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Ich erlebe im Augenblick zuviel – und wer viel erlebt, der hat wenig zu erzählen, dem fällt wenig ein. (Peter Bichsel)

Meine Lieben. Der Blog ruht. Frau Krähe brütet, schützt das Gelege, beschimpft den Marder und dreht kleine Kundschafter-Runden, wie es sich für eine Nachfahrin von Hugin und Munin (Gedanke und Erinnerung, die beiden Raben Odins) gehört.

Im Moment treiben mich zu viele Gedanken, Gefühle und Erlebnisse um. Schreiben als Fokus mag nicht gelingen. Einiges ist mir zu privat, zu aufwühlend, zu verwirrend, anderes wiederum scheint demgegenüber zu banal. Es werden wieder andere Zeiten kommen, das hoffe ich sehr. Wer mag, folgt mir bis dahin auf Instagram. Denn: Bilder gehen immer.

Aber keine Sorge. Es geht mir gut. Euch hoffentlich auch. Habt es fein. Bis bald.

 

 

Ich muss mich beschweren

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Letzthin habe ich ein Buch gekauft*. Es hat mich in vielerlei Hinsicht sehr enttäuscht:

Punkt 1: Das Buch sieht auf den ersten Blick ziemlich umfangreich aus. Es scheint also wirklich ein ganz normales Buch zu sein. Keine Broschüre. Kein Prospektchen. Die Schrift ist auch nicht grösser als in anderen Büchern. Dennoch hatte ich es nach zwei Tagen ausgelesen. Bis heute ist mir schleierhaft, wie das geschehen konnte.

Punkt 2: Man darf sich nicht täuschen lassen von der hübschen, harmlosen Aufmachung des Buches und seinem freundlichen, ebenso harmlosen Inhalt. Zwischen den Deckeln verbirgt sich eine Revolution. Ihr Ausmass erschliesst sich erst nach Tagen und Wochen, was sie besonders unberechenbar macht.

Punkt 3: Ich weine nicht gerne in der Öffentlichkeit. Dennoch hat dieses Buch genau das geschehen lassen. Ich habe geheult im Zug, auf dem Bahnsteig und auf der Parkbank. Vor Rührung. Vor Erkenntnis. Vor Lachen. Überwältigt von der Schlichtheit der Ideen.

Punkt 4: Dieses Buch beschreibt mein Lebensgefühl. Ich kann darin über mein eigenes Herumwursteln, meine eigenen Sorgen, meinen täglichen Stress lesen. Dafür muss ich doch nicht lesen, das kriege ich ja täglich frei Haus geliefert! Das Buch lässt dieses Chaos zudem auch noch in einem milden, gnädigen Licht strahlen. Wer Ratgeber liest, will doch knallharte Lösungsansätze. Neue Strategien. Komplett andere Welten (auch wenn sich diese erfahrungsgemäss kaum adaptieren lassen). Einen Anreiz, das Leben um 180° zu ändern und dem eigenen Schweinehund endlich den Hals umzudrehen. Das Buch liefert nichts davon. Schwach. Es ist eher wie eine weiche Kaschmirdecke, welche sich freundlich, warm und tröstend um die Schultern schmiegt und so Zuversicht und neuen Mut spendet. Als wäre das Leben ein Ponyhof. Und das kann doch nicht sein. Oder etwas doch? Aber das wäre ja noch schöner!

Punkt 5: Seit dieser Lektüre quillt mein Herz über vor Liebe für meine Kinder und unser Sein als Familie. Wie ich den ganzen Quatsch drumherum auf die Reihe kriegen soll, ist mir indes ein Rätsel. Wenn schon Ratgeber, dann aber bitte richtig! Inkl. „Wie schaffe ich es, endlich rechtzeitig zu Bett zu gehen?“ und „Was tun, wenn der Hund sich wieder mal nur von Katzenscheisse ernähren möchte?“ Schliesslich will ich gerettet werden. Komplett und ohne Wenn und Aber. Bitte auch ohne eigenes Nachdenken.

