Huhn und Ei

Vor einem Jahr brütete unsere Sussex-Henne ein Küken aus. Das war ihr Glück, denn genau in jener Zeit wurden ihre beiden Kolleginnen und der Hahn an einem Junimittag von einem jungen Fuchs getötet.

Jetzt brütet sie wieder. Gemeinsam mit ihrer Tochter. Die Bruteier haben wir am Prospecierara-Markt gekauft. Geplant und gewünscht ist der Schlupf von Schweizerhühnern. Die Geflügelzüchter waren aber mit ihren zahlreichen Eierkartons hinter dem Verkaufsstand ziemlich überfordert. Mehr noch, es herrschte ein veritables Chaos. Es würde mich nicht wundern, wenn hier in zwei Wochen Enten oder Gänse aus den Eiern schlüpfen.

Jeder Henne haben wir am vergangenen Sonntag sieben Eier untergeschoben. Heute waren im Nest der alten Henne nur noch zwei Eier unversehrt. Der Rest war verschwunden oder lag zerschlagen in und vor dem Hühnerstall. Der Bauch der Henne ist noch immer mit  Eigelb verklebt, und sie ist sehr unruhig. Was ist geschehen? Ich weiss es nicht, putze das Nest, platziere die verbliebenen Eier, schmeisse die Reste in den Wald und verbiete mir dann weiteres Grübeln. Kann man nur mit einer guten Portion Pragmatismus und Bodenständigkeit mit Tieren zusammenleben? Nach den Erlebnissen des letzten Sommers akzeptiere ich den Lauf der Dinge in den Ställen einfach. Wenigstens habe ich mir das fest vorgenommen. In Gedanken stimme ich den Notizen vom Landlebenblog zu.

Und jetzt: Wünscht uns Glück. Eigentlich möchten wir unseren Bestand um zwei Hennen und einen Hahn aufstocken. Neun Eier werden noch bebrütet. Es besteht also Grund zur Hoffnung.

Leitwölfe {Alpha}


zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 

Aus aktuellem Anlass ist mal wieder Zeit für ein Alpha-Post. Jesper Juul hat diese Tage sein neues Buch mit dem Titel „Leitwölfe“ veröffentlicht. Es soll sich um ein Plädoyer für mehr Führungsqualitäten von Eltern handeln. Vorweg: Ich habe das Buch nicht gelesen, ich weiss nicht, was Juul aus dem Titel macht. Ich nehme jedoch nicht an, dass er unter die Wolfsforscher gegangen ist.

Der Vergleich von Eltern mit Wölfen ist mir aber lieb und vertraut. Schon lange übe ich meine Rolle als Alpha, als Elterntier. (In Wolfsrudeln sind die Alphatiere nicht brutale, machthungrige Regenten, sondern schlicht die Eltern der andern Tiere.) Nicht zuletzt haben diese Parallelen (und Unterschiede) dieser Alpha-Reihe ja ihren Namen gegeben.

Jan Fennell hat spannende Bücher über das Verstehen von Hunden veröffentlicht. Unter dem Begriff „Amichien Bonding“ beschreibt sie anschaulich, welchen Platz wir unsern Hunden zuweisen sollten. Ein Hund, der sich als Alpha-Hund, als Leittier seines Rudels versteht, hat ein anstrengendes Leben: Ständig muss er Entscheidungen treffen. Wohin führt er das Rudel? Was steht auf dem Tagesprogramm? Nähert sich Gefahr? Sind alle satt? Es ist nicht einfach, für ein Rudel verantwortlich zu sein. Viel angenehmer ist es für einen Hund, wenn er ein geliebtes, aber rangniederes Tier des Rudels sein darf. Schwierige Entscheidungen wie „Flucht?“, „Kampf?“ etc. werden ihm von den Alpahtieren (den Eltern!) abgenommen. Er kann sich an ihnen orientieren und sich komplett entspannen, da er nicht für wichtig Entscheide verantwortlich ist.

