Lieber Freund

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Tausend Dinge habe ich erlebt mit Dir. Dinge, wie sie jeder Mensch kennt, der Zeit mit einem Vizsla teilen darf. Was haben wir zusammen Spass gehabt, wie oft habe ich dir beim Rennen und Toben zugeschaut. Hunderte Stunden hast Du bei mir gelegen, während ich gearbeitet, gelesen, Musik gehört, telefoniert und auch die ein und andere grössere Lektion des Lebens verwunden habe. Deine Ideen und einzigartigen Vorlieben liessen uns immer wieder lachen, lächeln und staunen. Du hast mich bisweilen aber auch fast in den Wahnsinn getrieben und mich manche Träne gekostet. Deine Charakterkombination aus Tatendrang plus Hyperempfindlichkeit, ergänzt mit einer kräftigen Portion Sturheit, stellte mich vor manch schwierige Aufgabe. Aber Du würdest wahrscheinlich dasselbe von mir sagen. Vor allem aber warst Du da. Immer. Oder zumindest nie weit weg. Kaum eine Nacht verbrachtest Du oder ich ohne den anderen auswärts. Du wurdest ein so selbstverständlicher Teil meines Lebens, dass ich gar nicht erahnen konnte, wo Du mir überall fehlen würdest.

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Neben dem besonderen Alltagsglück, mit Dir zusammenzuleben, habe ich es geliebt, Dich zum Sanitätshund auszubilden und natürlich gleichzeitig auch selbst in diese Aufgabe hineinzuwachsen. Das Schönste daran war wohl das hundertprozentige Aufeinanderfokussiertsein, wenn wir unsere Trainings absolvierten. Ich vergass anstehende Gespräche, unangenehme Termine, offene Fragen. Da warst dann nur noch Du; Deine Augen, Deine Mimik, Deine Körperspannung. Ich gab alles für Dich und die Welt musste warten. Und Du hieltest es genauso. Dieser synchronisierte Tunnelblick war pures Glück. Er war schwierig, für beide von uns. Aber wenn er gelang; WOW! Du erweitertest meine Sinne, ich spürte das Wild, als läge seine Witterung in meiner statt Deiner Nase, ahnte die Topografie des Waldes durch Deine Bewegungen, erkannte die Anwesenheit von Menschen im Wald durch Deine Richtungswechsel und Tempi. Dank Dir konnte ich über meine eigene begrenzte Wahrnehmung hinauswachsen und Dinge erleben, zu welchen ich alleine niemals fähig gewesen wäre.

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Eng damit verknüpft ist eine Lektion, welche Du mich gelehrt hast: Anfangs verstand ich Dich oft nicht richtig. Ich schalt Dich beispielsweise manchmal, wenn Du vermeintlich willkürlich belltest, um kurz darauf den Grund Deines Ärgers oder Deiner Irritation zu entdecken. Bald wusste ich es: Dein Verhalten hat immer einen Grund. Nur bin ich manchmal nicht fähig, Dich zu verstehen. Ich lernte, Dir zu vertrauen. Wenn Du Verunsicherung, Ärger, Freude und andere Emotionen zeigtest, so konnte ich immer etwas lernen, was meiner eigenen Aufmerksamkeit entgangen war. Äussere Gegebenheiten, aber auch Bewegungen in meinem Innern, auf welche Du ebenso zuverlässig und seismographisch reagiertest. Auch da waren mir die Stunden im Wald und auf dem Hundeplatz ein gutes Übungsfeld: Wenn etwas nicht klappte, gab es keinen Grund, wütend zu werden oder frustriert zu sein. Wir hatten einfach noch nicht begriffen, was wir voneinander erwarteten und mussten noch ein bisschen weiter versuchen, uns einander verständlich zu machen, noch ein bisschen klarer werden in unserer Sprache.

