der letzte Gang

dsc_8153-b

dsc_8161-b

Triggerwarnung: Dieser Text beschreibt detailliert die Schlachtung von drei Schafen. 

 

Das Schlimmste sind die Tage davor. Dieses Countdown-Zählen. Etwas zu wissen, wovon sie keine Ahnung haben. Ich schäme mich. Fühle mich als Verräter.

Als der Tag da ist, gehts mir nicht gut. Aber ich verbiete mir Schwäche. Ihnen zuliebe. Ich funktioniere. Gehe Schritt für Schritt ruhig und zielgerichtet vor. Stelle morgens schon mal das mobile Gatterstück in den Stall, ich werde es mittags brauchen, um die drei Tiere eng stellen zu können. Dann darf nämlich keine Hektik durch ungewohnte Tätigkeiten aufkommen.

Als Saba dann dennoch misstrauisch reagiert, als ich, nach einer grosszügigen Handvoll Getreidefutter im Trog zur Ablenkung, den Zugang zur Weide versperre, und sie mich in Folge davon beinahe über den Haufen rennt, bricht mir der Schweiss aus. Bitte bitte bitte, jetzt kein Drama, kein Durchbrennen, kein Gatterüberspringen und ähnliches. Die Verlockung des Futters ist aber dann doch stärker. Ich kann die drei Schafe problemlos eng stellen, was sie ja grundsätzlich sehr mögen.

Ein Hoch auf unseren Freundeskreis! Weil wir keinen eigenen Tiertransporter besitzen und uns kein Schafhalter seinen Wagen ausleiht (zu Recht, unsere Tiere sind ja mit der hochansteckenden Moderhinke infiziert), fand sich die nahezu perfekte Lösung in Form eines Anhängers, welcher normalerweise für anfallendes Sägemehl einer Zimmerei benutzt wird. Der befreundete Zimmermann agiert zudem als Chauffeur und furchtloser Begleiter der Unternehmung.

Schon beim Verladen kommt uns seine Anwesenheit zugute. Zu zweit drei Schafe zu bewegen, und sind es auch nur einige Meter vom Stall zum Transporter, ist ungefähr so kompliziert wie die Geschichte mit dem Wolf, dem Schaf und dem Salatkopf auf der Fähre. Das haben wir beim Schafescheren mehr als einmal erlebt. Ein Schaf kann einfach nicht alleine sein. Unmöglich.

So betreten wir also zu dritt den Stall, der Zimmermann, der Gefährte und ich, während uns die drei Grazien, etwas misstrauisch, aber ganz ruhig, nicht aus den Augen lassen. Da sie schon eng stehen, muss nur einfach jeder von uns ein Schaf ruhig am Halsband fassen, und schon verlässt eine kleine, durchaus friedliche Prozession den Stall. Eine weitere Handvoll Getreide erleichtert den Einstieg in den Anhänger. Alles geht so rund und schnell von sich, dass wir es kaum glauben können.

Die nötigen Papiere sind eingesteckt, den Weg ins kleine Schlachthaus haben wir tags zuvor sicherheitshalber bereits einmal abgefahren. Der Gefährte kann es aber nicht lassen, mir während der Fahrt gut zuzureden. Er erklärt mir nochmals Dinge, die keiner Erklärung bedürfen. Seine gut gemeinten Worte kratzen empfindlich an meiner Selbstbeherrschung. Mir zittert wohl ein wenig das Kinn, und beinahe heule ich los. Barsch weise ich einen Gesprächsthemenwechsel an. Die Fahrt dauert rund 10 Minuten. Das kleine Schlachthaus liegt verlassen zwischen Feldern und Wald an einer Überlandstrasse. Dann und wann ein vorbeifahrendes Auto, ansonsten pure Idylle. Wir sind als Erste da und öffnen den Deckel des Anhängers einen schmalen Spalt breit. Die Schafe sind aufmerksam, aber neugierig. Von Angst oder gar Panik keine Spur. Saba stellt sich natürlich gleich auf die Hinterbeine und verschafft sich durch den Spalt einen kleinen Überblick. Unsere Wächterin und Beschützerin der kleinen Herde. Wer sonst. Wir warten im Spätsommerlicht, schwatzen über Nichtigkeiten.

