Das Messer

Seit Weihnachten ist der Frischling ein Messerträger. Uns gefällt das schlichte Modell mit nur einer Klinge, welche sich mit einem Sicherheits-Drehring fixieren lässt. Das ist gut verständlich für ein detail- und routineverliebtes Kind (Drehring öffnen, Klinge aufklappen, Drehring schliessen. Kontrollieren. Dann Drehring öffnen, Klinge einklappen, Drehring schliessen. Kontrollieren. Und so weiter, und so fort). Mit seinen noch nicht einmal vier Jahren kann man ihn für zu jung halten, mit einem solchen Werkzeug umzugehen. Kann man. Wir nicht.

Wichtig ist es, dass Kinder und Erwachsene die neun Schnitzregeln kennen und anwenden. Der Junge kennt sie, trotzdem darf er aber nicht ohne unser Beisein schnitzen, und das wird wahrscheinlich auch noch ziemlich lange so bleiben. Auch in der Waldspielgruppe durfte er es nur geschlossen herzeigen, obwohl es dort ältere Kinder gibt, die bereits selbständig schnitzen. Dass seine dortige Bezugsperson ihm dann mit seinem eigenen Messer einen Drachen aus dem Zvieri-Würstchen geschnitten hat, war sein grosses Nachmittags-Highlight.

Hier sind sie also, die neun Schnitzregeln (dass es neun sind, als fehlte bereits der eine Finger für den „runden Zehner“, finde ich sehr lustig):

1. Wer schnitzt, die sitzt.
2. Ich schnitze vom Körper weg.
3. Wer schnitzt, braucht eine Armlänge Abstand.
4. Schnitze nur mit scharfer Klinge.
5. Immer nur ein Werkzeug auf einmal aufklappen.
6. Wer sein Messer nicht braucht, packt es ein.
7. Ich gebe mein Taschenmesser nur geschlossen weiter.
8. Wir ritzen keine lebende Bäume.
9. Das Taschenmesser ist keine Waffe.

Dies und anderes Wissenswertes rund ums Schnitzen findet sich auf der Website von Schnitzpapst Felix Immler. Hier lang. Den Comic mit den Schnitzregeln gibts hier.

Und wie haltet ihr es mit Messern, Scheren, Bohrmaschinen und anderem Werkzeug für eure Kinder?

(Jajaja, Bild 3 entspricht nicht Regel 3. War aber richtig und wichtig so beim ersten Schnitzversuch.)