Punkt 6: Dieses Buch mit seinen Gedanken geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit der Lektüre leuchtet mein Nordstern richtig hell (soll gut sein für die Orientierung). Penetrant hell. Schmerzhaft hell. Zwischenzeitliches saloppes Südsteuern zu Bikiniatollen und seichten Gewässern ist kaum mehr möglich. Dabei wollte ich doch noch Eis essen gehen…

Punkt 7: Das Buch kann nicht sinnvoll verstaut werden: Es taugt nicht richtig als Erziehungsratgeber, dafür ist es zu frei geschrieben, zu persönlich. Es ist auch kein Roman, obwohl es zahlreiche Geschichten enthält. Als Stütze für den wackelnden Tisch ist es zu dick, als Blumenpresse zu dünn. Es ist zu schön für den Badewannenrand und aufgrund zahlreicher von mir selbst während des Lesens angebrachter Markierungen, Ausrufe-Post-it’s und hineingekritzelter Randbemerkungen dennoch nicht mehr zum Verschenken geeignet. Sowieso will ich es ständig griffbereit in der Nähe haben. Es wird also bis ans Ende meiner Tage ständig irgendwo im Weg herumliegen. Furchtbar.

Wer also noch Lesestoff sucht für die nächsten Wochen (oder Stunden, Siehe Punkt 1), der besorge sich doch „slow family, Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ von Julia Dibbern und Nicola Schmidt. Beschwert Euch dann aber nicht bei mir, wenn Ihr plötzlich zwischen Eisbären und Seelöwen segelt. Oder Euch beim seligen Barfusslaufen durch den ersten Schnee ertappt. Oder den Schwimmunterricht Schwimmunterricht sein lasst und stattdessen mit Euren Kindern durch Nachbars Garten robbt. Oder mit Wölfen tanzt resp. – unseren Verhältnissen angepasst – mit Fliegen spricht. Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt.

*Wie immer gibt es hier keine bezahlte Werbung. Der Text ist ohne das Wissen der Autorinnen oder des Verlages entstanden. Ich berichte, was ich möchte. Völlig frei und ohne persönlichen Vorteil oder irgendwelche Verpflichtung.

dringend vs. wichtig

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Wenn es ruhig wird auf einem Blog, heisst dies ja meist, dass das Leben der Schreibenden gerade umso turbulenter verläuft. So auch hier. Macht Euch keine Sorgen, es ist alles gut. Es sind vor allem innere Vorgänge, welche meine Aufmerksamkeit benötigen und das Schreiben in den Hintergrund treten lässt.

Das Dringende ist nicht immer das Wichtige. Irgendwo in den Weiten des www habe ich diesen Satz aufgefangen. Es ging da wohl um Zeitmanagement, produktives Arbeiten und so. Dass man einen ganzen Tag lang Bürokram erledigen kann, alles furchtbar dringend, eine Mail nach der andern, Telefongespräche, Sitzungen, aber sich keine Zeit nimmt, das grosse Ganze zu sehen, an der Grundstrategie zu arbeiten („kann ich ja auch morgen noch“, „pressiert ja nicht“). Und ich habe mir vorgenommen, dass ich ab sofort verstärkt darauf achten will. Manchmal sind dringende Dinge ja tatsächlich auch wichtig. Aber manchmal sind sie aber eben nur dringend und sollten nicht zuviel Macht über mich bekommen. Umgekehrt ist es noch frappanter: Dinge, Handlungen, Momente, welche ich als essentiell wichtig für mein Leben erachte, können oft gut warten. Und werden so allzu oft von einem Tag auf den nächsten geschoben. Schwupp macht es, und Stunden, Tage, Wochen, Jahre sind um, ohne dass man sich um Wichtiges gekümmert hätte, obwohl man ständig betriebsam rotiert hatte. Eine beängstigende Vorstellung.

Einige Beispiele gefällig?

Die Liebe ist geduldig. Sie ist wohl die offensichtlichste Wichtigkeit, welche sich nie vordrängelt und so tatsächlich vor lauter Alltag vergessen werden kann. Der Gefährte und ich können gut „nebeneinander“. Durch das Aufteilen der Erwerbsarbeit und der Familienzeit mit Kindern und Haushalt geben wir uns oft die Klinke in die Hand. Keinesfalls möchte ich eines fernen Tages aufwachen und spüren, dass wir uns „auseinander gelebt haben“, weil wir diese grosse, wunderbare Wichtigkeit nicht genügend gepflegt haben.