Nach einigen Minuten trifft der Metzger ein. Er öffnet die grossen Schiebetüren des hohen, gekachelten Raumes, lässt einen Metallbalken von der Decke herunter, an welchen er drei grosse Metallhaken hängt. Jetzt trägt er eine grosse, weisse Plastikschürze und Gummistiefel, hantiert mit kleinerem Gerät, schleift Messer, spritzt den Boden mit einem Wasserschlauch gründlich ab. Seine Ruhe und Konzentration beruhigt mich. Jeder seiner Handgriffe sitzt. Da arbeitet ein Profi. Die letzte Nervosität und Unsicherheit, welche noch in mir herumgeflattert ist, verschwindet.

Auftritt Tierarzt. Lebendschau. Der Geländewagen mit vollbepacktem Kofferraum parkiert schwungvoll, der Tierarzt stellt sich auf die Radkappe des Anhängers und guckt ins Innere. Drei Schafe, lebendig, ok. Tierarzt ab.

„Jetzt könnt ihr sie bringen, nacheinander.“ Mehr Anweisung braucht es nicht. Ich schlüpfe in den Transporter. Saba steht zuvorderst. Ich reiche den Strick, der an ihrem Halsband befestigt ist, nach draussen, in die Hand des Gefährten. Er zieht ein bisschen, ich schiebe. Sie steigt problemlos aus, der Zimmermann spielt den Türwächter und verschliesst die Luke sofort wieder. Ich stehe im Dämmerlicht, die Hände an Sirahs und Karambas Halsbändern, während ich ihre Hälse mit jeweils einem Finger kraule.

Schon öffnet sich die Luke wieder, ich schiebe Sirah, die liebe, verschmuste, verfressene Sirah, etwas nach vorne. Der Gefährte übernimmt sie, und schon ist sie weg. Karambas Kopf halte ich nun in beiden Händen, ich kraule sie hinter ihren unsagbar schönen Ohren, beuge mich hinunter zu ihr, die mir lange Zeit die Liebste der Dreien war, und atme noch einmal den wunderbaren Geruch ihres Schafkopfes ein. Einige Flüsterworte. Dann wird es wieder hell, der Gefährte übernimmt Karamba, ich steige direkt hinter den beiden aus dem Transporter, blinzle ins Licht. Karamba braucht nur 3, vielleicht 4 Meter zu gehen, doch sie  zögert kurz. Vor ihr, auf dem Boden des Schlachthauses, liegen zwei grosse, braune Körper. Was weiss ich von Schafen, aber ich glaube nicht, dass sie versteht. Ich selbst verstehe es ja nicht einmal richtig in diesem Moment. Bereits übergibt sie der Gefährte dem Metzger. Schnell und ruhig setzt dieser den Schlachtschussapparat an. Und schon fällt sie.

Den drei Grazien werden Seile an jeweils einem Hinterlauf befestigt, diese wiederum an die vorbereiteten Haken gehängt, und dann wird der Balken hochgefahren. Es folgt der Kehlschnitt und die Tiere bluten aus. Wir entfernen die Halsbänder, und während der Gefährte sie unterm Wasserhahn sauber spült, trennt der Metzger den drei Tieren die Köpfe ab und beginnt anschliessend in friemeliger Arbeit, dem ersten Tier, beginnend am Hinterlauf, das Fell abzuziehen.

Wir verabschieden uns. Es ist keine halbe Stunde seit unserer Ankunft vergangen.

Ich bin alles: Aufgewühlt, beruhigt, erleichtert, dankbar, traurig, betroffen. Voller Gedanken und Gefühle und gleichzeitig furchtbar leer.

dsc_8198-b

(Für alle, welche hier noch nicht so lange mitlesen: Wir haben während beinahe zwei Jahren erfolglos versucht, die Moderhinke, eine äusserst schmerzhafte und ansteckende Klauenkrankheit, bei unseren Schafen auszumerzen. Weitere ungünstige Faktoren haben den Entschluss reifen lassen, uns von den Tieren zu trennen. Da verständlicherweise kein Schafhalter „Moderhinke-Schafe“ in seine Herde aufnehmen möchte und eine externe Moderhinke-Sanierung ungemein kompliziert und kostspielig gewesen wäre, entschieden wir uns schliesslich schweren Herzens und nach langem Hin und Her für die Schlachtung.)

 

Lassie, Bagheera und Miramis

The Magic of Lassie Quad

Tiere gehören zu meinem Clan

Zu meinem Clan gehören neben den Menschen auch Tiere. Sie spielen für mich eine wesentliche Rolle. Sie sind Vermittler zur Natur, auch zu unserer eigenen Natur, sie sind Lehrer, Freunde, Mitgeschöpfe. Ich erfreue mich am Hausrotschwänzchenpaar, welches unter dem Dach brütet genauso wie am Hühnervolk, welches mit seiner emsigen Geschäftigkeit pure Glückseligkeit verbreitet und mich nebenbei auch noch mit besten Eiern beschenkt. Ohne Tiere wäre mein Leben viel ärmer.

