Eichelhähers? Für den Frischling wars eindeutig: Archaeopteryx natürlich. Was sonst? Später fand er dann auch noch ein „E“ auf dem Waldboden und war begeistert von unserem heutigen Entdeckerglück.

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Ach, wie ich sie liebe, diese lichten Nebelstimmungen im Herbst. Und wie die Bäume, Tiere und Menschen aus dem Nebel auftauchen, so gewinnen auch meine Überlegungen und Pläne an Kontur. Plötzlich fügt sich so vieles zusammen und wird sichtbar. Alles ist schon immer da gewesen, doch irgendwie habe ich es nicht sehen können. Jetzt zeigt sich alles, zwar noch etwas scheu, aber ganz deutlich im zarten Licht klarer Gedanken. Doch dazu ein andermal mehr.

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Drachen und Prinzessinnen

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Michaeli entspricht meinem drachen- und saurierbegeisterten Jungen. Zwar haben wir das festgelegte Datum Ende September verpasst, uns dann aber spontan entschieden, es ganz frei und auf unsere Art nachzuholen.

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So kneten wir an einem herbstlichen Nachmittag Teig und basteln anschliessend kleine Schnappdrachen aus Papier, während der Teig geht. Je nach Quelle formt man aus dem Teig ein Schwert oder einen Drachen, wir entscheiden uns für drei kleine Einzeltiere. Während der Frischling Gefallen am Schnippeln von Zacken mit der Schere findet, steckt die Zaunkönigin voller Hingabe unzählige Mandelstifte, welche eigentlich nur für die Zähne gedacht waren, in ihr Tier und erschafft so ebenfalls ein veritables Ungeheuer.

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Während sich die Kinder einfach über ihre Ungeheuer freuen, als Drachen verkleidet, fauchend und mit leuchtenden Augen „Angst und Schrecken“ verbreiten und fasziniert einigen Drachengeschichten lauschen, treiben mich selbst Gedanken um. Über innere Drachen, über äussere Drachen. Das Leben ist voll von ihnen. Und von Prinzessinnen.

„(…) vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“

(Rainer Maria Rilke, Zitat aus diesem Brief, aus diesem Kontext)

 

Krankenschwester {Stolperstein}

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Ein Mückenstich, ein winziger Schnitt, ein abstehendes Hautfetzchen beim Fingernagel: Die Zaunkönigin interessiert sich auffallend stark für kleinste Hautverletzungen. Immer wieder werden solche untersucht und der gesamten Verwandtschaft vorgeführt.

Dann wird von ebendieser mikroskopisch geguckt, gestreichelt, beschwichtigt. Und anschliessend die Prognose gewagt: „Das Mädel wird bestimmt mal Krankenschwester.“

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Das Spezielle an dieser Aussage: Sie ist zweimal, natürlich von verschiedenen Erwachsenen und zu verschiedenen Zeitpunkten, absolut identisch gefallen.

Und ich bin mir ziemlich sicher, dass, wäre die Zaunkönigin ein Junge, die Folgerung eine andere gewesen wäre: „Der wird bestimmt mal Arzt.“

Wie ich reagiert habe? Lachend berichtigt: „Krankenschwester? Wenn sie dann mag, wird sie Ärztin!“ Aber lustig fand ichs eigentlich nicht.

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Natürlich darf die Zaunkönigin einmal Krankenschwester (Fachfrau Gesundheit) werden, wenn sie das denn möchte. Oder Lebensmittelinspektorin, Kindergärtnerin, Elektrikerin, Spieleprogrammiererin, Floristin, Geografin, Kosmetikerin, Ärztin, Polygrafin, Atomphysikerin, KFZ-Mechanikerin oder was auch immer. Aber sie soll wählen können. Richtig wählen, mit weitem Blick und offenem Herzen.

Was keine Selbstverständlichkeit ist: 75% der jungen Frauen im Kanton Zürich auf Lehrstellensuche im Jahr 2013 verteilten sich auf gerade mal auf 11 Berufe (hier nachzulesen)! Und das hat ganz gewiss nichts mit einem naturgegeben engen Begabungsspektrum zu tun. Genausowenig liegt es an den Mädchen selbst, dass immer noch viel zu wenige selbstbewusst, ehrgeizig und ambitioniert hochgesteckte Berufsziele ins Auge fassen (hier dazu ein sehr spannendes Positionspapier).

Es sind zu weiten Teilen die Signale des (erwachsenen) Umfelds, welche die Entscheide der Jugendlichen massiv beeinflussen. Und zwar nicht erst, wenn es konkret wird mit der Berufswahl. Die Beeinflussung (oder sollte man von Gehirnwäsche sprechen?) beginnt tatsächlich schon bei zweijährigen Kindern. Spätestens.

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ein perfekter Spielplatz

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„Und wir spielten und spielten und spielten, so daß es das reine Wunder ist, daß wir uns nicht totgespielt haben.“ (Astrid Lindgren)

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1 Das Piratenschiff gerät in Sturm, wird beinahe von einem Blauwal gerammt und ankert schliesslich vor einer Schatzinsel.

