Abschied und Willkommen

Die letzten Herbsttage überraschten noch einmal mit Süsse.

Jetzt bläst der Wind ums Haus, Regen prasselt an die Fenster.
Wir zünden Lichter und Feuer an.
Und sind bereit für den Winter.

Da ich gerade sehr viel lesen, denken, arbeiten, geniessen, zeichnen, spielen, nähen und diskutieren möchte, räume ich meinen Streifzügen durchs Netz weniger Zeit ein. Mehr machen, weniger gucken. Das beglückt mich im Moment sehr. Und bleibt wohl noch ein Weilchen so. Habt es fein.

Dona, dona

Nachdem das Lamm Agatha letzte Woche rund 10 Tage vor ihrem Schlachttermin verendet ist, hat unsere Schaffreude einen neuen Tiefstand erreicht.

Fünf Lämmer wurden im Mai geboren, drei davon haben wir verloren, wovon zwei bereits mit Gendefekt (Schiefhals) geboren wurden. Das hübsche Aueli Andrina und das Böckchen Vaclav gedeihen, oben auf dem Bild beäugen sie neugierig die Klauenpflegematte. Der Bock wird in einer Woche geschlachtet, denn bald würde er geschlechtsreif und damit ein Inzucht-Risiko für seine Mutter, seine Tante und seine Halbschwester.

Seit ihren Flitterwochen beim Bock plagen die Schafe Klauenprobleme. Immer wieder hinken die Tiere, ganze Hornpartien an ihren Klauen lösen sich ab und die Ballen nässen und stinken, verfaulen richtiggehend. Moderhinke ist eine gefürchtete Krankheit, da sie für die Tiere sehr schmerzhaft und kaum auszurotten ist, wenn das Bakterium einmal in eine Herde eingeschleppt wurde. Zudem zeigt die Obduktion von Agatha (ihr Schiefhals macht sie nach ihrem Tod wenigstens noch für die Forschung interessant) Anzeichen, dass sie trotz durchgeführter Wurmbehandlung an starkem Wurmbefall gelitten hat. Beides kann man behandeln. Kotproben können eingeschickt, die Parasiten genau bestimmt und entsprechend bekämpft werden. Moderhinke ist mit regelmässiger Klauenpflege und Klauenbädern vielleicht in den Griff zu bekommen. Wir haben es während eines halben Jahres versucht, nicht geschafft und fragen uns langsam, ob es nicht fairer wäre, die Tiere zu schlachten. Es wäre der einfachste und sicherste Weg, die Moderhinke loszuwerden.

Es ist anstrengend, aber auch schön, die Tiere täglich „standardmässig“ zu versorgen. Wasserkessel schleppen, etwas Heu und Kraftfutter verabreichen, ausmisten,… und alles mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau, das geht. Auch das regelmässige Umzäunen der Weideflächen mit unseren Elektrozäunen will gut geplant sein, ist aber machbar. Die Klauenpflege hingegen bringt uns an unsere Grenzen (Verbandwechsel z.B. alle zwei Tage). Es reicht nicht, dass der Gefährte und ich (wir machen das immer zu zweit, andere sind da routinierter) tagsüber gemeinsam eine Stunde zuhause sind (nachts fehlt das nötige Licht), wir brauchen auch jedesmal noch jemanden, der während dieser Zeit auf unser Mädchen achtet. So hetzen wir eigentlich immer in den Stall, sind doch meistens gefühlsmässig zu spät und haben schon lange keine Zeit mehr für die schönen Momente, welche ein Leben mit Tieren mit sich bringt. Es ist extrem frustrierend, ein erneut hinkendes Schaf bemerken und erst die Agenda zücken zu müssen um festzustellen, dass man das Tier frühestens in vier Tagen genauer untersuchen kann.

Wie weiter? Andrina können wir nicht als viertes Schaf behalten, vor allem nicht in der jetzigen Situation. Verkaufen oder schlachten? Ein Verkauf aus einer Moderhinke-Herde ist unrealistisch, auch wäre das Fleisch wenigstens ein kleines bisschen Lohn für die ganze zermürbende Arbeit der letzten Monate. Meine liebe Andrina, du Hündchen-Schaf, du Knuddel-Gurke… Ich tue mich schwer mit dieser Option.