Nun passiert es aber laut Fennell oft, dass Hunden tagtäglich unzählige Male unbeabsichtigt vermittelt wird, dass sie die Rolle des Alphatieres innehaben: Wenn sie sich an die Tür stellen, gehts auf ne Hunderunde, wenn sie den Ball bringen, spielt der Mensch mit ihnen etc. (das Alphatier bestimmt den Tagesrhythmus), sie werden gefüttert, bevor die Menschen essen (das Alphatier frisst wann immer möglich genügend, damit es bei Kräften bleibt), sie werden bei jedem Wiedersehen überschwänglich begrüsst (im Wolfsrudel begrüssen die Kleinen die heimkehrenden Eltern voller Freude, nicht umgekehrt.), man zirkelt um sie rum, wenn sie so gemütlich im Flur auf dem Sonnenfleck liegen (das Alphatier geht seinen Weg, anpassen müssen sich die andern), sie stürmen als erstes aus dem Haus um Besucher zu begrüssen oder den Postboten zu verjagen (das Alphatier sichert den Familienplatz ab und entscheidet, ob sich Freund oder Feind nähert), der Hund liegt auf dem Sofa (die guten Plätze mit Aussicht müssen dem Alpha gehören, damit er die Umgebung im Auge behalten kann). Die Aufzählung liesse sich noch weiter fortführen.

Wenn Hunde nun aber über weite Strecken als Alphas behandelt werden, müssen sie Alphas sein, ob sie wollen oder nicht. So haben dann diese unfreiwillig zu Alphatieren „ernannten“ Hunde eine unangenehme Aufgabe gefasst, welche zu erfüllen sie nicht imstande sind. Die Folge: Gestresste Tiere, welche mit der Situation heillos überfordert sind. Sie können zu nervösen Kläffern werden, welche alles und jeden verbellen, sie haben Mühe, tief und entspannt zu schlafen, sie sind unter Strom, wenn sich Rudelmitglieder aus ihrem Wirkungskreis entfernen, weil sie sie dann nicht „beschützen“ können und vieles mehr.

Die „Therapie“ ist (theoretisch jedenfalls) einfach: Der Mensch verlässt als erster das Haus. Der Mensch nimmt sich seinen Raum, der Hund passt sich an („Aus dem Weg bitte.“, „Weg hier, ich möchte hier sitzen.“). Der Hund liegt nicht erhöht. Anmerkung: Nicht jeder Hund benötigt die gleiche Menge „Hinweise“. Viele Hunde bleiben absolut liebenswürdig, auch wenn man ihnen beispielsweise ein Plätzchen auf dem Sofa zugesteht. Durch diese und weitere kleine Massnahmen wird dem Hund jedoch täglich klargemacht, dass sein Platz weit unten im Rudel ist, und so kann er sich entspannen. Es ist ein menschlicher Irrtum zu meinen, dass es nicht schön sei, ein rangniederes Tier des Rudels sein zu dürfen. Das oft  im Zusammenhang mit Hunden gehörte „Er muss wissen, wer der Meister ist“, wird mit solchen Massnahmen artgerecht und liebevoll vermittelt. Es hat nichts zu tun mit brutalem „auf den Rücken legen“, schlagen oder anderer grober Behandlung, welche oft als Nachtrag zu diesem Satz genannt werden.

Und was lernen wir daraus für unsere Menschenwelpen? Anders als Hunde streben wir ja bei ihnen langfristig grösstmögliche Selbständigkeit, also Alphaqualitäten an. Sie „klein zu halten“ kann nicht im elterlichen Sinn sein. Ich für meinen Teil kann aber doch einiges adaptieren. Zum Beispiel, dass kleine Kinder nicht allzuviele Entscheidungen treffen sollten. Weil sie das einfach überfordert. Sie können noch nicht alle Eventualitäten ihres Handelns abschätzen, ihnen die Führung des Rudels anzuvertrauen wäre für alle Beteiligten eine Katastrophe.