Ich will intensive Tage mit meinen Kindern verbringen, Anteil an ihrem Leben nehmen und ihnen täglich „Highlights“ bescheren (Mit Highlights meine ich übrigens ganz kleine Dinge wie eine unerwartete Kitzel-Kuschel-Runde, eine hervorgezauberte Zvieri-Überraschung, eine besonders ambitioniert erfundene Gutenachtgeschichte usw.). Dennoch ertappe ich mich oft dabei, dass meine Zuhause-Tage mehr meiner zurechtgelegten Pendenzenliste folgen (über weite Strecken der ganze Kram, welcher als „Haushalt“ bezeichnet wird) als dem grandiosen Lebensgefühl meiner Kinder, und meine Motivation im Umgang mit ihnen darin liegt, sie „auf der Spur“ zu halten, damit ich möglichst problemlos alles erledigen kann. Was für ein Fehler!

Neujahrsvorsätze sind übrigens die Klassiker der ewig verschobenen Wichtigkeiten. In den Tagen zwischen den Jahren nehmen wir uns Zeit, über unser Leben nachzudenken und erkennen oft sehr klar, was uns gut tut und wichtig für uns ist. Aber dann kommt der Alltag, und…

Viele Wichtigkeiten sind sehr unspektakulär: Es ist mir beispielsweise wichtig, Zeit alleine mit mir zu verbringen, trotz Kinderchaos dem alten Hund ungeteilte Momente der Aufmerksamkeit schenken zu können, raus in die Natur zu gehen, mir ganz bewusst und ohne Hektik Zeit für eine Tasse Tee, das Anfeuern des Ofens oder das Lesen einiger Buchseiten zu nehmen. Im meinem Haushalt ist gerade ausmisten (noch) wichtiger als putzen und aufräumen. Alles kleine, aber wichtige Tätigkeiten, die allzu oft von den lauten, dringenden Dingen zurückgedrängt werden.

Ich habe mir deshalb eine kleine Erinnerungshilfe gebastelt. Wenn Du dich in meinen Worten wiederfindest und Dir das Blatt gefällt (es gibt sogar zwei Varianten), darfst Du es Dir gerne herunterladen und ausdrucken. Besonders nett sieht es auf etwas festerem, leicht gekörnten Papier aus. Mit Klebeband unprätentiös irgendwo gut sichtbar aufgehängt oder vielleicht sogar schick gerahmt, kann es Dich in den nächsten Tagen und Wochen ebenfalls daran erinnern, Deinen ganz individuellen Wichtigkeiten genügend Raum zuzugestehen.

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Haushalt, gesellschaftliche Verpflichtungen und anderes (ja, auch Blogs!), dürfen schon mal ein bisschen warten lernen.

Habt es fein.

Drachen und Prinzessinnen

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Michaeli entspricht meinem drachen- und saurierbegeisterten Jungen. Zwar haben wir das festgelegte Datum Ende September verpasst, uns dann aber spontan entschieden, es ganz frei und auf unsere Art nachzuholen.

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So kneten wir an einem herbstlichen Nachmittag Teig und basteln anschliessend kleine Schnappdrachen aus Papier, während der Teig geht. Je nach Quelle formt man aus dem Teig ein Schwert oder einen Drachen, wir entscheiden uns für drei kleine Einzeltiere. Während der Frischling Gefallen am Schnippeln von Zacken mit der Schere findet, steckt die Zaunkönigin voller Hingabe unzählige Mandelstifte, welche eigentlich nur für die Zähne gedacht waren, in ihr Tier und erschafft so ebenfalls ein veritables Ungeheuer.

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Während sich die Kinder einfach über ihre Ungeheuer freuen, als Drachen verkleidet, fauchend und mit leuchtenden Augen „Angst und Schrecken“ verbreiten und fasziniert einigen Drachengeschichten lauschen, treiben mich selbst Gedanken um. Über innere Drachen, über äussere Drachen. Das Leben ist voll von ihnen. Und von Prinzessinnen.

„(…) vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“

(Rainer Maria Rilke, Zitat aus diesem Brief, aus diesem Kontext)

 

Eulenglück

Wie erfrischend und beflügelnd ist der Spaziergang durch die zauberhafte Winterlandschaft. Der Hund rennt übermütig um mich herum, der Schnee stiebt trocken unter meinen Füssen, die Sonne lässt mich blinzeln. Stille. Ein Gefühl von Neuanfang.

Ich geniesse jede Minute in vollen Zügen. Bald ist dieses Winterwetter wieder Vergangenheit. Ist es nicht phantastisch, in einer Klimazone zu leben, welche uns vier Jahreszeiten beschert?