Es gibt viele gute Gründe, mit Tieren zu leben. Es gibt aber auch viele gute Gründe, darauf zu verzichten.

Verantwortung für jemanden tragen

Sehr wertvoll war für mich die Erfahrung, dass durch mein Leben mit dem Hund der Verantwortungsschock, welcher gemeinhin mit der Geburt des ersten Kindes einhergeht, spürbar abgefedert wurde. Ich war zu jenem Zeitpunkt schon seit 8 Jahren daran gewohnt, Bedürfnisse eines Familienmitgliedes miteinzuplanen, welche nicht immer mit meinen eigenen deckungsgleich sind. Es war mir in Fleisch und Blut übergegangen, bei Terminanfragen, Einladungen und ähnlichem zuerst zu denken: „Und was ist mit dem Hund? Wie lange dauert das und was bedeutet das für uns? Soll er zuhause warten? Mitkommen? Im Auto bleiben? Oder soll ich ihn zu meinen Eltern bringen, damit er dort gut versorgt ist?“ Es war eigentlich alles möglich, aber es musste eben immer zuerst geplant werden. Wenn es auf eine Reise ging, musste sein Kram auch mit, und manchmal wurde er krank und brachte unsere Pläne durcheinander. Durch sein Dasein ergaben sich neue Freundschaften, dank ihm beurteilte ich meine Umgebung neu (Verkehrssituation, Orte, wo freies Spiel ohne Konfliktpotential stattfinden kann,…). Ich musste lernen, ihn und mich vor übergriffigen Bemerkungen und gar Handlungen zu schützen und spürte grossen Stolz, wenn er eine Aufgabe eifrig und fröhlich meisterte. Ich erkannte meine Leidenschaft für Erziehungsratgeber und das Auseinanderklaffen von Ideal und Realität (vor allem meines Selbstbildes). Ich kam mit Erziehungsstilen und Beziehungsphänomenen in Kontakt. Ich wurde mit meinen eigenen Grenzen konfrontiert und kam nicht umhin, Pauschalisierungen zu hinterfragen.

Hunde sind keine Kinder, aber diese und viele weitere Prozesse, welche bei mir ausgelöst wurden, sind identisch. Natürlich war es kein bewusster Entscheid, mit einem Hund zusammenzuleben, um das Leben mit Kindern zu üben. Rückblickend aber ist genau das geschehen.

nonverbale Kommunikation

Ebenfalls wahnsinnig bereichernd war für mich, dass meine Antennen durch den Hund bereits sehr fein eingestellt waren. Ich war es gewohnt, mit einem nicht mit Worten sprechenden Lebewesen zusammenzuleben. Ganz feine Signale zu erkennen und zu verstehen fiel mir nach Jahren der Übung leicht. Das kam zweifellos meinem ersten Kind zugute. Obwohl ich das erste Mal Mutter wurde, hatte ich dank meinem vierbeinigen Freund und Lehrer einen entsprechenden „Erfahrungsvorsprung“ gegenüber anderen „Erstlingsmüttern“.

ein Tier fürs Kind?

Meine Familie ist gewachsen, der Hund hat sich an ein erstes und an ein zweites Kind gewöhnt. Und so dürfen sie jetzt mit ihm aufwachsen. Kind und Hund, wie schön, wie perfekt. Lassie lässt grüssen. Wer wünscht sich das nicht? Mein Sohn beispielsweise. Er fürchtet sich vor dem Hund. Er fasst ihn niemals an, spricht nicht mit im und geht ihm wo immer möglich aus dem Weg.

Meine Tochter hingegen liebt den Hund. Sie betüddelt ihn, füttert ihn heimlich und offensichtlich, möchte ihn striegeln und streicheln und herzen. Ob sie mich in einigen Jahren dazu überreden will, ein Pony in die Garage zu stellen?