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Diese Einsicht verinnerlichte ich in den beinahe 13 Jahren mit Dir beständig. Und immer wieder und immer mehr konnte ich erfahren, wie diese Haltung auch meinen Umgang mit Menschen veränderte. Hinter jedem Verhalten jedes Gegenübers liegt eine Vorgeschichte, ein Bedürfnis, eine Prägung, welche meist wenig bis nichts mit mir zu tun hat. Das entschuldigt nicht alles, hilft aber enorm, um vor allem in Konfliktsituationen grosszügig zu bleiben. Und genauso wie ich mit Dir an meiner Kommunikationsfähigkeit feilte, konnte ich je länger je besser auch im Umgang mit Menschen auf mein erweitertes Repertoire zurückgreifen. Offensichtlich wurde dieser Lernprozess, als ich, rund in der Mitte unserer gemeinsamen Zeit, Mutter wurde. Dank Dir fiel es mir wahnsinnig leicht, die Äusserungen dieser nonverbalen, aber körperlich sehr eindeutig kommunizierenden kleinen Wesen zu verstehen und ihrer Sicht auf die Welt vertrauensvoll Glauben zu schenken. Dies kam uns allen enorm zugute, wofür ich Dir wahnsinnig dankbar bin.

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Liebster Lüsler*, Du warst mir ein enger Vertrauter und ein treuer Freund. Vor allem aber warst Du der grösste Lehrmeister meines Lebens. Ich vermisse Dich unendlich.

11*Natürlich trug der Hund auch noch einen ganz schönen, hochoffiziellen Namen. Lüsler, Lusi, Lüs, Lisi, Schluri und Gisbert waren ihm aber ebenso ein Begriff.

Wasser teilen

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Naturverbindung ist mir wichtig. Gerne würde ich jeden Tag meinen Waldsitzplatz aufsuchen und dort ganz still werden. Den Bäumen und Vögeln lauschen, die sachten Bewegungen wahrnehmen im Aussen, aber auch in meinem Innern, das ist für mich von grosser Wichtigkeit und sehr wertvoll. Viel Zeit dort zu verbringen ist deshalb auch einer meiner wenigen konkreten Neujahrsvorsätze geworden.

Wie oft ich schon dort war in diesem Jahr? Du ahnst es wahrscheinlich: kein einziges Mal. Zuviel Programm, andere Verpflichtungen, oder schlicht keine Lust. Das Gute umzusetzen fällt mir nicht immer leicht.

Es gibt aber ein kleines, feines Ritual in meinem Leben, welches sich so fast ganz nebenbei in jeden Alltag einbauen lässt. Es hat sich bei mir ganz zufällig entwickelt, ich liebe es und möchte es deshalb heute mit Dir teilen:

Wenn ich mir ein grosses Glas Wasser eingiesse, und das tue ich täglich natürlich mehrere Male, trinke ich es meist nicht bis zum letzen Tropfen aus, sondern giesse den letzten Schluck jeweils in die Erde irgendeiner Topfpflanze, welche gerade in der Nähe herumsteht. That’s it!

Indem ich die Pflanze nicht mit einer Giesskanne mit Wasser versorge, sondern mein eigenes Glas benutze, entsteht der Effekt, dass wir gemeinsam unser Wasser teilen. Wir haben das selbe Bedürfnis, wir geniessen beide die selbe Erfischung, kurz; wir sind uns ähnlich.

In Gläsern herumstehendes „Reste“-Wasser auf diese Weise zu verteilen, stellt bei mir nicht den gewünschten Effekt her. Auch ausschliessliches Pflanzengiessen mit Hilfe von Gläsern funktioniert nicht. Es gilt: Trinken – teilen. Am besten von der selben „Charge“.

Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen. Die Handlung mag banal sein, der Effekt ist für mich gefühlsmässig aber sehr gross. Für einen kurzen Moment werden die schlichte Topfpflanze und ich schlichtes Menschlein eins. Ich spüre unsere Ähnlichkeit, Verbindung und mein Eingebettetsein in Mutter Natur und die grossen Abläufe des Lebens. Wenn es auch nur für wenige Sekunden ist, dieses Gefühl bereichert meinen Alltag sehr. Bis ich wieder meinen Waldsitzplatz aufsuchen kann.

Probiere es aus und lass mich wissen, ob Dir das Ritual gefällt. Ich bin gespannt.

Ich muss mich beschweren

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Letzthin habe ich ein Buch gekauft*. Es hat mich in vielerlei Hinsicht sehr enttäuscht:

Punkt 1: Das Buch sieht auf den ersten Blick ziemlich umfangreich aus. Es scheint also wirklich ein ganz normales Buch zu sein. Keine Broschüre. Kein Prospektchen. Die Schrift ist auch nicht grösser als in anderen Büchern. Dennoch hatte ich es nach zwei Tagen ausgelesen. Bis heute ist mir schleierhaft, wie das geschehen konnte.

