Lieber Freund

01

Tausend Dinge habe ich erlebt mit Dir. Dinge, wie sie jeder Mensch kennt, der Zeit mit einem Vizsla teilen darf. Was haben wir zusammen Spass gehabt, wie oft habe ich dir beim Rennen und Toben zugeschaut. Hunderte Stunden hast Du bei mir gelegen, während ich gearbeitet, gelesen, Musik gehört, telefoniert und auch die ein und andere grössere Lektion des Lebens verwunden habe. Deine Ideen und einzigartigen Vorlieben liessen uns immer wieder lachen, lächeln und staunen. Du hast mich bisweilen aber auch fast in den Wahnsinn getrieben und mich manche Träne gekostet. Deine Charakterkombination aus Tatendrang plus Hyperempfindlichkeit, ergänzt mit einer kräftigen Portion Sturheit, stellte mich vor manch schwierige Aufgabe. Aber Du würdest wahrscheinlich dasselbe von mir sagen. Vor allem aber warst Du da. Immer. Oder zumindest nie weit weg. Kaum eine Nacht verbrachtest Du oder ich ohne den anderen auswärts. Du wurdest ein so selbstverständlicher Teil meines Lebens, dass ich gar nicht erahnen konnte, wo Du mir überall fehlen würdest.

01

02

03

Neben dem besonderen Alltagsglück, mit Dir zusammenzuleben, habe ich es geliebt, Dich zum Sanitätshund auszubilden und natürlich gleichzeitig auch selbst in diese Aufgabe hineinzuwachsen. Das Schönste daran war wohl das hundertprozentige Aufeinanderfokussiertsein, wenn wir unsere Trainings absolvierten. Ich vergass anstehende Gespräche, unangenehme Termine, offene Fragen. Da warst dann nur noch Du; Deine Augen, Deine Mimik, Deine Körperspannung. Ich gab alles für Dich und die Welt musste warten. Und Du hieltest es genauso. Dieser synchronisierte Tunnelblick war pures Glück. Er war schwierig, für beide von uns. Aber wenn er gelang; WOW! Du erweitertest meine Sinne, ich spürte das Wild, als läge seine Witterung in meiner statt Deiner Nase, ahnte die Topografie des Waldes durch Deine Bewegungen, erkannte die Anwesenheit von Menschen im Wald durch Deine Richtungswechsel und Tempi. Dank Dir konnte ich über meine eigene begrenzte Wahrnehmung hinauswachsen und Dinge erleben, zu welchen ich alleine niemals fähig gewesen wäre.

kriechen

wald2

bringseln

Eng damit verknüpft ist eine Lektion, welche Du mich gelehrt hast: Anfangs verstand ich Dich oft nicht richtig. Ich schalt Dich beispielsweise manchmal, wenn Du vermeintlich willkürlich belltest, um kurz darauf den Grund Deines Ärgers oder Deiner Irritation zu entdecken. Bald wusste ich es: Dein Verhalten hat immer einen Grund. Nur bin ich manchmal nicht fähig, Dich zu verstehen. Ich lernte, Dir zu vertrauen. Wenn Du Verunsicherung, Ärger, Freude und andere Emotionen zeigtest, so konnte ich immer etwas lernen, was meiner eigenen Aufmerksamkeit entgangen war. Äussere Gegebenheiten, aber auch Bewegungen in meinem Innern, auf welche Du ebenso zuverlässig und seismographisch reagiertest. Auch da waren mir die Stunden im Wald und auf dem Hundeplatz ein gutes Übungsfeld: Wenn etwas nicht klappte, gab es keinen Grund, wütend zu werden oder frustriert zu sein. Wir hatten einfach noch nicht begriffen, was wir voneinander erwarteten und mussten noch ein bisschen weiter versuchen, uns einander verständlich zu machen, noch ein bisschen klarer werden in unserer Sprache.

04

06

05

Diese Einsicht verinnerlichte ich in den beinahe 13 Jahren mit Dir beständig. Und immer wieder und immer mehr konnte ich erfahren, wie diese Haltung auch meinen Umgang mit Menschen veränderte. Hinter jedem Verhalten jedes Gegenübers liegt eine Vorgeschichte, ein Bedürfnis, eine Prägung, welche meist wenig bis nichts mit mir zu tun hat. Das entschuldigt nicht alles, hilft aber enorm, um vor allem in Konfliktsituationen grosszügig zu bleiben. Und genauso wie ich mit Dir an meiner Kommunikationsfähigkeit feilte, konnte ich je länger je besser auch im Umgang mit Menschen auf mein erweitertes Repertoire zurückgreifen. Offensichtlich wurde dieser Lernprozess, als ich, rund in der Mitte unserer gemeinsamen Zeit, Mutter wurde. Dank Dir fiel es mir wahnsinnig leicht, die Äusserungen dieser nonverbalen, aber körperlich sehr eindeutig kommunizierenden kleinen Wesen zu verstehen und ihrer Sicht auf die Welt vertrauensvoll Glauben zu schenken. Dies kam uns allen enorm zugute, wofür ich Dir wahnsinnig dankbar bin.