Hauptsache gesund? {Stolperstein}

„Es ist gesund!“ flüstert sie, nachdem sie die sehnlichst erwartete Mail ihrer Ärztin gelesen hat. Die Anspannung der letzten Tage löst sich, einige Freudentränen kullern. Ich freue mich mit. Wie schön, dass sie jetzt guter Hoffnung sein darf.
Aber die Worte, die sie gewählt hat, klingen noch lange nach bei mir. Das Kind hat weder Trisomie 13, 18 noch 21, soviel ist jetzt sicher. Es wurde aber nicht untersucht, ob es mit einer anderen genetisch bedingten Krankheit oder Besonderheit leben wird. Noch weniger sicher ist, ob dieser (vermutlich) gesunde Embryo dereinst auch ein gesundes Baby sein wird. Es liegen noch einige Monate Schwangerschaft vor Mutter und Kind, sensible Entwicklungsschritte stehen bevor. Auch während der Geburt können dem Kind irrepareable Schäden zugefügt werden. Und dann fängt das Leben mit all seinen Gefahren erst an. Unfälle und Erkrankungen können das Kind und seine individuellen Bedürfnisse stark verändern. Es ist nicht eine Besonderheit, wenn einem Kind früher oder später etwas Derartiges widerfährt, vielmehr ist es aussergewöhnlich, wenn es ohne „Schreckmomente“ durch die Kindheit kommt. Zum Glück laufen die meisten Unfälle und Erkrankungen (hier bei uns wenigstens mit unseren medizinischen Standards) glimpflich ab. Das Kind wird sowenig gesund bleiben, wie wir selbst es sind. Wir alle haben körperliche Schwachstellen, die einen sind nur schwach ausgeprägt und problemlos in den Alltag integrierbar, andere von grösserem Ausmass, welche mehr Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Einschränkung bedeuten.
Das „gesunde Kind“, ja der „gesunde Mensch“ ist ein unerreichbares Ideal. Und immer wieder irritert es mich, wie die verschiedenen Formen und Ausprägungen von Normabweichungen gewichtet werden. Vielen Eltern erscheint es undenkbar, ein Kind mit einer geistigen Beeinträchtigung zu begleiten. Ob sie die Kraft für die Betreuung eines Diabetiker-Kindes, eines blinden Kindes oder eines mit schwerer Neurodermitis haben, stellen sie sich nicht (weil sie gar nicht danach „gefragt“ werden).
Immer wieder beobachte ich, dass werdende Eltern Sicherheit wollen, wo es keine Sicherheit gibt. Sätze wie „Ein behindertes Kind kommt für uns nicht in Frage“ oder „Wir haben ein Recht zu entscheiden, ob wir ein behindertes Kind wollen“ irritieren mich sehr. Dieses Denken kann man sich während der Schwangerschaft noch leisten. Danach greift diese Einstellung nicht mehr. Schliesslich gibt es keinen mitgelieferten Garantieschein, mit welchem man das „erworbene Produkt“, sollte es „Mängel“ aufweisen, retournieren oder austauschen könnte.

Ich weiss nicht, welches (Vor-)Wissen sinnvoll ist und welches nicht. Es gibt gute Gründe, genauer überprüfen zu wollen oder zu müssen, wer da vielleicht unterwegs ist zu einem, so wie es auch gute Gründe gibt, genau das nicht wissen zu wollen. Nur etwas ist meiner Meinung nach tatsächlich falsch: das Überprüfen ganz weniger Besonderheiten mit dem Aufdecken aller überraschenden Möglichkeiten zu verwechseln.
Kinder sind immer ganz anders, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen ausgemalt hatten. Manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger.
°


Ein Post über so ein komplexes Thema kann nie allen Eventualitäten und Einwänden gerecht werden. Das Thema liegt mir aber aus verschiedenen Gründen sehr am Herzen, deshalb wage ich die Veröffentlichung dieser Gedanken.
Folgende Blogs lese ich sehr gerne. Sie überraschen mich immer wieder mit Posts, welche mich sehr berühren und meine eigenen eingefahrenen Gedanken in Schwung bringen:
kaiserinnenreich(zum Einstieg z.B. hier oder hier)

Das Rotkehlchen hat auch etwas verwechselt. Nämlich sein eigenes Spiegelbild mit einem Konkurrenten. Während zwei Tagen flog es seine Angriffe auf die Scheibe unseres Wohnzimmerfensters. Die Spuren zeigen (das Bild ist nur ein kleiner Ausschnitt des ganzen Fensters) das Ausmass seiner Fehleinschätzung: hunderte kleine Abdrücke seines wohl leicht fettigen Schnabels oder seiner Krallen.

Herzensarbeit

Die Herstellung einer Puppe ist dermassen antiquiert, schrullig und weltfremd, dass sie bereits als Form des Widerstandes gegen das Tempo und die Werte unserer Spass- und Konsumgesellschaft gesehen werden kann. Dieses kleine bisschen heile Welt aus Schafwolle, Trikot, Mohairgehäkel und Miniaturgenähe macht mich selbst glücklich, kann ich dabei doch wunderbar vor mich hinwursteln, nicht weniger aber auch äusserst skeptisch. Sind dies reaktionäre Handlungen? Ist das eine Flucht vor den Herausforderungen dieser Tage? Augen verschliessen und nur mein Gärtchen pflegen?