Punkt 2: Man darf sich nicht täuschen lassen von der hübschen, harmlosen Aufmachung des Buches und seinem freundlichen, ebenso harmlosen Inhalt. Zwischen den Deckeln verbirgt sich eine Revolution. Ihr Ausmass erschliesst sich erst nach Tagen und Wochen, was sie besonders unberechenbar macht.

Punkt 3: Ich weine nicht gerne in der Öffentlichkeit. Dennoch hat dieses Buch genau das geschehen lassen. Ich habe geheult im Zug, auf dem Bahnsteig und auf der Parkbank. Vor Rührung. Vor Erkenntnis. Vor Lachen. Überwältigt von der Schlichtheit der Ideen.

Punkt 4: Dieses Buch beschreibt mein Lebensgefühl. Ich kann darin über mein eigenes Herumwursteln, meine eigenen Sorgen, meinen täglichen Stress lesen. Dafür muss ich doch nicht lesen, das kriege ich ja täglich frei Haus geliefert! Das Buch lässt dieses Chaos zudem auch noch in einem milden, gnädigen Licht strahlen. Wer Ratgeber liest, will doch knallharte Lösungsansätze. Neue Strategien. Komplett andere Welten (auch wenn sich diese erfahrungsgemäss kaum adaptieren lassen). Einen Anreiz, das Leben um 180° zu ändern und dem eigenen Schweinehund endlich den Hals umzudrehen. Das Buch liefert nichts davon. Schwach. Es ist eher wie eine weiche Kaschmirdecke, welche sich freundlich, warm und tröstend um die Schultern schmiegt und so Zuversicht und neuen Mut spendet. Als wäre das Leben ein Ponyhof. Und das kann doch nicht sein. Oder etwas doch? Aber das wäre ja noch schöner!

Punkt 5: Seit dieser Lektüre quillt mein Herz über vor Liebe für meine Kinder und unser Sein als Familie. Wie ich den ganzen Quatsch drumherum auf die Reihe kriegen soll, ist mir indes ein Rätsel. Wenn schon Ratgeber, dann aber bitte richtig! Inkl. „Wie schaffe ich es, endlich rechtzeitig zu Bett zu gehen?“ und „Was tun, wenn der Hund sich wieder mal nur von Katzenscheisse ernähren möchte?“ Schliesslich will ich gerettet werden. Komplett und ohne Wenn und Aber. Bitte auch ohne eigenes Nachdenken.

Punkt 6: Dieses Buch mit seinen Gedanken geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Seit der Lektüre leuchtet mein Nordstern richtig hell (soll gut sein für die Orientierung). Penetrant hell. Schmerzhaft hell. Zwischenzeitliches saloppes Südsteuern zu Bikiniatollen und seichten Gewässern ist kaum mehr möglich. Dabei wollte ich doch noch Eis essen gehen…

Punkt 7: Das Buch kann nicht sinnvoll verstaut werden: Es taugt nicht richtig als Erziehungsratgeber, dafür ist es zu frei geschrieben, zu persönlich. Es ist auch kein Roman, obwohl es zahlreiche Geschichten enthält. Als Stütze für den wackelnden Tisch ist es zu dick, als Blumenpresse zu dünn. Es ist zu schön für den Badewannenrand und aufgrund zahlreicher von mir selbst während des Lesens angebrachter Markierungen, Ausrufe-Post-it’s und hineingekritzelter Randbemerkungen dennoch nicht mehr zum Verschenken geeignet. Sowieso will ich es ständig griffbereit in der Nähe haben. Es wird also bis ans Ende meiner Tage ständig irgendwo im Weg herumliegen. Furchtbar.

Wer also noch Lesestoff sucht für die nächsten Wochen (oder Stunden, Siehe Punkt 1), der besorge sich doch „slow family, Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern“ von Julia Dibbern und Nicola Schmidt. Beschwert Euch dann aber nicht bei mir, wenn Ihr plötzlich zwischen Eisbären und Seelöwen segelt. Oder Euch beim seligen Barfusslaufen durch den ersten Schnee ertappt. Oder den Schwimmunterricht Schwimmunterricht sein lasst und stattdessen mit Euren Kindern durch Nachbars Garten robbt. Oder mit Wölfen tanzt resp. – unseren Verhältnissen angepasst – mit Fliegen spricht. Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt.