So kann man beispielsweise fragen: „Willst du warme oder kalte Milch über deine Frühstücksflocken?“ Wenn das Kind dann meint, es möchte lieber Stullen, ist das auch ok. Es hat ohne Auswahlstress seine Vorliebe gespürt, welche zudem adäquat ist. Es wird aber schwierig, wenn ich frage, ob es Müesli (Haferflocken, Dinkelpops oder Apfel-Zimt-Knuspermüesli), Brot (mit Konfitüre, Honig oder Käse) oder ein Ei (Rührei, Spiegelei) haben möchte. Ich versuche, keine Fragen zu stellen, welche keine sind: „So, der Hund sollte raus. Gehen wir los? Kommst du bitte?“ Vielmehr ist der nächste Programmpunkt klar: „In 10 min gehen wir mit dem Hund raus. Beende bitte langsam dein Spiel.“ Das Kind darf entscheiden, ob es sein Laufrad mitnimmt oder zu Fuss kommt, was dann auch die Route ergibt (Asphaltstrasse oder Waldweg). Zähne werden geputzt, die Zahnpasta darf das Kind auswählen. Vorausschauend versuche ich, dem Kind gut zu treffende Auswahlmöglichkeiten zu geben, mit welchen ich, egal wie die Wahl ausfällt, gut leben kann.

Als Leitwölfin und Mutter bin ich verantwortlich dafür, das Leben für mein Rudel angenehm und unkompliziert zu gestalten, damit sich alle wohlfühlen können.

Zum Schluss ein schönes Zitat (gefunden hier):
Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins. (Marie von Ebner-Eschenbach)

*Das Bild stammt übrigens aus alten Tagen. Als die Schöne noch bei uns lebte und weit und breit – von Besuchskindern abgesehen –  noch keine kleinen Menschen meine Leitwolf-Kompetenzen täglich überprüften und einem Intensivtraining unterzogen.

Gedankenknospen

Dort, an der windgeschützten Stelle, wo die Sonne die Steinmauer bereits etwas aufgewärmt hat, ist es angenehm warm. Eine Mutter stillt ihr Baby, der Hund hat sich ebenfalls bei ihr niedergelassen und döst. Die Frau hat zudem nebenbei ein Auge auf die etwas grösseren Kinder, welche unter dem Haselstrauch mit kleinen Zweigen, Zapfen und Steinen ein Zwergendorf aufbauen. Die drei grossen Schulmädchen füttern derweil die Hühner und versuchen, der zahmen Henne ein Kunststück beizubringen.

Die Sonne brennt auf die Gartenbeete, wo zwei Frauen die Erde auf eine neue Saat vorbereiten. Sie wechseln dann und wann einige Worte, tauschen sich aus über dies und das. Währenddessen gehen die Männer mit Schaufeln und Hacken ans Werk, die Fläche für die neue grosse Feuerstelle will ausgeebnet werden. Ein Mann trägt sein schlafendes Enkelkind in der Traghilfe und bereitet für alle den Zvieri vor.
Wer arbeiten möchte, arbeitet. Wer sich zurückziehen will, geniesst ganz für sich allein eine stille Ecke des Gartens.
Gegen Abend wird der neue Feuerplatz eingeweiht. Heisse Kartoffeln aus der Glut, etwas Käse, Brot, Wasser und Wein. Während die Grossen über Bohnensorten, neue Apps, die Lage in Nahost und das perfekte Anti-Mücken-Mittel fachsimpeln, geniessen die Kleinsten die freundliche, gemütliche Atmosphäre und knüpfen mutig Kontakte. Die grossen Mädchen erzählen den kleineren Kindern auf dem Gartensofa, in warme Decken gehüllt, Geschichten von verzauberten Prinzen und Prinzessinnen. 
Klingt doch wunderbar, oder nicht? Ein Traum? Ein unerfüllbarer Traum? Zuviel Bullerbü, Lönneberga und Villa Kunterbunt in einem?
Wir haben Platz genug, wo dieses Lebensgefühl Gestalt annehmen könnte. Ob es noch andere gibt, welche Lust auf eine Realisierung haben? Gibt es hier in der Nähe Menschen, die nicht in „mein“, „dein“, in Franken und Mann-/Fraustunden rechnen? Die Kinderbetreuung mit Saatgut mit einer warmen Mahlzeit mit nicht mehr benötigter Kinderkleidung „bezahlen“ möchten? Die an den Wert von Freundschaft glauben? Die ihre Kinder am liebsten Kinder sein lassen?