Den Gedanken zuzulassen, dass wir auch die drei Grazien schlachten und damit ganz viele Probleme auf einen Schlag lösen könnten, beschert mir Unbehagen. Ich schuf mir nie leichtfertig Tiere an, auch nicht diese Schafe. Dass sie sterben müssten, weil wir eine zufriedenstellende Haltung bei allen Bemühungen nicht auf die Reihe kriegen, will mir nicht in den Kopf. Aber kaufen will die niemand, soviel ist sicher. Und wenn wir die Moderhinke tatsächlich niederringen könnten, so blieben zwei der drei Tiere Trägerinnen des Schiefhals-Defekts. Keine gute Basis für unsere kleine Zuchtgruppe.

Was ist schlimmer für ein Schaf: Krank zu leben oder früher als geplant (irgendwann wäre das ja sowieso ein Thema geworden) geschlachtet zu werden?

Die ganzen Erfahrungen mit den Lämmern haben uns etwas gelehrt: Es nützt nichts, den Tatsachen nicht ins Auge blicken zu wollen. Unsere Bemühungen bei den Lämmern waren für die Katz‘. Zu hundert Prozent. Soll dies jetzt für alle weiteren Fragen im Bereich „Leben mit Schafen“ gelten?

Ich muss jetzt alle Fakten, Überlegungen und Gefühle mal ein bisschen wiederkäuen. Hilft immer.

Und hier gibts noch ein paar passende Töne dazu. Schön und traurig. (Ja, natürlich: Kalb. Ist aber egal.)

Silber wird Gold

Der kleine Räucherkasten wird mir fast schon nachgeschmissen auf dem Flohmarkt. Neugierig schreite ich zur Tat. 

Die Forellen beize ich während rund zwölf Stunden in Salzwasser. Danach gebe ich das Buchenholz-Räuchermehl (ein Blick auf die Verpackung verrät es; hier haben wir es mit einer echten Antiquität zu tun!) zusammen mit den Fischen in den Kasten. Von unten wird Hitze zugefügt, im Innern entsteht Rauch. Nach knapp einer Stunde sind die beiden Fische geräuchert.

Goldene Forellen, Bratkartoffeln, Salat und etwas Wein. Was für ein Genuss. Trotzdem
Unbezahlbar auch die beim Hantieren und Riechen aufsteigenden Kindheitserinnerungen.

schönes Scheitern

Wir geniessen die grossen Ferien. Endlich haben wir die Zeit, uns richtig dem Hof zu widmen.

Das Formalinbad und das neue Stallkonzept (Tiefstreu nur noch in der „Ruheecke“, ansonsten täglich gereinigte Betonplatten) haben sich bewährt. Bis auf Vaclav sind alle Schafe gut zu Fuss unterwegs. Er kriegt ein zweites Klauenbad. 

Aloisia ist vor rund zwei Wochen gestorben. Als ich sie hingesetzt habe, um ihr die Klauen zu schneiden, ist sie bewusstlos geworden. Zwar hat sie sich danach wieder etwas erholt, jedoch noch eine Stunde später sehr schwer geatmet. Wir haben beschlossen, es zu beenden. Als wir sie dann kurze Zeit später von der Weide holen wollten, war sie jedoch bereits tot. 
Da sie ja den Schiefhals-Defekt aufwies, übergaben wir sie zu Forschungszwecken den Tierärztinnen vom Genetik-Institut, welche bereits zuvor schon von allen involvierten Tieren Blutproben genommen hatten. CT, MRI und anatomische Untersuchung ergaben, dass das Lamm zusätzlich zum schiefen Hals und der mangelhaft ausgebildeten Muskulatur der „Schluck-Mechanik“ eine nicht voll funktionsfähige Lunge und einen Herzfehler (Ductus botalli persistens) hatte. Auch waren die Lymphknoten blutig verfärbt und im Herzbeutel befand sich Flüssigkeit. Es erstaunt nicht mehr, dass das Lamm so kümmerte, vielmehr ist es erstaunlich, dass es so lange gelebt hat. Und da wir ja da massgeblich unsere Finger mit im Spiel hatten, müssen wir uns die Frage stellen, ob es nicht vielleicht sogar zu lange gelebt hat.
Es ist schön, jetzt den Stall zu betreten und drei freundlichen Auen und ihren gedeihenden Lämmern zu begegnen. Der Anblick der kleinen Aloisia, welche jeweils nur in der dunkelsten, feuchtesten Ecke geduldet wurde und dort alleine lag, während die anderen sich zusammenkuschelten, war schwer auszuhalten. Auch ihr Schreien und die Versuche, uns nachzusteigen, wenn wir den Stall verliessen, tat mir im Herz weh. Die natürliche Ordnung ist wieder hergestellt. Und wir sind ernüchtert, erfahrener und um einiges gereifter.
Die Henne und ihr Küken hat einen aufgerüsteten Auslauf bekommen. Ein hoher Zaun, kombiniert mit dem bisherigen Elektrozaun, soll den Fuchs abhalten, das blaue Netz die Feinde aus der Luft. Ästhetisch ist anders. Und Alcatraz-Verhältnisse mag ich grundsätzlich nicht. Aber für den Moment ist dies die beste Lösung.
Schulschluss, Fuchs und Stress im Stall. Dazu zwei Kleinkinder, welche mich ganz schön auf Trab hielten und halten. Da blieb keine Zeit mehr für den Garten. Zwar hatten wir auch dieses Jahr wieder einiges gepflanzt. Aber ohne Pflege kam es, wie es kommen musste. Der Garten ist kaum mehr als solcher zu erkennen, das Blumenbeet verdient seinen Namen nicht mehr und auch unser Eingangsbereich sieht alles andere als einladend aus.

