Die Kinder von Bullerbü

 

Blick ins Hühnerhaus

Die Henne „sammelt“  wie jeder andere Vogel über mehrere Tage Eier, bevor sie das Brüten beginnt. Das hat zur Folge, dass alle Küken am selben Tag schlüpfen. Gestaffelter Schlupf würde die Henne überfordern: mobile Küken bewachen, neugeschlüpfte Küken wärmen und Eier bebrüten ist schlichtweg unmöglich. Und deshalb tummelt sich in unserem Hühnerhaus jetzt eine hinsichtlich des Alters homogene kleine Kükenbande.

Trugschluss Homogenität

Was fürs Hühnervolk gut und recht ist trifft auf Menschenkinder nicht zu. Kinder sind in altersgemischten Kindergruppen bestens aufgehoben. Die gängige Praxis, Kinder nach Alter zu trennen, ist sehr neu und nicht wirklich sinnvoll. Auf den ersten Blick verspricht dieses Splitting zwar gerade in schulischen Bereichen eine Vereinfachung und Übersichtlichkeit (Gleiches zu Gleichem), was aber in der Realität nicht eingelöst werden kann. Jedes Kind entwickelt sich mit seinem eigenen Tempo. Körperlich sowohl auch intellektuell, seelisch, emotional.

Wurzeln und Flügel: erste Schwungfedern

Die altersgemischte Kindergruppe hingegen ist ein wunderbarer Lebensort für Kinder, wenn sie sich mit ungefähr zwei, drei Jahren aus dem Radius der Mutter (und anderer enger Bezugspersonen) hinaus wagen in die Welt.

Kleine Kinder können die grösseren beobachten. Sie staunen über deren Fähigkeiten und Mut, schauen sich das Eine und Andere ab, und werden angespornt, Neues auszuprobieren, z.B. bis zu diesem Zeitpunkt verschmähte Nahrungsmittel. Die Bewunderung und Verehrung ist (fast) grenzenlos.

Die grossen Kinder hingegen geben Spiele vor, handeln Regeln aus, helfen den Kleinen, trösten sie bei Bedarf und haben ein Auge auf sie.

Herbert Renz-Polster nennt diese beiden Pole „nach oben strecken und nach unten beugen“. Beides fordert und fördert die Kompetenzen der Kinder. An einem anschaulichen Beispiel zeigt er auf, dass im Spiel von unterschiedlich alten Kindern längere Konzentrationsphasen möglich sind: Wenn man zwei noch schlecht werfenden und fangenden Vierjährigen einen Ball gibt, ist der Spass nach kurzer Zeit vorbei. Findet aber ein Vierjähriger einen Siebenjährigen für das Ballspiel, kann er auf sauber zugeworfene Bälle hoffen, während das grössere Kind seinerseits herausgefordert ist, die schlechten Würfe zu fangen. Ein grosser Spass für beide.

Das Spiel in gemischtaltrigen Gruppen wird konzentrierter und kreativer, merklich schwächer ausgeprägt ist hingegen der Konkurrenzdruck, den Kinder oft austragen und aushalten müssen, wenn sie sich unter Gleichaltrigen aufhalten.

„Dafür hat mein Kind Geschwister.“

Natürlich finden sich die oben genannten Qualitäten auch in Geschwisterkonstellationen. Der grosse Unterschied ist aber, dass die jeweilige Rolle sich innerhalb einer Familie nicht mehr verändert. In die Kindergruppe wächst das Kind hinein. Anfangs gehört es zu den Kleinen, wird mitgeschleppt und mit viel Grosszügigkeit bedacht. Später lebt es im „Mittelfeld“ und erlebt die Veränderung seines Status’, bis es schliesslich zu den Grossen gehört, welche die Gruppe anführen. Das ist ein gesunder Prozess, ganz im Gegensatz zu den Schulbiografien, wo allzu oft die Position ganz früh und sehr undifferenziert festgelegt wird (Klassenbester, Klassenclown, Klassenschlusslicht,…) und dann nicht selten während der gesamten Schulzeit beibehalten wird. Und manchmal sogar in weitere Lebensbereiche und ins Erwachsenenalter mitgeschleppt wird. Auch das Zusammentreffen von Kindern auf einem Spielplatz kann normalerweise nicht als das Spiel einer gemischtaltrigen Kindergruppe betrachtet werden, da einander unbekannte Kinder meist kaum miteinander agieren und dadurch die beschriebenen positiven Effekte wegfallen.