Wir haben mit unserem „Stall“ die letzten Jahre erlebt, dass die Menschen gerne bei uns einkehren und ihre Freizeit bei uns verbringen. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, in der das gemeinsame Tun Einzug hält in unserem Leben.

Obwohl es noch weit ist bis zum Blühen und Wachsen, in meinem Kopf und Herzen spriessen Bilder und Ideen. Ob aus diesen zarten Knospen einst prachtvolle Blumen werden, weiss ich nicht.

Was meinst du? Würdest du dir einen Strauss pflücken wollen von diesen Pflänzchen?

Altes Jahr

Jetzt bist du dann bald geschafft, du altes Jahr 2015. Du warst nicht wunderbar, funkelnd, grossartig. Du warst ein Jahr voller Nachdenklichkeiten und Irritationen, ja sogar voller Traurigkeiten. In meinem kleinsten Radius warst du unspektakulär. Nicht richtig schlecht, aber halt auch nicht wahnsinnig toll.

Du hast mich vielleicht gerade deshalb einiges gelehrt. Auch hast du den Weg bereitet für Neuerungen. Dafür bin ich dir dankbar. Aber jetzt darfst du gerne gehen. Adieu.
Ich freue mich auf ein frisches, junges, energiegeladenes 2016.
* Den alten Hund würde ich hingegen um keinen Preis gegen ein junges Exemplar eintauschen wollen. Er ist mir lieb und vertraut, mit jedem Tag mehr. 

Dona, dona

Nachdem das Lamm Agatha letzte Woche rund 10 Tage vor ihrem Schlachttermin verendet ist, hat unsere Schaffreude einen neuen Tiefstand erreicht.

Fünf Lämmer wurden im Mai geboren, drei davon haben wir verloren, wovon zwei bereits mit Gendefekt (Schiefhals) geboren wurden. Das hübsche Aueli Andrina und das Böckchen Vaclav gedeihen, oben auf dem Bild beäugen sie neugierig die Klauenpflegematte. Der Bock wird in einer Woche geschlachtet, denn bald würde er geschlechtsreif und damit ein Inzucht-Risiko für seine Mutter, seine Tante und seine Halbschwester.

Seit ihren Flitterwochen beim Bock plagen die Schafe Klauenprobleme. Immer wieder hinken die Tiere, ganze Hornpartien an ihren Klauen lösen sich ab und die Ballen nässen und stinken, verfaulen richtiggehend. Moderhinke ist eine gefürchtete Krankheit, da sie für die Tiere sehr schmerzhaft und kaum auszurotten ist, wenn das Bakterium einmal in eine Herde eingeschleppt wurde. Zudem zeigt die Obduktion von Agatha (ihr Schiefhals macht sie nach ihrem Tod wenigstens noch für die Forschung interessant) Anzeichen, dass sie trotz durchgeführter Wurmbehandlung an starkem Wurmbefall gelitten hat. Beides kann man behandeln. Kotproben können eingeschickt, die Parasiten genau bestimmt und entsprechend bekämpft werden. Moderhinke ist mit regelmässiger Klauenpflege und Klauenbädern vielleicht in den Griff zu bekommen. Wir haben es während eines halben Jahres versucht, nicht geschafft und fragen uns langsam, ob es nicht fairer wäre, die Tiere zu schlachten. Es wäre der einfachste und sicherste Weg, die Moderhinke loszuwerden.

