Herzensarbeit

Die Herstellung einer Puppe ist dermassen antiquiert, schrullig und weltfremd, dass sie bereits als Form des Widerstandes gegen das Tempo und die Werte unserer Spass- und Konsumgesellschaft gesehen werden kann. Dieses kleine bisschen heile Welt aus Schafwolle, Trikot, Mohairgehäkel und Miniaturgenähe macht mich selbst glücklich, kann ich dabei doch wunderbar vor mich hinwursteln, nicht weniger aber auch äusserst skeptisch. Sind dies reaktionäre Handlungen? Ist das eine Flucht vor den Herausforderungen dieser Tage? Augen verschliessen und nur mein Gärtchen pflegen?

Das geschieht zur Genüge. Seichte Pseudo-Achtsamkeit mit „Flow“ und „Kinfolk“, DIY nach stupider Anleitung, meist noch verbunden mit der Anschaffung von exklusivem Rohmaterial, Hauptsache selbstgemacht, egal wie schlecht…, Shabby Chic ohne echte Spuren von Zeit und damit ohne Ehrlichkeit, oder kunstvolle Brotdoseninhalte von Supermoms, für welche eine Mama wie ich, die bis anhin eine Brotscheibe und nen Apfelschnitz als Znüni für angemessen hielt, mindestens einen mehrwöchigen Abendkurs belegen müsste sind nur einige wenige und willkürlich zusammengetragene Felder der „neu erstarkten Biederkeit“. Seid mir nicht bös‘, fühlt euch nicht angegriffen, ich selbst bin nicht frei von diesen „Verlockungen“. Nicht zuletzt pflegt ja auch mein Blog offensichtlich eine Ästhetik und Grundstimmung, welche immer wieder gefährlich nahe an diesen Abgrund herantänzelt.

Zum Glück, zum grossen Glück ist diese Puppe aber ganz anders entstanden. Oft hatte ich beim Werkeln meine Ohren dank Radio draussen in der Welt, und meine Gedanken und mein Herz konnten reisen, lernen und Anteil nehmen. Wenn Ohnmachtsgefühle und Wut überhand nahmen, legte ich die Arbeit beiseite, wollte ich sie doch nicht mit meinen düsteren Gedanken aufladen. Entsprechend langsam ist die Puppe entstanden. Je länger je mehr ist in mir aber auch die Zuversicht gewachsen, wie ich auf die aktuellen Geschehnisse reagieren kann, reagieren möchte.

Immer wieder und sehr gerne dachte ich mich während der Arbeit zu einem kleinen Mädchen, welches ich gar nicht persönlich kenne, malte mir aus, wie es auch dank der Puppe hineinwachsen würde in seine Welt. Indem es mit ihr Mitgefühl übte, Freundschaft probte, Verbundenheit spürte, Einsamkeit bezwänge. Ich freue mich sehr darüber, dass ich diese Puppe ziehen lassen konnte. Dass ich sie nicht in meiner eigenen kleinen Welt behalten und besitzen muss, sondern dass sie anderswo bewirken kann, was in ihrer Macht steht. Ganz ganz wenig für die Massstäbe der Welt. Aber vielleicht sehr viel für dieses eine kleine Mädchen.

Und sonst so:

Noch immer bin ich blutige Anfängerin, was die Puppenmacherei betrifft. Es finden sich einige kleinere und grössere Fehler, welche ich jetzt aber einfach akzeptiere. Dies ist meine zweite selbstgemachte Puppe, und die kleinen Makel dürfen sein.

Sicherlich werde ich beim nächsten Mal robusteren Stoff für den Körper verwenden, so werden die störrischen Schafwollhaare der Füllung auch weniger als eigenwillige „Brusthaare“ da und dort hervorlugen. Mit dem Formen und der Stabilität des Halses tat ich mich schwer, ein kleiner, sehr provisorischer Loop (der eigentlich ein Haarband hätte werden sollen, dann aber zu klein war), kaschiert die Stelle. Es ist nicht ganz einfach, die richtige Füllmenge und damit die Härte resp. Weichheit der Puppe zu definieren. Nachdem meine erste Puppe ein hartes Klötzchen wurde, ist diese Puppe jetzt bewusst sehr weich geblieben. Ob und wie sie damit längerfristig zurechtkommt, wird sich zeigen. Auch die Lippen hab ich ein bisschen vermurkst, aber da vertraue ich auf den neutralisierenden Zeitfaktor.