*Wie immer gibt es hier keine bezahlte Werbung. Der Text ist ohne das Wissen der Autorinnen oder des Verlages entstanden. Ich berichte, was ich möchte. Völlig frei und ohne persönlichen Vorteil oder irgendwelche Verpflichtung.

Nebel lichtet sich

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Eigentlich weiss ich es ja: Es gibt nichts Besseres, als mit Kindern das Haus zu verlassen und in die Natur zu gehen. Keine Streitereien, keine Langeweile, kein einander-auf-den-Füssen-rumstehen.

Die letzte Woche hatte ich das aber irgendwie vergessen. Es war mir zu unfreundlich draussen, die Kinder wollten immer bloss auf asphaltierten Wegen radfahren (laaaaaangweilig!) und ich hatte zu wenig Energie, dem etwas entgegenzusetzen. Resultat: Kurze Runden und dann umso länger üble Stimmung zuhause.

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Heute dann raffte ich mich endlich auf und wir erlebten grandiosen Nebel mit einzelnen Sonnenstrahlen. Wunderbar. Zauberhafte Momente. Erholung pur. Freude und Harmonie.

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Die Zaunkönigin entdeckte Federn. Reste einer Drossel, eines Eichelhähers? Für den Frischling wars eindeutig: Archaeopteryx natürlich. Was sonst? Später fand er dann auch noch ein „E“ auf dem Waldboden und war begeistert von unserem heutigen Entdeckerglück.

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Ach, wie ich sie liebe, diese lichten Nebelstimmungen im Herbst. Und wie die Bäume, Tiere und Menschen aus dem Nebel auftauchen, so gewinnen auch meine Überlegungen und Pläne an Kontur. Plötzlich fügt sich so vieles zusammen und wird sichtbar. Alles ist schon immer da gewesen, doch irgendwie habe ich es nicht sehen können. Jetzt zeigt sich alles, zwar noch etwas scheu, aber ganz deutlich im zarten Licht klarer Gedanken. Doch dazu ein andermal mehr.

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Herbsteln

Ich weiss gar nicht, was ich so anstelle all die Tage. Ich bin immer an etwas dran. Da ein bisschen aufräumen und sortieren, dort ein bisschen Geschichten erzählen und tiefschürfenden Überlegungen eines Vierjährigen lauschen. Toilettengänge begleiten und Wäscheberge in der Bewegung des ewigen Kreislaufs eines Haushaltes halten. Solche Dinge halt. Nichts Aussergewöhnliches. Seit langer Zeit fühlt sich das Ganze aber nicht pausenlos hektisch an, sondern wohltuend überschaubar. Geordnete Bahnen. Fast schon langweilig. Ein seltener und deshalb sehr wohltuender Zustand für mich.

Wer jetzt glaubt, dabei gehe es in Richtung Perfektion, irrt. Vielmehr geniesse ich die wunderbaren Herbsttage. Feuer anzünden und in die Herbstsonne blinzeln, kleine Strickprojekte wagen, abends endlich wieder mal eine Fernsehserie gucken, Treffen mit Freunden realisieren, diese Dinge sind mir definitiv wichtiger als geputzte Fenster und vernichtete Staubmäuse. Hach, Ferien zuhause sind einfach schön.

der letzte Gang

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Triggerwarnung: Dieser Text beschreibt detailliert die Schlachtung von drei Schafen. 

 

Das Schlimmste sind die Tage davor. Dieses Countdown-Zählen. Etwas zu wissen, wovon sie keine Ahnung haben. Ich schäme mich. Fühle mich als Verräter.

Als der Tag da ist, gehts mir nicht gut. Aber ich verbiete mir Schwäche. Ihnen zuliebe. Ich funktioniere. Gehe Schritt für Schritt ruhig und zielgerichtet vor. Stelle morgens schon mal das mobile Gatterstück in den Stall, ich werde es mittags brauchen, um die drei Tiere eng stellen zu können. Dann darf nämlich keine Hektik durch ungewohnte Tätigkeiten aufkommen.