Es ist anstrengend, aber auch schön, die Tiere täglich „standardmässig“ zu versorgen. Wasserkessel schleppen, etwas Heu und Kraftfutter verabreichen, ausmisten,… und alles mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau, das geht. Auch das regelmässige Umzäunen der Weideflächen mit unseren Elektrozäunen will gut geplant sein, ist aber machbar. Die Klauenpflege hingegen bringt uns an unsere Grenzen (Verbandwechsel z.B. alle zwei Tage). Es reicht nicht, dass der Gefährte und ich (wir machen das immer zu zweit, andere sind da routinierter) tagsüber gemeinsam eine Stunde zuhause sind (nachts fehlt das nötige Licht), wir brauchen auch jedesmal noch jemanden, der während dieser Zeit auf unser Mädchen achtet. So hetzen wir eigentlich immer in den Stall, sind doch meistens gefühlsmässig zu spät und haben schon lange keine Zeit mehr für die schönen Momente, welche ein Leben mit Tieren mit sich bringt. Es ist extrem frustrierend, ein erneut hinkendes Schaf bemerken und erst die Agenda zücken zu müssen um festzustellen, dass man das Tier frühestens in vier Tagen genauer untersuchen kann.

Wie weiter? Andrina können wir nicht als viertes Schaf behalten, vor allem nicht in der jetzigen Situation. Verkaufen oder schlachten? Ein Verkauf aus einer Moderhinke-Herde ist unrealistisch, auch wäre das Fleisch wenigstens ein kleines bisschen Lohn für die ganze zermürbende Arbeit der letzten Monate. Meine liebe Andrina, du Hündchen-Schaf, du Knuddel-Gurke… Ich tue mich schwer mit dieser Option.

Den Gedanken zuzulassen, dass wir auch die drei Grazien schlachten und damit ganz viele Probleme auf einen Schlag lösen könnten, beschert mir Unbehagen. Ich schuf mir nie leichtfertig Tiere an, auch nicht diese Schafe. Dass sie sterben müssten, weil wir eine zufriedenstellende Haltung bei allen Bemühungen nicht auf die Reihe kriegen, will mir nicht in den Kopf. Aber kaufen will die niemand, soviel ist sicher. Und wenn wir die Moderhinke tatsächlich niederringen könnten, so blieben zwei der drei Tiere Trägerinnen des Schiefhals-Defekts. Keine gute Basis für unsere kleine Zuchtgruppe.

Was ist schlimmer für ein Schaf: Krank zu leben oder früher als geplant (irgendwann wäre das ja sowieso ein Thema geworden) geschlachtet zu werden?

Die ganzen Erfahrungen mit den Lämmern haben uns etwas gelehrt: Es nützt nichts, den Tatsachen nicht ins Auge blicken zu wollen. Unsere Bemühungen bei den Lämmern waren für die Katz‘. Zu hundert Prozent. Soll dies jetzt für alle weiteren Fragen im Bereich „Leben mit Schafen“ gelten?

Ich muss jetzt alle Fakten, Überlegungen und Gefühle mal ein bisschen wiederkäuen. Hilft immer.

Und hier gibts noch ein paar passende Töne dazu. Schön und traurig. (Ja, natürlich: Kalb. Ist aber egal.)

Silber wird Gold

Der kleine Räucherkasten wird mir fast schon nachgeschmissen auf dem Flohmarkt. Neugierig schreite ich zur Tat. 

Die Forellen beize ich während rund zwölf Stunden in Salzwasser. Danach gebe ich das Buchenholz-Räuchermehl (ein Blick auf die Verpackung verrät es; hier haben wir es mit einer echten Antiquität zu tun!) zusammen mit den Fischen in den Kasten. Von unten wird Hitze zugefügt, im Innern entsteht Rauch. Nach knapp einer Stunde sind die beiden Fische geräuchert.

Goldene Forellen, Bratkartoffeln, Salat und etwas Wein. Was für ein Genuss. Trotzdem
Unbezahlbar auch die beim Hantieren und Riechen aufsteigenden Kindheitserinnerungen.