02

07

Liebster Lüsler*, Du warst mir ein enger Vertrauter und ein treuer Freund. Vor allem aber warst Du der grösste Lehrmeister meines Lebens. Ich vermisse Dich unendlich.

11*Natürlich trug der Hund auch noch einen ganz schönen, hochoffiziellen Namen. Lüsler, Lusi, Lüs, Lisi, Schluri und Gisbert waren ihm aber ebenso ein Begriff.

der letzte Gang

dsc_8153-b

dsc_8161-b

Triggerwarnung: Dieser Text beschreibt detailliert die Schlachtung von drei Schafen. 

 

Das Schlimmste sind die Tage davor. Dieses Countdown-Zählen. Etwas zu wissen, wovon sie keine Ahnung haben. Ich schäme mich. Fühle mich als Verräter.

Als der Tag da ist, gehts mir nicht gut. Aber ich verbiete mir Schwäche. Ihnen zuliebe. Ich funktioniere. Gehe Schritt für Schritt ruhig und zielgerichtet vor. Stelle morgens schon mal das mobile Gatterstück in den Stall, ich werde es mittags brauchen, um die drei Tiere eng stellen zu können. Dann darf nämlich keine Hektik durch ungewohnte Tätigkeiten aufkommen.

Als Saba dann dennoch misstrauisch reagiert, als ich, nach einer grosszügigen Handvoll Getreidefutter im Trog zur Ablenkung, den Zugang zur Weide versperre, und sie mich in Folge davon beinahe über den Haufen rennt, bricht mir der Schweiss aus. Bitte bitte bitte, jetzt kein Drama, kein Durchbrennen, kein Gatterüberspringen und ähnliches. Die Verlockung des Futters ist aber dann doch stärker. Ich kann die drei Schafe problemlos eng stellen, was sie ja grundsätzlich sehr mögen.

Ein Hoch auf unseren Freundeskreis! Weil wir keinen eigenen Tiertransporter besitzen und uns kein Schafhalter seinen Wagen ausleiht (zu Recht, unsere Tiere sind ja mit der hochansteckenden Moderhinke infiziert), fand sich die nahezu perfekte Lösung in Form eines Anhängers, welcher normalerweise für anfallendes Sägemehl einer Zimmerei benutzt wird. Der befreundete Zimmermann agiert zudem als Chauffeur und furchtloser Begleiter der Unternehmung.

Schon beim Verladen kommt uns seine Anwesenheit zugute. Zu zweit drei Schafe zu bewegen, und sind es auch nur einige Meter vom Stall zum Transporter, ist ungefähr so kompliziert wie die Geschichte mit dem Wolf, dem Schaf und dem Salatkopf auf der Fähre. Das haben wir beim Schafescheren mehr als einmal erlebt. Ein Schaf kann einfach nicht alleine sein. Unmöglich.

So betreten wir also zu dritt den Stall, der Zimmermann, der Gefährte und ich, während uns die drei Grazien, etwas misstrauisch, aber ganz ruhig, nicht aus den Augen lassen. Da sie schon eng stehen, muss nur einfach jeder von uns ein Schaf ruhig am Halsband fassen, und schon verlässt eine kleine, durchaus friedliche Prozession den Stall. Eine weitere Handvoll Getreide erleichtert den Einstieg in den Anhänger. Alles geht so rund und schnell von sich, dass wir es kaum glauben können.

Die nötigen Papiere sind eingesteckt, den Weg ins kleine Schlachthaus haben wir tags zuvor sicherheitshalber bereits einmal abgefahren. Der Gefährte kann es aber nicht lassen, mir während der Fahrt gut zuzureden. Er erklärt mir nochmals Dinge, die keiner Erklärung bedürfen. Seine gut gemeinten Worte kratzen empfindlich an meiner Selbstbeherrschung. Mir zittert wohl ein wenig das Kinn, und beinahe heule ich los. Barsch weise ich einen Gesprächsthemenwechsel an. Die Fahrt dauert rund 10 Minuten. Das kleine Schlachthaus liegt verlassen zwischen Feldern und Wald an einer Überlandstrasse. Dann und wann ein vorbeifahrendes Auto, ansonsten pure Idylle. Wir sind als Erste da und öffnen den Deckel des Anhängers einen schmalen Spalt breit. Die Schafe sind aufmerksam, aber neugierig. Von Angst oder gar Panik keine Spur. Saba stellt sich natürlich gleich auf die Hinterbeine und verschafft sich durch den Spalt einen kleinen Überblick. Unsere Wächterin und Beschützerin der kleinen Herde. Wer sonst. Wir warten im Spätsommerlicht, schwatzen über Nichtigkeiten.