Ich erfreue mich an der winterlichen Kälte und Klarheit. Später dann lasse ich mich begeistern vom Frühling mit dem Ruf des Kuckucks, dem munteren Gurgeln des Baches hinterm Haus und den Düften nach Erde und spriessendem Gras. Im Sommer dann liebe ich die langen trägen Tage, das Barfusslaufen, den Geruch von Minze und die kühlen, geselligen Abendstunden. Der Herbst schliesslich ist ganz „meine“ Jahreszeit. Das melancholische Abschiednehmen, welches sich in der Natur zeigt, Tom Waits, Rilke, Tee und die ersten Nebel verbünden sich mit meiner inneren Gestimmtheit.

So schnell die Schönheiten jeder Jahreszeit einander abwechseln, so schnell sind auch die mühsamen Aspekte immer gleich wieder vorbei. Die unfreundliche Kälte im Winter, wenn man frühmorgens das Haus verlassen muss, der Matsch im Frühling, die Hitze im Sommer, die ersten Halsschmerzen im Herbst, alles dauert nie so lange an, als dass man sich ernsthaft darüber ärgern könnte.

Mir fällt eines unserer Bilderbücher ein: Eulenglück* von Celestino Piatti. Zwei Eulen werden von der Hühnerschar um das Geheimnis ihrer Zufriedenheit gefragt. Die Antwort wird aber vom hedonistischen Hühnervolk nicht verstanden. Ich habe die Geschichte schon unzählige Male erzählt, aber noch nie habe ich sie so tief empfunden wie heute.

Im Moment gelingt es mir gut, eine Eule zu sein.

*Es handelt sich hierbei nicht um Werbung. Ich schreibe aus freien Stücken von meinen Gedanken und Erlebnissen. Dass ich dabei dann und wann etwas erwähne, was käuflich ist, lässt sich nicht vermeiden.

Silber wird Gold

Der kleine Räucherkasten wird mir fast schon nachgeschmissen auf dem Flohmarkt. Neugierig schreite ich zur Tat. 

Die Forellen beize ich während rund zwölf Stunden in Salzwasser. Danach gebe ich das Buchenholz-Räuchermehl (ein Blick auf die Verpackung verrät es; hier haben wir es mit einer echten Antiquität zu tun!) zusammen mit den Fischen in den Kasten. Von unten wird Hitze zugefügt, im Innern entsteht Rauch. Nach knapp einer Stunde sind die beiden Fische geräuchert.

Goldene Forellen, Bratkartoffeln, Salat und etwas Wein. Was für ein Genuss. Trotzdem
Unbezahlbar auch die beim Hantieren und Riechen aufsteigenden Kindheitserinnerungen.

#regrettingmotherhood : Senfkörner

Er wird heiss diskutiert in den Blogs, dieser Artikel. Herausragend äussert sich aufzehenspitzen. Ambivalenz kennen wir wohl alle. Aber darum geht es nicht in dem Bericht.

Ich kenne mehrere Frauen, welche keine Kinder wollen. Niemals. Aus verschiedenen Gründen nicht. Ihnen wird gewöhnlich wenig Verständnis entgegengebracht. Als „karrieregeil“ oder „egoistisch“ werden sie betitelt, „bindungsgestört“ und ähnliches fällt schon auch mal. Und immer wieder müssen sie hören, dass sie ihre Entscheidung sicherlich im Alter bereuen würden.
Ich verneige mich voller Hochachtung vor diesen Frauen. Nicht wegen ihrer Entscheidung. Die ist mir so egal wie die Entscheidung für die Mutterschaft. Sondern vor ihrer Fähigkeit, auf ihre eigene innere Stimme zu hören. Die oft und immer wieder arg angegriffen wird. Diffus, unterschwellig, aber auch ganz brutal, direkt und gnadenlos. Es braucht Kraft und Mut, unter solchen Bedingungen auf diese Stimme zu hören. Aber es geht um die Integrität dieser Frauen, um nichts weniger. Besonders schwierig wird es für sie, wenn der Partner sich Kinder wünscht. Persönlich kenne ich eine Frau, welche noch rund 30 Jahre nach der Zeit, in welcher sich bei ihr die Kinderfrage gestellt hatte, unendlich dankbar ist, gegenüber ihrem Mann diesbezüglich standhaft geblieben zu sein. Und eine, welche bereut, dass sie nachgegeben und ein Kind bekommen hat.
Ob die bereuenden Mütter des Artikels sich wohl je einmal sehnlichst Kinder gewünscht hatten und dann erschreckt feststellen mussten, dass ihre Vorstellungen und die Realität auseinanderklafften? Oder handelt es sich vielleicht um Frauen, welche dieses leise Unwohlsein im Bezug auf eigene Kinder schon vorher gespürt hatten, dieses aber nicht fassen oder „verteidigen“ konnten? Ich weiss es nicht.
Aber ich weiss, dass ich jeder Frau, welche sich getraut, ihre Mutterschafts-Irritation oder sogar -Abneigung (was nicht heisst, dass sie Kinder oder andere Mütter doof finden, auch das fiese Zuschreibungen, an welcher diese Frauen leiden), freundschaftlich die Hand reiche. Damit ihre innere Stimme stark bleiben kann.
(Gebe ich hier jetzt tatsächlich meinen Senf zu einem tagesaktuellen Thema??? Also Sachen gibts…)