Nach radikalem Ausjäten von drei Beeten (zwei weitere warten noch) findet sich doch noch das eine und andere Gemüse. In die freien Stellen habe ich jetzt zweckoptimistisch Buschbohnen, Spinat, Kamille und Staudensalbei gesät. Und schaut selbst. Wenn man gewillt ist, findet man sie überall, die Schönheit der Natur, die Kraft des Wachsens und Werdens, die Leichtigkeit der zahlreichen Gäste.

Und auch wenn es manchmal fast zum Verzweifeln ist, all diese Arbeit und dieses Hinterherhinken, so weiss ich doch auch, dass hier eigentlich alles rund läuft und ich unendlich dankbar für alles bin. Immer und immer wieder sind meine Gedanken bei all jenen, welche wirkliche Tragödien und Schicksalsschläge erleben und bewältigen müssen diese Tage.

Hinter die Kulissen

Die Bühne:

Zufrieden wiederkäuende Schafe und zauberhafte Lämmer (Andrina wird tatsächlich mit jedem Tag hübscher) komplettieren das Bild unserer kleinen Farm. Romantik pur.

Backstage:

Wir kämpfen um Aloisia. Schon zweimal hat eine Labmagenblähung das Leben unseres kleinsten Lammes gefährlich bedroht. Viturins schrecklicher Tod sitzt uns noch in den Knochen, wir hoffen sehr, dass wir Aloisia, unser zweites Flaschenlamm, nicht auch noch auf diese Art und Weise verlieren werden. Das Bild ist tatsächlich ein Schnappschuss aus unserer Küche, nachts um ein Uhr wohlgemerkt, nachdem ich in der Tierklinik Notfallmittel abholen konnte: Kamillentee, Medikamente, Waage, Pulvermilch. Normal und gesund ist das alles schon lange nicht mehr. Handeln wir noch ethisch? Dienen wir dem Tier? Die Theorie ist immer so einfach.

Seit die Grazien beim Bock weilten, plagen sie Klauenprobleme. Vermutlich haben sie dort einen fiesen Erreger aufgelesen, der ihnen zu schaffen macht. Die feuchten Bodenverhältnisse bei uns im Stall verschlimmern alles zusätzlich. Saba hinkt ganz schlimm, auch Karamba entlastet leicht. Heute erfolgte deshalb die Grossoffensive: Formalinbad für alle! Klauen reinigen, schneiden, dann Klauenbad während jeweils 10 Minuten (Bild) und danach Einwirkzeit von einer Stunde. Zack – und ein freier Nachmittag ist vorbei und ich bin fix und fertig. Wenns nützt, solls mir recht sein.

Und ja, so deppert sehe ich bisweilen aus. Jawohl, ich trage Atemschutzmaske, Schutzbrille und das „Übergwändli“ unseres Vormieters (gefunden einst im Heizungsraum, also das Übergwändli, nicht der Vormieter!). Formaldehyd ist ätzend und giftig, und Schafe haben die Angewohnheit, plötzlich wilde Ausbrechversuche zu starten. Die Harmonie trügt.

Landlust und Landfrust liegen sehr nahe beieinander diese Tage.