Das geschieht zur Genüge. Seichte Pseudo-Achtsamkeit mit „Flow“ und „Kinfolk“, DIY nach stupider Anleitung, meist noch verbunden mit der Anschaffung von exklusivem Rohmaterial, Hauptsache selbstgemacht, egal wie schlecht…, Shabby Chic ohne echte Spuren von Zeit und damit ohne Ehrlichkeit, oder kunstvolle Brotdoseninhalte von Supermoms, für welche eine Mama wie ich, die bis anhin eine Brotscheibe und nen Apfelschnitz als Znüni für angemessen hielt, mindestens einen mehrwöchigen Abendkurs belegen müsste sind nur einige wenige und willkürlich zusammengetragene Felder der „neu erstarkten Biederkeit“. Seid mir nicht bös‘, fühlt euch nicht angegriffen, ich selbst bin nicht frei von diesen „Verlockungen“. Nicht zuletzt pflegt ja auch mein Blog offensichtlich eine Ästhetik und Grundstimmung, welche immer wieder gefährlich nahe an diesen Abgrund herantänzelt.

Zum Glück, zum grossen Glück ist diese Puppe aber ganz anders entstanden. Oft hatte ich beim Werkeln meine Ohren dank Radio draussen in der Welt, und meine Gedanken und mein Herz konnten reisen, lernen und Anteil nehmen. Wenn Ohnmachtsgefühle und Wut überhand nahmen, legte ich die Arbeit beiseite, wollte ich sie doch nicht mit meinen düsteren Gedanken aufladen. Entsprechend langsam ist die Puppe entstanden. Je länger je mehr ist in mir aber auch die Zuversicht gewachsen, wie ich auf die aktuellen Geschehnisse reagieren kann, reagieren möchte.

Immer wieder und sehr gerne dachte ich mich während der Arbeit zu einem kleinen Mädchen, welches ich gar nicht persönlich kenne, malte mir aus, wie es auch dank der Puppe hineinwachsen würde in seine Welt. Indem es mit ihr Mitgefühl übte, Freundschaft probte, Verbundenheit spürte, Einsamkeit bezwänge. Ich freue mich sehr darüber, dass ich diese Puppe ziehen lassen konnte. Dass ich sie nicht in meiner eigenen kleinen Welt behalten und besitzen muss, sondern dass sie anderswo bewirken kann, was in ihrer Macht steht. Ganz ganz wenig für die Massstäbe der Welt. Aber vielleicht sehr viel für dieses eine kleine Mädchen.

Und sonst so:

Noch immer bin ich blutige Anfängerin, was die Puppenmacherei betrifft. Es finden sich einige kleinere und grössere Fehler, welche ich jetzt aber einfach akzeptiere. Dies ist meine zweite selbstgemachte Puppe, und die kleinen Makel dürfen sein.

Sicherlich werde ich beim nächsten Mal robusteren Stoff für den Körper verwenden, so werden die störrischen Schafwollhaare der Füllung auch weniger als eigenwillige „Brusthaare“ da und dort hervorlugen. Mit dem Formen und der Stabilität des Halses tat ich mich schwer, ein kleiner, sehr provisorischer Loop (der eigentlich ein Haarband hätte werden sollen, dann aber zu klein war), kaschiert die Stelle. Es ist nicht ganz einfach, die richtige Füllmenge und damit die Härte resp. Weichheit der Puppe zu definieren. Nachdem meine erste Puppe ein hartes Klötzchen wurde, ist diese Puppe jetzt bewusst sehr weich geblieben. Ob und wie sie damit längerfristig zurechtkommt, wird sich zeigen. Auch die Lippen hab ich ein bisschen vermurkst, aber da vertraue ich auf den neutralisierenden Zeitfaktor.