Für alle Felle

Die liebe Karamba hat mir ihr Fell geschenkt. Nicht erschrecken bitte, die Liebe mümmelt immer noch ganz zufrieden Gras auf der Wiese hinterm Haus.

Wie das geht? Ganz einfach!

Man benötigt hierzu erstmals einen begabten Schafscherer, welcher es schafft, das Vlies in einem Stück vom Schaf zu schneiden. Vorher-Nachher-Bilder davon gab es letztes Jahr zu sehen.

Anschliessend wird das Vlies auf der Rückseite mit Seifenraspeln und viel heissem Wasser übergossen. Mit kreisenden Handbewegungen werden die Haare miteinander verfilzt. Dies dauert seine Zeit, ist aber herrlich gemütlich und total anspruchslos.  (Die doofen Streifen auf den Bildern ergeben sich durch den Bodenbelag der Terrasse, unter welcher wir uns die letzten Wochen schattenbedingt bevorzugt aufhielten. Einfach wegdenken bitte.)

Sobald sich die unterste Haarschicht zuverlässig verfilzt hat, wird das Fell mit viel klarem Wasser ausgespült und anschliessend getrocknet. Auf der Vorderseite wird nicht mechanisch gearbeitet, dadurch bleibt die ursprüngliche Fellstruktur erhalten.

Das Fell wird zugeschnitten und auf dünne Stellen untersucht. Diese werden mit einigen groben Stichen zugenäht.

Zum Schluss kann die Rückseite mit einem schönen Stoff versäubert werden. Im Brockenhaus fand ich ein Stoffstück, das in seiner Struktur meinen Vorstellungen entsprach. Da mir die Farbe aber etwas zu fad war, färbte ich es noch ein.

Passt.
Ich freu mich schon auf den Winter.
Danke Karamba.

Vom Trösten {Alpha}

zu „Alpha“: Diese Rubrik dreht sich im weitesten Sinne um das, was man „Kindererziehung“ nennt. Ich versuche, dabei jeweils einen Bezug herzustellen zwischen meinen Erlebnissen mit Tieren (besonders mit dem Hund) und meinen Erfahrungen als Mutter. Weder möchte ich Kinder auf die Stufe von Hunden, noch Hunde auf die Stufe von Kindern stellen. Keinesfalls sollten Kinder wie Hunde dressiert werden. Vielleicht sollte man aber auch Hunde nicht wie Hunde dressieren. Doch das ist wieder ein anderes Thema… 


Die Welpenbande tollt durch das Schilf. Fröhlich und ausgelassen geht es zu und her an diesem Sommertag im Jahr 2004, als sich die Hundegeschwister erstmals nach ihrer Platzierung wieder zu einem gemeinsamen Spaziergang treffen. Plötzlich aber kippt die Stimmung, als die drolligen Geschwister an einer sumpfigen Stelle nicht weiterkommen. Schwimmen geht nicht, aber auch fester Grund ist nicht mehr erreichbar. Erschrockene Gesichter, hektische Bewegungen, panisches Rudern. Schnell erfasst die Züchterin die Situation, steigt selbst in die Brühe und bugsiert die Jungspunde schnell und ganz ruhig zurück ans feste Ufer. Sie ist es auch, die kurz darauf die Kleinen an eine klare Wasserstelle mit guten Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten lockt. Bald tollen alle Welpen vergnügt durch das Wasser.

Alle bis auf einen. Seine Besitzer, ein junges, reizendes Pärchen, haben ihren verschreckten Welpen nach dem unfreiwilligen Schlammbad „aus dem Verkehr gezogen“. Streichelnd und sanft auf ihn einredend, trösten die beiden das schlotternde Tier. Es beruhigt sich nicht, verlässt für die nächsten Stunden den Schoss der Frau nicht mehr. Je mehr der Welpe getröstet wird, desto gequälter wird seine Körperhaltung. „Der Schreck sitzt sehr tief“, verteidigt ihn der junge Mann. Der Hund wird die nächsten Jahre Wasser meiden. Seine Besitzer führen dies auf die traumatische Episode zurück. Dass die sieben Geschwister des Tieres das Wasser lieben, macht sie nicht stutzig.