2 Das Wasserspiel erfrischt, ermöglicht Mutproben und zahlreiche Experimente.

3 Städte werden gebaut und zerstört, Kuchen gebacken und Saurierspuren studiert.

4 Der Frischling fliegt seinen Gleitschirm durch atemberaubende Wolkengebilde.

5 Expeditionen ins Tierreich finden statt.

6 Eine Wolfsfalle wird gegraben.

7 Die Zaunkönigin ernährt sich von der Hand in den Mund.

8 Die Zwergenwohnung wird mit einer neuen Radioantenne ausgestattet.

9 Beim gemeinsamen Singen und Kuscheln schöpfen alle neue Kraft für weitere Abenteuer.

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Na, ein bisschen neidisch geworden?

Für diesen Spass wird benötigt:
-eine Hängematte (1+4+9)
-ein Wasseranschluss mit Gartenschlauch und Brause, zudem einige Emaille- und Plastikbecken, Tassen und Schälchen (2+3)
-ein kleiner Sandkasten (3)
-ein bisschen Platz und Natur (Blätter, Erde, Stöckern,…) (2+5+6+8)
-ein Johannisbeer- und ein Himbeerstrauch (7)

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Rutschen und Trampolins, Pools und Klettertürme, das alles ist gut und recht. Nötig ist es aber nicht. Ein bisschen Gelassenheit und Grosszügigkeit (naja, so ne ausgehobene Grube im Rasen als Wolfsfalle will mit Fassung getragen werden) genügt, um Kinder sehr glücklich zu machen. Es ist mir klar, dass auch die genannten Dinge nicht überall realisierbar sind. Aber ich möchte ermutigen zur Einfachheit. In materieller Hinsicht brauchen Kinder meist viel weniger, als uns oft weisgemacht wird.

Und wie verbringt ihr diese schönen Sommertage?

Tiere berühren

Tiere sind wunderbare Vermittler, Lehrer und Gefährten. Viele Kinder sind sehr an Tieren interessiert. Sie möchten Tieren nahe sein, sie möchten sie anfassen, mit ihnen schmusen, spielen und Spass haben. Manche Kinder können mit Tieren aufwachsen und so wichtige und schöne Erfahrungen machen. Aber auch wenn kein Tier zu der eigenen Familie gehört, kann man die positiven Aspekte von Tier-Mensch-Beziehungen im Alltag pflegen.

Hier eine kleine, unvollständige Liste:

Oft wird empfohlen, bei bestehendem Hundewunsch halt mit einem fremden Hund ab und zu Gassi zu gehen. Ich finde das relativ absurd. Als Kind wünschte ich mir einen EIGENEN Hund, einen Verbündeten, einen Freund. Frau Nachbarins Dackelchen auszuführen, hätte mir gar nichts gebracht. Sinnvoller finde ich es, für einen Hund langfristig Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht gibt es irgend jemanden in der Region, der für zwei Tage die Woche für seinen Hund einen Platz sucht? Oder regelmässig einen Ferienplatz? Wie in der Funktion als „Tageseltern“ kann so eine tragfähige Beziehung zu einem ganz bestimmten Tier entstehen. Es lohnt sich auch, in Tierheimen anzufragen, ob Spazierdienste erwünscht sind. Regelmässig mit dem selben Hund Zeit zu verbringen, ihm Gutes zu tun und so seine Chancen auf eine Vermittlung zu erhöhen, kann gerade älteren Kindern viel Freude machen, auch wenn das Abschiednehmen von Beginn weg eingeplant werden muss.

Sowieso verändert sich sofort der Beziehungs-Level, wenn wir den Namen eines Tieres kennen. Wieso nicht einfach mal den Bauern fragen, wie die Kuh mit dem krumm gewachsenen Horn heisst, oder ob der Schafbock eigentlich einen Namen hat? Es spaziert sich einfach viel schwungvoller mit kleinen Kindern, wenn man dem grimmigen Volcan ein Besüchlein abstattet und nicht einfach „noch bis dort zu der Schafherde“ wackelt. Man kann sich auch Wildtiere „zu eigen machen“. Es ist nicht ganz einfach, aber manchmal erkennt man ein charakteristisches Merkmal. Die Freude ist gross, wenn man dieses Tier dann ab und zu wieder sieht. Es lohnt sich nur schon, darüber zu rätseln, „ob es jetzt wohl dieses Tier ist“.