Meine persönlichen Wow-Momente

Der aktive und gross gewachsene fünfjährige P. findet in einem zwei Jahre älteren Kollegen endlich einen adäquaten Kampfgegner, die beiden geniessen es sichtlich, intensiv und freundschaftlich miteinander zu rangeln.

Der vierjährige S. ist ein eher ängstliches Kind. Weil er es aber schon öfters gemacht hat, fällt es ihm leicht, durch den kleinen Bach zu waten. Ganz im Gegensatz zu den anderen (auch älteren) Kindern. Er zeigt vor, wie es geht. Und wächst innerhalb von 3 Sekunden um rund 10 Zentimeter.

Zwischen der zweijährigen H. und dem vierjährigen E. besteht eine innige Freundschaft. Wieso? Keine Ahnung. So sitzen sie beispielsweise einhellig nebeneinander am Hühnerzaun und stecken geduldig Grashalme für die Hennen durch die Maschen, während die andern Kinder durchs Gras tollen.

Kinder unter sich

Tatsächlich ist das, was während Jahrtausenden die normalste Sache der Welt war, heute für Kinder in unseren Breitengraden selten geworden. Oder wann hast du das letzte Mal eine Gruppe Kinder alleine durch den Wald oder die Kiesgrube stromern sehen? Es bleibt zu wünschen, dass wir wieder lernen, unsere eigene Angst im Zaum zu halten (Ja, draussen ist es gefährlicher als vor dem Fernseher und ja, wer nachmittagelang in Kindergruppen spielt, kann nicht gleichzeitig Frühfranzösisch und drei Instrumente lernen und sich dadurch einen vermeintlichen Wettbewerbsvorsprung verschaffen).

Auch versteht es sich von selbst, dass Gruppen mit ganz kleinen Kinder nicht sich selbst überlassen werden. Ich jedenfalls würde meinem Vierjährigen niemals die Verantwortung für seine kleine Schwester übertragen. Auch wenn das anderswo auf der Welt gang und gäbe ist.

begleitete Kinder

Ich wünsche mir sehr, dass meine Kinder sich einst in Gruppen bewegen werden, wo weit und breit kein Erwachsener zugegen ist. Jetzt im Moment macht unsere Anwesenheit noch Sinn.

Wir Eltern schaffen den Rahmen, achten auf eine adäquate Spielumgebung. Danach versuchen wir, uns überflüssig zu machen. Es ist nicht die Idee, dass wir als Animatoren auftreten. Die Kinder sollen ihre eigenen Spiele, ihre eigenen Lösungen finden. Aber wir sind da, wenn es uns braucht. Und so paradox das klingen mag: Auch wenn wir uns bei den Kindern sehr zurücknehmen und vielmehr den Austausch miteinander geniessen, so bleiben wir doch mit den Kindern in Kontakt. Nie stört ein Kind, wenn es bei uns bleiben möchte oder nach einer Zeit wieder unsere Nähe sucht, weil es beispielsweise stillen möchte oder einfach ein bisschen auf Mamas Schoss die vielen Reize verarbeiten will. Wir verbringen unsere Clan-Zeit mit den Kindern, wenn auch in einer sehr offenen, freien Form.