Ich werde dies (ziemlich sicher) nicht tun. Weil Tiere nicht für Kinder angeschafft werden sollten und mein Herz nicht für Ponys schlägt. Ich wünschte mir, dass alle Eltern sich bewusst sind, dass die Hauptverantwortung für ein Tier immer bei ihnen bleibt. Natürlich können bereits kleine Kinder in die täglichen Routinen mit dem Tier eingebunden werden. Aber auch wenn sie das Interesse verlieren, die Schule mehr Aufmerksamkeit verlangt oder das Fussballspielen hoch im Kurs steht, behält das Tier seine Bedürfnisse. Und es verdient, dass diese erfüllt werden. Während seines ganzen Lebens. Es sollte selbstverständlich sein, dass man sich vor Anschaffung jedes Tieres genau informiert, wie diese Bedürfnisse aussehen. Und dann ehrlich abwägt, ob diese zur eigenen Lebenssituation passen. Das Internet, Fachliteratur und seriöse Tierhalter helfen da gerne weiter. Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen.

grenzenlos bedürfnisorientiert

Glaube mir, wenn du deine Kinder bedürfnisorientiert begleitest, wirst du diese Haltung bei deinem Tier nicht einfach wie auf Knopfdruck ausschalten können. Und so wirst du selbst sehr darunter leiden, wenn du die Bedürfnisse deines Tieres erkennen, aber nicht in der Lage sein wirst, diese zu erfüllen. Unter diesem Phänomen habe ich die letzten Jahre öfters sehr gelitten.

Ich höre oft die Bemerkung, dass Tierhaltung einen ja so „anbinde“. „Man kann nicht mehr in die Ferien“, ist der meistgehörte Ausspruch, wenn es um das Für und Wider von Tierhaltung geht. Der Satz ist einfach nur falsch. Ich kann mit entsprechender Planung problemlos in Urlaub fahren und weiss meine Schafe, Hühner, Katzen und den Hund bestens versorgt.

Anstrengend sind die täglichen Kleinigkeiten. Der Hund sollte dringend raus, aber das kränkelnde Kind ist soeben auf dem Sofa eingeschlafen. Die Katzen schleichen sich durch offene Fenster und Türen ins Haus. Und dort natürlich in die Betten. Oder in nicht ganz geschlossene Kleiderschränke. Auch wenn sie nass und schmutzig sind. Besuch mit Kindern schneit herein, der Hund wird ins Homeofficezimmer ausquartiert und zerfetzt dort frustriert meinen Lieblingspulli. Der Sohn legt sich einen Keks zurück, leider nicht hundesicher platziert. Schwupps und weg, grosses Drama. Das Baby ist endlich eingeschlummert, da bellt der Hund, weil er ein „verdächtiges“ Geräusch hört. Und so weiter und so fort.

Ich halte auch nicht viel von der Strategie, mir eine Katze anzuschaffen, weil ich Hunde sehr mag, Katzen aber einfacher zu halten sind. Wenn mein Herz nicht für Katzen schlägt, werde ich ihre Eigenheiten bald als Last empfinden. Und gleichzeitig kenne ich Frauen, deren Herz brennt nebst Kindern auch noch innig für Pferde oder Hunde, und die kriegen das gewuppt, einfach weil ihnen dies so unendlich wichtig ist.

Wer kleine Kinder hat und sich die Anschaffung eines Tieres überlegt, dem empfehle ich folgendes Gedankenspiel: Kannst du dir vorstellen, einen Teenager bei dir aufzunehmen? Natürlich ist ein Hund was ganz anderes. Wie ein Jugendlicher ist er aber (sobald ausgewachsen) ziemlich selbständig und braucht einen nicht mehr rund um die Uhr wie ein kleines Kind. Auf den ersten Blick „läuft er einfach so mit“. Aber das stimmt einfach nicht. Sie haben eigene Bedürfnisse, stillere, welche neben dem Kleinkindchaos gerne übersehen werden. Oder, wenn sie dann zu lange übersehen werden, plötzlich ganz grosse, welche schwierig zu lösen sind und Zeit und Kraft erfordern. Du tust gut daran, genau hinzuhören und zu -spüren, ob du noch Lust und Power für ein weiteres, ganz anderes „Bedürfnispaket“ hast.

wertvolle Tierbegegnungen

Wenn du das alles schon weisst und deshalb oder aus anderen guten Gründen auf das Halten von Tieren verzichtest: Hab kein schlechtes Gewissen deinen Kindern gegenüber, wenn du ihnen ihren Wunsch nach einem Pony, einem Hund oder einem Hamster ausschlägst. In meinem nächsten Post werde ich dir einige Möglichkeiten aufzeigen, wie du auch ohne Hund und Katze im eigenen Haushalt die positiven Aspekte der Tierbegegnungen für dich und deine Kinder erlebbar machen kannst. Denn ein bisschen Lassie im Abendrot hat schon was.

Bildquelle: http://www.thebestlittlefilmhouse.com/the-magic-of-lassie-original-quad-1978-mickey-rooney–james-stewart-4027-p.asp