Als Saba dann dennoch misstrauisch reagiert, als ich, nach einer grosszügigen Handvoll Getreidefutter im Trog zur Ablenkung, den Zugang zur Weide versperre, und sie mich in Folge davon beinahe über den Haufen rennt, bricht mir der Schweiss aus. Bitte bitte bitte, jetzt kein Drama, kein Durchbrennen, kein Gatterüberspringen und ähnliches. Die Verlockung des Futters ist aber dann doch stärker. Ich kann die drei Schafe problemlos eng stellen, was sie ja grundsätzlich sehr mögen.

Ein Hoch auf unseren Freundeskreis! Weil wir keinen eigenen Tiertransporter besitzen und uns kein Schafhalter seinen Wagen ausleiht (zu Recht, unsere Tiere sind ja mit der hochansteckenden Moderhinke infiziert), fand sich die nahezu perfekte Lösung in Form eines Anhängers, welcher normalerweise für anfallendes Sägemehl einer Zimmerei benutzt wird. Der befreundete Zimmermann agiert zudem als Chauffeur und furchtloser Begleiter der Unternehmung.

Schon beim Verladen kommt uns seine Anwesenheit zugute. Zu zweit drei Schafe zu bewegen, und sind es auch nur einige Meter vom Stall zum Transporter, ist ungefähr so kompliziert wie die Geschichte mit dem Wolf, dem Schaf und dem Salatkopf auf der Fähre. Das haben wir beim Schafescheren mehr als einmal erlebt. Ein Schaf kann einfach nicht alleine sein. Unmöglich.

So betreten wir also zu dritt den Stall, der Zimmermann, der Gefährte und ich, während uns die drei Grazien, etwas misstrauisch, aber ganz ruhig, nicht aus den Augen lassen. Da sie schon eng stehen, muss nur einfach jeder von uns ein Schaf ruhig am Halsband fassen, und schon verlässt eine kleine, durchaus friedliche Prozession den Stall. Eine weitere Handvoll Getreide erleichtert den Einstieg in den Anhänger. Alles geht so rund und schnell von sich, dass wir es kaum glauben können.

Die nötigen Papiere sind eingesteckt, den Weg ins kleine Schlachthaus haben wir tags zuvor sicherheitshalber bereits einmal abgefahren. Der Gefährte kann es aber nicht lassen, mir während der Fahrt gut zuzureden. Er erklärt mir nochmals Dinge, die keiner Erklärung bedürfen. Seine gut gemeinten Worte kratzen empfindlich an meiner Selbstbeherrschung. Mir zittert wohl ein wenig das Kinn, und beinahe heule ich los. Barsch weise ich einen Gesprächsthemenwechsel an. Die Fahrt dauert rund 10 Minuten. Das kleine Schlachthaus liegt verlassen zwischen Feldern und Wald an einer Überlandstrasse. Dann und wann ein vorbeifahrendes Auto, ansonsten pure Idylle. Wir sind als Erste da und öffnen den Deckel des Anhängers einen schmalen Spalt breit. Die Schafe sind aufmerksam, aber neugierig. Von Angst oder gar Panik keine Spur. Saba stellt sich natürlich gleich auf die Hinterbeine und verschafft sich durch den Spalt einen kleinen Überblick. Unsere Wächterin und Beschützerin der kleinen Herde. Wer sonst. Wir warten im Spätsommerlicht, schwatzen über Nichtigkeiten.

Nach einigen Minuten trifft der Metzger ein. Er öffnet die grossen Schiebetüren des hohen, gekachelten Raumes, lässt einen Metallbalken von der Decke herunter, an welchen er drei grosse Metallhaken hängt. Jetzt trägt er eine grosse, weisse Plastikschürze und Gummistiefel, hantiert mit kleinerem Gerät, schleift Messer, spritzt den Boden mit einem Wasserschlauch gründlich ab. Seine Ruhe und Konzentration beruhigt mich. Jeder seiner Handgriffe sitzt. Da arbeitet ein Profi. Die letzte Nervosität und Unsicherheit, welche noch in mir herumgeflattert ist, verschwindet.

Auftritt Tierarzt. Lebendschau. Der Geländewagen mit vollbepacktem Kofferraum parkiert schwungvoll, der Tierarzt stellt sich auf die Radkappe des Anhängers und guckt ins Innere. Drei Schafe, lebendig, ok. Tierarzt ab.