Da die Puppe in ein Heim gezogen ist, wo wunderbarst gestrickt und genäht wird, bereitete mir die Puppenkleidung das meiste Kopfzerbrechen. Am liebsten hätte ich die Puppe nur in ein Stöffchen gehüllt übergeben, aber dann führte eines zum anderen. Ein kleines Hemdchen für die Reise rief nach einem Röckchen, dieses wiederum nach Unterwäsche. Schuhe wurden plötzlich dringend nötig und die Weste musste als baumwollenes Augenzwinkern einfach sein, schliesslich bin ich via Bora auf die „Pebbles“ gestossen und habe davon auch schon mehrere für meine Kinder gestrickt. Für die gesamte Garderobe habe ich ausschliesslich Restematerial verwendet. Und natürlich freut es mich, wenn die Puppengarnitur ergänzt/ersetzt wird mit kleinen Kostbarkeiten aus dem Hause Kirschkernzeit. Damit die Puppe ganz verwoben wird mit ihrem Wirkungsfeld.

Auch habe ich die Haare bewusst nicht kompliziert frisiert und eher eine Spur zu lang gelassen. Gerne darf da noch ein bisschen optimiert werden, wenn sich herauskristallisiert, welche Frisur gut zur Puppe und den täglichen Anforderungen passt. Und da ja auch Kinder manchmal Scheren in die Hände kriegen und bei Puppen (und sich selbst) verwegene Frisuren produzieren, legte ich den Restknäuel des Mohairgarns zum Paket. Vielleicht ist man da mal noch froh darüber…

Und jetzt, jetzt spüre ich dieses Entzugs-Kribbeln, diese Unruhe, die mich gerne erfasst, wann immer ein grösseres Projekt beendet ist. Was darf es denn als nächstes sein?

Klammern und Ausrufezeichen

Wir verändern uns alle. Ständig. Aber selten fällt das so auf wie bei kleinen Kindern. Gerade eben wachsen die beiden hier so rasant, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Der Frischling hat sein erstes gegenständliches Bild gezeichnet. Eine Lokomotive (was sonst!). Diese hat er ganz allein in aller Stille aufs Blatt gehauen, nachdem ihm tags zuvor eine Mutmach-Zeichnung mit Rittern und Drache von einem Spielgruppen-Gspänli geschenkt wurde. „Wenn M. zeichnen kann, kann ich das auch.“, hat er mir beim Überreichen erklärt. (Gerade mal drei Jahre alt geworden, besucht der Frischling seit vier Wochen während eines Nachmittages pro Woche die Waldspielgruppe. Freiwillig ist das und für ihn eine gute Gelegenheit, andere Kinder kennenzulernen. Aber bereits nächstes Jahr gilt es ernst mit obligatorischem Kindergarten, fünf Tage die Woche, eine Kindergärtnerin auf ca. 25 Kinder. Zugestandene Eingewöhnungszeit: ein Tag. Wer hat sich das bloss ausgedacht?)

„Ich bin Schuperman!“ Ja, manchmal gelingt dem Frischling neuerdings das „sch“.

Die Zaunkönigin summt die Melodie von „Heile, Heile, Säge“ (Segen natürlich!), kriegt Haare (endlich!), steigt in ihre Hosen und organisiert den Haushalt neu (Was ich überall finde, wenn ich es nicht suche! Und umgekehrt!). Nur das Sprechen spart sie sich noch fast gänzlich auf. Sie lebt hervorragend ohne Worte, kriegt immer was sie will und kommandiert alle in der Gegend herum. Mit Vorliebe den Papa (Mapam!) und mich (Mapam!).

Funkelgrüsse

Zwar komme ich nicht zum Schreiben, aber immer wieder denke ich an euch.

An dich, Ulma, und an das Füchslein, wenn der Frischling Fuchsspuren malt. Seht ihr wie das Tier übers Blatt geschnürt ist?

An dich, Bora, und an dein Mädchen. Langsam komplettiert sich die Garderobe der kleinen Puppe. Bald darf sie hoffentlich umziehen.

An dich, Katja. Diese Katze hat mich ganz zufällig beim Restaurantbesuch von der Flaschenetikettenrückseite im schönsten Gletscherblau angelächelt. Und zwar hat es etwas gedauert, bis ich das Wort verstanden habe (da phonetisch in Appenzellerdialekt geschrieben), aber dann kam mir natürlich sofort dieser Post in den Sinn.