Nach einigen Minuten trifft der Metzger ein. Er öffnet die grossen Schiebetüren des hohen, gekachelten Raumes, lässt einen Metallbalken von der Decke herunter, an welchen er drei grosse Metallhaken hängt. Jetzt trägt er eine grosse, weisse Plastikschürze und Gummistiefel, hantiert mit kleinerem Gerät, schleift Messer, spritzt den Boden mit einem Wasserschlauch gründlich ab. Seine Ruhe und Konzentration beruhigt mich. Jeder seiner Handgriffe sitzt. Da arbeitet ein Profi. Die letzte Nervosität und Unsicherheit, welche noch in mir herumgeflattert ist, verschwindet.

Auftritt Tierarzt. Lebendschau. Der Geländewagen mit vollbepacktem Kofferraum parkiert schwungvoll, der Tierarzt stellt sich auf die Radkappe des Anhängers und guckt ins Innere. Drei Schafe, lebendig, ok. Tierarzt ab.

„Jetzt könnt ihr sie bringen, nacheinander.“ Mehr Anweisung braucht es nicht. Ich schlüpfe in den Transporter. Saba steht zuvorderst. Ich reiche den Strick, der an ihrem Halsband befestigt ist, nach draussen, in die Hand des Gefährten. Er zieht ein bisschen, ich schiebe. Sie steigt problemlos aus, der Zimmermann spielt den Türwächter und verschliesst die Luke sofort wieder. Ich stehe im Dämmerlicht, die Hände an Sirahs und Karambas Halsbändern, während ich ihre Hälse mit jeweils einem Finger kraule.

Schon öffnet sich die Luke wieder, ich schiebe Sirah, die liebe, verschmuste, verfressene Sirah, etwas nach vorne. Der Gefährte übernimmt sie, und schon ist sie weg. Karambas Kopf halte ich nun in beiden Händen, ich kraule sie hinter ihren unsagbar schönen Ohren, beuge mich hinunter zu ihr, die mir lange Zeit die Liebste der Dreien war, und atme noch einmal den wunderbaren Geruch ihres Schafkopfes ein. Einige Flüsterworte. Dann wird es wieder hell, der Gefährte übernimmt Karamba, ich steige direkt hinter den beiden aus dem Transporter, blinzle ins Licht. Karamba braucht nur 3, vielleicht 4 Meter zu gehen, doch sie  zögert kurz. Vor ihr, auf dem Boden des Schlachthauses, liegen zwei grosse, braune Körper. Was weiss ich von Schafen, aber ich glaube nicht, dass sie versteht. Ich selbst verstehe es ja nicht einmal richtig in diesem Moment. Bereits übergibt sie der Gefährte dem Metzger. Schnell und ruhig setzt dieser den Schlachtschussapparat an. Und schon fällt sie.

Den drei Grazien werden Seile an jeweils einem Hinterlauf befestigt, diese wiederum an die vorbereiteten Haken gehängt, und dann wird der Balken hochgefahren. Es folgt der Kehlschnitt und die Tiere bluten aus. Wir entfernen die Halsbänder, und während der Gefährte sie unterm Wasserhahn sauber spült, trennt der Metzger den drei Tieren die Köpfe ab und beginnt anschliessend in friemeliger Arbeit, dem ersten Tier, beginnend am Hinterlauf, das Fell abzuziehen.

Wir verabschieden uns. Es ist keine halbe Stunde seit unserer Ankunft vergangen.

Ich bin alles: Aufgewühlt, beruhigt, erleichtert, dankbar, traurig, betroffen. Voller Gedanken und Gefühle und gleichzeitig furchtbar leer.

dsc_8198-b

(Für alle, welche hier noch nicht so lange mitlesen: Wir haben während beinahe zwei Jahren erfolglos versucht, die Moderhinke, eine äusserst schmerzhafte und ansteckende Klauenkrankheit, bei unseren Schafen auszumerzen. Weitere ungünstige Faktoren haben den Entschluss reifen lassen, uns von den Tieren zu trennen. Da verständlicherweise kein Schafhalter „Moderhinke-Schafe“ in seine Herde aufnehmen möchte und eine externe Moderhinke-Sanierung ungemein kompliziert und kostspielig gewesen wäre, entschieden wir uns schliesslich schweren Herzens und nach langem Hin und Her für die Schlachtung.)