„Jetzt könnt ihr sie bringen, nacheinander.“ Mehr Anweisung braucht es nicht. Ich schlüpfe in den Transporter. Saba steht zuvorderst. Ich reiche den Strick, der an ihrem Halsband befestigt ist, nach draussen, in die Hand des Gefährten. Er zieht ein bisschen, ich schiebe. Sie steigt problemlos aus, der Zimmermann spielt den Türwächter und verschliesst die Luke sofort wieder. Ich stehe im Dämmerlicht, die Hände an Sirahs und Karambas Halsbändern, während ich ihre Hälse mit jeweils einem Finger kraule.

Schon öffnet sich die Luke wieder, ich schiebe Sirah, die liebe, verschmuste, verfressene Sirah, etwas nach vorne. Der Gefährte übernimmt sie, und schon ist sie weg. Karambas Kopf halte ich nun in beiden Händen, ich kraule sie hinter ihren unsagbar schönen Ohren, beuge mich hinunter zu ihr, die mir lange Zeit die Liebste der Dreien war, und atme noch einmal den wunderbaren Geruch ihres Schafkopfes ein. Einige Flüsterworte. Dann wird es wieder hell, der Gefährte übernimmt Karamba, ich steige direkt hinter den beiden aus dem Transporter, blinzle ins Licht. Karamba braucht nur 3, vielleicht 4 Meter zu gehen, doch sie  zögert kurz. Vor ihr, auf dem Boden des Schlachthauses, liegen zwei grosse, braune Körper. Was weiss ich von Schafen, aber ich glaube nicht, dass sie versteht. Ich selbst verstehe es ja nicht einmal richtig in diesem Moment. Bereits übergibt sie der Gefährte dem Metzger. Schnell und ruhig setzt dieser den Schlachtschussapparat an. Und schon fällt sie.

Den drei Grazien werden Seile an jeweils einem Hinterlauf befestigt, diese wiederum an die vorbereiteten Haken gehängt, und dann wird der Balken hochgefahren. Es folgt der Kehlschnitt und die Tiere bluten aus. Wir entfernen die Halsbänder, und während der Gefährte sie unterm Wasserhahn sauber spült, trennt der Metzger den drei Tieren die Köpfe ab und beginnt anschliessend in friemeliger Arbeit, dem ersten Tier, beginnend am Hinterlauf, das Fell abzuziehen.

Wir verabschieden uns. Es ist keine halbe Stunde seit unserer Ankunft vergangen.

Ich bin alles: Aufgewühlt, beruhigt, erleichtert, dankbar, traurig, betroffen. Voller Gedanken und Gefühle und gleichzeitig furchtbar leer.

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(Für alle, welche hier noch nicht so lange mitlesen: Wir haben während beinahe zwei Jahren erfolglos versucht, die Moderhinke, eine äusserst schmerzhafte und ansteckende Klauenkrankheit, bei unseren Schafen auszumerzen. Weitere ungünstige Faktoren haben den Entschluss reifen lassen, uns von den Tieren zu trennen. Da verständlicherweise kein Schafhalter „Moderhinke-Schafe“ in seine Herde aufnehmen möchte und eine externe Moderhinke-Sanierung ungemein kompliziert und kostspielig gewesen wäre, entschieden wir uns schliesslich schweren Herzens und nach langem Hin und Her für die Schlachtung.)

 

ein perfekter Spielplatz

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„Und wir spielten und spielten und spielten, so daß es das reine Wunder ist, daß wir uns nicht totgespielt haben.“ (Astrid Lindgren)

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1 Das Piratenschiff gerät in Sturm, wird beinahe von einem Blauwal gerammt und ankert schliesslich vor einer Schatzinsel.

2 Das Wasserspiel erfrischt, ermöglicht Mutproben und zahlreiche Experimente.

3 Städte werden gebaut und zerstört, Kuchen gebacken und Saurierspuren studiert.

4 Der Frischling fliegt seinen Gleitschirm durch atemberaubende Wolkengebilde.

5 Expeditionen ins Tierreich finden statt.

6 Eine Wolfsfalle wird gegraben.

7 Die Zaunkönigin ernährt sich von der Hand in den Mund.

8 Die Zwergenwohnung wird mit einer neuen Radioantenne ausgestattet.

9 Beim gemeinsamen Singen und Kuscheln schöpfen alle neue Kraft für weitere Abenteuer.

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Na, ein bisschen neidisch geworden?