Gerade diese Präsenz der Mutter unterscheidet den Clan von Spielgruppenbesuchen und anderen Angeboten für das Kind. Die Müttergruppe, kombiniert mit der gemischtaltrigen Kindergruppe ist gerade für sehr scheue, klammernde, introvertierte,… Kinder eine riesige Chance. Sie werden nicht gezwungen, sich zu lösen, sondern dürfen sich für ihre Schritte soviel Zeit lassen wie sie möchten. Durch die Altersdurchmischung wird ein Kind, welches sich anfangs noch schwer tut mit den andern Kindern, auch viel weniger mit den mutigeren verglichen, Erwartungen und unbewusster Druck verschwinden.

kein neuer Trend

Das Leben in der altersgemischten Kindergruppe war für kleine Homo Sapiens während Jahrmillionen die Normalität. Menschenkinder sind noch heute genetisch perfekt an diese Situation angepasst. Sie ist deshalb kein entwicklungspädagogischer Trend, sondern ganz einfach ein uralter, artgerechter Rahmen für Kinder.

Literaturtipps

Wenn du mehr über altersgemischte Kindergruppen lesen möchtest, wirst du bei Herbert Renz-Polster fündig. In seinen Büchern „Menschenkinder“ und „Kinder verstehen“ (beide Köselverlag) behandelt er dieses Thema ausführlich.

Ausblick

Ich freue ich mich auf das Fotoprojekt 12 von 12, wo ich dir einen kleinen Einblick in meinen Sonntags-Alltag geben werde. Nächste Woche dann schreibe ich über die Natur als perfekten Spielraum für Kinder. Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Wie ist das bei dir?
Hat dein Kind ältere und jüngere Freunde?

Wie du deinen Clan findest

Der Wunsch

Seit letzter Woche grübelst du darüber nach, wie du deinen Clan finden könntest. Du möchtest unter Gleichgesinnten leben, Unterstützung erfahren, deinem Kind das Leben in einer Gemeinschaft ermöglichen, wo es gut aufgehoben ist. Du spürst, dass du mit einem Clan im Rücken weniger frustriert, genervt und ungeduldig wärst. Wie also beginnen?

gründen statt finden

Ein wenig habe ich es bereits letzte Woche angetönt. Du musst auch geben, um nehmen zu können. Idealerweise aber Dinge (oder Zeit), welche dir nicht noch mehr Arbeit aufbürden. Bleibe locker und offen, dein Clan kann aus Leuten bestehen, welche dir auf den ersten Blick nicht sonderlich nahe stehen. Ein kleiner Schwatz mit der alten Dame am Ende der Strasse an ihrem Gartenzaun schenkt dir eine Vertraute mehr. Sie ist es vielleicht, die dich irgendwann in der Zukunft anruft, weil dein Kind von einem unbekannten Mann entführt wird (bei dem es sich dann aber nur um deinen Bruder handelt, der bei euch zu Besuch ist und mit dem Kind zum Spielplatz wackelt). Der Clan denkt mit, hilft aus, passt auf,… Ein Clan umfasst im Idealfall Nachbarn, Verwandte, Familien, Kinderlose, Alte, Junge, Durchschnittstypen und schräge Vögel, Handwerkerinnen und Intellektuelle und vieles mehr. Löse dich für den Anfang von der Idee, dass ihr alle gemeinsam um ein Lagerfeuer herum sitzen werdet und eure Lebensziele synchronisiert. Verstehe den Clan einfach als dein Netzwerk. Es müssen sich nicht alle Beteiligten kennen, es müssen nicht alle mit der Clan-Philosophie explizit vertraut sein. Ändere deine Gedanken: Du musst nicht deinen Clan finden. Du musst deinen Clan gründen. Es fängt bei dir an. Werde aktiv. Am besten noch heute.