Liebe Grüsse an euch und alle andern Leserinnen. Bald gibt es hoffentlich wieder mehr von uns zu lesen. Bis dahin funkeln wir hier noch etwas durch unsere Tage. O-Ton Frischling über die Zaunkönigin: „Sie stört mich wahnsinnig beim Spielen. Sie funkelt die ganze Zeit dazwischen!“

Ab in den Stollen

Morgen beginnt das neue Schuljahr. Einmal mehr bin ich dankbar, dass ich mich auch nach Jahren immer noch freuen kann auf die Menschen, welche ich kennenlernen und mit welchen ich viel Zeit verbringen werde. Dankbar, dass ich mich freue auf die Umsetzung meiner Pläne und auf die Resultate, welche dann doch immer so anders aussehen als in meinen Gedanken. Dankbar, dass ich mich immer noch freue auf „meine“ Räume und das Kollegium. Das alles ist keine Selbstverständlichkeit und ein grosses Glück. Ich wünsche allen, welche sich morgen auch wieder mit neuen Strukturen zurechtfinden müssen, viel Zuversicht, Gelassenheit und den nötigen Elan.

Hinter mir liegen fünf „freie“ Wochen voller Arbeit. Schöne, gute Wochen. Ich habe die Zeit mit meiner Familie genossen, und dazwischen immer mal wieder genäht und gehäkelt, gejätet, gepflanzt und geerntet, Möbel gestrichen, fotografiert, gelesen. Es wurde gebaggert und gezimmert, entsorgt und aufgeräumt. Viele kleine Dinge haben wir angepackt, auch einige grössere waren dabei. Lange Sommernächte, träge Hitzetage, Stunden mit Freunden und Kinoabende in unserem Stall erfreuten das Gemüt.
Danke auch für die liebe Post von Dania und das Seelenstreichelbuch von Uta. Ich liebe das Lesen von Blogs, und es gibt Menschen, die mir dadurch lieb und wichtig geworden sind, obwohl ich sie noch nie getroffen habe. Und wenn ich echtes Papier in den Händen halten darf, das von „dort draussen“ bis hier zu mir gefunden hat, berührt mich das immer sehr. So eine Freude!

Vom Trösten {Alpha}

zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 


Die Welpenbande tollt durch das Schilf. Fröhlich und ausgelassen geht es zu und her an diesem Sommertag im Jahr 2004, als sich die Hundegeschwister erstmals nach ihrer Platzierung wieder zu einem gemeinsamen Spaziergang treffen. Plötzlich aber kippt die Stimmung, als die drolligen Geschwister an einer sumpfigen Stelle nicht weiterkommen. Schwimmen geht nicht, aber auch fester Grund ist nicht mehr erreichbar. Erschrockene Gesichter, hektische Bewegungen, panisches Rudern. Schnell erfasst die Züchterin die Situation, steigt selbst in die Brühe und bugsiert die Jungspunde schnell und ganz ruhig zurück ans feste Ufer. Sie ist es auch, die kurz darauf die Kleinen an eine klare Wasserstelle mit guten Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten lockt. Bald tollen alle Welpen vergnügt durch das Wasser.

Alle bis auf einen. Seine Besitzer, ein junges, reizendes Pärchen, haben ihren verschreckten Welpen nach dem unfreiwilligen Schlammbad „aus dem Verkehr gezogen“. Streichelnd und sanft auf ihn einredend, trösten die beiden das schlotternde Tier. Es beruhigt sich nicht, verlässt für die nächsten Stunden den Schoss der Frau nicht mehr. Je mehr der Welpe getröstet wird, desto gequälter wird seine Körperhaltung. „Der Schreck sitzt sehr tief“, verteidigt ihn der junge Mann. Der Hund wird die nächsten Jahre Wasser meiden. Seine Besitzer führen dies auf die traumatische Episode zurück. Dass die sieben Geschwister des Tieres das Wasser lieben, macht sie nicht stutzig.