Es ist richtig, dass wir Kinder trösten. Wie gut, dass sich endlich herumgesprochen hat (so hoffe ich doch!), dass gerade auch Jungen weinen dürfen und sollen, wenn sie körperliche oder seelische Schmerzen erleben, wenn sie müde, frustriert oder einfach verunsichert sind. Trost können wir alle bisweilen gut gebrauchen. In Form eines lieben Wortes, einer Berührung, einer Umarmung, oder dann und wann sogar in Form einer Reihe Schokolade. Im Zusammenleben mit Kindern spendet man täglich Trost. Ich nehme in den Arm, puste einen Schmerz weg, gebe tröstende, beschwichtigende Erklärungen oder lasse dann und wann winzige, mit Zucker ummantelte Fenchelsamen als „Zaubermedizin“ springen. Weinen ist nie dumm, lächerlich oder nicht angebracht. Über den Grund kann ich mich als Erwachsene vielleicht bisweilen wundern, aber die Gefühle meiner Kinder nehme ich ernst.

Aber manchmal, manchmal ist Frau Krähe eine Rabenmutter. Wenn Kinder hinfallen, stürzt oft ein Erwachsener zu ihnen hin, zieht sie hoch und startet das „Trösterprogramm“, noch bevor das Kind überhaupt weint. Ebenfalls beliebt ist das Liefern einer zusätzlichen Tonspur. Während das Kind stolpert, schreit ein Erwachsener ein erschrockenes „Sakrakruzifix“ (oder so), reisst Augen auf und Arme hoch. Alles so laut und furchteinflössend, dass das betroffene Kind mit ziemlicher Sicherheit zu weinen anfängt. Frau Krähe bleibt ganz ruhig in solchen Augenblicken. Passivität und Desinteresse werden ihr vorgeworfen. Nichts davon ist wahr.

Braucht mich das Kind überhaupt, oder wird es alleine mit der Situation fertig? Oft rappelt sich der Frischling nämlich auf, wischt sich die Hände an den Hosen ab und düst weiter. Auf mein „Brauchst du mich?“ nach einem Sturz folgt erstaunlich oft nach einem Blick des Frischlings auf seine Handflächen ein wohlüberlegtes Nein. Das Kind weint nicht nicht, weil das Weinen geringgeschätzt würde oder es nicht mit Trost rechnen kann, sondern weil es schlichtweg nicht nötig ist. Auch bin ich froh, wenn das Kind, so es sich denn wehgetan hat und weint, zu mir kommt und nicht ich zu ihm hingehen muss. Ich kann mir in diesen wertvollen Sekunden nämlich bereits einen Überblick verschaffen. Hinkt das Kind? Blutet es? Wohin fasst es instinktiv, weil es Schmerzen verspürt? Das hilft oft mehr, als ein schreiendes Kleinkind zu fragen, wo es weh tut. Und natürlich eile auch ich zu ihm hin und nehme es in meine Arme, wenn Schreck oder Schmerz für das Kind zu gross sind, als dass es sich alleine aufrappeln kann.

Der Frischling soll erleben, dass es für Heilung nicht immer Hilfe von aussen braucht. Ich unterstütze mein Kind, kleinere Blessuren selbst zu behandeln. Es soll helfen beim Bepusten von schmerzenden Körperstellen, oder dies ganz übernehmen. Heftpflaster führen wir nie mit. Kleine Wunden werden daheim desinfiziert, das Pumpspray kann der Frischling selbst bedienen. Letzthin hat
ein befreundeter, gleichaltriger Junge des Frischlings aufgeschlagenes, bereits etwas verschorftes Knie begutachtet. „Da muss ein Pflaster drauf“, hat der Dreikäsehoch gemurmelt, worauf der Frischling stolz geantwortet hat: „Nein, nein, meine Haut kann das selbst reparieren.“ Es freute mich zu hören, dass er diesen schon oft von uns gehörten Satz verinnerlicht hatte. Und begeistert hat er angefügt: „Und erst noch ganz ohne Werkzeug!“ Selbstwirksamkeit vom Feinsten. Und die Augen des kleinen Freundes glänzten anerkennend und beeindruckt ob dieser vorhandenen Superkräfte.