Die Müttergruppe

alleine sein ist nicht artgerecht

Besonders eingehen möchte ich nun aber auf die besondere Form der Müttergruppe (oder Vätergruppe oder Elterngruppe). Als Mutter die meiste Zeit des Tages allein zuhause zu sein und für eines oder mehrere Kinder zu sorgen, ist nicht artgerecht. Wer immer sich beispielsweise wie ich schon dabei ertappt hat, sein süsses Baby genervt anzuschnauzen oder seinem Kleinkind fiese Kommentare zukommen zu lassen und sich dabei nicht wiedererkennt, dem sei gesagt, dass diese „Aussetzer“ ganz normal sind, wenn man in einer solch widernatürlichen Lebensform feststeckt.

Die Artgerecht-Projekt-Gründerinnen empfehlen die Müttergruppe als Ort des Austauschs, als gegenseitig Entlastung, als emotionale und tatkräftige Unterstützung. Die Idee ist, dass Mütter sich bewusst zusammenschliessen, um den Alltag zufriedenstellender, eben artgerechter gestalten zu können. Noch einmal: Die Müttergruppe wird vom Clangedanken getragen, ist aber im Idealfall nur eine Untergruppe. Aber eine sehr wichtige.

gemeinsam gehts besser

Die Empfehlung: Rund vier Mütter von Säuglingen schliessen sich zusammen, ähnliche Werte-/Erziehungsvorstellungen sind sinnvoll, absolute Übereinstimmung ist jedoch nicht nötig. Es geht schliesslich nicht darum, gemeinsam die Kinder zu erziehen, sondern einfach füreinander da zu sein. In der ganzen Unterschiedlichkeit und trotzdem voller Respekt. Idealerweise leben sie im selben Quartier, Stadtteil, Dorf. Sie treffen sich reihum, also während vier Wochentagen, beieinander zuhause. Dort kann dann z.B. die „Hausherrin“ all die Dinge erledigen, welche mit Baby kaum möglich oder mindestens umständlich sind, während die anderen Frauen die Babys betreuen und vielleicht nebenher noch einen Stapel Wäsche zusammenfalten, Kinderzimmer-Kleinkram sortieren oder ein bisschen Unkraut jäten. Was immer hat gerade der betroffenen Frau Entlastung bringt. Oder die vier Frauen putzen gemeinsam die Fenster. Oder kochen/backen gemeinsam. Oder bringen zur Sprache, was sie beschäftigt. Die Kinder hat man nebenher im Auge, und wann immer eines die Mama benötigt, kann diese die Arbeit unterbrechen. Der Möglichkeiten sind viele. Entscheidend ist, dass die „Gastgeberin“ die anderen Frauen nicht als Besuch wahrnimmt und vorher keinesfalls alleine die Wohnung putzt. Wenn geputzt wird, dann miteinander. Oder gar nicht. Gemeinsam gehts einfach leichter. Und weil die Frauen sich gegenseitig reihum unterstützen, ist es auch einfacher, die Hilfe anzunehmen. Die Kinder profitieren von ihren entspannteren Müttern, den anderen Kindern und lernen nebenbei neue Orte und Menschen kennen, auf welche sie sich vertrauensvoll einlassen können (der sichere Hafen „Mama“ ist ja schliesslich immer ganz in der Nähe).

Gruppengrösse und verbindliche Termine

Es bewährt sich, nicht zu kleine Gruppen zu machen, da sonst bei kurzfristigen Ausfällen einer Familie (Krankheit, Termine, Wegzug,…) immer gleich die ganze Gruppe zusammenbricht. Ebenfalls ungünstig sind zu grosse Gruppen, da dies platzmässig und logistisch schwierig werden kann. Gerade auch kleine Babys sind von zu vielen Menschen schnell überfordert.

Ebenfalls wichtig ist es, grundsätzlich fixe Termine zu wählen (auch nur ein- oder zweimal wöchentlich ist natürlich möglich), sonst ist der Spass vorbei, bevor er richtig angefangen hat. Wenn man jedesmal über ein neues Datum diskutieren muss, empfinden alle Teilnehmerinnen die Treffen schnell als mühsamen Zusatzaufwand.