Für diesen Spass wird benötigt:
-eine Hängematte (1+4+9)
-ein Wasseranschluss mit Gartenschlauch und Brause, zudem einige Emaille- und Plastikbecken, Tassen und Schälchen (2+3)
-ein kleiner Sandkasten (3)
-ein bisschen Platz und Natur (Blätter, Erde, Stöckern,…) (2+5+6+8)
-ein Johannisbeer- und ein Himbeerstrauch (7)

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Rutschen und Trampolins, Pools und Klettertürme, das alles ist gut und recht. Nötig ist es aber nicht. Ein bisschen Gelassenheit und Grosszügigkeit (naja, so ne ausgehobene Grube im Rasen als Wolfsfalle will mit Fassung getragen werden) genügt, um Kinder sehr glücklich zu machen. Es ist mir klar, dass auch die genannten Dinge nicht überall realisierbar sind. Aber ich möchte ermutigen zur Einfachheit. In materieller Hinsicht brauchen Kinder meist viel weniger, als uns oft weisgemacht wird.

Und wie verbringt ihr diese schönen Sommertage?

über den Horizont

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Weil der Morgen so schön war, dass ich dazu gar nichts sagen mag, beantworte ich hier jetzt einfach gerne die Fragen von Michaela.

1. Du hast in deinem Garten genau einen einzigen Platz für einen Baum. Welchen suchst du dir aus? Ein Holunderbaum dürfte nicht fehlen. Sein tiefer Symbolgehalt fasziniert und berührt mich, zugleich wäre er mir Blüten- und Beerenspender für zahlreiche Köstlichkeiten. Notabene, hier steht ja tatsächlich einer. Eigenhändig gepflanzt.

2. Der Titel deiner Autobiographie könnte lauten…? Aller Farben schwarzer Faden

3. Es ist einer dieser fiesen Tage, an denen nix hinhaut – wie kannst du dich selbst aufheitern? Aus Erfahrung kann ich sagen: Schlichte Spaziergänge durch Feld und Wald helfen immer.

4. Umgekehrt (Aufheiterung für andere): ein Lieblingswitz vielleicht? Mein Lieblingswitz, der leider nur auf Schweizerdeutsch funktioniert (in Erinnerung an David):

Was haben ein Casino und eine Pizza gemeinsam?
: Im Casino häts Automate und uf de Pizza häts au Tomate.
(…hats auch Tomaten.)

Umgekehrt lässt er sich auch erzählen, ich kann mich nicht entscheiden, welche Variante besser ist:

Was haben eine Pizza und ein Casino gemeinsam?
: Uf de Pizza häts Tomate und im Casino häts Automate.

5. Du darfst dich in der Kiste der Superkräfte bedienen – welche wählst du? Weil ich es so grandios fand, zitiere ich hier, selbst ganz ideenlos, Patricia Cammarata, welche diese Frage mal (im Podcast „der Weisheit“) beantwortet hat mit: „aus den Ohren bluten können, wenn jemand furchtbar dummes Zeug erzählt.“ DAS würde mir auch gefallen.

6. Eines der schönsten Liebeslieder ever ist…? Die schönsten Liebeslieder sind wohl jene, welche die melancholischen, traurigen Facetten des Liebeskummers besingen. Für mich jedenfalls. Mit einer Ausnahme:

Vom relativ unbekannten Schweizer Volkslied „Mis Büeli geit über Sapünersteg“ gibt es eine wunderschöne melancholische Version nur mit Frauenstimme und Akkordeon (keine Ahnung von wem). Gänsehaut pur. Leider habe ich sie im Netz nirgendwo gefunden. Alles andere (interpretiert von Chören, Liedermachern etc.) gefällt mir nicht. Deshalb kein Link. Leider.