Da die Puppe in ein Heim gezogen ist, wo wunderbarst gestrickt und genäht wird, bereitete mir die Puppenkleidung das meiste Kopfzerbrechen. Am liebsten hätte ich die Puppe nur in ein Stöffchen gehüllt übergeben, aber dann führte eines zum anderen. Ein kleines Hemdchen für die Reise rief nach einem Röckchen, dieses wiederum nach Unterwäsche. Schuhe wurden plötzlich dringend nötig und die Weste musste als baumwollenes Augenzwinkern einfach sein, schliesslich bin ich via Bora auf die „Pebbles“ gestossen und habe davon auch schon mehrere für meine Kinder gestrickt. Für die gesamte Garderobe habe ich ausschliesslich Restematerial verwendet. Und natürlich freut es mich, wenn die Puppengarnitur ergänzt/ersetzt wird mit kleinen Kostbarkeiten aus dem Hause Kirschkernzeit. Damit die Puppe ganz verwoben wird mit ihrem Wirkungsfeld.

Auch habe ich die Haare bewusst nicht kompliziert frisiert und eher eine Spur zu lang gelassen. Gerne darf da noch ein bisschen optimiert werden, wenn sich herauskristallisiert, welche Frisur gut zur Puppe und den täglichen Anforderungen passt. Und da ja auch Kinder manchmal Scheren in die Hände kriegen und bei Puppen (und sich selbst) verwegene Frisuren produzieren, legte ich den Restknäuel des Mohairgarns zum Paket. Vielleicht ist man da mal noch froh darüber…

Und jetzt, jetzt spüre ich dieses Entzugs-Kribbeln, diese Unruhe, die mich gerne erfasst, wann immer ein grösseres Projekt beendet ist. Was darf es denn als nächstes sein?

Mimi

Mimi guckt so frech wie das Mädchen, von welchem sie hoffentlich schon bald innig geliebt werden wird. Sie ist, obwohl voller kleiner Fehler und Unzulänglichkeiten, das perfekte Geschenk zum ersten Geburtstag der Zaunkönigin, welchen wir bald feiern dürfen. Ganz langsam ist sie entstanden (hier und hier ist sie bereits im Blog aufgetaucht), Schritt für Schritt hat sie ihre Gestalt, ihren Ausdruck und ihre Kleidung erhalten.

Innen und aussen ist Mimi ganz mit uns verwoben. Gefüllt ist sie nämlich ausschliesslich mit der Wolle unserer lieben, schönohrigen Karamba. Und für die Kleidung habe ich abgelegte Kleidungsstücke von mir zerschnitten und neu zusammengenäht. Das Jäckchen schliesslich ist aus einem Restknäuel Sockenwolle entstanden.

Um einen guten Tipp, wie die rund vorgestickten Augen sich nicht durchs Sticken unförmig zusammenziehen, bin ich sehr dankbar. Dieses Detail möchte ich bei einer nächsten Puppe (so es denn eine gibt) definitiv besser hinkriegen. Auch von der Entscheidung, die Puppe nicht ganz waldorf-schlicht, sondern mit Nasenlöchern und einem anders aufgebauten Mund auszustatten, bin ich nicht mehr restlos überzeugt.

Aber für dieses Mal ist es gut. Die Zaunkönigin und Mimi passen zu einander, das Mädchen beschenkt die Puppe mit dem gleichen Singsang, mit welchem sie auch die Katzen begrüsst. Ich habe es nämlich nicht geschafft, ganz im Geheimen zu arbeiten. Die Puppe bezog Quartier im Bücherregal, zuerst als gesicht- und haarloses, nacktes Geschöpf bis schliesslich als eingekleidetes Persönchen mit Schalk in den Augen (und hinter den Ohren). Eine zarte Freundschaft hat sich bereits angebahnt. Jetzt lasse ich die Puppe verschwinden, und dann, in rund einem Monat, wird sie feierlich ihrer Puppenmama übergeben.

Harte Fakten:
Die Anleitung ist von hier resp. hier und sehr zu empfehlen.
Puppenjersey stammt von hier. (Die Qualität der Website hat nichts mit der Qualität des Stoffes gemeinsam.)
Puppenmohair von hier.
Die Anleitung fürs Strickjäckchen „Little Kina“ gibt es hier und ist sehr einfach nachzustricken. (Es hat einen kleinen Fehler in der Anleitung, der aber so offensichtlich ist, dass er keine Probleme bereitet.)