Es ist richtig, dass wir Kinder trösten. Wie gut, dass sich endlich herumgesprochen hat (so hoffe ich doch!), dass gerade auch Jungen weinen dürfen und sollen, wenn sie körperliche oder seelische Schmerzen erleben, wenn sie müde, frustriert oder einfach verunsichert sind. Trost können wir alle bisweilen gut gebrauchen. In Form eines lieben Wortes, einer Berührung, einer Umarmung, oder dann und wann sogar in Form einer Reihe Schokolade. Im Zusammenleben mit Kindern spendet man täglich Trost. Ich nehme in den Arm, puste einen Schmerz weg, gebe tröstende, beschwichtigende Erklärungen oder lasse dann und wann winzige, mit Zucker ummantelte Fenchelsamen als „Zaubermedizin“ springen. Weinen ist nie dumm, lächerlich oder nicht angebracht. Über den Grund kann ich mich als Erwachsene vielleicht bisweilen wundern, aber die Gefühle meiner Kinder nehme ich ernst.

Aber manchmal, manchmal ist Frau Krähe eine Rabenmutter. Wenn Kinder hinfallen, stürzt oft ein Erwachsener zu ihnen hin, zieht sie hoch und startet das „Trösterprogramm“, noch bevor das Kind überhaupt weint. Ebenfalls beliebt ist das Liefern einer zusätzlichen Tonspur. Während das Kind stolpert, schreit ein Erwachsener ein erschrockenes „Sakrakruzifix“ (oder so), reisst Augen auf und Arme hoch. Alles so laut und furchteinflössend, dass das betroffene Kind mit ziemlicher Sicherheit zu weinen anfängt. Frau Krähe bleibt ganz ruhig in solchen Augenblicken. Passivität und Desinteresse werden ihr vorgeworfen. Nichts davon ist wahr.

Braucht mich das Kind überhaupt, oder wird es alleine mit der Situation fertig? Oft rappelt sich der Frischling nämlich auf, wischt sich die Hände an den Hosen ab und düst weiter. Auf mein „Brauchst du mich?“ nach einem Sturz folgt erstaunlich oft nach einem Blick des Frischlings auf seine Handflächen ein wohlüberlegtes Nein. Das Kind weint nicht nicht, weil das Weinen geringgeschätzt würde oder es nicht mit Trost rechnen kann, sondern weil es schlichtweg nicht nötig ist. Auch bin ich froh, wenn das Kind, so es sich denn wehgetan hat und weint, zu mir kommt und nicht ich zu ihm hingehen muss. Ich kann mir in diesen wertvollen Sekunden nämlich bereits einen Überblick verschaffen. Hinkt das Kind? Blutet es? Wohin fasst es instinktiv, weil es Schmerzen verspürt? Das hilft oft mehr, als ein schreiendes Kleinkind zu fragen, wo es weh tut. Und natürlich eile auch ich zu ihm hin und nehme es in meine Arme, wenn Schreck oder Schmerz für das Kind zu gross sind, als dass es sich alleine aufrappeln kann.

Der Frischling soll erleben, dass es für Heilung nicht immer Hilfe von aussen braucht. Ich unterstütze mein Kind, kleinere Blessuren selbst zu behandeln. Es soll helfen beim Bepusten von schmerzenden Körperstellen, oder dies ganz übernehmen. Heftpflaster führen wir nie mit. Kleine Wunden werden daheim desinfiziert, das Pumpspray kann der Frischling selbst bedienen. Letzthin hat
ein befreundeter, gleichaltriger Junge des Frischlings aufgeschlagenes, bereits etwas verschorftes Knie begutachtet. „Da muss ein Pflaster drauf“, hat der Dreikäsehoch gemurmelt, worauf der Frischling stolz geantwortet hat: „Nein, nein, meine Haut kann das selbst reparieren.“ Es freute mich zu hören, dass er diesen schon oft von uns gehörten Satz verinnerlicht hatte. Und begeistert hat er angefügt: „Und erst noch ganz ohne Werkzeug!“ Selbstwirksamkeit vom Feinsten. Und die Augen des kleinen Freundes glänzten anerkennend und beeindruckt ob dieser vorhandenen Superkräfte.