Lying to you, von Keaton Henson

Lass uns ein Wunder sein, von Ton Steine Scherben

Patent Ochsner darf hier keinesfalls fehlen:
Scharlachrot
Wysses Papier
Niemer im Nüt
Novämber
Grossbrand
Ach, wie oft hab’ ich geheult zu diesen PO-Liedern und meine Liebeskummerwunden geleckt… Bin ich froh, bin ich nicht mehr zwanzigjährig…

7. Woran hast du gemerkt, dass du verliebt bist? Rückblickend: Daran, dass ich den Menschen gezeichnet habe. Damals waren Herz und Hand schneller als der Verstand.

8. Stell dir vor: Du stehst vor einem allwissenden Orakel. Welche Frage stellst du? „Wo bitte ist hier der Lichtschalter?“ Oder so.

9. Gibt es etwas, das dir heilig ist? Wenn ja, was? Die Freiheit zu denken. Die Freiheit zu glauben. Die Freiheit zu lieben.

10. Was ist stärker: Liebeskummer oder Liebe? Ist nicht Liebeskummer eine der grössten Triebfedern für die Kunst (Siehe Punkt 6)? Dennoch tendiere ich zur Liebe. Ihre stille, demütige Kraft, die sich im Alltag immer wieder bewähren muss und ungeahnte Transformationen ermöglicht und erfordert, beinhaltet soviel mehr Entwicklungspotenzial als die lodernde Dramatik des Liebeskummers. Ja, je länger ich darüber nachdenke: unbedingt: die Liebe.

Danke liebe Michaela für die vielen schönen und starken Erinnerungen, welche ich beim Schreiben geniessen durfte.

Elfenzeug und Luciferin

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Zig Anläufe habe ich gemacht für diesen Post über den Hochzeitsflug der Glühwürmchen. Elend gescheitert bin ich. Wenn ich vom Zauber schrieb, vom Gefunkel der tausenden kleinen Sterne auf und über dem Waldboden, welche mich an Szenen aus Fantasyfilmen erinnerte, driftete alles in kitschige Süsse ab. Lothlorien, Drescher, Kreidolf,… meine liebe Freundin D. würde den Kopf schütteln. Wenn ich näher bei den biologischen Tatsachen blieb, der rührenden Suche der fliegenden Insektenmännchen nach den wartenden Weibchen, fehlte hingegen das Staunen und die Verzauberung, welche ich vor zwei Wochen beim Einnachten auf dem Waldfriedhof (insofern besonders, als dass das Leuchten der Glühwürmchen laut Wikipedia oft als Symbol für die Unsterblichkeit der Seelen verwendet wird) in Schaffhausen erleben durfte.

Es war wunder- wunderschön. Einer dieser Momente in einem Leben, welche man sich ganz fest im Herzen und im Gedächtnis einschliesst und nie mehr vergessen wird. Wo sich alle Fragen und Sorgen und Pläne in Luft auflösen und nur noch der Augenblick zählt.

Hier gibts ein Filmchen davon zu sehen.

Ganz unverhofft kam ich zu diesem Glück. Eine Bekannte rief mich an, ob ich mitkommen möge, in zwei Stunden (notabene um 21 Uhr) müssten wir los. Ich, unspontan wie ich manchmal bin, war versucht abzulehnen. Tat es nicht und erlebte dieses grossartige, berührende Naturschauspiel.

Beim Nachhausefahren dann erzählten wir uns in einer Selbstverständlichkeit persönlichste Dinge aus unseren Leben, was mich rückblickend fast genauso berührt wie die Glühwürmchen selbst. Unaufgeregt, zugewandt und sehr vertrauensvoll. Ich kann es mir nicht anders erklären, als dass wir durch das stille Spazieren durch das flimmernde, glitzernde Dunkel ein bisschen verzaubert wurden. In den Stunden danach an die Schönheit und Demut glaubten, unsere eigenen Probleme nicht mehr ganz so schwer nahmen und sie zuversichtlich ein bisschen „leuchten“ liessen, statt sie verschämt zu verstecken. Wir hatten uns so viel zu erzählen, dass wir nach der Fahrt noch eine Bar aufsuchen mussten, um unsere Geschichten wenigstens halbwegs zu Ende erzählen zu können.

Und so ist innerhalb weniger Stunden aus einer Bekannten eine Freundin geworden. Ich sags euch: Elfenzauber. Biologie hin oder her.

Hier noch ein etwas ausführlicheres Filmchen (schweizerdeutsch).