Alpha: Her mit dem Vergnügen!

Beziehungsorientierte Elternschaft!
Freies Spiel!
Selbstwirksamkeit!
Tragen! Stillen!
Gewaltfreie Kommunikation!
Genderneutrales Spielzeug!
Plastikfreies Kinderzimmer!

Klingt alles super, aber doch manchmal ein bisschen sehr nach viel Arbeit. Ist er uns wirklich dermassen abhanden gekommen, der einfache und intuitiv „richtige“ Umgang miteinander?

Ich mag diese Site, welche „Frühförderung“ so anders und wohltuend unspektakulär definiert. Aber dass ihre Schaffung offensichtlich nötig war, erschüttert mich.

Auch die Sendung Kontext erzählt mir über Frühförderung und Kinderspiel, was ich voll und ganz bejahe. Aber hatte man das tatsächlich vergessen können, dass Kinder lernen im freien Spiel?

Einer meiner Lieblings-Erziehungsratgeber ist der „Leitfaden für faule Eltern“ von Tom Hodgkinson. Herrlich lakonisch und oft provozierend beruft er sich auf Rousseau und Locke und empfiehlt, die Kinder in Ruhe oder aber für sich arbeiten zu lassen, kein Geld für Spielzeug, Freizeitgestaltung und ähnliches auszugeben, Blockflöten gegen Ukulelen auszutauschen und anderes mehr. Da wird für einmal nicht zuerst gefragt, was das Kind braucht, sondern wie man als erwachsener Mensch mit Kindern unter einem Dach leben will. Hodgkinson gelingt der überraschende Twist, dass genau diese Portion Egoismus das Beste für die Kinder ist, sie stark, selbständig und glücklich macht. Also genau so, wie es sich auch die „konventionelle Ratgeberliteratur“ wünscht. Nur einfach viel entspannter. Hier gibt es eine hübsche Rezension zum Buch. Die propagierte Entspannung und Gelassenheit als Faulheit zu bezeichnen, finde ich unglücklich gewählt bis grob irreführend. Schade, dass das tolle Buch den Titel trägt, den es trägt.

Ich las das Buch das erste Mal, als ich noch keine Kinder hatte und fand es vor allem sehr lustig. Einige Jahre später, mit eigenen Erfahrungen als Mutter und der ausgiebigen Lektüre einschlägiger Literatur, gefällt es mir noch besser. Manchmal, wenn ich mich so umschaue, fühle ich mich deplatziert und einsam mit meinen Schmuddelkindern, meiner Auffassung eines gelungenen Tages, meinen Prioritäten im Alltag mit ihnen (Spass für alle zum Beispiel). Dann ist mir dieses Buch ein guter Freund, ein lieber Verbündeter.

*zum Bild: Die Fotografie ist 1979 entstanden und zeigt meinen Vater und mich. Er ging wohl an jenem Tag eher einfach seinem Hobby nach, als dass er die Paradigmen der bindungsorientierten Elternschaft zu erfüllen suchte (was er aber natürlich ganz nebenbei und selbstverständlich tat). Ich spüre beim Betrachten des Bildes nicht ein „Wir trugen dich ständig herum, das war halt aufgrund der Bindungstheorie furchtbar wichtig, aber schrecklich anstrengend“, sondern ein „Unser Leben war schön, wir machten, was uns gefiel, und du warst einfach mit dabei“. Dafür werde ich meinen Eltern ewig dankbar sein.