Es ist mir wichtig, mit Blut entspannt umzugehen. Sofern Blut nicht gerade literweise austritt, ist es schliesslich eine geniale Reinigungsflüssigkeit jeder kleinen(!) Wunde. Schmutz wird ausgespült und durch die Gerinnung wird die Wunde verschlossen. Es mag für manche von euch als weit hergeholt klingen, aber gerade für Mädchen finde ich es enorm wichtig, Blut ganz von Beginn weg positiv zu besetzen. Denn wie soll ein Mädchen später mit eintretender Menarche ein positives Bild von den sich abspielenden Vorgängen erhalten, wenn bis anhin während seiner gesamten Kindheit Blut immer von Schrecken, Angst und Desinfektionshysterie begleitet wurde?

Was mich immer wieder irritiert, ist die Beobachtung, dass die meisten Eltern sehr viel offensiver trösten als ich es tue, wenn es sich um kleine Verletzungen handelt (wenn Kleinkinder hinfallen, sich den Kopf stossen, den Finger einklemmen etc.), jedoch ganz aufs Trösten verzichten, wenn es ernst wird. Wenn also das Kind schreiend angelaufen kommt und beispielsweise aus dem Mund oder einer Wunde am Kopf blutet. Dann muss sofort die Verletzung untersucht werden, das Kind wird angeherrscht, stillzuhalten. Aufgelöst muss entschieden werden, ob man zum Notarzt oder ins Spital fahren soll. Sofern die Verletzung nicht lebensbedrohlich ist (und das ist sie wohl tatsächlich äusserst selten), meine ich, dass es auf die Dauer einer langen Umarmung nicht ankommt. Der Zahn ist eh draussen, die Platzwunde an der Stirn verschlimmert sich während der Zeit des Tröstens auch nicht weiter. Für das Kind wäre aber der Trost in einer solchen Situation enorm wichtig. Wie beruhigend, wenn einen einfach jemand ruhig in den Arm nehmen könnte, wenn gerade die Welt zusammenzustürzen drohte. Damit wäre man dem Kind eine echte Hilfe, anstatt es weiter zu verunsichern, weil man selbst von der Situation überfordert ist. Und wieviel einfacher wäre es anschliessend, nach ein paar tiefen Atemzügen, mit einem klaren Kopf und einem wieder einigermassen gefassten Kind, die weiteren Schritte ins Auge zu fassen.

Die Sache des „wohldosierten Tröstens“ hat nur einen Haken, der aber eigentlich keiner ist: Wir lieben unsere Kinder. Seit dem Tag ihrer Geburt (oder noch länger) leben wir mit der Angst, dass ihnen etwas zustossen könnte. Sie sind uns anvertraut, und ihr Wohlergehen ist zentral für uns. Wir können und müssen nicht professionell und „richtig“ handeln, wenn ihre Unversehrtheit angegriffen wird. Aber wir können uns darin üben, immer und immer wieder, unsere Kinder liebevoll zu begleiten, sie nicht unangemessen abhängig von uns zu machen, sondern vielmehr ihr Vertrauen in ihren eigenen Körper, in ihre Wahrnehmung und in ihre eigenen Gefühle zu stärken.

Und wie habt ihrs so mit dem Trösten?

Die Bilder stammen von einem wunderbaren Tagesausflug 2009 in den Alpstein. Die beiden Seeungeheuer schwimmen im Seealpsee.