Es ist mir wichtig, mit Blut entspannt umzugehen. Sofern Blut nicht gerade literweise austritt, ist es schliesslich eine geniale Reinigungsflüssigkeit jeder kleinen(!) Wunde. Schmutz wird ausgespült und durch die Gerinnung wird die Wunde verschlossen. Es mag für manche von euch als weit hergeholt klingen, aber gerade für Mädchen finde ich es enorm wichtig, Blut ganz von Beginn weg positiv zu besetzen. Denn wie soll ein Mädchen später mit eintretender Menarche ein positives Bild von den sich abspielenden Vorgängen erhalten, wenn bis anhin während seiner gesamten Kindheit Blut immer von Schrecken, Angst und Desinfektionshysterie begleitet wurde?

Was mich immer wieder irritiert, ist die Beobachtung, dass die meisten Eltern sehr viel offensiver trösten als ich es tue, wenn es sich um kleine Verletzungen handelt (wenn Kleinkinder hinfallen, sich den Kopf stossen, den Finger einklemmen etc.), jedoch ganz aufs Trösten verzichten, wenn es ernst wird. Wenn also das Kind schreiend angelaufen kommt und beispielsweise aus dem Mund oder einer Wunde am Kopf blutet. Dann muss sofort die Verletzung untersucht werden, das Kind wird angeherrscht, stillzuhalten. Aufgelöst muss entschieden werden, ob man zum Notarzt oder ins Spital fahren soll. Sofern die Verletzung nicht lebensbedrohlich ist (und das ist sie wohl tatsächlich äusserst selten), meine ich, dass es auf die Dauer einer langen Umarmung nicht ankommt. Der Zahn ist eh draussen, die Platzwunde an der Stirn verschlimmert sich während der Zeit des Tröstens auch nicht weiter. Für das Kind wäre aber der Trost in einer solchen Situation enorm wichtig. Wie beruhigend, wenn einen einfach jemand ruhig in den Arm nehmen könnte, wenn gerade die Welt zusammenzustürzen drohte. Damit wäre man dem Kind eine echte Hilfe, anstatt es weiter zu verunsichern, weil man selbst von der Situation überfordert ist. Und wieviel einfacher wäre es anschliessend, nach ein paar tiefen Atemzügen, mit einem klaren Kopf und einem wieder einigermassen gefassten Kind, die weiteren Schritte ins Auge zu fassen.

Die Sache des „wohldosierten Tröstens“ hat nur einen Haken, der aber eigentlich keiner ist: Wir lieben unsere Kinder. Seit dem Tag ihrer Geburt (oder noch länger) leben wir mit der Angst, dass ihnen etwas zustossen könnte. Sie sind uns anvertraut, und ihr Wohlergehen ist zentral für uns. Wir können und müssen nicht professionell und „richtig“ handeln, wenn ihre Unversehrtheit angegriffen wird. Aber wir können uns darin üben, immer und immer wieder, unsere Kinder liebevoll zu begleiten, sie nicht unangemessen abhängig von uns zu machen, sondern vielmehr ihr Vertrauen in ihren eigenen Körper, in ihre Wahrnehmung und in ihre eigenen Gefühle zu stärken.

Und wie habt ihrs so mit dem Trösten?

Die Bilder stammen von einem wunderbaren Tagesausflug 2009 in den Alpstein. Die beiden Seeungeheuer schwimmen im Seealpsee.