Interesse, Mitgefühl und Bewunderung Tieren gegenüber lernen Kinder aber nicht nur mit Hunden und Katzen. Gerade kleine Kinder profitieren in meinen Augen viel stärker von kleinen, unscheinbaren, dafür häufigen Begegnungen mit Tieren. Exemplarisch steht dafür die Schnecke am Wegesrand. Schnecken können von Kindern angefasst und untersucht werden. Sie staunen über die Fühler und die winzigen Augenpunkte. Sie bewundern die Farben der Häuschen. Sie beobachten, wie die Schnecke an einem Blatt frisst und spüren, wie sich ihr Schleim auf der Handfläche anfühlt. Ich lasse meine Kinder Schnecken retten. Viele müssen sie dann und wann von den Wegen an die Strassenränder tragen. Dann beweisen sie echtes Mitgefühl. Sie erleben die Schnecke als fühlendes Wesen. Was will ich mehr? Wenn es kein Ende nimmt und ich spüre, dass ich genervt reagiere, schliesse ich mich einfach an. Das entspannt ungemein und stimmt fröhlich. So viel Leben retten in wenigen Minuten, das schafft nicht einmal ein renommierter Chirurge…

Ich nutze jede Möglichkeit, mit meinen Kindern zusammen ein Tier genauer zu untersuchen. Das kann eine Spinne, ein Käfer, eine tote Maus oder ein Falter sein. Mir ist es besonders wichtig, nicht in schöne und eklige Tiere zu unterscheiden. Diese Kategorien gibt es nur in unseren Köpfen. Käfer ist Käfer, egal ob Marienkäfer oder Totengräber. Wenn nicht die Farbe fasziniert, sind es vielleicht die haarigen Beinchen oder die langen Fühler. Jedes Tier ist auf seine Art besonders schön. (Ja, das gilt auch für Spinnen!) Besonders beliebt ist das Kategorisieren auch bei Vögeln: Auf der einen Seite der schöne, bunte Stockentenerpel, auf der andern Seite das unscheinbare Weibchen. Solche Zuschreibungen verkneife ich mir. Der Erpel ist auffallend (werbetechnisch ideal) bunt, das Weibchen perfekt getarnt, um das Gelege zu schützen. Beide Tiere sind wunderschön. Bei ganz kleinen Tieren eignet sich eine Lupe, um Schönheiten zu entdecken. Der Kauf eines hochwertigen Modells lohnt sich immer! Feldstecher sind übrigens bei uns auch immer in Griffnähe.

Es gibt Kinder, die springen auf alles „Tierische“ an. Meine Tochter legt schon beim Anblick von Tierbildern den Kopf schief, formt die Hände zu einem behütenden Gefäss und beginnt zärtlich zu säuseln. Mein Sohn hingegen zeigt sich von Tieren unbeeindruckt bis verängstigt. Das Blöken der Lämmer, das Krähen des Hahns, das um-die-Beine-Streichen der Katzen, all das findet er grässlich. Was also tun? Wie sollte ich ihn an die Wunder der Natur heranführen? Er selbst gab mir die Antwort, seine Antwort: Er schaut sich sehr gerne Bestimmungsbücher oder -karten an. Wenn er dann draussen ein kleines Tier entdeckt, welches er kennt, ist seine Freude riesengross. Eine Feuerwanze kann ihn dann in echte Begeisterung versetzen. Im Moment ist das seine bevorzugte Art und Weise, mit Tieren in Kontakt zu treten.

Vielleicht sind es auch die Rufe der Vögel, welche ein Kind besonders faszinieren, die verschiedenen Losungen (typische Kotformen) oder die Trittsiegel (Tierspuren). Es lohnt sich, sich in diesen Bereichen ein bisschen „Indianerwissen“ anzueignen. Jeder Spaziergang hat so die Chance, zu einem Abenteuer zu werden. Dennoch: Wissen ist gut, aber eher als „Backup“ gedacht. Für Kinder soll das Erleben, Rätseln, Staunen und sich in Geduld und Mitgefühl üben mehr als alles Wissen über die Tiere im Vordergrund stehen. Dieses folgt normalerweise automatisch.

Pro Natura, WWF, Wildnisschulen, ornithologische Vereine und andere Naturschutzorganisationen bieten vielfältige Angebote für Familien an. Eine geführte Exkursion durch die nächste Umgebung lässt einen den Stadtpark, die Kiesgrube oder das Areal um den Hauptbahnhof mit ganz anderen Augen sehen.

Für Tierbeobachtungen muss man nicht weit hinaus in die idyllische Natur reisen. Die brütende Amsel auf dem Fensterbrett, die Fledermaus im Licht der Strassenlaterne, Silberfischchen unter den Steinen im Vorgarten: Tiere sind überall.

Kommen Tiere in euerm Alltag vor?
Welche sind für eure Kinder besonders wichtig? Und welche für euch selbst?
Ich bin sehr gespannt auf eure Kommentare.

 

Zwei

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Liebe Zaunkönigin

Ich hatte damals keine Ahnung, wie sehr dein Blogname zu dir passt:
Klein und dennoch wahnsinnig laut bist du. Vor allem wenn du singst.
Du bist ein wunderbar klarer Mensch. Seit deinem ersten Atemzug schon.
Was für ein Glück.

Der Geburtstag der Zaunkönigin ist schon ein Weilchen her und genau in die Blogumstellungs-Phase gefallen. Jetzt, wo das weitere Vorgehen sich langsam abzeichnet, darf dieses Ereignis aber nicht fehlen.