Wo sind die tollen Frauen?

Wie findet man die anderen Frauen? Vielleicht hast du bereits in der Schwangerschaftsvorbereitung, dem Rückbildung-Yoga, dem Babymassagekurs etc. Mütter kennengelernt, welche du gerne näher kennenlernen würdest. Nicht zögern, einfach ansprechen! Oder du bist noch ein bisschen mutiger und quatschst die sympathische Mutter im Supermarkt oder auf dem Spielplatz an. Bedenke: Wenn es nicht passt, merkt ihr das schnell, jeder Clan ist dynamisch. Ebenfalls gibt es „Orte“, wo du tendenziell „clan-affine“ Menschen triffst: z.B. in Piklerkursen, an PEKIP-Treffen, aber auch in genossenschaftlich organisierten Strukturen und überall, wo Leute versuchen, mehr im Einklang mit der Natur zu leben (beispielsweise in Wildnisschulen).

Eine kleine Bemerkung, wenn du um klassische Elternplätze einen Bogen machst: Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, fürchtete ich mich etwas vor der Vorstellung, mich nur noch mit Müttern abgeben zu können, welche mir aber mit ihren Werten, Lebensentwürfen etc. total fremd wären. „Diese Mütter, die überleb ich nicht!“, klagte ich meiner kinderlosen Freundin. Sie entgegnete lapidar: „Ja ja ja, nur unsympathische, dumme, langweilige Frauen kriegen Kinder.“ Damit holte sie mich zurück auf den Boden der Realität. Überall gibt es Menschen, mit welchen man gerne zusammen ist. Sie zu finden ist nicht immer ganz einfach. Aber durchaus möglich.

Sonderfall Schweiz

Die oben ausgeführte Form der Müttergruppe wird von den Gründerinnen des Artgerecht-Projektes vorgeschlagen. Als Deutsche leben sie in der Situation, dass Mütter von Babys meist rund ein Jahr Elternzeit nehmen. Da macht dieses Setting Sinn.

In der Schweiz ist es aber ganz anders: Nach den 16 Wochen bezahltem Mutterschaftsurlaub steigen viele Frauen wieder in den Beruf ein. Während dieser 16 Wochen ist eine entsprechende Vernetzung meist noch nicht dringend nötig. Nach der Geburt muss sich die neue Familienkonstellation erstmal einpendeln, das kleine Menschlein will kennengelernt werden. Gerade wenn eine Frau weiss, dass sie nach diesen 16 Wochen wieder arbeiten wird, kann sie die Tage daheim geniessen, es bleibt ihr kaum Zeit für den Aufbau eines Mütternetzes. Dass auch sie als Mutter andere Mütter benötigt, schwant ihr erst viel später.

Natürlich gibt es auch hier Mütter, welche sich mit Geburt ihres ersten Kindes aus dem Berufsleben zurückziehen. Für sie könnte die vorgeschlagene Form allenfalls Sinn machen.

Berufstätigkeit und grössere Kinder

Wenn sich aber Mütter zusammenschliessen möchten, welche noch berufstätig sind, wird es komplizierter: Es ist logistisch wohl nicht möglich, sich während vier Wochentagen reihum zu besuchen und zu unterstützen, da ja alle an unterschiedlichen Wochentagen arbeiten.