Überraschung {Alpha}

zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 


Lach doch mal! (Frau Krähe, ca. 1982/83)

„Lüüüüü-hhhüüüüüüs! Keeeeeehhhhrt! Kehrt! Los jetzt! KEHRT! Verdammt noch mal! Komm schon!“ So und ähnlich klingt das oft, wenn die Vorstellungen des Hundes und von mir nicht deckungsgleich sind. Auf 30 Meter Distanz wird der Katzendreck von ihm dann noch schnell verdrückt, um anschliessend als Übersprungshandlung zwecks Stressabbau beim Herkommen noch einen Pinkelstopp einzulegen. Ich ärgere mich, in Stimme und Körperhaltung wird das deutlich sichtbar. Der Hund spürt das natürlich. Wird knittrig, bucklig und langsam. Spass macht das uns beiden nicht. Muss es ja aber auch nicht immer. Aber nützt es wenigstens? Die ernüchternde Antwort: Nein.

Kürzlich ist der Herr Hund weit zurückgeblieben und hat sich (vermutlich) unappetitlichem Zeug zugewendet. Einer Laune folgend, habe ich einen völlig bescheuerten charlie-chaplinesken Sprung versucht. Und noch einen. Ich hab gelacht. Und bin zum dritten Mal völlig bescheuert in die Luft gehüpft. Und schon tanzte mit wehenden Ohren und flinken Pfoten ein durchgeknallt fröhlicher Hund um mich herum. „Was ist los? Party-Party? Ich bin dabei!!!“ leuchteten seine Augen. Es folgte ein Spasskämpfchen, danach ging der Spaziergang flott weiter, mit einem beschwingten, aufmerksamen Hund. Ich selbst war aufgeräumt und belustigt.
Kinder reagieren ähnlich überrascht auf Unvorhergesehenes. Oft verfalle ich in völlig nutzloses Geschimpfe und Genöle, wo einfach eine deutliche Abweichung des leider „eingespielten“ Programmablaufs Abhilfe schaffen würde.
Wieso also nicht mal, statt des üblichen Gemeckers und Moral-Geschwafels, wenn das Kind mal beim Zähneputzen den Mund nicht öffnen will, einfach die eigenen superstarken Biberzähne demonstrieren und eine wilde, liebevolle, fröhliche „ich-beiss-dich-in-den-Bauch“-Rangelei anzetteln. Gut möglich, dass nach Spass und Rambazamba der Mund enthusiastisch aufgerissen wird. Denn wer möchte schon freiwillig auf grandiose Biberzähne verzichten?

Auch gegen eigenen Trübsinn lässt sich das bewusste Ausscheren aus dem Alltagstrott praktizieren. Bei mieser Laune kann man zum Beispiel mal Musik hören, welche gar nicht dem eigenen Geschmack entspricht und für sich allein oder zufällig anwesende Kinder und Tiere ne Persiflage-Performance mit wildem Getanze aufs Parkett legen. Subtiler, aber nicht weniger wirkungsvoll: 10 Minuten früher aufstehen und den ersten Morgenkaffee oder -tee nicht wie sonst immer stehend in der Küche, sondern am offenen Fenster mit dem schönsten Ausblick geniessen und tief durchatmen.

Humor (oder mindestens ein leises Lächeln) hilft. Versprochen.
Vor allem ist das Leben damit auch einfach viel lustiger. Und egoistisch wie ich bin, dünkt mich dies ein überzeugendes Argument für mehr Spontaneität, Frohsinn und Verrücktheit im Alltag.

Und wie schafft ihr es, ungläubiges Staunen auf die Gesichter eurer Kinder und Fröhlichkeit in eurer aller Herzen zu zaubern? Seid ihr auch ab und zu unberechenbar positiv?

Rock and Roll

Sie hat Geburtstag gefeiert im März.
Und Stoff ausgesucht im April.

Ich habe gewaschen und gebügelt im Mai.
Und zugeschnitten und genäht im Juni.

Liebe H., deine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.
Ich wünsche dir viele Erdbeerfelder-Sonnenblumen-Bienenweide-Wasserwonne-Sommertage mit diesem Röckchen.