**zu Alpha: Hier fehlt der direkte Bezug zum Tier. Er wäre an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem reihe ich den Post in die Alpha-Reihe ein, weil ich mich in dieser ja mit Erziehung im weitesten Sinn beschäftige. Und natürlich kann der denkende Mensch die Grunderkenntnisse auch auf die Beziehung Mensch-Tier übertragen.

Januarflocken

Die Tage sind lang und die Nächte auch (Nein, nicht die Kinder halten mich wach, sondern all die tausend Dinge, die tagsüber liegenbleiben). Dunkle Wolken, heftige Winde und strahlende Sonnenstunden geben sich die Klinke in die Hand. Wöchentlich, täglich, manchmal sogar im Stunden- oder Minutentakt.

Vieles ist im Entstehen begriffen, weniges wird geschafft.
Gut oder schlecht? Keine Ahnung. Es ist, wie es ist.

So entsteht ganz langsam (wirklich ganz langsam, angeschlagen wurden die Maschen einst für den Frischling, und ich hoffe,  Madame Zaunkönigin wird es jetzt dann noch tragen können) ein „Mossy Jacket“ (gestrickt mit Drops Big Delight).

Farbkopien aus aktuell beliebten Bilderbüchern werden gerahmt, um des Frischlings Welt auf seiner Augenhöhe zu verschönern.

Selbstgemachte und ganz und gar unbedenkliche Möbelpolitur kommt zum Einsatz.

Lesehunger wird befriedigt.

Und ein Herzensprojekt für die Zaunkönigin nimmt langsam Gestalt an.

"Gwand" und die Freude des Knöpfeannähens

Ich war mächtig enttäuscht, als das bestellte Buch mit japanischen Schnittmustern nur Kleider enthielt. Denn diese trage ich im Moment wegen des Stillens nicht. Zu unpraktisch, schliesslich will man ja nicht meterweise Stoff hochraffen. Und noch weniger anschliessend halb nackig rumsitzen. Irritiert schloss ich das Buch, wieso bloss hatte ich es bestellt? Versonnen betrachtete ich den Umschlag und musste plötzlich schmunzeln.

Der Titel „Kleider im japanischen Stil“ ist ja eigentlich eine klare Ansage, was vom Buch zu erwarten ist. Nun sprechen Schweizer aber von Kleidern, wenn sie Kleidungsstücke meinen. Also Gewand im allgemeinen, Gwand, wie wir es nennen. Kleider (also Nicht-Hosen) hingegen nennen wir Röcke, egal ob es sich um Jupes und ähnliches oder Teile inkl. Oberköperbedeckung (gibts dafür ein treffendes Wort?) handelt. Da steckte ich also beim Bestellvorgang komplett unreflektiert im schweizerischen Spachmodus… Und trotz aller Reflexion finde ich auch jetzt nichts anderes heraus, als dass ich Kleider tatsächlich „ganze Röcke“ zu nennen scheine.

Zum Glück konnte ich mich damals beim Bestellen aber nicht entscheiden, und so fand gleichzeitig noch ein zweites Buch den Weg zu mir. Dieses enthielt die gewünschte Bandbreite von „Gwand“, und so durfte in den letzten Tagen doch noch Schritt für Schritt etwas entstehen unter meinen Händen. Da ich aber nur in seltenen und kurzen Minuten zum Arbeiten komme, fehlen jetzt noch zwei Knöpfe, welche dem guten Stück den letzten Schliff geben.

Dazu fallen mir wunderbare Zitate von Peter Bichsel ein: „So werden wir die Gefangenen von dem, was wir können. Und deshalb nähe ich gern Knöpfe an. Beim Knöpfeannähen bin ich ein freier Mensch, weil ich es nicht kann.“ Und hier: „Nur darf ich es nicht allzu oft tun, sonst laufe ich in Gefahr, es doch noch zu lernen. Knöpfe annähen macht nur so lange Spass, wie man es nicht kann.“ Und zum Schluss: „Nichtkönnen nicht als Mangel, sondern als Freiheit empfinden.“ Er hat ja so recht. (Alle Zitate aus „Das ist schnell gesagt“, Peter Bichsel)

Sobald ich mir also die Freude des Knöpfeannähens gemacht habe, werde ich euch Bilder des Entstandenen zeigen. Vorerst gibt es einen Blick aus dem Kinderzimmer auf den Sonnenuntergang. Der mir jeden Tag sehr lieb ist, beginnen mit ihm doch die ruhigen Abendstunden.