Ebenfalls verändert sich die Situation, wenn bereits ältere Kinder zu betreuen sind. Vier Sechsjährige, mehrere kleinere Kinder und dazu noch deren Mütter in eine Vierzimmerwohnung sperren? Viel Spass, sag ich da nur…

Meine massgeschneiderte, persönliche Lösung

Weil die vorgeschlagene Variante für meine Bedürfnisse nicht praktikabel war, pröbelte ich so lange herum, bis ich eine andere Form gefunden hatte, welche zu unserer aktuellen Lebenssituation passt:

ein Treffpunkt in der Natur

Ich habe initiiert, dass unser Grundstück (welches ziemlich gross und abwechslungsreich ist) jeden Mittwochnachmittag (in der Schweiz unterrichtsfrei) Kindern und Eltern offensteht. Die Kinder können im Sand buddeln, den Bach stauen, ein Feuer machen, über den Baumstamm ans andere Bachufer balancieren, Hühnereier einsammeln, die Schafe füttern und vieles mehr. Je nach Zusammensetzung der Gäste bietet sich eine Expedition in den nahen Wald oder in die Weinberge an. Es wird aber nicht ein superpädagogisches Kinderprogramm auf die Beine gestellt. Null Vorbereitung. Vielleicht schneide ich bei Bedarf die Brennnesseln beim Hühnerstall etwas zurück oder füttere vorrangig extra die Tiere nicht, damit ich diesen Job an die Kinder übertragen kann. Das ist aber alles. Wenn es bei dir zuhause ebenfalls genügend Platz für viele Leute hat: ok. Wenn nicht, könnt ihr euch auch in einem Park, an einer Picknickstelle oder anderswo verabreden. Sinnvoll finde ich die Abmachung, dass man prinzipiell draussen ist. Das tut allen gut, ist immer ein Erlebnis und niemand muss „Gastgeber spielen“. Es kann auch nicht geschehen, dass plötzlich zu viele Erwachsene und Kinder eine Wohnung „sprengen“. Auf den Wert der Natur werde ich in einem späteren Post noch genauer eingehen. Denn die Natur ist viel mehr als nur ein praktischer Aufenthaltsort.

die gemischtaltrige Kindergruppe

Ich bin begeisterte Befürworterin der gemischtaltrigen Kindergruppe. Es gibt wohl nichts, was Kinder optimaler fördert und fordert, sie glücklich macht und ansonsten von der Gesellschaft und den Bildungseinrichtungen kaum mehr geboten wird. Ich werde im Post von nächster Woche noch näher auf dieses Thema eingehen. Dann werde ich auch erläutern, welche Effekte solche Gruppen auf Kinder haben können.

grosse Gruppe

Grössere Kinder können eine buntere Gruppe verkraften. Es sind dann auch mehr Leute für eine regelmässige Durchführung nötig, da es bei grösseren Kindern und berufstätigen Eltern immer wieder Verhinderungen gibt. Deshalb gehören viel mehr Familien zu meiner Gruppe. Aus logistischen Gründen verzichten wir deshalb auch auf eine Rotation.

alle Varianten sind toll

Da immer nur einige Mütter mit ihren Kindern die Gelegenheit eines Treffens nutzen können/wollen, ergeben sich jeden Mittwoch leicht unterschiedliche, aber immer sehr schöne Zusammensetzungen. Mal dominieren die grossen Kinder, mal ergibt sich eher ein Babytreff. Manchmal rotten sich mehr als zehn Kinder zusammen und erfinden die tollsten Spiele, während unterschiedlichste Frauen miteinander ins Gespräch kommen. Manchmal kommt nur eine Frau mit ihrem Kind vorbei. Dann können wir uns sehr persönlich und gemütlich austauschen, ein wenig entspannen und eine schöne Zeit mit unseren Kindern verbringen. Beide Varianten und alle Zwischenschritte geniesse ich sehr. Ausdrücklich können neue Familien von allen Clanmitgliedern eingeladen/mitgebracht werden. Ich vertraue auf die natürliche Regulation. Wer nicht in die Gruppe passt, fühlt sich nicht wohl und fasst nicht Fuss. Und wer ähnlich tickt, bleibt gerne, kommt wieder und wird wertvolles Mitglied des Clans.

Wie man Clanmitglieder vergrault

Ein kleiner Tipp am Rande: Da bei mir der Wunsch nach einem Clan gross war und ich alles zig-mal vor- und rückwärts durchdacht hatte, überforderte ich wohl tendenziell die Frauen, welche ich zu Beginn einlud. Ich erklärte ihnen meine Idee en détail, betonte, dass sie auch mitgestalten dürften, schwärmte vom Clanleben der Ureinwohner und den Möglichkeiten eines über Jahre gewachsenen Clans. Da muss man es ja mit der Angst kriegen! Heute erkläre ich nicht mehr viel. „Kommt doch mal am Mittwoch bei uns vorbei wenn ihr mögt, wir sind immer da, die Kinder spielen und wir Erwachsenen haben lustige Ideen oder hängen etwas ab. Gummistiefel und Ersatzkleidung mitbringen.“ Punkt. Fertig. Das genügt völlig. Alles andere ergibt sich dann von selbst.

persönlichen Schwerpunkt setzen

Was bei diesem Setting fehlt, ist die Unterstützung in Form von tatkräftiger Mithilfe im Haushalt. Mich stört das aber nicht, ich schätze den Austausch mit den Müttern und das Beobachten meiner Kinder in dieser besonderen Gruppe. Da für mich kein nennenswerter Mehraufwand entsteht (da wir ja draussen sind), ist der Nachmittag überhaupt nicht mit Stress verbunden.

Die Tatsache, dass es sich dafür um einen institutionalisierten Feld-Wald-Wiesen-Nachmittag handelt, ist hingegen für mich ein deutliches Plus zur vorgeschlagenen Müttergruppen-Form. Das ist gesund, einfach und in vielerlei Hinsicht optimal. Draussen zu sein macht einfach glücklich.

die Fakten

Hier noch einmal unsere harten Fakten:
-Anmeldung per SMS bis 10 Uhr vormittags.
-Wir sind grundsätzlich draussen. Klo, Wickeltisch, Küche etc. darf man aber natürlich wann immer nötig benutzen.
-Die Kinder bringen ihre eigenen Wasserflaschen mit (das ist einfacher als wenn unzählige Becher im Garten rumstehen).
-Ich stelle einen einfachen Zvieri zu Verfügung (z.B. Äpfel), meist entsteht aber ein lustiges Buffet aus mitgebrachten Zwischenverpflegungen unterschiedlichster Art.
-Wer jemanden mitbringen möchte, darf dies gerne tun (die Gruppe darf wachsen).

Ich schreibe es dir ehrlich, am Anfang zweifelte ich, ob ich dann nicht jeden Mittwoch wie gehabt alleine zuhause rumsitze. Mittlerweile darf ich aber sagen, dass die Rückmeldungen eindeutig sind. Diese Nachmittage werden, so unspektakulär sie sind, von den Kindern und den Müttern als echte Bereicherung wahrgenommen.

Diese Form stimmt im Moment für uns. Es kann sein, dass in einem halben Jahr schon wieder alles anders aussieht. Man könnte auch gegenseitig für einander kochen. Oder die Samstag-Vormittage zusammen mit Vätern und Grosseltern gestalten. Zusammen Ausflüge machen. Für einander Kuchen backen… Probiere aus, worauf du Lust hast und gib nicht gleich auf, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Es lohnt sich auf jeden Fall!

In den Kommentaren zu meinem letzten Post findet sich der Link zu einer Website, welche der Vernetzung dient. Vielleicht ist das etwas für dich?

ein persönliches Wort

Ich bin überwältigt von der Resonanz auf meinen ersten Beitrag, welchen ich für „mein clan“ geschrieben habe. Vielen Dank fürs Lesen und Teilen! Ich freue mich sehr, für dich weiterzuschreiben. Geplant ist fürs Erste ein wöchentlicher Post.

Ich hoffe, dass du wieder hier liest, wenn ich in rund einer Woche meine Gedanken über die Kinder und deren Clanerfahrungen veröffentliche.